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Wiener Trauerreigen#

Am 15. Mai 1917, seinem 55. Geburtstag, weilte Arthur Schnitzler in Salzburg, als eine seiner liebsten Weggefährtinnen in Wien Suizid beging. Ein gesellschaftliches Sittenbild.#


Von der Wiener Zeitung (Sonntag, 14. Mai 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Gerhard Strejcek


Stefanie Bachrach Grabplastik
Diskrete Erinnerung an Stefanie Bachrach: Grabplastik auf dem Döblinger Friedhof.
© Peter Jungwirth

Im Reigen der illustren Frauen um Arthur Schnitzler nahm eine junge Hilfskrankenschwester eine Sonderrolle ein, stand sie doch dem Autor und seiner Ehefrau Olga gleichermaßen nahe, ohne die Eifersucht der fast gleich alten Gattin herauszufordern. Die im Mai 1887 geborene Stefanie Bachrach, Tochter eines Bankiers, der nach Börsenspekulationen in die Pleite schlitterte, war kraft ihrer sozialen Begabung und Bildung zu Höherem berufen. Nach dem Suizid ihres Vaters arbeitete sie zunächst als Ordinationshelferin beim Urologen Zuckerkandl und wechselte dann als Krankenschwester in das neu erbaute Cottage-Sanatorium in der Sternwartestraße 74.

Das 1908 vom Baumeister Johann Kazda und dem ärztlichen Leiter, Dr. Rudolf Urbantschitsch, gegründete Währinger Nobel-Spital lag keine zweihundert Meter von der Schnitzler-Villa entfernt, reizvoll eingebettet zwischen Sternwarte- und Türkenschanzpark. Noch heute dient es Diplomaten als Wohnhaus und Erholungsanlage, in Staatsvertragszeiten tanzten dort Hotelgäste, ehe die UdSSR den Komplex erwarb. In den bis 1945 andauernden Sanatoriumszeiten umgaben ein Tennis-, ein Eislaufplatz und großzügige Gärten die drei ansehnlichen Spitalsgebäude.

Geliebte mit Doppelrolle#

Sowohl der ärztliche Leiter Urbantschitsch - ein Schüler Freuds, Kollege Ludwig Reiks und Fritz Wittels’ und Sohn des renommierten, aus Slowenien stammenden HNO-Arztes Viktor Urbantschitsch - als auch Stephi Bachrach, seine zeitweilige Geliebte, gingen bei den Schnitzlers ein und aus. Die Sympathien der Familie lagen auf der Seite Stephis, wiewohl Rudolf Urban-tschitsch (intern "U-29" genannt) den Kontakt zum Autor suchte und ihn öfters mit dem Fiaker aus der Stadt Richtung Währing mitnahm. Der umtriebige und eifrig publizierende Karrierearzt (Titel seiner Autobiographie 1953: "Myself not Least") ist heute wieder in den Fokus medialer Aufmerksamkeit geraten, weil es sich bei ihm um den Großvater von Christoph Waltz, Österreichs erfolgreichem Hollywoodschauspieler und Oscar-Gewinner handelt.

Urbantschitsch emigrierte Ende der Dreißigerjahre nach Kalifornien, wo er wiederum heiratete, sexualtherapeutische Werke publizierte sowie als Eheberater ordinierte und 1964 in Carmel-by-the-Sea im US-Bundesstaat Kalifornien starb. Wenn Christoph Waltz in Los Angeles weilt, hat er es nicht allzu weit zum Grab seines leiblichen Großvaters, der sich auch mit einem Pseudonym "Georg Gorgone" nannte. Genau unter diesem, an der schlangenhaarigen Medusa orientierten Namen publizierte Urbantschitsch 1926 die Liebesgeschichte mit der Krankenschwester Stephi, deren Namen er ebenfalls abänderte ("Julia oder die Geschichte einer Leidenschaft") im Wiener Rikola-Verlag. Wie es der Zufall wollte, befand sich der Verlagssitz dieses Unternehmens genau an derselben Adresse (Frankgasse 1), die einst der junge Laryngologe Dr. Schnitzler unweit des Garnisonsspitals bezogen hatte, und an der auch die eine oder andere "Mizzi" zu nächtlichem Besuch weilte.

Anders als seine eigenen Affären beäugte der gereifte "Reigen"-Autor das Treiben des Sanatoriumsleiters mit gemischten Gefühlen. Schnitzler missfiel die Doppelrolle, welche der Arzt seiner Geliebten beimaß, die ihm auch als Studienobjekt diente, und von deren gefährlichen Morphium-Experimenten beide Mediziner wussten. In vollem Bewusstsein der Gefahr, die aus einer heftigen On-Off-Beziehung hervorging, ging der Psychiater, dessen Studien über die "Probeehe" und "Sexuelle Erfüllung in der Ehe" zu publizistischen Erfolgen wurden, auf Distanz.

Auch Schnitzlers Gattin Olga mahnte Stephi, dass die Liebe zum verheirateten Klinikchef womöglich auch dem Ruf der Schnitzlers schaden könnte, da seit dem "Professor Bernhardi" 1912 die Angriffe auf den Autor von christlich-sozialer Seite zunahmen; Olga ahnte vermutlich nicht, dass sie selbst wegen einer Affäre mit dem Pianisten Karl Gross 1919 noch in die Schusslinie der Klatschgesellschaft geraten sollte, wovon sich die (Anfang der Zwanzigerjahre geschiedene) Ehe der Schnitzlers nicht mehr erholen sollte.

Noch aber war man in der Rolle der Beobachter und wohlmeinender Ratgeber, wobei eine Fülle von Briefen von Arthur an Stephi und von Stephi an Olga sowie vice versa versendet wurde. Der laut Schnitzler mitunter "mattoide" Sanatoriumsleiter hingegen nutzte in den drei ersten Kriegsjahren jeden Anlass, um im höheren Auftrag zu verreisen, sei es nach Lemberg, Bozen oder Istanbul, wo die k.u.k. Monarchie den osmanischen Verbündeten ein Muster-Lazarett errichten sollte.

Fatale Abhängigkeit#

Als gefragter Therapeut von Front-Neurosen konnte Rudolf Urban tschitsch mit der wohlwollenden Duldung des Generalstabschefs Conrad von Hoetzendorf und dessen Nachfolgern rechnen. Auch im Sanatorium verkehrten hochrangige Offiziere, und selbst der Gründer der (einst) modernen Türkei, Kemal Atatürk, zählte nach dem Krieg zu den prominenten Patienten, die den Ruf des Hauses, seiner Ärzte und der neun handverlesenen Schwestern beförderten. Umso peinlicher gestaltete sich die Affäre rund um den Suizid der Krankenschwester Stephi, die nicht von ungefähr genau am Geburtstag ihres Mentors und Beraters Schnitzler eine Überdosis Veronal einnahm und sich anschließend Morphium injizierte, das sie aus der Klinik mitgehen hatte lassen.

Die genaueren Motive blieben im Dunkeln, können aber auch mit der Rückkehr eines früheren Geliebten, des deutschen Offiziers Rudolf Olden, zusammenhängen. Zudem war für die neunundzwanzigjährige Stephi das unstete Leben ihres prominenten Geliebten Urbantschitsch Anlass für mancherlei Frustration. Zwar stand es ihr als alleinstehender Frau frei, die Beziehung zu beenden, aber es schien sich eine Art Abhängigkeit entwickelt zu haben, aus der es, wie auch Schnitzler ahnte, kein Entrinnen mehr gab.

Minutiös fügte er die Mosaiksteinchen nach dem schrecklichen Ereignis zusammen, traf sich mehrfach mit Olden und ließ sich auch vom jungen Viktor Zuckerkandl informieren, der wenige Wochen später Stephis Schwester Mimi heiratete. Im Hotel "Regina", wohin Mutter und Schwester der Verstorbenen gezogen waren, fanden veritable Krisenstäbe statt, bei denen sich viele Prominente die Klinke in die Hand gaben und auch die beiden ehemaligen Konkurrenten Olden und Urbantschitsch beinahe aneinander gerieten.

Schnitzler pilgerte gleichfalls in das Hotel und übernahm die schwierige Aufgabe, Stephis Mutter zu erklären, dass ihre Tochter nicht an den Folgen einer Lebensmittelvergiftung verstorben war, wie es zunächst geheißen hatte.

Den Autor belastete der Gedanke, dass die Weggefährtin und Freundin der Familie seinen Geburtstag zum Tag ihres Freitodes gewählt hatte. Zudem war er, der so oft als Therapeut und Ratgeber für Stephi gewirkt hatte, just an diesem Abend nicht in Wien. Trotz anhaltender Reiseschwierigkeiten hatte das mitunter zu Streit neigende Paar den Ehrentag in Salzburg verbracht, das Schnitzler besonders liebte.

Schnitzlers Traumarbeit#

Der Besuch nahm eine unerwartete und höchst unerfreuliche Wendung, als sich tags darauf die Kunde von Stephis Tod mittels Telegramm verbreitete. Die Kurzreise in die geliebte Mozartstadt hatte den gewünschten Entspannungs- und Erholungseffekt nicht erbracht. Obwohl sich die Schnitzlers gegenseitig versicherten, dass der Selbstmord Stephis in schicksalhafter Weise so kommen hatte müssen und man nie und nimmer eingreifen hätte können - die üblichen Beschwichtigungen im Umfeld eines Suizids im Bekanntenkreis, vor denen auch der feinsinnige Analytiker nicht gefeit war -, war die Stimmung dennoch belastet, um nicht zu sagen, vergiftet. So saß man im Zug, der kriegsbedingt einen halben Tag von Salzburg nach Wien-West brauchte, und haderte mit den Ereignissen des Vorabends. Noch lange sollte sich der Autor, dem Stephi fortan in Träumen erschien, in Gesprächen mit seinen Freunden Josef Popper-Lynkäus und Arthur Kaufmann mit diesem Fall auseinandersetzen.

Ulrich Weinzierl: Arthur Schnitzler: Lieben Träumen Sterben
Buchcover

Im Reigen der Gäste in der Sternwartestraße fehlte die mitunter trübsinnige, meist aber humorvoll-witzige Krankenschwester sehr. Schnitzler hatte Stephi, deren Schwester Mimi und Mutter Ama zu allen möglichen privaten wie künstlerischen Anlässen eingeladen, man traf einander zu Silvester oder bei einem Konzertauftritt von Olga - und so war die scheinbar unbeschwerte Stephi auch dem Freundeskreis in der Cottage wohl bekannt geworden. So kam es auch, dass Jakob Wassermann mit ihr Briefe wechselte und anlässlich ihres Todes sogar ein Nachruf in der "Neuen Freien Presse" erschien, der die humanen Methoden der Pflegebediensteten und ihr liebenswertes Wesen würdigte.

Erinnerungskult#

Das Begräbnis von Stefanie Bachrach am Döblinger Friedhof fand am 18. Mai statt. Am offenen Grab sprach ein Hautarzt des Sanatoriums, der das Engagement der Verstorbenen löblich hervorhob. Schnitzler notierte, dass Urbantschitsch hinter Bäumen und Sträuchern des nicht allzu großen Friedhofs in der Hartäcker Straße sichtbar wurde, wo er rastlos auf- und abging. Später besuchten die Schnitzlers häufig die schlichte Grabstätte, wo eine junge Frau aus Sandstein an Stephi erinnert.

Dass der Klinikleiter sich um das Begräbnis seiner Freundin kümmerte, war ein sozialer Zug, doch er übertrieb den Erinnerungskult. Nicht nur, dass der Sarg mit hunderten Rosen überhäuft war, sorgte Urbantschitsch auch dafür, dass das letzte Bett, in dem er in einer Linzer Pension eine Nacht mit der Geliebten verbracht hatte, in sein Eigentum überging; und anstatt die Stätte des Grauens nie mehr zu betreten, mietete er Stephis Zimmer in der Nedergasse für ein Jahr an, um dort in Ruhe Trauerarbeit zu leisten. Obwohl dieser Stoff für Drama und Roman gleichermaßen geeignet war, vermied Schnitzler aus Pietätsgründen, den Fall Bachrach in seinem dichterischen Werk zu verewigen.

Literatur:#

  • Arthur Schnitzler: Tagebuch 19171919. Verlag der ÖAW, Wien 1985, 2. Aufl. 1998;
  • Konstanze Fliedl: Arthur Schnitzler. Reclam, Ditzingen 2005;
  • Ulrich Weinzierl: Arthur Schnitzler: Lieben Träumen Sterben. Fischer TB, Frankfurt/M. 2015.
Wiener Zeitung, Sonntag, 14. Mai 2017