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Seit Jahrtausenden leuchtend#

Varanasi ist der pulsierende Glutkern unter Indiens heiligen Orten. Eindrücke aus einer elenden, verrückten und grandiosen Stadt. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 9. Februar 2017)

Von

Martin Tauss


Varanasi, Stadt am Ganges
Bilderstrom in Varanasi. Die Stadt am Ganges konfrontiert die Besucher mit einer nervenaufreibenden Flut an Bildern, Gerüchen und Geräuschen. Die Verkehrssituation rund um die Altstadt ist gelinde gesagt chaotisch. Fotos: Martin Tauss

Der Ganges, so heißt es, fiel einst vom Himmel auf die Erde. Durch die verfilzten Locken des wilden Gottes Shiva strömte er in die irdische Welt. Aus den eisigen Höhen des Himalaya fließt er seither als göttliches Geschenk in die Tiefebenen hinab, um die Menschen in dem trockenen, staubigen Land zu nähren und zu heilen. Bei Varanasi, das sich wie eine mondförmige Sichel dem Fluss anschmiegt, macht der Strom eine Wendung nach Norden, wie wenn er sich noch einmal seinem sublimen Ursprung zuwenden wollte. Für Hindus ist dieser Ort, eine der ältesten bewohnten Städte der Weltgeschichte, besonders heilig. Varanasi (das frühere Benares) ist, so heißt es, Shivas Lieblingsplatz auf Erden.

Anfang der 1990er-Jahre kam ich zum ersten Mal hierher. Die Stadt hinterließ einen tiefen Eindruck. Nach mehrwöchiger Reise in der heißen, schwülen Regenzeit, geschwächt durch längere Verdauungsprobleme, erschien die Stadt wie ein Fiebertraum, in dem sich das wahre Indien offenbarte: bunt, chaotisch, wie eine Droge die Nerven stimulierend und strapazierend, ein unaufhörlicher Strom an Geräuschen, Gerüchen und teils unerhörten Bildern, die sich wie das Essen jäh auf den Magen schlagen konnten. Die Erinnerung daran wurde mit der Zeit immer diffuser und dunkler. Haften blieben die atemberaubend engen Gassen der Altstadt mit ihren unzähligen Schreinen und Tempeln, die fremdartigen Hochzeits- und Begräbniszeremonien, sowie der illustre Aufmarsch an Pilgern, Asketen und Yogis, die hier die Nähe des Ganges suchen. In meinem Unterbewussten wurde Varanasi allmählich zu einem Phantasma und zu so etwas wie einer offenen Rechnung. Irgendwann musste ich dorthin zurück.

Naturgottheiten und Digitalisierung #

Nun, nach knapp 25 Jahren, war es soweit. Bereits bei der Fahrt vom Flughafen erschienen die Bilder vertraut: Kühe stöbern im Müll zwischen den Häusern, Hunde und Ziegen liegen am Straßenrand, Menschen sitzen (je nach Sichtweise) in halb ab- oder aufgerissenen Häusern. Ein Friseur hat im Freien Sessel sowie Spiegel aufgestellt und schneidet einem Kunden die Haare. Ein paar Kilometer weiter, in der Innenstadt machen die Friseure ein besseres Geschäft, denn viele Pilger lassen sich in Varanasi eine Glatze scheren. Die zotteligen Sadhus hingegen zählen nicht zur Kundschaft: Die „heiligen Männer“ Indiens, die hier häufig anzutreffen sind, lassen sich die Haare zu langen Strähnen wachsen; ein Ausdruck ihres Status außerhalb der Gesellschaft.

Schon bald ist klar: Varanasi hat sich kaum verändert, die Stadt hat ihre jahrtausendealte Seele bewahrt. Selbstverständlich hat die Digitalisierung Einzug gehalten, die heute von der indischen Regierung massiv vorangetrieben wird. Erst kürzlich etwa wurden größere Banknoten aus dem Verkehr gezogen, um einen Schritt in Richtung einer digitalen Wirtschaft und bargeldlosen Gesellschaft zu machen. Einstweilen hat das nur für Chaos vor den Banken und Geldautomaten gesorgt. Die irrwitzige Kluft zwischen Tradition und Moderne, die in Indien in den letzten Jahren noch größer geworden ist, wird in Varanasi durch eine merklich konservative Aura abgeschwächt. Hier sind noch heute sakrale Symbole und Rituale lebendig, die weiter zurückreichen, als man es von anderen religiösen Zentren gewohnt ist. Bäume etwa werden mit bunten Bändern und Blumengirlanden geschmückt – ein Relikt aus vor-hinduistischer Zeit, als die Ureinwohner Indiens noch Naturgottheiten verehrten, denen Schicksalsmacht über Gesundheit und Krankheit, Leben und Tod zugesprochen wurde. Wer als westlicher Reisender durch die Verkehrsadern der Altstadt zu den Steinstufen am Ganges schlendert, gerät rasch ins Visier der kommerziellen Kuppler und marktschreierischen Händler. Restaurants, Schmuck-, Souvenir- und Seiden-Geschäfte säumen den Weg. Doch abseits des geschäftigen Treibens ist eine kulturell abweisende Atmosphäre zu spüren. Touristen, die hinduistische Heiligtümer besichtigen, werden teils neugierig, mitunter skeptisch beäugt. Wer allein reist, wird vielleicht sogar über deren Bedeutung belehrt. Derweil strömen Pilgergruppen vorbei, Stiere dösen auf der Straße, Affen turnen auf den Dächern. Bettler wandern auf und ab; alte Frauen im schmutzigen Sari schlafen am Straßenrand, den Kopf auf Sandsäcke gebettet. Ein bärtiger Mann ohne Füße liegt am Boden und läutet unentwegt eine Glocke.

elefantenköpfige Ganesha, Pilger und Sadhus, die „heiligen Männer“ Indiens
Sakrales Spektakel. In Varanasi finden sich unzählige Tempel, Schreine und Bilder hinduistischer Gottheiten (links: der elefantenköpfige Ganesha). Die Stadt ist ein Anziehungspunkt für Pilger und Sadhus, die „heiligen Männer“ Indiens (Mitte und Bild oben rechts).
Fotos: Martin Tauss

Gerade auch für die Alten und Kranken, die Armen und Elenden ist die Stadt ein spezieller Anziehungspunkt. In Varanasi zu sterben, gilt für gläubige Hindus als das große Los. Nirgendwo, so heißt es, sind die Chancen auf Erlösung besser als dort, wo der heilige Fluss an Shivas Lieblingsort vorüber fließt. Laut hinduistischer Vorstellung hat Varanasi eine Brückenfunktion: Die Stadt ist nicht nur eine traditionelle Furt an einer alten Handelsroute zwischen Nord- und Südindien, sondern markiert auch einen spirituellen Ort, wo der Übergang ins Jenseits, die Befreiung von der Wiedergeburt, leicht und sicher vonstatten gehen soll. An zwei Uferstellen in Varanasi gibt es Leichenverbrennungen; am Harishchandraund am Manikarnika-Ghat steigen Tag und Nacht Rauchschwaden in die Höhe. Zwischen meterhohen Holzstapeln finden die Abschiedsrituale statt. Am Ende wird die Asche der Toten der „Mutter Ganges“, dem Strom des Lebens anvertraut.

Faszination und Abscheu #

Schon immer waren westliche Reisende von der Stadt fasziniert und abgestoßen zugleich. „Benares ist älter als Geschichte, älter als Tradition, sogar älter als Legende“, schwärmte Mark Twain, der hier im 19. Jahrhundert bei einer Weltreise Station machte. Der amerikanische Schriftsteller sah sich aber auch genötigt hinzuzufügen: „Die Stadt wirkt wie ein riesiges Museum an Götterbildern – alle von ihnen derb, verunstaltet und hässlich. In der Nacht ziehen sie wie eine wilde Meute durch die eigenen Albträume.“

Kashi, die „leuchtende Stadt“, wie sie in den alten Schriften heißt, brennt sich jedenfalls tief in die Erinnerung ein. Wer in der Morgendämmerung eine Bootsfahrt macht, kann beobachten, wie die aufsteigende Sonne die Fluten golden schimmern lässt und die Häuserfronten in ein warmes Licht taucht. Tausende Bewohner der Stadt nehmen dann ihr Morgenbad. Immer wieder finden sich in den heiligen Schriften Indiens Wortspiele zu Kashi: Denn hier sollen auch die Bedingungen für das überirdische Licht der „Erleuchtung“ besonders günstig sein. Nur ein Narr würde Shivas herrliche Stadt am Gangesufer wieder verlassen, so ein indisches Sprichwort. Wer hier nur durchreist, sollte sich einen anderen Spruch zu Herzen nehmen: „Du kannst Kashi zwar verlassen, aber Kashi wird dich nicht verlassen.“

DIE FURCHE, Donnerstag, 9. Februar 2017