Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. Ihre Nachricht (optional mit Ihrer E-Mail):
unbekannter Gast

Schnitzlers Bühnen- und Lebenstragödie #

Vor 100 Jahren sorgte der "Reigen", das Stück des vor 90 Jahren verstorbenen Wiener Autors, für Skandale, Aufruhr und Prozesse.#


Von der Wiener Zeitung (17. Oktober 2021) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Gerhard Strejcek


Arthur Schnitzler um 1912
Arthur Schnitzler um 1912.
Foto: Ferdinand Schmutzer (1870–1928). Aus: Wikicommons

Ein Jahrzehnt vor seinem Tod in Wien am 21. Oktober 1931 erlebte Arthur Schnitzler ein Real-Drama, das der Autor vorausgeahnt, in dieser politischen Dimension aber nicht vorhergesehen hatte. Sein Episodenstück "Reigen", das er gegen Ende des fin de siècle verfasst und nur als Privatdruck verteilt hatte, kam in den jungen Republiken Deutschland und Österreich ab Dezember 1920 auf die Bühne und brachte klerikale und nationale Kreise auf die Barrikaden.

Das zumeist unter Polizeischutz gegebene Drama umfasst zehn Episoden, deren Akteure sich erotisch im Kreis bewegen. Allesamt sind sie, gleichgültig ob Soldat, Dirne, Graf, Dichter oder Ehefrau, in flüchtige sexuelle Affären verwickelt, ihre Begierden drehen sich in einem Kreis von Lügen und Nötigungen. Der Lohn für die Hingabe wird dem schwächeren Partner vorenthalten, Hedonisten und triebgesteuerte Gestalten aller Gesellschaftsschichten dominieren das Bühnengeschehen.

Obwohl der Vollzug sexueller Akte von Schnitzler selbst höchst dezent geschildert und von der Regie bei allen fünf Aufführungen 1920/21 nur angedeutet wurde - Auslassungen und Gedankenstriche sowie musikuntermalte Verdunkelung bei der Aufführung sorgten lediglich für Bilder im Kopf -, empörten sich Kommentatoren und Politiker, die ihrerseits den Mob zum Theatersturm anreizten. Nach dem "Schmutz- und Schundgesetz" kam es in Berlin zur Anklage von Regie und Darstellern.

Schein-Zitate#

Doch die Prozessakten vom zweiten Reigen-Prozess aus dem Herbst 1921 zeigten ein überraschendes, psychologisch deutbares Phänomen: Die Zeugen gaben, wie der Strafverteidiger und Politiker Wolfgang Heine in einer 1922 erschienenen Dokumentation nachwies, durchwegs Schein-Zitate wieder, die auf der Bühne nie gesagt worden waren, und sie schilderten Szenen, die sie nur vom Hörensagen kannten, erahnt oder geträumt hatten. Auf strenge Nachfrage des Richters konnte kein einziger Zeuge Evidenz für eine Bühnen-Obszönität geben. Der dem Komponisten der Pausenfüller gegenüber erhobene Vorwurf, lüsterne Takte geschaffen zu haben, löste sich im Nichts auf. Freisprüche waren die Folge, der Richter sprach ein paar Pionierworte über die mangelnde Justiziabilität von Kunst.

Die Berliner Reigen-Prozesse sind in einem Werk von Alfred Pfoser, Kristina Pfoser-Schewig und Gerhard Renner dokumentiert. Sie basieren auf einer 1922 publizierten Dokumentation des sozialdemokratischen Politikers und Rechtsanwalts Wolfgang Heine, der die Berliner Regisseure und Schauspieler vertrat und forensisch wortgewaltig agierte.

Aber es gab auch einen Wiener Prozess, der in beiden Werken nicht vorkommt, da er eine "indirekte Abrechnung" bedeutete: Wiens Bürgermeister und Landeshauptmann Jakob Reumann musste sich vor dem Verfassungsgerichtshof verantworten, weil er die "Reigen-Aufführung" trotz Anordnung des Innenministers Waber nicht untersagt hatte. Reumann wurde aber freigesprochen, da unklar war, ob die Weisung korrekt zustande kam. Hinter dem Freispruch stand auch Hans Kelsen, damals Verfassungsrichter, der den Missbrauch der staatsrechtlichen Anklage erkannt hatte.

Um die Jahrhundertwende hatte Schnitzler den damals finalisierten "Reigen" nur im kleinen Kreis verteilt und sogar seiner späteren Frau Olga, damals Schauspielschülerin bei den Lehrern Strakosch und Römpler, als "toxische Literatur" vorenthalten.

Aber hatte er nicht selbst als Zauberlehrling die wallenden Besen in den Gehirnen seiner Zuschauer und Leser geweckt, die sich selbst durch dezente Regie und Auslassungen nicht stoppen ließen? Heute sieht man derartige Szenen viel entspannter, denn die Theaterwirklichkeit der Inszenierungen bringt Sex und Gewalt auch dort explizit, wo Autoren Zurückhaltung walten ließen, wie etwa zuletzt die Dramatisierung von Doderers "Strudlhofstiege" zeigte, ein Roman, der in eroticis nicht unbedingt sein Kernthema findet.

Arthur Schnitzler, der auf Wunsch des Vaters, so wie sein Bruder Julius, Medizin studiert und auch zeitweise als Laryngologe praktiziert hatte, war einst selbst kein Kostverächter, er hatte die männlichen "Reigen-Rollen" durchwegs selbst verkörpert. Das erklärt seine eigentümliche Phobie gegenüber der allzu expliziten Darstellung, die wie ein Rückzug und eine Distanzierung vom eigenen Werk anmutet.

Doch Schnitzler, der zwei unversorgte Kinder hatte sowie seiner Frau (bald Ex-Frau) Unterhalt schuldete und dem Tantiemen in der Inflationszeit sicher nicht unrecht kamen, schätzte selbst nach dem Umbruch in Deutschland und in Österreich das bereits zwei Jahrzehnte alte Stück als nicht geeignet für eine weitere Verbreitung oder gar Aufführung ein.

Der Druck auf den Urheber, das Werk für eine szenische Umsetzung freizugeben, stieg bald nach dem Fall der beiden Kaiserreiche. Schnitzler, dessen "Liebelei" bereits 1895 im Burgtheater vom fortschrittlichen Direktor Max Burckhard aufgeführt worden war, galt seither als Erfolgsgarant. Viele seiner Sujets wurden auch verfilmt, darunter "Fräulein Else" mit Elisabeth Bergner. Aber selbst noch im Jahr 1999 sorgte ein Film wie "Eyes Wide Shut" unter Regie von Stanley Kubrick für Furore. Das Drehbuch des von Nicole Kidman und Tom Cruise aufgewerteten Streifens basiert auf Schnitzlers "Traumnovelle".

Enttabuisierung#

Frank Wedekind, Arthur Schnitzler und sein Alter Ego Sigmund Freud sollten den Weg für die Enttabuisierung bereiten, indem sie die verlogene Sexualmoral analysierten und alle Formen von Gewalt und Missbrauch anprangerten. Dieses Thema zog in den 1920er Jahren bei Theaterleitern und Regisseuren, von denen sich viele um den "Reigen" beworben hatten. Max Reinhardt wünschte bereits 1919 von Schnitzler die Rechte: "Bitte legen Sie die Regie in geeignete Hände!"

Und so ließ sich der Autor breitschlagen und ermöglichte einen "Reigen" an Aufführungen, die in München, Stuttgart, Wien und Berlin auf kleineren Bühnen starteten und überall für einen Eklat sorgten, vor allem im Sommer 1921 in der reichsdeutschen Hauptstadt. In der Weimarer Republik kriselte es, wofür die Feme-Morde an den deutschen Politikern Matthias Erzberger und Walther Rathenau blutiges Zeugnis ablegten. Hakenkreuzler und Antisemiten hetzten die Bevölkerung auf, vor allem wenn es gegen ein "Judenstück" ging.

Theater in Oslo, Stockholm oder Kopenhagen, für die der S. Fischer-Verlag die Rechte vergeben konnte - in Österreich und Deutschland hatte er sich dieses Recht aus Misstrauen gegenüber Samuel Fischer vorbehalten -, mussten kein von Klerikalpolitikern und selbst ernannten deutschtümelnden Sittenwächtern aufgescheuchtes Publikum fürchten. Dort gab es keine Kämpfe und zertrümmerte Garderoben wie an den Wiener Kammerspielen, die damals zum Volkstheater ressortierten (heute: Nebenbühne des Theaters in der Josefstadt).

Bildende Künstler zeigten Interesse an Bühnenzeichnungen und Grafiken, die sich förmlich aufdrängten. Stefan Eggeler, ein 25-jähriger Akademiestudent, der auf Wunsch des Vaters, eines ehemaligen Hofbeamten, die juristischen Studien abgeschlossen hatte, legte eine "Reigen"-Mappe vor, welche eine gelungene Darstellung der Episoden beinhaltet und die Szenen am Donaukanal und in den Boudoirs eindrucksvoll wiedergibt.

Doch der junge Mann, der bei Schnitzlers Nachbarn in der Sternwartestraße, dem Bildhauer Ferdinand Schmutzer, studierte, fand nicht das Placet des Autors. Schnitzler, dem die von ihm durch Text, Konnotationen und Andeutungen nahegelegte Darstellung der Szenen zu weit ging, sagte dem Künstler seine Meinung über die angeblich misslungenen Grafiken, worauf dieser laut Tagebucheintrag "fast einsichtig" reagierte. Was blieb ihm anderes übrig?

Buchcover: Schnitzlers Reigen
Foto: © S. Fischer

Schnitzler hatte im Sommer 1921 das absehbare Ende einer "Liebelei" erlebt, die sich als zunehmend konfliktträchtig erwiesen hatte. In München wurde seine Ehe mit der Sängerin Olga Gussmann Ende Juni durch Überreichung des Scheidungsbriefs vor dem Rabbiner rituell geschieden, in Wien folgte am 7. Juli 1921 im Beisein des gemeinsamen Anwalts, aber ohne Olgas Präsenz, der rechtskräftige Abschluss einer Ehehölle, die durch gegenseitige Eifersucht immer neuen Brennstoff erhalten hatte.

Schnitzler schrieb lapidar in sein Tagebuch, dass er nun seinen Beitrag zur Scheidungs-Statistik geleistet hatte, die aber damals gar keine hohen Zahlen aufwies, weil Katholiken sich in Österreich nur von "Tisch und Bett" trennen durften, die Ehe aber unauflöslich blieb. Von einer Gattin kann man sich scheiden lassen, doch von einer Familie nicht, selbst die bisher schon mühsam zu akkordierenden Sommerurlaube erforderten nun eine sensible Planung.

Bald wollte Olga nach Wien zurückkehren und signalisierte das über Alma Mahler-Werfel, Berta Zuckerkandl und den in München tätigen gemeinsamen Theater-Freund Joseph Chapiro. Schnitzler, der damals 59 Jahre alt war, wollte seine Freiheit, er traf sich mit der jungen Bankangestellten Hedy Kempny und der Arztgattin Vilma Lichtenstern, die 1928 tragisch bei einem Autounfall starb. Im selben Jahr erschoss sich seine frisch verheiratete Tochter Lili erst neunzehnjährig in Venedig in einem Anfall von "nervosismo".

Dieses Juli-Ereignis war, wie Schnitzler schrieb, sein vorweggenommener Tod. Bis zu seinem Ableben infolge eines Gehirnschlages versuchte er dennoch im Reigen von drei Frauen, seiner Ex-Gattin Olga, der Autorin Clara Pollaczek und der jungen Übersetzerin Suzanne Clauser, so etwas wie Alterserotik auszukosten. Der "Reigen" verfolgte ihn, weitere persönliche Dramen blieben nicht aus, wobei Clara Pollaczek nach einem Suizidversuch von ihrem Sohn Karl, der als Arzt tätig war, gerettet werden konnte.

Literatur:#

  • Alfred Pfoser/Kristina Pfoser-Schewig/Gerhard Renner: Schnitzlers "Reigen". Bd. 1: Der Skandal. Analysen und Dokumente, Bd. 2: Die Prozesse. Analysen und Dokumente, S. Fischer, Frankfurt/Main 1993.
  • "Der Kampf um den Reigen". Vollständiger Bericht über die sechstägige Verhandlung gegen Direktion und Darsteller des Kleinen Schauspielhauses Berlin. Herausgegeben und mit einer Einleitung von Wolfgang Heine, E. Rowohlt, Leipzig/Berlin 1922.
  • Barbara Rieger (Hrsg.): Reigen reloaded. Mit Texten von u.a. Daniele Strigl, Gustav Ernst, Petra Ganglbauer und Daniel Wisser. Kremayr & Scheriau, Wien 2021.

Gerhard Strejcek, geboren 1963, ist Ao. Professor am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien und Autor.

Wiener Zeitung, 17. Oktober 2021