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Pantheist, Freigeist oder Christ? #

Ludwig van Beethoven war ein tiefreligiöser Mensch, seine Glaubensvorstellungen waren jedoch viel weiter gespannt als die Traditionen seiner Zeit.#


Von der Wiener Zeitung (12. Dezember 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Harald Pfeiffer


Beethoven mit der 'Missa solemnis', porträtiert von Joseph Karl Stieler (1820).
Beethoven mit der "Missa solemnis", porträtiert von Joseph Karl Stieler (1820).
Foto: © IMAGNO/Austrian Archives (AA)

250 Jahre Ludwig van Beethoven. Seine Werke - 772 an der Zahl - sind globales Kulturgut. Vieles aus der Klangwelt dieses Ausnahmekünstlers ist uns vertraut. Weniger bekannt dagegen ist eine ganz andere Seite an ihm, nämlich: Wes Geistes Kind ist dieser "empfindsame Titan", dieser "einsame Revolutionär", wie die Untertitel zweier neuer Beethoven-Biographien lauten? Wie hält er es mit dem Glauben? Hat er überhaupt einen?

Es ist wenig bekannt, dass er elf Jahre Organist am kurfürstlichen Hof in Bonn ist, seiner Geburtsstadt. Hier spielt er täglich die Orgel, wie auch in weiteren Kirchen der Umgebung. Er hört Predigten von Pfarrern und Universitätsprofessoren. Hat die sonntäglich gehörte biblische Botschaft Beethoven etwas bedeutet? Ihn gar religiös geprägt? Er ist ja katholisch getauft. Und durch seinen Orgeldienst wird der zwölfjährige Ludwig natürlicherweise zum Kirchgänger. Ob da wohl irgendein christlicher Gedanke in seiner jungen Seele hängengeblieben ist?

Seine Orgelkünste üben auf die Zuhörer große Wirkung aus. Dass es ihm bei seinen Orgelauftritten in erster Linie auf die improvisatorisch-künstlerische Seite ankommt, auf seine Spielfreude, belegt beispielsweise folgende Begebenheit: In der Karwoche begleitet Beethoven in der Hofkapelle den tonfesten Hoftenor Ferdinand Heller, und zwar auf dem Klavier, denn in der Woche vor Ostern herrscht Orgelverbot. Heller singt die "Lamentationes Jeremiae", die Klagelieder Jeremias. Plötzlich kommt er jedoch aus dem Konzept. Warum? Beethovens Klavierbegleitung nimmt derart improvisatorische Züge an, die den sonst tonsicheren Tenor völlig aus der Bahn werfen.

Musik als Religion#

Gerät unter Beethovens Fingern kirchliche Musik bereits in das Fahrwasser der weltlichen Musik? Schätzt er hier die Tradition gering ein? Der weltliche Einschlag ist unverkennbar, die Kunstmusik tritt stark in den Vordergrund. Sie sorgt dafür, die kirchliche Tradition grundsätzlich in Frage zu stellen. Vor allem bekommt die Musik künftig eine Sonderstellung. Sie hat das Christentum zwar nicht abgelöst, aber sie tritt in Konkurrenz zur Religion. Die musikalische Kunst scheint zur Ersatzreligion geworden zu sein. Richard Wagner nannte Beethovens 9. Sinfonie "das menschliche Evangelium der Kunst der Zukunft".

Im Schlusschor seiner 9. Sinfonie vertont Beethoven Friedrich Schillers "Freude schöner Götterfunken"; da heißt es: "Und der Cherub steht vor Gott". Was bedeutet eigentlich Gott für den Komponisten? Sein Gottesbegriff hat vielfältige Aspekte. Manchmal spricht er sogar von "den Göttern". Wir könnten sagen: Er hat so viele Götter, wie er Interessensgebiete hat. So findet er seinen Gott auf fünf Gebieten: in der Kunst, in der Natur, in der fernöstlichen Weisheit, in der Moral und in der Bibel.

Bettina Brentano (um 1809)
Bettina Brentano (um 1809).
Foto:, unter PD

In der Musik herrscht der Gott der Kunst. Die Kunst ist für Beethoven "höchste Trösterin..., das theuerste Geschenk des Himmels". In einem Brief an die Freundin Bettina Brentano notiert er im Sommer 1810: "Die Kunst! Wer versteht die, mit wem kann man sich bereden über diese große Göttin!" Beethoven kennt die Passagen im "Handbuch der christlichen Moral" von seinem geschätzten Professor Sailer: "... das innere Leben der Religion kann sich ohne den Dienst der heiligen Kunst nicht offenbaren ... Ihr göttlicher Beruf ist, das Leben der Religion ... durch Lieder, Reden usw. hörbar zu machen."

Die Kunst ist für Beethoven ein "geheiligter Kultus, eine Art Gottesdienst". Als der Wiener Violinist Ignaz A. Schuppanzigh sich über eine seiner Meinung nach unspielbare Passage beschwert, weist ihn Beethoven zurecht: "Als ich dieses Stück komponiert habe, war ich mir der Inspirierung vom allmächtigen Gott bewußt. Glauben Sie, daß ich an Ihre elende Geige denke, wenn er zu mir spricht?" Beethoven sieht es als seine Aufgabe an, als Künstler durch seine gottgeschenkte Musik "die Strahlen der Gottheit unter das Menschengeschlecht zu verbreiten".

Beethoven verehrt die Natur. Sie ist sein Labsal, sein Refugium, sein Tempel. Im südlichen Wienerwald erholt er sich vom Stadttreiben. Die Sommermonate verbringt er auf dem Land. Die Stille benötigt er für neue musikalisch-künstlerische Kreativität, hier sammelt er auch Gotteserfahrung.

Beethovens Naturverehrung ist von der Literatur stark beeinflusst. Aus ihr gewinnt er auch seinen Glauben. In der Erbauungsschrift des protestantischen Theologen Christoph Christian Sturm mit dem Titel "Betrachtungen im Reiche Gottes in der Natur" liest er: "Hier werde ich Gott bewundern und ... einen Vorgeschmack des Himmels finden."

Auch für Beethoven ist Gott in der Schöpfung präsent. Zum englischen Harfenmacher J.A. Stumpff sagt er: "Wenn ich am Abend den Himmel staunend betrachte ..., dann schwingt sich mein Geist über die Gestirne hin zum Urquell, aus welchem alles Erschaffene strömt ... Ja, von oben muß es kommen." Für den Komponisten bedeutet also "Gottheit" der "Urquell, aus welchem alles Erschaffene strömt". Im Wienerwald notiert er: "Allmächtiger im Walde! Jeder Baum spricht durch dich. Welche Herrlichkeit!"

Drei Glaubensquellen#

Aus dem Manuskript der 6. Sinfonie.
Aus dem Manuskript der 6. Sinfonie.
Foto:, unter PD

Seine 6. Sinfonie, die "Pastorale", entspringt seiner Naturliebe, daher die Satzbezeichnungen "Szene am Bach", "Gewitter und Sturm". Der 5. Satz ist für ihn eine "Dankgesang an die Gottheit". Wenn Beethoven "die Gottheit" anruft, dann steht dahinter ein weltweites Gottesbild. Es entspringt einer Frömmigkeit, die Gottesglaube, Naturverehrung und aufklärerisches Gedankengut zu verbinden sucht. Seine Gottesvorstellung ist dreifach geprägt: pantheistisch, freigeistig, christlich.

Beethoven begeistert sich auch für fernöstliche Weisheiten. Aus der Volksreligion des Hinduismus holt er sich spirituelle Orientierung. Er liest den Rigveda, eine der heiligen hinduistischen Schriften. Ihn fesseln vor allem Verse einer Hymne auf Parabrahman, die allerhöchste Gottheit der Brahmanen. Hier sucht er sich die Passagen aus, die er gerade für seine innere Verfassung braucht: "O! Leite meinen Geist, o hebe ihn aus der schweren Tiefe durch deine Kraft." Hier findet seine gequälte Seele in seiner Ertaubung Trost und Frieden.

Ein zentrales Anliegen Beethovens ist die Moral. In seinem Heiligenstädter Testament (1802) notiert er: "Gottheit, du siehst herab auf mein Inneres... du weißt, dass Menschenliebe und Neigung zum Wohltun drin hausen." Und am Schluss schreibt er: "Empfehlt Euren Kindern Tugend." 1823 komponiert er den sechsstimmigen Kanon "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut", nach Worten Goethes. Warum aber gerade zu sechs Stimmen? Die Zahl Sechs symbolisiert die sechs Werke der Barmherzigkeit (Matthäus 25,35f). Sie fördern das Leben. Immanuel Kants Motto ist sein Wahlspruch: "Das moralische Gesetz in uns und der gestirnte Himmel über uns."

Beethoven auf einem Gemälde von Ferdinand Georg Waldmüller (1823)
Beethoven auf einem Gemälde von Ferdinand Georg Waldmüller (1823).
Foto: KHM Wien, unter PD

Die Beethoven-Biografin Christine Eichel hat die 9. Sinfonie als Beethovens "Hochamt des Humanums" bezeichnet: "Alle Menschen werden Brüder". Diesen Menschheitstraum nach Friedrich Schiller kleidet Beethoven in seiner Neunten in Musik. Es ist die Sehnsucht nach einer Gesellschaft gleichberechtigter Menschen: frei, gleich, brüderlich.

Wenn Beethoven mit sich zufrieden ist, denkt er nicht an den Gott der Bibel. Dieser Gott kommt erst dann ins Spiel, wenn sein Leben außer Kontrolle gerät; dann appelliert er an den "göttlichen Freund". Manchmal spricht er von der "Fügung des Schicksals". Damit meint er eine Macht, die ihn plötzlich überfällt, für ihn das "Unglück". Er muss sich bei seiner Ertaubung entscheiden, sich dem Schicksal still zu ergeben oder ihm zu trotzen. "Ich will dem Schicksal in den Rachen greifen; ganz niederbeugen soll es mich nicht, es ist so schön das Leben." Sein Kampf gegen das Schicksal hat die 5. Sinfonie entstehen lassen, die "Schicksalssinfonie".

Religiosität und christlicher Gottesglaube ziehen sich wie ein roter Faden durch Beethovens Leben. Dass Beethoven aus dem Glauben an Gott heraus lebt und Zeugnis gibt, zeigen vor allem seine drei religiösen Werke: das Oratorium "Christus am Ölberge", op. 85, die Messe C-Dur, op. 86 und die Missa solemnis, op. 123. Man sagt, dass Beethoven in der Ölbergszene seine eigene Situation, nämlich seinen unheilbaren Hörverlust, spirituell verarbeitet hat. Er identifiziert sich mit dem Leiden Jesu Christi.

Ein Bekenntnis#

Für sein "gelungenstes Werk", die Missa solemnis, setzt er sich jahrelang mit seinem eigenen christlichen Glauben und den theologischen Aussagen des Messetextes auseinander. Es ist sein Ziel, bei den Singenden und den Zuhörern "religiöse Gefühle zu erwecken und dauernd zu machen". Die Missa soll zu Herzen gehen. Das berühmte Beethoven-Porträt von Joseph Stieler zeigt den Komponisten mit dem Credo aus der Missa. Es verleiht dem Bild etwas Bekenntnishaftes.

Sein Gottesglaube zeigt sich auch in den vertonten sechs Liedern von Christian Gellert, op. 48, darunter "Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre". Seine in Musik gesetzten Texte sind persönliche Glaubensoffenbarungen. Dazu gehört auch der vierstimmige kanonartige Satz "Glaube und hoffe".

Beethoven bekennt sich klar und deutlich zu Gott als dem Schöpfer, zu Jesus Christus, zur christlichen Nächstenliebe. Er ringt mit Gott und der Religion, anbetend, bittend, zweifelnd. Zwei Tage vor seinem Tod empfängt er - auf Wunsch seiner Freunde - die Sterbesakramente. Zum Pfarrer soll er gesagt haben: "Ich danke Ihnen, geistlicher Herr! Sie haben mir Trost gebracht!"

Das Bestreben des Komponisten Ludwig van Beethoven ist es stets gewesen, "die Strahlen der Gottheit unter das Menschengeschlecht [zu] verbreiten". Das ist ihm gelungen. Ist es übertrieben, wenn wir im Jubiläumsjahr "Beethoven als Dolmetscher Gottes" feiern?

Harald Pfeiffer ist seit 2007 Pfarrer im Ehrenamt in der SRH Heidelberg, Musikhistoriker und Autor zahlreicher Publikationen. Zuletzt erschien "Der musikbegabte Goethe in Heidelberg. Der Dichter in musikalischen Häusern der Stadt".

Wiener Zeitung, 12. Dezember 2020


Siehe auch

-- Lanz Ernst, Mittwoch, 17. Februar 2021, 15:32