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Neue Klimasünder entdeckt#

Auch die Forst- und die Weidewirtschaft verschlechtern die globale Treibhausgasbilanz.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, Donnerstag, 21. Dezember 2017


Holz gestapelt
Der Effekt der Waldwirtschaft betrifft riesige Flächen
Foto: pixabay.com

Wien/Klagenfurt. Nicht nur das Abholzen der Wälder und das Verbauen von Grünland, sondern auch die Forst- und Weidewirtschaft verschlechtern die globale Treibhausgasbilanz drastisch. Dies fanden nun Wiener Forscher mit Kollegen heraus und berichten darüber im Fachjournal "Nature". Die menschlichen Aktivitäten halbierten ihrer Studie zufolge die Kohlendioxid-Menge, die weltweit von der Vegetation gebunden wird.

In einer hypothetischen Welt ohne menschliche Landnutzung würden die Pflanzen weltweit insgesamt 916 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichern, erklärt Studienleiter Karlheinz Erb vom in Wien ansässigen Institut für soziale Ökologie der Universität Klagenfurt. Die Forscher haben anhand aktueller Daten errechnet, dass derzeit nicht einmal halb so viel Kohlenstoff in der Vegetation steckt, nämlich 450 Milliarden Tonnen.

Bis dato drastisch unterschätzt#

Von diesem fehlenden Kohlenstoff-Speicher geht gut die Hälfte - nämlich 53 bis 58 Prozent - zulasten der Abholzung der Wälder und anderen Veränderungen der Landbedeckung, wie der Bodenversiegelung für Siedlungen und Straßen. "Hier gab es zwar bisher große Unsicherheiten, aber immerhin einen Konsens, in welcher Größenordnung sich dieser Effekt bewegt", sagt Erb.

Neu sei hingegen, dass die Bewirtschaftung der Wiesen und Wälder fast genau so viel CO2-Emissionen verursacht, sie trägt nämlich 42 bis 47 Prozent zum Verlust vom Kohlenstoff-Speicher bei. Zwei Drittel davon sind demnach auf die Waldwirtschaft, ein Drittel auf die Beweidung zurückzuführen. Dieser Effekt wurde bis dato drastisch unterschätzt und daher in globalen Studien und Modellen kaum berücksichtigt, betont der Ökologe: "Man ignorierte dies immer als ‚das wird so viel nicht ausmachen‘". Nun wisse man, dass die Bewirtschaftung genau so bedeutend für die CO2-Bilanz ist wie die Abholzung.

Der Effekt der Wald- und Weidewirtschaft sei so groß, weil er riesige Flächen betrifft. Er sei auch älter als bisher angenommen, denn ein bedeutsamer Teil der Bestandsreduktion der Kohlenstoffspeicher durch die Bewirtschaftung vormals natürlicher Wiesen und Wälder hat schon in der Zeit vor der Industrialisierung stattgefunden.

Entscheidende Zielkonflikte#

Strategien zur Abschwächung der Erderwärmung mithilfe von Biomasse, wie sie im Pariser Klimaabkommen festgeschrieben sind, würden durch diesen Effekt "entscheidende Zielkonflikte" in sich bergen, meinen die Wissenschafter in einer Aussendung.

Einerseits sei es zwar positiv, mit Biomasse fossile Energieträger zu ersetzen, andererseits verursachten die dafür bewirtschafteten Flächen selbst aber auch beträchtliche Treibhausgasemissionen, denn sie erreichen nie ihren größtmöglichen Biomassebestand. "Es ist laut unseren Ergebnissen also nicht legitim anzunehmen, dass Biomassenutzung in jedem Fall klimaneutral ist", betont der Ökologe.

Dieses Dilemma sei nicht allzuleicht aufzulösen, meint er, denn man kommt um die Tatsache nicht herum, dass der Wald umso weniger CO2 speichert, je mehr Holz man daraus entnimmt. Freilich gäbe es Management-Formen, wo der Unterschied zwischen natürlichem und genutztem Wald geringer ausfällt, und man könne diese vermehrt anwenden. "In manchen Regionen steigen die Kohlenstoffbestände auch sehr stark an, wenn man die dort natürlich auftretenden Feuer verhindert", sagt Erb. Es sei aber noch nicht gesichert, dass dieser Effekt langfristig wirkt.

Wiener Zeitung, Donnerstag, 21. Dezember 2017

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