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Die Bewegung des Lebens #

Die Evolutionstheorie bereitet heute mancherorts wieder verstärktes Unbehagen. Aber welche Rolle spielt sie eigentlich in der Wissenschaft? #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 3. August 2017).

Von

Martin Tauss


Evolutionstheorie Symbolfoto
Evolutionstheorie. Als Charles Darwin die Galápagos- Inseln besuchte, beobachtete er „widerliche Echsen“. Doch u.a. diese Leguane (Bild unten) dienten ihm später als Schlüssel für seine Evolutionstheorie
Foto: Shutterstock

Der Ursprung des Lebens ist ein Mysterium. Sind die Grundbausteine des Lebens aus einer „Ursuppe“ hervorgegangen, bedingt durch chemische Reaktionen vor vier Milliarden Jahren? Blitze sollen den fruchtbaren Urgewässern die dafür nötige Energie zugeführt haben. War der erste Organismus der Erde ein schwimmendes „Fettauge“, in dem der nötige Chemiebaukasten eingeschlossen wurde? Oder bloß eine Art Wasserpfütze auf einer Steinfläche, auf der sich zufällig ein „Oberflächenstoffwechsel“ gebildet hat? Ein urzeitliches „Lehmwesen“, das zu einer einfachen Form der Vererbung fähig war? Ein nacktes Gen-Molekül inmitten der „Ursuppe“?

Wenn man sich dem Funken des Lebens anzunähern versucht, wird es rätselhaft. Doch über die Dynamik des Lebens, die aus diesem Dunkel hervorgetreten ist, gibt es mittlerweile klare Vorstellungen.

Reise nach Galápagos #

Das ist der Grund, warum Charles Darwin einen der obersten Ehrenplätze in der Geschichte der Wissenschaft innehält: Mit seiner Evolutionstheorie legte der englische Naturforscher den Grundstein für das heutige Wissen über die Entwicklung der Arten. 1831 war er, gerade einmal 22-jährig, mit einem Vermessungsschiff der britischen Marine in See gestochen. Fünf Jahre später kehrte er von der Weltumsegelung zurück, mit Notizen von über 2000 Seiten im Gepäck. Auf den Galápagos-Inseln hatte er wichtige Hinweise für seine Theorie erhalten: Anhand von Leguanen, Schildkröten und Finken bemerkte er, wie sich nah verwandte Tiere auf den einzelnen Inseln jeweils unterschiedlich entwickelt hatten. „Es wäre mir doch nicht im Traum eingefallen, dass ungefähr fünfzig oder sechzig Meilen voneinander entfernte Inseln, die meisten in Sicht voneinander, (...) verschiedene Bewohner haben sollten“, schrieb er in sein Notizbuch. Die Arten, so folgerte der junge Forscher, entwickeln sich nach dem Prinzip der natürlichen Selektion: Unterschiedliche Ausprägungen entstehen zwar durch blinde Variation, werden aber einem Ausleseprozess unterworfen: Wer sich besser an seine Umgebung anpasst, hat die größeren Überlebenschancen. Dass Mensch und Affe dieselben Vorfahren haben, stammt ebenfalls aus Darwins Schlussfolgerungen.

Damals lösten seine Ideen Empörung aus; viele Gläubige witterten gar Gotteslästerei. Der große Wiener „Seelendoktor“ Sigmund Freud hat diese Reaktionen als existenzielle Kränkung gedeutet, denn Darwin habe den Menschen nicht als Krone der Schöpfung, sondern mit animalischem Stammbaum beschrieben. Dieser Stammbaum birgt übrigens das Potenzial zur biologischen Weiterentwicklung – oder erleben wir nun sogar den Umbruch einer bio-technologischen Verschmelzung, wo der Mensch mittels Künstlicher Intelligenz bald auf eine neue Stufe der Evolution gehoben wird?

Evolutionäre Geisteswissenschaften #

Heute sorgen Darwins Ideen wieder verstärkt für Unbehagen: In der Türkei soll die „umstrittene Theorie“ ab 2019 aus den Schulbüchern gestrichen werden, verkündete kürzlich die islamisch-konservative Regierung unter Recep Tayyip Erdogan. Erst an den Universitäten soll sie vermittelt werden. Auch in Polen gibt es zurzeit Bestrebungen, Darwin aus der Schule zu verdammen. Im wissenschaftlichen Wettkampf hat sich seine Theorie jedenfalls gut behauptet: Durch Diskussion, Kritik und so manche Fehde hat sie sich weiterentwickelt und ist heute zu einem Fundament der Wissenschaften geworden. Die Entdeckung der DNA-Struktur in den 1950er-Jahren und weitere molekularbiologische Einsichten haben bislang nur zu Modifikationen, nicht aber zur völligen Neubestimmung der Theorie geführt. Auch in der modernen Welt sind ihre Gesetze überall präsent: in der Medizin etwa das Problem der Antibiotika-resistenten Bakterien oder in der Landwirtschaft die Mutationen von Insekten, die durch übermäßigen Pestizideinsatz entstehen und dazu führen, dass die Pestizide ihre Wirkung verlieren.

So gibt es kaum noch eine Disziplin, die sich nicht mit Darwins Erbe auseinandersetzt. Das gilt auch für die Geistes- und Kulturwissenschaften, wie Gerhard Vollmer in seinem Buch „Im Lichte der Evolution“ verdeutlicht. Der emeritierte Philosophie- Professor der Universität Braunschweig präsentiert darin einen breiten „Fächer evolutionärer Fächer“ – von der Evolutionären Anthropologie und Archäologie über die Evolutionäre Politologie bis hin zur Evolutionären Sprachwissenschaft und Theologie (!). Nicht immer wird der Begriff „Evolution“ hier im biologischen Sinn verwendet, mitunter handelt es sich um bloße Analogien.

Heute bedarf es einer radikalen Erweiterung dieser Theorie, bei der die natürliche Selektion nicht nur unter den Genen auswählt, fordern Eva Jablonka und Marion J. Lamb in ihrem Buch „Evolution in vier Dimensionen“, das nun als Neuaufl age und in deutscher Übersetzung erschienen ist. Die Biologinnen kritisieren darin die dominierende Gen-zentrierte Sichtweise auf die Entwicklung des Lebens. Zwar stammt die wichtigste Erbinformation, die wir von unseren Vorfahren mitbekommen, aus der DNA. Doch auch die Erfahrungen eines Organismus in seiner Umwelt können zu genetischen Veränderungen führen, die dann an die Nachkommen weitergegeben werden. Das viel diskutierte Feld der Epigenetik widmet sich genau diesem Phänomen.

Keime menschlicher Kultur #

„Vererbung ist nicht unabhängig von Entwicklung“, betonen die Autorinnen, die darin eine weitere Dimension der Evolution erkennen. Aktuell hat eine Studie mit kurzlebigen Fadenwürmern gezeigt, dass epigenetische Veränderungen sogar über 14 Generationen vererbt werden können. Bei Menschen ist diese generationsübergreifende Forschung naturgemäß schwieriger: Bei den Nachkommen von Überlebenden der Schoa etwa wurden biologische Veränderungen beobachtet, die auf das ursprüngliche Trauma zurückzuführen waren.

Damit nicht genug: Neben diesen Vererbungssystemen können viele Tiere Informationen durch sozial vermitteltes Lernen weitergeben; Menschen kennen zudem eine symbolgestützte Vererbung. Dazu gehört vor allem die Sprache, die evolutionär überaus wichtig war: Die Ursprünge menschlicher Kultur und Sprache werden in der Kooperation gesehen, einer der Schlüsselfaktoren der Evolution. Die Notwendigkeit, während der Nahrungssuche zusammenzuarbeiten, könnte die Entwicklung angetrieben haben. „Es gibt vier Dimensionen der Vererbung, und wir müssen alle berücksichtigen, wenn wir Evolution besser verstehen wollen“, resümieren Jablonka und Lamb.

In der Forschung selbst ist es der Raum für kritische Überprüfung und Selbstreflexion, der wissenschaftliche Entwicklung, also Evolution ermöglicht. „Die Wissenschaft bietet unersetzliches Training in intellektueller Sorgfalt“, heißt es in einem Statement des Europarats. „Sie zielt nicht darauf ab zu erklären, ‚warum die Dinge sind‘, sondern zu verstehen, wie sie funktionieren.“

Buchcover
Buchcover

  • Im Lichte der Evolution. Darwin in Wissenschaft und Philosophie. Von Gerhard Vollmer. Hirzel, 2017. 613 Seiten, geb., €40,10
  • Evolution in vier Dimensionen. Wie Genetik, Epigenetik, Verhalten und Symbole die Geschichte des Lebens prägen. Von Eva Jablonka und Marion J. Lamb. Hirzel 2017. geb., 566 Seiten, €43,20
DIE FURCHE, Donnerstag, 3. August 2017