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Albrecht Dürers hl. Eustachius im jagdlichen Anblick#

Albrecht Dürer gilt als einer der ganz Großen der bildnerischen europäischen Kunst. Seine Ölbilder, Stiche und Aquarelle gehören zum Kostbarsten, das die Weltkunst überhaupt aufzubieten hat. Sein „hl. Eustachius“ gehört mit zu den Schlüsselwerken der deutschen Renaissance. Kulturhistoriker Dr. Harald W. Vetter zeigt uns im Hubertusmonat November, wie, wann und von wem der Hirsch mit dem Kreuz im Geweih alles vereinnahmt wurde.#


Mit freundlichen Genehmigung übernommen aus: Der Anblick (11/2017)

Von

Harald W. Vetter


Albrecht Dürers Selbstbildnis im Pelzrock, 1500
Albrecht Dürers Selbstbildnis im Pelzrock, 1500
Quelle: Harald W. Vetter
Albrecht Dürer, Der hl. Eustachius; Ölbild, 1498
Albrecht Dürer, Der hl. Eustachius; Ölbild, 1498
Quelle: Harald W. Vetter
Albrecht Dürer, „Der hl. Eustachius“; Kupferstich, um 1500
Albrecht Dürer, „Der hl. Eustachius“; Kupferstich, um 1500: Das originale Ölgemälde (links) diente als Vorlage für diesen Kupferstich. Mit ihm war es möglich, viele gleiche Abdrucke zu schaffen
Quelle: Harald W. Vetter

Albrecht Dürers Darstellungen des hl. Eustachius sind Schlüsselwerke der deutschen Renaissance. Wir wollen uns hier vor allem auf sein Ölgemälde konzentrieren, wobei jedoch zu sagen ist, dass sein entsprechender Kupferstich im Laufe der Zeit selbstverständlich weitaus bekannter und damit auch populärer geworden ist. Dieser wurde um 1501 oder etwas später geschaffen, das Ölbild auf Holz hingegen bereits 1498. Naturgemäß war der Stich aufgrund der Schwarz-WeißTechnik bis weit in das 19. Jahrhundert hinein wesentlich rascher und günstiger reproduzierbar. Der Künstler erhoffte sich dadurch wohl zu Recht einen größeren geschäftlichen Erfolg. Die Originalauflage des Stichs betrug an die 100 Blätter, wurde aber in späteren Jahren selbstverständlich vervielfacht.

Im Herbst 1494 tritt Dürer eine vermutlich nur teilweise Fußreise nach Italien an, die aber von Kunsthistorikern, was die Grenzen betrifft, heute angezweifelt wird. Zumindest soll er bis zum Gardasee gekommen sein, damals also noch deutsches Reichsgebiet. Immerhin sind dann auf seinen beiden Bildern des „hl. Eustachius“ deutlich südlichere Vegetation und auch Architektur zu sehen, die der Maler mit großer Sicherheit bei dieser Gelegenheit skizziert hatte. Die Legenden der Patronate des hl. Eustachius und Hubertus sind hinlänglich bekannt, so dass diese hier nur kurz in Erinnerung gerufen werden sollen.

Erst hl. Eustachius, dann hl. Hubertus #

Die beiden Jagdpatrone beanspruchten die Schutzherrschaft über das Weidwerk. Der ältere Patron ist St. Eustachius, einst ein der Legende entstammender römischer Feldherr mit Namen Placidus zur Zeit Kaiser Trajans (98 bis 117 n. Chr.), der ein lei-denschaftlicher Jäger gewesen sein soll und nach dem Anblick eines ihm mit einem strahlenden Kreuz erschienenen Hirsches der Jagd entsagte. Er bekehrte sich schließlich zum Christentum und starb später unter Kaiser Hadrian als Märtyrer. Im 5. Jahrhundert wurde Eustachius heiliggesprochen und galt nun als Schutzpatron der Jagd, dies in der Nachfolge der beiden heidnischen Göttinnen Artemis und Diana. Überdies gehört er zu den 14 Nothelfern und wird in Ostösterreich am 20. September kirchlich gefeiert.

Hubertus hingegen wurde um 670 n. Chr. geboren und war der Sohn Bertrands, Herzog von Guienne. Nach dem Tod seiner Frau zog er sich von der Welt zurück und wurde von Papst Sergius I. im Jahr 700 zum Bischof von Lüttich geweiht. Von seiner Jagdleidenschaft ist historisch nichts bekannt. Er wurde im 15. Jahrhundert heiliggesprochen, doch erst um 1680 kam die Hubertuslegende – aus Frankreich kommend – in den deutschsprachigen Raum und somit wurde der Bischof zum Schutzpatron aller Jäger, aber auch der Jagdhunde ernannt. Im germanischen Raum verdrängte er in der Folge St. Eustachius und wird um das 17. Jahrhundert herum am 3. November von allen „nördlich“ lebenden Jägern mit seinem Namensfest gefeiert. Möglicherweise haben wir es also hier, was den hl. Eustachius betrifft, mit einer typischen Wandersage aus dem Orient zu tun, aber eben auch in puncto seiner „Ablöse“ mit einer Kirchenpolitik, die durchaus noch genauer zu ergründen wäre.

Jedenfalls hat Albrecht Dürer in der Ära der deutschen Hochrenaissance „sein“ Thema in der Person des hl. Eustachius entdeckt. Dürer, 1471 in Nürnberg gebürtig und dortselbst 1528 gestorben, gilt als einer der ganz Großen der bildnerischen europäischen Kunst. Seine Ölbilder, Stiche und Aquarelle gehören zum Kostbarsten, das die Weltkunst überhaupt aufzubieten hat. Seine Darstellungen bestechen durch größte Imagination, Genauigkeit und grandioses kunsthandwerkliches Können. Sein „hl. Eustachius“ gehört mit zu den Schlüsselwerken dieser Epoche. Dürers Ruhm begründet sich in erster Linie sicher in seinen druckgrafischen Werken, die höchstes Niveau haben, doch trotz aller Kontakte mit italienischen Renaissancekünstlern, wie z. B. Raffael, bleibt seine Kunst eigentlich stilmäßig sehr „deutsch“.

Die Bilddeutung #

Albrecht Dürers auf Eichenholz gemaltes Gemälde (47,5 x 34,5 cm) befindet sich heute in der Galerie des Palazzo Doria Pamphilj in Rom. Es zeigt den wilden Jäger Eustachius alias Placidus im höchst dramatischen Moment der Erscheinung des „Geweihten“, der aus einer schmalen Lichtung hervortritt, auf seinem Haupt im hellen Licht Jesus am Kreuz. Der Edelmann, in deutscher Tracht aus der Dürerzeit bekleidet, mit Jagdschwert und Hirschfänger umgürtet, hat sich gerade mit erhobenen Armen zur Anbetung, ja förmlich in Ergebung niedergekniet. Der gesattelte Schimmel hält sich halb abgewandt, zwei Windhunde (Greyhounds) und drei schwerere Jagdhunde zeigen am Hirsch keinerlei Interesse mehr und bilden einen Kreis, indem sie solcherart den Frieden aller Kreatur symbolisieren. Symbolhaft ist natürlich auch der stets gleich dargestellte „Kronenzehner“, dessen Geweihenden an die Zehn Gebote erinnern sollen. Auch wurde das Hirschgeweih von der Kirche stets als Sinnbild des ewigen Werdens und Vergehens betrachtet. Gleichermaßen sind die beiden Fischer im Boot, die in der linken Bildhälfte erkennbar sind, so zu bewerten. Im Hintergrund auf einer Anhöhe ist die Burg des adeligen Herrn zu erblicken, darüber – im typischen „Dürer-Blau“ – Himmel und ein verschwimmender Horizont. Die vornehme farbliche Zurückhaltung des Künstlers und die bereits angesprochene fast südliche Atmosphäre der Bildmotive gehen mit dem mystischen Geschehen eine eigentümliche Stimmung ein, die Frieden und Harmonie auszustrahlen scheinen. Nicht umsonst wird übrigens der hl. Eustachius (griech. „Der Fruchtbare“, lat. „Der Standhafte“) von den Gläubigen in schwierigen Familiensituationen oder sonstigen verzweifelten Lagen zu Hilfe gerufen. Insgesamt hat die katholische Kirche mit der Legende des hl. Eustachius bzw. St. Hubertus ihren Einfluss gerade auch in der feu-dalen Jägerschaft über Jahrhunderte hinweg zu befestigen gesucht, was eben und gottlob zu solchen Höhepunkten europäischer Kunst geführt hat wie es Albrecht Dürers beide Bilder des Jagdheiligen sind. Darüber dürfen und können sich unsere der heimischen Jagdkultur Verpflichteten wohl glücklich schätzen.

Der Anblick (11/2017) "Lesequalität seit 1946. Wissenswertes & Aktuelles zur Jagd, Shop für Jagdartikel, und mehr"