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Automotive 3: Donnergrollen als Vergnügen#

(Customizing und Hot Rodding)#

von Martin Krusche

Das Grollen eines V8 Big Block, auf dem ein Kompressor hockt, der die Brennkammern füllt wie ein Gewittersturm, war höchstwahrscheinlich noch nie der Anlaß, daß jemand sich die Stirn mit einem feinen Tücherl trocknete und sein Oberlippenbärtchen über den Worten „Gentlemen, start your Enginges!“ wölbte. Sie verstehen die Andeutung? Feine Herrschaften schlagen keinen Krach, kommen nicht breit und schrill daher, achten auf Manieren und gebügelte Garderobe. Sie lassen sich auch kaum bei sexuellen Deutlichkeiten erwischen, während sie Whisky aus Gläsern und nicht aus Flaschen trinken. In der hemdsärmeligen Abteilung geht es naturgemäß heftiger zu.

Ein ansehnlicher Nachbau des 1932er Ford. Flame Job und abmontierte Kotflügeln, außerdem das Häusel, nicht 'channeled', also über den Leiterrahmen abgesenkt, daher ein Prachtexemplar von 'High Boy', eine Ikone der Hot Rod-Kultur. - (Photo: Martin Krusche)
Ein ansehnlicher Nachbau des 1932er Ford. Flame Job und abmontierte Kotflügeln, außerdem das Häusel, nicht "channeled", also über den Leiterrahmen abgesenkt, daher ein Prachtexemplar von "High Boy", eine Ikone der Hot Rod-Kultur. - (Photo: Martin Krusche)

Naja, vielleicht ist das jetzt schon etwas zu viel Klischee. Andrerseits, diese V8-Szene hat eine enorm stark ausgebildete symbolische Ebene mit einem raffinierten Zeichensystem, welches man kennenlernen kann, wie man eine Fremdsprache lernt.

Ich darf Ihnen flüstern, ein Grundkurs reicht dazu nicht. Das alles handelt selbstverständlich auch von Stereotypen, von markanten Rollenbildern, die sich deutlich zeigen. Aber das ist ja im Wesen einer Kultur angelegt: verbindliche Codes, prominete Role Models.

Um die Stimmung ein wenig zu skizzieren, hier ein Zitat aus einem populkärten ZZ Top-Song vom Album „Degüello“:
„Well I was movin' down the road in my V-8 Ford,
I had a shine on my boots, I had my sideburns lowered.
With my New York brim and my gold tooth displayed,
Nobody give me trouble, cause they know I got it made.
I'm bad, I'm nationwide.“

So auch der Song-Titel: „I'm bad, I'm nationwide.“ Schlagen Sie auf Youtube nach, erachten Sie das Gitarren-Intro als angemessene Overtüre, lauschen Sie! Das war dann schon die erste Lektion in dieser Sache. Aber bedenken Sie bitte, das Lied ist kein „Maßnahmenkatalog“, sondern Popkultur. Das Böse darin, das Machistische, all das in seiner sexuellen Färbung etwas Überzogene wird hier nicht als Handlungsanweisung verstanden, sondern ist Kolorit eines vergnügten Rollenspiels, welches sich manche in ihrer Freizeit leisten, andere ganze 365 Tage im Jahr leben; darunter auch genug freundliche Familienmenschen.

Attitüde, besser gesagt: Attitude, gehört dazu und wird augenzwinkernd in Szene gesetzt. Das offenbart sich allein schon in Song-Zeilen wie: „Easin' down the highway in a new Cadillac, I had a fine fox in front, I had three more in the back.“ Mit vier „scharfen Weibern“ im brandneuen Cadillac, da werden nun vor allem Frauen müde lächeln, denn die wissen nur zu gut, daß diese Pose von landläufigen Mannsbildern vermutlich bestenfalls in ganz jungen Jahren und unter Doping für Rennpferde einzulösen wäre, um dann schleunigst einen Notarzt zu rufen.

Sollte der Eindruck noch nicht ausreichend deutlich sein, legen Sie „Jesus Just Left Chicago“ von ZZ Top nach: „Took a jump through Mississippi, muddy water turned to wine. Then out to California through the forests and the pines. Ah, take me with you, Jesus.“ Das ist fast schon Naturromantik. Außerdem geht es ganz ohne teure Modeberatung, wenn man sich von den Rauschebärten (vulgo Pelzgoscherln) den Song „Sharp Dressed Man“ vortragen läßt: „Top coat, top hat, I don't worry, coze my wallet's fat. Black shades, white gloves, lookin' sharp, lookin' for love. They come runnin' just as fast as they can, 'cause every girl is crazy 'bout a sharp dressed man.“

Mit diesen drei Songs ersparen Sie sich in der Sache einen kompletten Volkshochschulkurs. (Naja, legen wir noch „La Grange“ drauf, dann paßt es.) Das ist also Popkultur. Um es mit Susan Sontag zu sagen: das ist „Camp“. Äußerst ambivalent und stark akzentuiert. Sontag: „Camp is a certain mode of aestheticism. It is one way of seeing the world as an aesthetic phenomenon. That way, the way of Camp, is not in terms of beauty, but in terms of the degree of artifice, of stylization.“ Daraus folgt bei ihr auch: „I am strongly drawn to Camp, and almost as strongly offended by it.“ (Aus Notes On ‚Camp!", 1964)

Dieser Pontiac im „Ratte-Look“ hat ein tiefergelegtes Dach, einen sogenannten Top Chop. Es zählt hier, wie in der Chopper-Kultur (Motorräder), nicht der Fahrkomfort, sondern der Wow-Effekt. Das roh konservierte Blech wird in der Friontpartie gezielt mitt Chromn-Zoerrat kontrastiert. – (Photo: Martin Krusche)
Dieser Pontiac im „Ratte-Look“ hat ein tiefergelegtes Dach, einen sogenannten Top Chop. Es zählt hier, wie in der Chopper-Kultur (Motorräder), nicht der Fahrkomfort, sondern der Wow-Effekt. Das roh konservierte Blech wird in der Friontpartie gezielt mitt Chromn-Zoerrat kontrastiert. – (Photo: Martin Krusche)
Nein, der Brocken obenauf ist nur der Kompressor (Charger, Blower), der Motor liegt darunter. Links ein breiter Zahnriemen über einem Stirnrad, der Antrieb kommt von der Kurbelwelle. Diese Anlage entfaltet ein eigentümliches Singen, bis ein Gasstoß das Monster brüllen läßt und alles übertönt. – (Photo: Martin Krusche)
Nein, der Brocken obenauf ist nur der Kompressor (Charger, Blower), der Motor liegt darunter. Links ein breiter Zahnriemen über einem Stirnrad, der Antrieb kommt von der Kurbelwelle. Diese Anlage entfaltet ein eigentümliches Singen, bis ein Gasstoß das Monster brüllen läßt und alles übertönt. – (Photo: Martin Krusche)
Dieser Hochglanz-Cadillac hat auf der Haube einen klassischen Flame Job, das typische Flammen-Design. Es wird natürlich auch mit andren Farb-Schemata realisiert. Die Stoßstange erinnert keinesfalls zufällig an die Bullet Bra-Mode mondänder Filmstars. – (Photo: Martin Krusche)
Dieser Hochglanz-Cadillac hat auf der Haube einen klassischen Flame Job, das typische Flammen-Design. Es wird natürlich auch mit andren Farb-Schemata realisiert. Die Stoßstange erinnert keinesfalls zufällig an die Bullet Bra-Mode mondänder Filmstars. – (Photo: Martin Krusche)

Solche kulturtheoretischen Erörterungen interessieren in dieser Szene aber annähernd niemanden. Ist auch nicht nötig. Diese Subkultur zu leben macht ohnehin genug Arbeit, welche elegant geleistet werden will, um hochkarätige Ergebnisse hervorzubringen.

In unserem Kulturprojekt „Vom Pferd zum Sattelschlepper“ erscheint es durchaus angebracht, auf diese farbenfrohe Nachbarschaft zu achten, denn dort wird gleichermaßen Wissens- und Kulturarbeit geleistet. Sie ereignet sich bloß nicht theoriegeleitet, aus Büchern und Fachdiskursen bezogen, sondern aus einer ästhetischen Praxis heraus, die in gut vernetzten Communities ihr Know how aufbewahrt, weitergibt, daher vielfach als etwas mündlich Überliefertes. Genau das, diese mündliche Überlieferung wichtiger Details, macht diese Kultur so interessant; wie natürlich auch die Ergbnisse der Handwerksarbeit an den Fahrzeugen.

Die oststeirische V8-Szene ist längst der gut etablierte Bereich einer Volkskultur in der technischen Welt. Wo Rockabellas und Inked Ladies mit Männern umgehen, die aus einem Film der Cohen-Brüder stammen könnten, vorzugsweise O Brother, Where Art Thou? aus dem Jahr 2000, finden man Hot Rods und Custom Cars, aber auch völlig original erhaltene Klassiker aus Amerika.

Zu den cineastischen Standards, die stilprägend wurden, gehört natürlich auch der Low Budget-Hit American Graffiti (1971) mit all seiner Teenager-Wehmut. Wer dagegen etwas die lapidare Coolness illegaler Straßenrennen erfahren möchte, ist mit "Two-Lane Blacktop" (1971) gut beraten: Ennui auf breiten Reifen.

Das ist alles ganz wesentlich innerhalb der Popkultur zu uns gekommen. Sowohl die Fahrzeugstile, als auch die Dress Codes, dazu verschiedene Musikrichtungen. Das zeigt sich äußerst kontrastreich bei den diversen Treffen, bei Cruisings (Spazierfahrten und Korsos) und Konzerten. Autos, Bekleidung, Makeup, Haartracht und Musik aus den 1930ern bis 1960ern sind vorrangig.

In Gleisdorf bietet außerdem das American Diner „True Fellas“ ein an den amerikanischen Diners orientiertes Lokal. Nebenan ein Tattoo-Studio und ein Barber Shop, genauer: ein Herrensalon, wo sich Frisur und Bart stilgerecht gestalten lassen. An solchen Zusammenhängen dockt auch das Road House in Weiz an, wo man ebenfalls immer wieder amerikanisches Alteisen mit V8-Triebwerken sehen kann.

Falls Sie ihn einem Pop-Song den Begriff „V8 Ford“ hören, was nach „Veee-Eight-Foord“ klingt, das ist einer. Weitgehend schmucklos, aber keineswegs original, also dezent im Understatement gehalten. – (Photo: Martin Krusche)
Falls Sie ihn einem Pop-Song den Begriff „V8 Ford“ hören, was nach „Veee-Eight-Foord“ klingt, das ist einer. Weitgehend schmucklos, aber keineswegs original, also dezent im Understatement gehalten. – (Photo: Martin Krusche)
Dieser offene Ford Model A aus den 1920er Jahren dürfte noch allerhand originale Substanz aus jener Zeit haben. Modelle der Vorkriegszeit waren attraktiv zur Modifikation, weil sie meist auf einen stabilen Leiterrahmen standen, weshalb Veränderungen an der Karosserie die Integrität des Wagens nicht so leicht gefährdeten. – (Photo: Martin Krusche)
Dieser offene Ford Model A aus den 1920er Jahren dürfte noch allerhand originale Substanz aus jener Zeit haben. Modelle der Vorkriegszeit waren attraktiv zur Modifikation, weil sie meist auf einen stabilen Leiterrahmen standen, weshalb Veränderungen an der Karosserie die Integrität des Wagens nicht so leicht gefährdeten. – (Photo: Martin Krusche)
Herbert Hoffmann, die 2010 verstorbene Legende der Tattoo-Szene, hat sich auch als ein versierter Fotograf profiliert. Hier besuchte er im Jahr 2009 eine oststeirische Convention. – (Photo: Martin Krusche)
Herbert Hoffmann, die 2010 verstorbene Legende der Tattoo-Szene, hat sich auch als ein versierter Fotograf profiliert. Hier besuchte er im Jahr 2009 eine oststeirische Convention. – (Photo: Martin Krusche)

Unter Hot Rods versteht man hauptsächlich US-Klassiker, die über Modifikationen einen schillernden Auftritt haben, aber vor allem frisierte Motoren, welche in den High Performance-Bereich führen. Mit solchen Autos werden auch Rennen gefahren. Custom Cars sind hauptsächlich modifizierte Automobile, die handwerkliche und ästhetische Kompetenz vorführen. (Niemals ein leichter Job bei der österreichischen Zulassungsbehörde.)

In beiden Genres – Hot Rodding und Customizing – findet man längst auch europäische und japanische Marken. Eine etwas jüngere Subkultur sind amerikanische Muscle Cars. Meist sportliche Coupés aus der Massenproduktion, mit starken Motoren und Hochleistungskomponenten aufgebrezelt. Da geht’s dann im Design auch zügig in die 1970er Jahre hinein. Die Ära zählt, aber bei den Meetings wird wohl keine der Retromaschinen davongejagt. Jüngere Chrysler 300, Ford Mustang, Dodge Charger oder Chevy Camaro, Design-Zitate der „Goldenen Jahre“, dürfen im Umfeld mitkurven.

Das Basis-Design dieses 1939er Lincoln Zephyr, ein typisches Dreifenster-Coupé, stammt von Tom Tjaarda, der sich dazu vom Flugzeugbau inspirieren ließ. Durchaus denkbar, daß unter dieser Haube noch ein sechs Liter V12 steckt, aber viel wahrscheinlicher ein späteres V8-Triebwerk. – (Photo: Martin Krusche)
Das Basis-Design dieses 1939er Lincoln Zephyr, ein typisches Dreifenster-Coupé, stammt von Tom Tjaarda, der sich dazu vom Flugzeugbau inspirieren ließ. Durchaus denkbar, daß unter dieser Haube noch ein sechs Liter V12 steckt, aber viel wahrscheinlicher ein späteres V8-Triebwerk. – (Photo: Martin Krusche)

Aus all dem ergibt sich eine Schrauber- und Sammlerszene, die durch mehrere soziale Milieus reicht. Je nach Standing ist dann grade einmal ein einzelner Klassiker in der Familie oder eine ganz Kollektion. Manche der Enthusiasten sind, wie soll ich sagen?, Crossover-Fans. So ein Weizer Ehepaar, das gerade mit einer blütenweiße Corvette ankam, einige Tage davor mit einem alten Ford K1000 (Kleinbus) von der Feuerwehr das Treffen im Schloß Stadl besuchte, aber bei anderer Gelegenheit auf einem seltenen, zivilen Ableger des Wehrmachtsgspannes von Zündapp zu sehen war.

Es braucht sehr viel Leidenschaft, Ausdauer und Lernwillen, um solche Ensembles im Paket zu bewältigen. Das verweist auf die Tatsache, welches Ausmaß an Kompetenzerwerb nötig und üblich ist, wo jemnd nicht einfach scrhauben läßt, was eine shr fette Brieftasche verlangt, sondern selbst schraubt. Dabei sind nicht nur gelernte Professionisten anzutreffen. Viele Enthusiasten haben sich zusätzlich zu ihrem Brotbeuf sachkundig gemacht, das Handwerkliche eingeübt.

Etliche der Veranstaltungen kehren alljährlich wieder, haben darin fast schonm Brauchtums-Charakter. Manche Enthusiasten tragen zu solchen Anlässen die passende Garderobe aus vergangenen Zeiten, andere sind in ihrem Alltag ganzjährig so prägnant aufgestellt, ein wenig exotisch. Wie schon erwähnt, es ist eine Vokskultur in der technischen Welt, von der Basis engagierter Menschen getragen und belebt, hauptsächlich auf diesen Feldern noch nicht von der Unterhaltungsindustrie okkupiert, wie etwa das populäre „Aufsteiern“(Volkskultur) oder ein hochpreisig angelegtes soziales Statement wie die „Ennstal Classic“ (Oldtiner-Rallye).