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Möglichkeitsraum und Maschinentraum#

Zum Auftakt eines kulturellen Vorhabens#

von Martin Krusche

Ich stehe mit Hermann Maurer an der Schwelle zu einem komplexen Vorhaben. Dabei möchten wir überprüfen, wie aus der Betrachtung jener 200 Jahre permanenter technischer Revolution und allgemeiner Beschleunigung, die zuletzt auch unsere Biographien gefärbt haben, brauchbare Schlüsse möglich sind, um unserer unklaren Zukunft angemessen zu begegnen.

Wissenschafter Hermann Maurer - (Foto: Martin Krusche)
Wissenschafter Hermann Maurer - (Foto: Martin Krusche)

Es geht um Schlüsse aus drei industriellen Revolutionen, damit wir nun, längst auf Kurs in eine Vierte Industrielle Revolution, erst einmal relevante Fragen finden, mit denen in die nahe Zukunft aufzubrechen wäre.

Wie wollen wir auf eine Situation zugehen, in der sich Ereignisse einstellen werden, die noch nicht gedacht werden können?

Maurer hat in mehreren Vorträgen dargelegt, daß wir nicht zu Propheten taugen. Prüft man alte Quellen, fällt auf, daß uns vieles avisiert wurde, was nicht kam. Dagegen leben wir mit Verhältnissen, die nicht vorausgesagt wurden.

Das rät keineswegs von Gedankenspielen ab. Wir sollten sie bloß nicht für Prophezeiungen halten. Was aber wollten wir? Wie schon angedeutet, wir könnten uns heute darüber verständigen, was denn nun gute Fragen seien.

Wir könnten? Nein, die Möglichkeitsform haben wir schon ausgeschlossen und begonnen, vorerst mit Mitteln der Netzkultur einen Möglichkeitsraum aufzumachen, der augenblicklich vor allem ein Kommunikationsraum ist.

Dabei wird aber keineswegs auf reale soziale Begegnung verzichtet. Im Gegenteil! Wir sind nun seit Monaten mit inspirierten Menschen im Gespräch, um diesen Prozeß zu verdichten.

Wir wollen im Laufe des Arbeitsjahres 2017 ein Wechselspiel zwischen Internet und Analogem Raum entfalten, bei dem für Wissens- und Kulturarbeit beide Raumkonzepte genutzt werden; die Gegenwartskunst natürlich einbezogen.

Das ist die Ausgangssituation des Vorhabens „Mensch und Maschine“ (Virtualität und erfüllte Symbiose). Augenblicklich will das im Inhalt präzisiert werden. Dieser Schritt verlangt nach Einladungen an andere Initiativen, nach Verständigung und Kooperationen.

Künstler Martin Krusche - (Foto: Archiv Krusche)
Künstler Martin Krusche - (Foto: Archiv Krusche)

Der erwähnte Möglichkeitsraum soll für sehr unterschiedliche Talente attraktiv werden, auf daß wir einen lebhaften Austausch erreichen. Um gute Fragen zur Zukunft herauszuarbeiten, schätzen wir auch Blicke in die Vergangenheit.

Wie angedeutet, es sind nun zweihundert Jahre einer gut dokumentierten Dynamik überschaubar, in denen uns eine permanente technische Revolution treibt. Darin hat uns längst befallen, was Philosoph Günther Anders die Prometheische Scham nannte, daß wir uns nämlich selbst erschaffenen Maschinensystemen unterlegen fühlen.

Genau solche Kräftespiele spitzen sich gerade erneut zu. Über uns beide, Maurer und mich, läßt sich verbindlich sagen, daß wir keine Kulturpessimisten sind, daß wir es eindeutig vorziehen, in interessanten Zeiten zu leben; mit all den offenen Fragen, vor denen wir staunend stehen.

Dazu ein persönliches Detail. Wir haben in Fragen der Netzkultur ein Stück gemeinsame Vorgeschichte. Freilich mit dem essentiellen Aspekt, daß Maurer einiges erdacht und erfunden hat, womit ich schließlich gearbeitet habe. Siehe dazu: „Sehr persönliche Ergänzung“!

Unsere derzeitige Zusammenarbeit repräsentiert ihrerseits eine komplexe Kooperationssituation. Maurer vertritt dabei einerseits die Technische Universität Graz, andrerseits das Webprojekt Austia-Forum. Ich agiere hier namens des Kuratorium für triviale Mythen mit aktuellen Erfahrungen aus dem Projekt Dorf 4.0.

+) Zur unmittelbaren Vorgeschichte dieses Projekte siehe "Mensch und Maschine"

+) Zum Abschluß deponiere ich augenzwinkernd eine bedeutende Frage, die uns der Autor Philip K. Dick hinterlassen hat: Träumen Androiden von elektrischen Schafen?