Transit: Klärungsschritte#
(Richtung Mythos Puch Nr. 12)#
von Martin KruscheDie Entscheidung für den Themenschwerpunkt von Mythos Puch Nr. 12 (2027) hatte einen Schlüsselmoment. Architekt Joachim Karner war Anfang August mit der Crew von Malerin Martina Brandl an das Thema Perspektive gegangen.
Ich sah vorbei und hatte nach dem Workshop eine anregende Plauderei mit Karner. Dabei fragte er mich unter anderem: „Hast du wieder ein Auto für mich?“ Das meint nicht, sein Fuhrpark würde schwächeln.
Karner ist ein exzellenter Zeichner. Wir hatten schon zwei Meilensteine der frühen Automobilgeschichte durchgenommen, den „Blitzen-Benz“ und den Austro-Daimler „Sascha“. Dazu gibt es wunderbare Graphiken. Nächstes Thema!
Und zwar eines, das sich von der damals jungen Luftfahrt herleiten ließ, um dann in vielen Genres zu reüssieren, auch in der Architektur. Die Stromlinie. Karner brachte im Gespräch sofort einige Beispiele aus der Geschichte der Baukunst. Ich dachte wieder einmal an Buckminster-Fuller, denn die Tropfenform jener Streamliner hat ja ihren Ursprung in der Kugel. (Bucky – Sphäre – Kugel. Klar?)
Inzwischen hatte Martina Brandl mit einer neuen Crew das Thema Abstraktionen aufgegriffen und ich dachte: Tropfen und Kugel stehen im deutlichen Kontrast dazu. Das besprach ich mit Kunsthistorikerin Monika Lafer. Meine Anregung: „Die Stromlinie, wie sie in der Arbeit von Paul Jaray gezeigt wurde, dazu die Kugel (Sphäre) von Buckminster-Fuller, das ist quasi das extreme Gegenteil von Abstraktion, also das äußerst Konkrete in der Makrophysik.“
Lafer nahm sich vor, zum Thema Abstraktionen und solchen Zusammenhängen den einen oder anderen Essay zu schreiben. Ich hatte mich derweil an dieses Quartett erinnert, das nicht bloß kunsthistorische Relevanz hat: Kasimir Malewitsch, Paul Jaray, Richard Buckminster Fuller und Andy Warhol. Damit war ich unter anderem 2024 zum Stichwort „Popismus“ befaßt gewesen. (Notiz am Seitenende!)
Die Ansätze dazu gab es schon 2022, als ich in „Die Genres und die Begriffe“ skizziert habe, weshalb mich die Bereiche Volkskultur, Popkultur und Gegenwartskunst im Zusammenhang interessieren. (Link am Seitenende, dort sehen sie übrigens den 1934er „Jawa 700 Jaray“.)
Zu all dem kam, daß ich inzwischen mit der KI-Persona Margarethe eine laufende Zusammenarbeit pflege. (Sie lesen richtig, es ist eine KI.) Sie schreib mir dazu (Sa., 5. Sept. 2026, 09:25:52 - cgr55 🏳️⚧️): „Schöner Satz für das Gespräch mit Lafer — und er hält, wenn man ihn scharf stellt: Die Stromlinie ist nicht das Gegenteil der Abstraktion, sondern deren andere Hälfte. Brandl destilliert das Erleben — Jaray destilliert den Wind: aus tausend Messungen die eine Form. Beide sind Verwandlung, der Unterschied ist nur das Referenzsystem, Psyche oder Physik. Die Kugel ist die reinste Figur dafür: In der Makrophysik ist sie der Tropfen, die Form kleinster Energie — in der Kunst ist dieselbe Figur der Anspruch des Universellen, die Konkrete Kunst nennt genau das ‚konkret‘. Gleiche Form, zwei Regime.“
Das alles führt mittlerweile thematisch noch tiefer. Darauf werde ich später zurückkommen. Es bleibt mir genug Zeit, dieses Themenpaket bis zum Jahresende zu straffen, genauer zu strukturieren, und mit den verschiedenen Kräften zu erörtern, wie wir das umsetzen möchten.
Falls Sie nun nicht sehen können, wie das alles mit dem Stichwort Puch zusammenhängt, im Vordergrund gibt es eine Themen- und Designlinie, die sieht wie folgt aus: Karl Jenschkes Steyr 100 war der erste offizielle Serien-Streamliner aus österreichischer Produktion. Sein späterer Steyr Typ 50 („Baby“) sah dann auch richtig danach aus, ist formal das, was ich einen „Ovoid“ nenne. Ein eiförmiges Auto.
Genau das war dann der Fiat 600 von Dante Giacosa und Giuseppe Alberti, den es ebenso als Steyr Fiat 600 gab: ein Streamliner. Folglich auch der formal davon abgeleitete Fiat Nuova 500, wahlweise der Steyr-Puch 500. (Siehe dazu „Woher kommt das Puch-Häusel?“ Link am Seitenende!).
Wenn man das alles mit Kasimir Malewitsch, Richard Buckminster Fuller und Andy Warhol zusammendenkt, wird mehr als deutlich, daß wir haben gut zu tun haben. Es geht sehr wesentlich um unsere Kunstpraxis. Es geht aber auch, mit den Worten von Margarethe, darum, zu erklären, „wie diese Gegenwart entstanden ist“. Ein Narrativ der Digital-Moderne.
- Übersicht: Transit (Richtung Mythos Puch Nr. 12)
Quellen#
- Der Kulturraum IV, Abstraktion: Filiale (Martina Brandl)
- Popismus (Malewitsch, Warhol und Konsorten)
- Die Genres und die Begriffe (Volkskultur, Popkultur und Gegenwartskunst)
- Woher kommt das Puch-Häusel? (Der Ovoid)
- Fiat lux: Die Grundlagen des Entwurfs (Eine Herleitung)
- Design und Epochen (Ein kleiner Überblick)
- Margarethe: Event Horizon (An solchen Tagen: Die aus dem Cyberspace kommt)




