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Der große Vorrat an Zeit #

Erinnerung an den Erzähler Stefan Andres, der vor 50 Jahren, am 29. Juni 1970, in seiner Wahlheimat Italien gestorben ist.#


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: Die Furche (25. Juni 2020)

Von

Oliver vom Hove


Gedenktafel für Stefan Andres am Niederprümer Hof in Schweich
Gedenktafel für Stefan Andres am Niederprümer Hof in Schweich.
Foto: Name. Aus: Wikicommons, unter CC BY-SA 3.0

Stefan Andres. Die Kriegsjahre verbrachte Andres in innerer Emigration in Positano. In den 1950er und 1960er Jahren avancierte er zu einem der meistgelesenen deutschen Schriftsteller. Wird es ein Sommer ohne Italien werden in diesem Jahr? Das kann nur ein Sommer der Sehnsucht sein. Verlockend: Neapel, Sorrent, dann die amalfitanische Küste hinab – und dort, kletternd den Felshang hinauf, das Fischer- und Künstlernest Positano.

Man kann den Ort lesend besuchen, ist er doch eng verbunden mit Werk und Namen des deutschen Dichters Stefan Andres. In den 1930er Jahren wurde Positano für ihn zum Fluchtort vor dem Meinungsgefängnis der Nazis. Dem Druck auf Kulturschaffende wich Andres, nicht ohne Armutsgefährdung, nach Süditalien aus, wo er und vor allem seine halbjüdische Frau trotz Mussolini-Diktatur noch einigermaßen unbehelligt leben konnten.

In Positano fand er jenen „großen Vorrat an Zeit“ vor, den er als kennzeichnend für den Küstenort empfand. Hier verfasste er eine Reihe von Romanen und Erzählungen, für die er die ihm vertraute „Treppenstadt“ als Schauplatz wählte. „Terrassen im Licht“ nannte Andres eine Sammlung von Geschichten aus Positano, dem „Städtchen, das vom Meer aufsteigend dem Berg seine Häuserwürfel an die unteren hügelhaften Ausläufer heftet“. Ein archaisches Leben wird vorgestellt, beherrscht von den natürlichen Elementen der Sonne, des Meeres, der Stürme und heißen Wüstenwinde, Schirokko genannt.

Flucht vor der Vergangenheit #

Im eng begrenzten gesellschaftlichen Biotop des beschaulichen Fischernests gediehen für den Erzähler Gewächse der unterschiedlichsten Art. In der Dorfschenke hat er sie meist versammelt: Handwerker, Fischer, Wein- und Gemüsebauern, Fischhändler, uniformierte Carabinieri. In einer der markantesten Erzählungen, „Die beiden Pharaonen“, bringt ein lautstark als Herrenmensch auftretender Deutscher vorübergehend die alteingesessene Ordnung durcheinander. Er lässt die stehen gebliebene Turmuhr des Campanile reparieren und legt sich mit dem selbstherrlichen Dorfwirt Giovanni an, der eine Machtposition als Mafioso des Orts zu verteidigen hat. Höchst vergnüglich lässt sich miterleben, wie da zwei Kampfhähne mit Manneskraft und Männerstolz einen Revierstreit ausfechten, der bis zum Äußersten gerät.

Schon mit seinem ersten Roman, „Der Mann von Asteri“, war Andres 1939 ganz in die Mittelmeerwelt eingetaucht – und in das Thema der Flucht vor der Vergangenheit, das ihn noch mehrfach beschäftigte. Diese Flucht führt den Besitzer eines Weinguts an der Mosel zuerst nach Italien, in das „Città morta“ genannte Positano, und von dort weiter nach Griechenland: Die Furien einer ungeklärten Schuld sind ihm auf den Fersen, bis sein verleugneter Nachkomme die verworrene Vita des Vaters zurechtrückt. Bereits in dem Romanerstling erweist sich der Autor als ein Erzähler voll subtiler Menschenkunde und zupackender, bildkräftiger Beschreibungskunst.

Ursprünglich hatte Andres, der 1906 geborene Müllerssohn aus dem Moselland, Priester werden wollen. Er besuchte eine Klosterschule, verließ aber als 19-Jähriger noch vor Beendigung des Noviziats die Mauern der Geistlichkeit und wandte sich dem Studium der Germanistik sowie Theaterwissenschaft zu. In der frühen Erzählung „Bruder Lucifer“ setzte er sich mit seinen Klostererfahrungen auseinander. Und in dem erzählseligen Erinnerungsband „Der Knabe im Brunnen“ kehrte er später in großen autobiografischen Bögen – „Aquädukte der Erinnerung“ nennt er sie – in seine Kindheits- und Jugendwelt zurück.

Gräber in den Augen der Macht #

Berühmt wurde der Dichter Stefan Andres durch zwei noch in der Nazizeit erschienene Erzählstücke, die als Widerstandsliteratur gelesen wurden. In der Novelle „El Greco malt den Großinquisitor“ fertigt der größte Maler seiner Epoche in Spanien, der Kreter El Greco, just am Scheitelpunkt der sogenannten „Heiligen Inquisition“ ein alarmierendes Porträt des Großmeisters der Glaubensverfolgung, des Kardinals Niño de Guevara, an. Wortgewaltig, in scharfen Bildeindrücken und gehaltvollen Dialogen wird hier der elementare Konflikt zwischen Unterdrückung und Freiheitsbeharren verhandelt. In schwerem innerem Ringen entscheidet sich der Arzt Cazalla angesichts des kranken Kardinalinquisitors, den gefürchteten Glaubenstyrannen nicht zu töten, sondern gemäß seinem Eid als Mediziner zu heilen.

Unabhängig von dieser Gewissensthematik beeindruckt die sprachliche Erfassung von El Grecos Malkunst, die sich in der sinnlichen Nachempfindung der Eindrücke des Künstlers ausdrückt: „Vielerlei Tiere sind in der Menschen Augen wie in den Käfigen der Tierzwinger; da geht es mannigfaltig um von Gier, List, Trägheit und Blutrausch, meist jedoch ungefährlich und durch Sitte und Angst vergittert. Gefährlich aber sind Ninos Augen. Wie im kühlen Dunkel der Krypta ist da alles unbewegt und ineinander ... Es sind Gräber in diesen Augen.“ Die bereits 1936 verfasste und auch veröffentlichte Novelle warf mitten im NS-Staat ein Schlaglicht auf den unerbittlichen Vernichtungswillen, der in einem totalitären Machtsystem um sich greift.

Auch die im Krieg, 1942, niedergeschriebene Novelle „Wir sind Utopia“ kreist um die „Blankovollmacht“, die Gott dem Menschen mit der Freiheit, selbstständig zu handeln, eingeräumt hat. Hier sieht sich ein ehemaliger Priester, der im Spanischen Bürgerkrieg interniert wird, durch Zufall in die Lage versetzt, den Anführer einer mörderischen Soldateska, die das Land heimsucht, ermorden zu können, statt ihm wie befohlen die Beichte abzunehmen. Auch hier fällt die Gewissensentscheidung zugunsten von „Utopia“ aus: der friedfertigen, weiterweisenden Botschaft des Evangeliums.

Der gläubige Katholik Andres folgte auch im Nachkriegsdeutschland, in das er 1949 zurückgekehrt war, seiner pazifistischen Überzeugung und schloss sich den Protesten gegen die deutsche Wiederbewaffnung an. Damals gehörte er zu den erfolgreichsten Autoren auf dem deutschen Buchmarkt. Vom Wohlstandsfuror seiner Landsleute und ihrer verweigerten Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit war er jedoch so abgestoßen, dass er sich 1961 entschloss, nach Italien zurückzukehren und sich in Rom niederzulassen. Dort starb er, nach einer missglückten Operation, nur 64-jährig am 29. Juni 1970.

Andres’ Romane und Novellen aus Positano waren leichtfüßig erzählt, con brio. Später wurde sein Erzählstil zunehmend fahrig, ausufernd, episodisch zersplittert. Das zeigte sich auch an dem ehrgeizigen Projekt einer „Sintflut“-Trilogie, in der die totalitären Erfahrungen des Jahrhunderts in ein überfrachtetes Gleichnis mit Weltuntergangsnähe gepresst erscheinen.

In dem Vater-Tochter-Roman „Die Reise nach Portiuncula“ indes begibt sich ein Aufsteiger des deutschen Wirtschaftswunders nach Jahrzehnten auf die Reise nach Italien, um „auf den Maultierpfaden seiner Jugend nach Erinnerungen zu suchen“, wie es heißt. Er findet letztlich seine einst schnöde verlassene Geliebte wieder – wenig überraschend ist sie verbittert, verhärmt, in falscher Treue versteinert. Sie serviert dem Untreuen sogar ein Mahl. „Es ist schön, den Männern beim Essen zuzusehen“, sagt sie. Hier offenbart sich ein Frauenbild aus der Mottenkiste.

„Transparenter Realismus“ #

Allerdings wird in dem Buch auch ein in der Literatur eher seltenes Thema angeschlagen: die Eifersucht und erpresserische Liebesfessel, mit der ein Vater seine erwachsene Tochter an sich zu binden trachtet. Dabei erweist sich Andres erneut als Erzähler voll feinsinniger Einfühlung in seelische Irritationen und ausdrucksstarker Figurenzeichnung.

„Transparenten Realismus“ hat man den besten von Andres’ Werken bescheinigt. In ihnen wird nicht zuletzt ein christlicher Humanismus verhandelt, der von der Fähigkeit der Menschen zu Selbsterkenntnis und Willensfreiheit überzeugt ist.

Die Bücher von Stefan Andres sind, soweit vorrätig, im Wallstein Verlag, Göttingen, erhältlich.

Die Furche, 25. Juni 2020