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Österreichs Achterbahn #

2018 manifestiert das Auf und Ab unserer Geschichte. Vor 100 Jahren ging aus der großen Doppelmonarchie die kleine demokratische Republik hervor. Vor 170 Jahren war der erste Griff nach Demokratie noch misslungen. Und vor 80 Jahren stimmte man in Österreich für die Diktatur. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Kleinen Zeitung (Montag, 1. Jänner 2018)

Von

Helmut Konrad


Menschenmassen säumten an diesem 12. November 1918 den Ring vor dem Wiener Parlament, als die Republik ausgerufen wurde
Menschenmassen säumten an diesem 12. November 1918 den Ring vor dem Wiener Parlament, als die Republik ausgerufen wurde
Foto: APA

Die Acht gilt als heilige Zahl, und zwar in vielen Religionen. Wer in Florenz vor dem Baptisterium steht, wer ein jüdisches Chanukka-Fest erlebt, wer den hinduistischen Gott Vishnu mit seinen acht Armen sieht, wer die chinesischen Zahlenbedeutungen studiert, der kann die weltumspannende positive Bedeutung der Acht erkennen.

Mir als Historiker ist die Zahl Acht nicht immer geheuer. Sie zeigt sich in ihrer verdoppelten Form als „88“ als Code für unverbesserliche Nationalsozialisten und als Endziffer in den Jahreszahlen häufen sich in unserer Geschichte die sogenannten Schicksalsjahre. Gewiss, auch andere Endziffern haben Bedeutung: Die Vier steht für den Ausbruch des Ersten, die Fünf für das Ende des Zweiten Weltkriegs. Aber die Acht steht für die unvollendete Revolution von 1848, für die Gründung der Republik Österreich 1918, für die Eingliederung Österreichs ins nationalsozialistische Deutschland 1938 und für den gesellschaftlichen Wandel um 1968. Unsere Zunft hat daher mit den „Achterjahren“ Hochkonjunktur, es gibt Bücher, Ausstellungen und vieles mehr, was man unter dem Begriff „Jubiläumsgeschichtsschreibung“ zusammenfassen kann. Dennoch, die Häufung von Wendepunkten in unserer Geschichte in Jahren mit der ominösen Acht sind Zufälle, es steckt kein höherer Plan dahinter.

Nimmt man die vier Jahre 1848, 1918, 1938 und 1968, so kann man deutlich erkennen, dass sich eine Symmetrie abbildet. Das erste und das letzte Jahr zeigen in ihrem Abstand von 120 Jahren jeweils das Aufbegehren einer jüngeren Generation gegen die verkrusteten Strukturen ihrer Altvorderen. Sowohl vor 1848, im Vormärz, als auch vor 1968, im „Neobiedermeier“, war die Gesellschaft durch Distanz zur Politik, durch Privatheit und durch Strukturkonservatismus gekennzeichnet. Die beiden mittleren Jahre umrahmen hingegen die Geschichte der Ersten Republik und sind Ereignisse, die von innen und von außen, durch militärische Maßnahmen und durch Volkserhebungen die jeweilige politische Landkarte dramatisch veränderten. Es ergibt daher durchaus Sinn, diese vier Schicksalsjahre nicht chronologisch zu betrachten, sondern als Paare vergleichend zu analysieren.

1848 und 1968 #

Nach dramatischen historischen Epochen, die die Menschen dazu zwangen, sich zu exponieren und Stellung zu beziehen, was letztlich Karrieren oder sogar das Leben kosten konnte, war man über eine Phase der Ruhe und der Rückzugsmöglichkeit ins Private nicht wirklich unglücklich. Der Wiener Kongress, der die Ära der Turbulenzen nach der Französischen Revolution und den Napoleonischen Kriegen beendete, breitete durch einen Elitenkonsens eine Daunendecke über Europa, unter der sich aber dennoch auch in der Habsburgermonarchie schon Änderungen vollzogen. Die Modernisierung war auch durch den Überwachungsstaat nicht aufzuhalten. Die Dampfmaschine und die Eisenbahn gab es im strikt kontrollierten Staat bereits, die soziale Frage hatte durch die großen Bauarbeiten schon Einzug gehalten. Erste nationale Diskussionen waren nicht auf zuhalten und liberales Gedankengut hatte den Weg in die Köpfe der gebildeten urbanen Jugend gefunden. Es gelang den alten Zöpfen nicht mehr, den Deckel auf dem Drucktopf zu halten, zumal sich europaweit eine neue Zeit ankündigte.

Auch nach 1945 war man in Österreich vorerst froh, sich dem Wiederaufbau und dem beginnenden Wohlstand widmen zu können, ohne allzu sehr von den Gespenstern der Vergangenheit belästigt zu werden. Die „Opferthese“, die Österreich als erstes außenpolitisches Opfer der Hitler’schen Aggression sah, erlaubte ein politisches Abducken und die Entwicklung eines neuen Selbstbildnisses des Kleinstaates ohne weltpolitische Ambitionen und in bescheidener Selbstbeschränkung, vor allem in der Position zwischen den großen Machtblöcken. Aber auch in diesen zwei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg regte es sich unter der Oberfläche, und vor allem die sensiblen Künstlerinnen und Künstler wollten sich mit diesem österreichischen Selbstverständnis nicht abfinden.

Die Bewegungen #

1848 und 1968 waren jeweils international mit manchmal durchaus unterschiedlichen Voraussetzungen in den einzelnen Staaten. Beide „Revolutionen“ waren zudem Jugendbewegungen, getragen von Studierenden und, vor allem 1848, jungen, männlichen Akademikern. Und beide Revolutionen blieben letztlich unvollendet, was aber nicht bedeutet, dass sie keine veränderte Welt zurückgelassen hätten.

1848 sah in der Habsburgermonarchie den ersten Versuch zu einer umfassenden Modernisierung des Landes. Manche Konzepte gingen dabei weit über bestehende Grenzen hinaus. So vereinigten sich viele fortschrittliche Österreicher in der Revolution unter großdeutschen Parolen und unter schwarz-rot-goldenen Fahnen, nahmen an den Versammlungen der Frankfurter Paulskirche teil und hofften auf einen geeinten deutschen Nationalstaat unter Einbeziehung der Habsburgermonarchie und im Geist von Freiheit und Fortschritt. Nicht zufällig war Erzherzog Johann jene Person, auf die man sich als „Reichsverweser“ einigen konnte. Es gab aber auch die erstmals rebellierenden Arbeiter in der Großstadt Wien, was selbst Karl Marx bewog, nach Wien zu reisen. Und es gab die Bauern, deren endgültige Befreiung durchgesetzt werden konnte.

Auf dem Heldenplatz feierte Wien am 15. März 1938 den Diktator: Adolf Hitler verkündete den Anschluss
Auf dem Heldenplatz feierte Wien am 15. März 1938 den Diktator: Adolf Hitler verkündete den Anschluss
Foto: APA

Die Revolution scheiterte gründlich, aber nicht vollständig. Was sie an Modernisierung gebracht hatte, blieb teilweise nach 1848 weiter bestehen. Die revoltierenden Arbeiter hatte man auf den Semmering verfrachtet, um die Semmeringbahn zu bauen, bis heute ein Symbol des Fortschritts. Und die Studenten der Revolution waren dann jene Beamten, Intellektuellen und Bürokraten, die knapp zwei Jahrzehnte später den Staat gründlich reformierten. Ihr „langer Marsch durch die Institutionen“ bescherte Österreich 1867 den Verfassungsstaat.

Auch 1968 speiste sich aus internationalen Quellen. Da gab es den Vietnamkrieg, der in den USA zur Entstehung einer Friedensbewegung beitrug. Es gab die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, es gab eine weltweite Bewegung gegen den Imperialismus. Weltweit ging es auch um die Universitäten und die Studienbedingungen, um die Öffnung der Studentenheime, um einen frühen Feminismus und vor allem um eine kritische Abgrenzung von der Elterngeneration im Sinne neuer Lebensentwürfe, neuer sexueller Normen, neuer Kleidung, neuer Musik und anderer Haartrachten. In Deutschland und bei uns kam die Frage an die Elterngeneration nach ihrem Verhalten im Nationalsozialismus dazu. Österreich war in dieser Bewegung nur eine Fußnote. Die Bewegung der Studierenden war anderswo eindrucksvoller.

Auch der Revolution von 1968 blieb das Scheitern nicht erspart. Der Vietnamkrieg ging weiter und die Elterngeneration konnte über ihre Involvierung in den Nationalsozialismus noch lange schweigen, ehe zwei Jahrzehnte später die sogenannte Waldheim-Affäre das Thema wieder auf die Tagesordnung setzte. Aber die Gesellschaft war gründlich verändert. Das Zeitalter der Jugend war angebrochen, mit neuen Normen und neuen Weltbildern, mit neuer Musik und neu definierten Geschlechterrollen. Und selbst die dramatischen Ereignisse, die 1968 unser Nachbarland Tschechoslowakei erschütterten, hatten entscheidende Folgen. Der Kommunismus sowjetischer Prägung war nachhaltig diskreditiert.

1918 und 1938 #

Sucht man nach jenem „Achterjahr“, dem weltweit die entscheidendste Bedeutung beizumessen ist, so landet man zweifellos bei 1918. Dem Ende des Ersten Weltkriegs kam die bedeutendste Änderung der letzten beiden Jahrhunderte zu. Das hatte sich schon im Jahr davor, durch den Kriegseintritt der USA und durch die russische Oktoberrevolution, angekündigt.

1918 zerfielen Großreiche. Das Jahr brachte das Ende des habsburgischen Vielvölkerstaates und den Zerfall des multiethnischen Osmanischen Reichs. Partiell zerfiel auch das alte Russland. Vom Baltikum bis auf den Balkan entstand die neue mittel-, ost- und südosteuropäische Staatenlandschaft, und der Nahe Osten erhielt jene Form, die bis in die Gegenwart diese Region zum zentralen Konfliktherd der Welt machte. Österreich verlor alles, was seine einstige Größe ausmachte: die kulturelle, religiöse und sprachliche Vielfalt und den Zugang zum Meer. Was die Bedeutung des alten Staates ausgemacht hatte, war auf diesem Kompositum entstanden. Die „österreichische“ Kultur, die Musik, die Küche eines multiethnischen Reiches wich unfreiwillig einer dominant deutschsprachig-katholischen Kleinstaaterei.

Der Weltkrieg hatte insgesamt 10 Millionen Menschenleben gekostet und er hatte unzählige andere deformiert. Gewalt war zum Mittel der Konfliktlösung geworden und sollte bald den aufkommenden Faschismen Nahrung und Zuspruch bringen. 1918 war aber auch ein Revolutionsjahr. Schon im Jännerstreik von 1918 hatte sich auch in Österreich angekündigt, dass die Russische Revolution bis zu uns ausstrahlte. Aber als nach dem Kriegsende in Ungarn Béla Kun ein bolschewistisches Experiment wagte, war es in Österreich die Sozialdemokratie, die mit ihrer Form der „österreichischen Revolution“ ein kommunistisches Mitteleuropa verhinderte. Mit dem Druck der Straße gelang es aber, im armen und ausgebluteten österreichischen Staat ein beispielloses soziales Aufbauwerk durchzusetzen. Und als später die konservative Regierung daranging, den „revolutionären Schutt“ wegzuräumen, setzte die Sozialdemokratie im „Roten Wien“ ihr Reformwerk fort.

In einer Welt, die sich in West und Ost teilte, musste Österreich, das sich anfänglich „Deutschösterreich“ nannte und sich als Teil eines demokratischen Deutschland begreifen wollte, seine Position finden. Das war nicht leicht, da es Zweifel an der ökonomischen Überlebensfähigkeit des neuen Kleinstaates gab und da innere Konfliktlinien mehr als einmal zu gewalttätigen Explosionen führten. Dennoch: Die Zweite Republik konnte später auf dem 1918 gelegten Fundament aufbauen und seine Erfolgsgeschichte starten.

1938 steht für das gewaltsame Ende der jungen Republik, die einige Jahre zuvor bereits ihre demokratische Periode beendet hatte. Der März 1938 selbst stellt sich durchaus janusköpfig dar. Die Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich, der sogenannte „Anschluss“, war einerseits Resultat einer militärischen Aggression Hitlerdeutschlands gegenüber dem kleinen Nachbarn. Er war aber auch eine Basisbewegung im Inneren unseres Landes.

Österreich war Teil des Deutschen Reichs geworden, und seine Einwohner trugen das neue System in einem Maße mit, das dem „Altreich“ gleichkam. Das gilt für den Einsatz im Zweiten Weltkrieg, das gilt aber auch für die Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung von Jüdinnen und Juden, für die Arisierungen und für die Ausgrenzung anderer Minderheiten. Mauthausen oder aber auch Hartheim stehen ikonografisch für den heimischen Anteil an dieser Politik.

1938 war die unmenschliche Verwirklichung des alten Traums von 1848 und von manchen Hoffnungen aus dem Jahr 1918. Traum und Wirklichkeit: Der Preis, der für die Realisierung zu bezahlen war, lag in einem Krieg, dessen Zahl an vernichteten Menschenleben die Opfer des Ersten Weltkrieges um ein Vielfaches übertraf, eines Krieges, der auch nach innen, gegen einen Teil der österreichischen Bevölkerung selbst, geführt wurde. Es war ein Krieg, der die letzten Reste der einstigen kulturellen und wissenschaftlichen Größe unseres Landes vernichtete und der am Ende durch den Luftkrieg ganze Städte in Schutt und Asche legte. Die Klammer um die Erste Republik, die mit den Jahren 1918 und 1938 beschrieben werden kann, umschließt zwei Jahrzehnte unserer Geschichte, deren Verlauf nach 1945 als abschreckendes Beispiel eines Gegeneinander gesehen wurde. Man kann der Ersten Republik ihre Erfolge, von der Verfassung bis zum Sozialsystem, nicht absprechen, aber die Zweite Republik zog ihre Lehre aus den Verwerfungen und entwickelte ihr System des sozialen und politischen Ausgleichs.

Es ist ein Zufall, dass den „Achterjahren“ eine so große Bedeutung in unseren historischen Kalendern zugeschrieben wird. Dieser Zufall bietet aber die Gelegenheit, über alte Träume und Hoffnungen, über Verwerfungen und Tragödien nachzudenken und damit zu verdeutlichen, wie sich historischer Wandel vollzieht. Wege und Irrwege, genutzte und vertane Chancen, die Leichtigkeit des Verdrängens humanistischer Werte, all das kann in sogenannten „Jubiläumsjahren“ wieder mit Nachdruck ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit gerückt werden.

Helmut Konrad leitete das Institut für Zeitgeschichte der Karl-Franzens- Universität. Der gebürtige Wolfsberger ist einer der renommiertesten Historiker Österreichs und war von 1993 bis 1997 Rektor der Uni Graz.

Kleine Zeitung, Montag, 1. Jänner 2018