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„Ein Text, der so tut, als wäre er schlau“ #

Laberthemen bei der Deutschprüfung, Textwüsten beim Mathematiktest – so manche Aufgabenstellung bei der Matura hält AHS-Lehrer Cavallar für blanken „Unsinn“. Eine Streitschrift. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: Die Furche (25. 6. 2020)

Von

Georg Cavallar


Überforderte Schüler. Kritik am Schweregrad der Zentralmatura: Selbst erfahrene Lehrkräfte haben zugegeben, dass sie sehr lange an Aufgaben hatten tüfteln müssen, bevor sie auf die Lösung gekommen waren.
Überforderte Schüler. Kritik am Schweregrad der Zentralmatura: Selbst erfahrene Lehrkräfte haben zugegeben, dass sie sehr lange an Aufgaben hatten tüfteln müssen, bevor sie auf die Lösung gekommen waren.
Foto: https://pixabay.com

Eine echte Realsatire war die diesjährige Deutsch-Matura. Die Angaben verlangten unter anderem eine Textanalyse von Ronja von Rönnes Kolumne „Dieser Text ist reine Zeitverschwendung“, die 2015 in der Welt erschienen war. „Untersuchen Sie die sprachliche Gestaltung des Textes …“, „ Erschließen Sie mögliche Intentionen der Autorin“ lauteten die Aufgabenstellungen. Die Intention der Autorin? Geld verdienen! Das erklärte die Autorin selbst in einem YouTube-Video, das sie nach der Matura erstellte und wo sie ihre Bewertung der Aufgabenstellung formulierte: „Die größte Intention war tatsächlich, weiter bezahlt zu werden und einen Text zu schreiben, der so tut, als wäre er schlau.“ Auch der „Lösungsschlüssel“ für die Lehrkräfte (ja, so etwas gibt es auch in Deutsch) schneidet nicht gut ab. Welt-Kolumnistin Rönne macht sich über dort enthaltene Gemeinplätze lustig.

Eigenständige Gedanken: Unerwünscht #

Warum wurde nicht einfach Ronja von Rönne von den Verantwortlichen im Ministerium über ihren eigenen Text befragt, bevor dieser Unsinn von Aufgabenstellung erfolgte? Rönne weiter: „Die zentrale Aussage war, dass ich kein Kolumnenthema, aber eine Deadline hatte und mir dachte, es gibt immer Laberthemen, über die man schreiben kann. Zeit ist so eines.“ Ein Laberthema in einer Fremdsprache auf GERS Niveau B1 oder B2 – das verstehe ich noch. Aber bei der Deutsch-Matura? Das ist eine Beleidigung für junge Menschen, die ihre Reife unter Beweis stellen dürfen. Die Erörterung, die auch zur Wahl stand, sollte auf Grundlage eines Textes erfolgen, in dem schon alle zentralen Argumente enthalten waren. Wie sollen Maturantinnen und Maturanten eigenständige Gedanken und Ideen entwickeln, wenn ihnen gar nicht die Möglichkeit dazu geboten wird?

Keine Realsatire, sondern kleine Dramen fanden hingegen bei der Mathematik-Matura statt. Eine Ironie bestand darin, dass die Angaben in Mathematik offensichtlich eine höhere „Textlesekompetenz“ erforderten als jene in Deutsch. Eine Mathematik-Matura, die mehr Sprachkompetenz verlangt als die Deutsch-Matura und diese Kompetenz (mit)misst? Wie valide ist so eine Testung? (Ein valider Test misst bekanntlich tatsächlich das, was er zu messen oder zu erfassen behauptet). Die Ergebnisse ließen zu wünschen übrig, „gerettet“ hat viele die Einbeziehung der Jahresnote der achten Klasse bei der Gesamtnote. Ohne diese Jahresnote wäre immerhin ein Fünftel aller Maturantinnen und Maturanten in Mathematik gescheitert.

Zwei weitere Aspekte sind hier erstaunlich: Warum stellt das Ministerium eine Zentralmatura in Mathematik zusammen, die – besonders im zweiten Teil – einen zu hohen Prozentsatz der Schülerschaft überfordert, mit oder ohne Corona? Diese Zentralmatura findet bekanntlich nicht zum ersten Mal statt. Wie kann es sein, dass selbst erfahrene Lehrkräfte zugeben müssen, lange über Aufgaben „gebrütet“ zu haben, obwohl sie ein Universitätsstudium absolviert haben?

Kompensationsprüfung ist überflüssig #

Fragen drängen sich auch bei den „Kompensationsprüfungen“ auf, die es Maturantinnen und Maturanten ermöglichen, doch noch die schriftliche Matura zu schaffen. Hier zeichnet sich der Trend ab, dass bei diesen Prüfungen die überwiegende Anzahl besteht. Ein echter Lern- oder Kompetenzzuwachs in dem kleinen Zeitfenster vor der Kompensationsprüfung ist nicht anzunehmen. Trotzdem kommt fast jede(r) durch. Eine Erklärung für das bessere Abschneiden liegt wohl darin, dass die Kommission die Möglichkeit hat, mit der Kandidatin oder dem Kandidaten ein „Gespräch“ zu führen, de facto bei den Aufgaben zu helfen. Wie weit diese Hilfe geht – das ist Ermessenssache, wie es so schön heißt. Vielleicht könnten wir uns dieses Prozedere (und der öffentlichen Hand damit Geld) gleich ersparen und alle durchlassen? Womit wir bei der generellen Sinnfrage wären.

Völlig unauffällig ging diesmal die schriftliche Matura in Englisch über die Bühne. Die Probleme, die mit diesem Testformat bestehen, sind allerdings die gleichen geblieben. Das Hauptproblem besteht darin, dass die vier Teile (Lesen, Hören, Sprachverwendung im Kontext und Schreiben) jeweils 25 Prozent der Gesamtnote ausmachen. Das hat die unerfreuliche Folge, dass Maturantinnen und Maturanten, die tatsächlich keinen „geraden Satz“ auf Englisch schreiben können, mit einem „Gut“ oder „Befriedigend“ abschneiden können – sofern sie bei den ersten drei Teilen die annähernd maximale Punktezahl erreichen. Was bei manchen Maturaaufgaben durchaus möglich ist. Welchen Aussagewert haben solche Noten?

Grundsätzlich ist die Idee einer Zentralmatura mit gleichen Anforderungen für alle eine lobenswerte Idee. Ihre Einführung hatte wohl mehrere Gründe. Dazu gehörte die Umstellung auf die Kompetenzorientierung oder die Einführung der verpflichtenden Abfassung einer Vorwissenschaftlichen Arbeit (VWA). Selten wird ein Faktor erwähnt, der offensichtlich auch eine Rolle spielte. Ich vermute, dass die damaligen Landesschulinspektoren (LSI) und das Unterrichtsministerium das vermutet haben, was schon lange nicht nur vermutet, sondern gewusst wurde: Bei den dezentralen Maturen wurde viel zu oft vonseiten der Lehrkräfte „geschummelt“, nämlich Angaben oder Prüfungsfragen vorab hergegeben. Das Motto lautete also: Mehr Notenwahrheit! Als erfreuliche Konsequenz dieser Entwicklung werte ich, dass nun bei der mündlichen Matura die Fragen per Los gezogen werden und damit das „Vortäuschen einer Leistung mit unerlaubten Mitteln“ viel schwerer geworden ist.

Was tun? Die Reifeprüfung abschaffen? #

Zuletzt bleibt die große Frage: Warum diese Inkompetenz bei der Zusammenstellung der schriftlichen Matura, obwohl doch die „Kompetenzorientierung“ gepredigt wird? Ist es das Peter-Prinzip, demzufolge in einer Hierarchie „jeder Beschäftigte dazu [neigt], bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen“? Oder ist es die fatale Parteipolitik, die Susanne Wiesinger in ihrem zweiten Buch über die Schule angeprangert hat?

Was tun? Die Matura abschaffen? Dieser Ruf wird vielleicht immer lauter werden. Eine Matura, die sich selbst in Teilen so ad absurdum führt, dass man gleich auf sie verzichten kann, kann nur noch schwer argumentativ verteidigt werden. Aber es wäre sehr schade um dieses wichtige Übergangsritual.

Der Autor ist AHS-Lehrer, Dozent für Neuere Geschichte und Lehrbeauftragter an der Universität Wien. 2020 erscheinen von ihm „Philosophieren. Philosophie für die 8. Klasse AHS“ (Hölder-Pichler- Tempsky) und „Kant and the Theory and Practice of International Right“ (University of Wales Press; 2. Auflage).

Die Furche, 25. 6. 2020