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Kontinuitäten#

(Die prozeßhafte Arbeit)#

von Martin Krusche

Erst mußte ich eines der alten Blockbücher finden, die ich einst als meine Chroniken genutzt hatte. Darin zu blättern, das ist etwas so Handgreifliches im Vergleich zu dem, was heute zum Beispiel die Erinnerungs-Leiste im Facebook bietet.

Live in Gleisdorf: Sir Oliver Mally anno 1992
Live in Gleisdorf: Sir Oliver Mally anno 1992

Ich hatte seinerzeit die Angewohnheit, ständig eine schwere Kamera mit mir herumzuschleppen. (Das ist mir durch die Digitalisierung längst leichter geworden.) Musiker Oliver Mally meinte kürzlich, diese Gleisdorf-Session müsse 1991 oder 1992 gewesen sein. Nun hab ich die Notiz gefunden.

Eine Produktion aus dem Gleisdorfer Kulturkeller, die ich als Markierung in Erinnerung hab. Ich bin damals mit der Mundharmonika ins Spiel gekommen. Montag, 27. April 1992. Eine runde Sache. Etwa zwei Wochen später war ich auf meinem Motorrad einem LKW-Zug im Weg und fuhr in die Unterwelt ab.

1992er Notiz in den alten Chroniken
1992er Notiz in den alten Chroniken

Im November jenes Jahres wurde mein Sohn Gabriel geboren. Ich hab rund ein Jahrzehnt gebraucht, um mich in dieser Welt wieder sicher zu fühlen und die gröbsten Spuren jener Überwältigung abzuarbeiten, die Albträume loszuwerden.

Die Phrase „den Blues haben“ ist in solchen Zusammenhängen von eigentümlicher Schärfe.

1992 bis 2002#

Vom der „Verschwörung der Poeten“ im Jahr 2002 habe ich hier schon erzählt. Die Bar des Signore als unser Salon. „Der Grimm-Hansi“ und wie er uns nächtlich einen Rahmen bot, daß sich etwas zusammenbrauen konnte. Siehe dazu: „Zwei Jahrzehnte“ (Im Umbruch) auf der anschließenden Liste der Links!
Too old to rock & roll, too young to die?
Too old to rock & roll, too young to die?

Daraus entwickelte ich 2003 mein Langzeitprojekt „The Long Distance Howl“, das ich auf 20 Jahre angelegt hatte. Zwei Jahrzehnte, die sich eben abrunden, denn 2021 ist das 19. Jahr der Laufzeit. Heuer flog mir eine denkwürdige Kontroverse um die Ohren, von der die deutliche Markierung bleibt, daß eine Ära geendet hat, daß wir in nächsten Verhältnissen angekommen sind, die wir erst klären müssen.

Ich habe das bei Kunst Ost als eine „Trennlinie“ betont, die mit einem Salatkopf zu kennzeichnen war. Eine Stelle, an der das Schreiben eines Anwalts liegt, mit dem mir in einer kulturpolitischen Kontroverse Rufschädigung vorgeworfen wird. Die ersten Bearbeitungsschritte dieser Angelegenheit haben, so heißt es in jenem Schreiben, Kosten in der Höhe von € 2.279, 46 verursacht, für die ich aufkommen möge, andernfalls müsse das in einem Gang zu Gericht geklärt werden.

Eine kulturpolitische Novität: Brief vom Anwalt statt Debatte.
Eine kulturpolitische Novität: Brief vom Anwalt statt Debatte.

Wir haben das inzwischen geregelt. Diese spezielle Markierung im Lauf von 20 Jahren „The Long Distance Howl“ mit der Klagsdrohung fällt ins Genre: „Kannst‘ nicht erfinden!“ Das geschah im Kontext der „Origami Ninja Association“, die ich mit Oliver Mally in diesem neunzehnten TLDH-Jahr formiert hab. Und zwar, weil wir unter Corona-Maßnahmen über die gespenstische Stille gestaunt haben, die sich im Kulturbetrieb ausgebreitet hatte; abgesehen von einigem Gezänk und allerhand Ömpörung rund um das leise Flehen, die Kunst als „systemrelevant“ anzuerkennen.

Der Signore: Gleisdorfs legendärer Cafetier Hansi Grimm.
Der Signore: Gleisdorfs legendärer Cafetier Hansi Grimm.

Das ist inhaltlicher Mumpitz ist und läßt verkennen, wie Kunst auf der Menschen Fähigkeit zum symbolischen Denken basiert. Diese Eigenschaft - jenseits der Alltagsbewältigung - hat unsere Spezies unter anderem genau über das Genre der Kunst geübt, Jahrtausende und lange bevor es überhaupt Systeme gab, über deren Relevanz jüngst recht schlampig argumentiert wurde.

Oliver Mally und Peter Schneider. (Foto: Lupi Spuma)
Oliver Mally und Peter Schneider. (Foto: Lupi Spuma)

Noch halbseidener der Slogan, ohne Kunst und Kultur werde es still. So ein Werbeagenturen-Sprech, der ignorieren läßt: Die Kunst schweigt nie! Nicht in den Bleikammern von Venedig, nicht vor Verdun, nicht im sowjetischen Gulag, nicht in den Konzentrationslagern der Nazi, schon gar nicht in den gegenwärtigen Wohlstands-Reservaten Europas, während Covid-19 umgeht. Nein, um die Kunst mach ich mir am wenigsten Sorgen, aber unter deren primären Kräften zeigen sich gelegentlich verhaltensoriginelle Posen.

Ninja-Groove#

Am Montag, dem 15. März 2021, hieß es um 19:00 Uhr: „Auf das Leben, auf die Poesie!“ (Jubiläums-Teledrink-Session: ein Jahr Lockdown) Damit waren Mally und ich als Origami-Ninjas zusammengekommen. Das schlichte Motto unserer neuen Verschwörung: „Wenn Dich das Leben zusammenfaltet, entfalte Dich!“
1997er Medienkonvergenz: der Internetdienst WWW wurde langsam erschwinglicher.
1997er Medienkonvergenz: der Internetdienst WWW wurde langsam erschwinglicher.

Die emotionale Verknüpfung mit der einstigen „Verschwörung der Poeten“ sollte nicht zu übersehen sein. Ebenso mein Faible für prozeßhaftes Arbeiten, genauer: für kollektive Wissens- und Kulturarbeit; als Ergänzung zu unserer Kunstpraxis. Das heißt für Mally und mich: Leben in der Kunst. Etwas Obsessives.

Sehen Sie die Linie, wie sie sich durch Jahrzehnte zieht? Von 1992 über 2002 bis heute: rund 30 Jahre ein lebhafter Lauf der Dinge. Und nun kehren wir nun in den Gleisdorfer Kulturkeller zurück. Ich werde dabei im Hintergrund bleiben, denn vorne ist der Platz für zwei Virtuosen gerichtet, die in Resonanz miteinander loslegen. Am Freitag, dem 12.11.2021, ordinieren dort ab 20:00 Uhr Oliver Mally & Peter Schneider: (Aviso)