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Die Zukunft der digitalen Gesellschaft#

Darknet und Algorithmen sind nicht immer nur böse. Pressefreiheit, Datenschutz müssen geschützt, der gläserne Anwender verhindert werden. Ohne neue Technologien wird das nicht möglich sein. Ein Blick in die digitale Zukunft.#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 11. Mai 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Gregor Kucera


Symbolbild: Algorithmen
© fotolia/denisismagilov

Berlin. Algorithmen kontrollieren die Internetanwender, das Darknet ist ein dunkler, böser Ort voller Kinderpornografie, Waffen und Drogen. So lässt sich die derzeitige Diskussion und Außenwahrnehmung auf diese beiden Bereiche des digitalen Lebens wohl am kürzesten zusammenfassen. Doch hinter den beiden Begriffen steckt wesentlich mehr, verbirgt sich nichts weniger als die Zukunft der digitalen Gesellschaft.

Ohne Algorithmen werden wir bald nur mehr den Heuhaufen sehen, aber die berühmte Nadel nicht mehr finden. Das Darknet könnte sich als wesentlicher Kommunikationskanal in Ländern erweisen, in denen Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Aus dem schmuddeligen Hinterzimmer des WWW wird ein Rückzugsort zur anonymen Kommunikation. Und Algorithmen werden helfen, nicht einschränken, sofern man bei der Erstellung der Rahmenbedingungen den Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Auf der diesjährigen Republica in Berlin, einer am Mittwoch zu Ende gegangenen Diskussionsveranstaltung zu den aktuellen Themen der digitalen Welt, standen unter dem Motto "Love out loud" die persönliche Freiheit und die freie Gesellschaft im Mittelpunkt. Wie wird das Internet der Zukunft aussehen? Wer wird es kontrollieren? Und wie können Presse- und Meinungsfreiheit gewährleistet werden, wenn der Mensch immer gläserner wird?

Schon bei der Eröffnungsveranstaltung am Montag wurde dies deutlich, als Journalisten aus der Türkei über die Situation in ihrem Land berichteten. Auch Sascha Lobo erinnerte an die #Freedeniz-Initiative und warb für Unterstützung für inhaftierte Journalisten. Aber ohne Technologie, ohne das Darknet, würden Informationen etwa aus Syrien nie in die Welt hinaus kommen. Vor zwei Jahren trat der US-Amerikaner Jeff Jarvis bei der Republica auf und fragte in die Menge, warum man in Deutschland so ein Problem mit dem Datenschutz habe, wo man doch hier auch nackt in die Sauna gehe. Dieser Ausspruch beschäftigte die Netzaktivistin Katharina Nocun noch in diesem Jahr. "In der Sauna sind alle gleich, aber es gibt bestimmte Regeln. Beim Datenschutz gibt es ein extremes Machtgefälle. In Deutschland gilt absolutes Handy- und Filmverbot in textilfreien Bereichen. Die Sauna ist somit ,Privacy by Design‘" - was bedeutet, dass Aspekte zum Schutz der Privatsphäre von vornherein eingeplant wurden. Eine Entwicklung, die nun auch in der Computerindustrie Einzug hält. "Und es gibt den extrem wichtigen Punkt der Freiwilligkeit. Diese Freiwilligkeit gibt es in der Sauna, nicht aber beim Datenschutz", so Nocun.

Aus diesem Grund sei die kommende EU-Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) auch so extrem wichtig. Bislang gab es einen gesetzlichen Fleckerlteppich in den 28 EU-Staaten, dieser soll durch einheitliche Regelungen mit insgesamt 99 Artikeln und 173 Erwägungsgründen ersetzt werden. Bis 24. Mai 2018 müssen die Mitgliedsstaaten die Anpassung der DSGVO an nationales Recht vollzogen haben. "Ein wesentlicher und großer Schritt der neuen Verordnung ist die Tatsache, dass das Marktortprinzip gilt. Es gilt daher auch für Firmen, die keine Niederlassung vor Ort haben", so Lukas Hohl. Für Unternehmen bedeuten Verstöße gegen diese Gesetze Strafen von bis zu vier Prozent des weltweiten Gesamtumsatzes, eine Summe, die in den Milliardenbereich gehen kann.

Eine der zentralen Erkenntnisse der Diskussionen auf der Republica war auch, dass Datenschutz nicht bedeutet, dass man gesammelte Daten nicht verwenden kann und verwenden muss, aber es geht immer darum, dass die Anwender auf verständliche Art und Weise erfahren, welche Daten gesammelt werden und was damit geschieht. Der Mensch und seine Rechte und Interessen müssen im Mittelpunkt stehen, keine neoliberalen Logiken des freien Marktes des Datenhandels.

Ein interessantes Gedankenspiel zeigt, wie schmal der Grat ist, auf dem Unternehmen in die intimsten Bereiche der Menschen eindringen. Die Online-Dating-App Tinder sammelt Daten der Nutzer. In den AGBs steht deutlich zu lesen, dass auch private Chats gespeichert und ausgewertet werden. "Wieso sammelt Tinder diese Daten? Um zu wissen, ob ich eine Schlampe bin?", lautete eine Frage aus dem Publikum. Mitnichten, es geht natürlich um Geld aus dem Verkauf von Daten oder der Werbung. Hat man auch noch einen Periodentracker auf seinem Smartphone installiert, der fruchtbare Tage, Häufigkeit von Sex und Intensität desselben aufzeichnet, ebenso wie Stimmungen und gesundheitliche Probleme - dann ist der Schritt nicht mehr weit dazu, dass diese Daten verknüpft an Arbeitgeber oder Versicherungen gelangen könnten.

In Zusammenhang mit großen Konzernen und Datenschutz fällt immer wieder das Wort Algorithmus. Dieser magische, komplett autarke Golem im Hintergrund setzt den Internetnutzern Informationen vor, schränkt ihre Welt ein und kontrolliert. So die weitläufige Meinung. Doch erstens ist das (noch) nicht der Fall und zweitens können wir es ändern, um drittens überhaupt noch einen Überblick über die unendlichen Weiten des WWW erhalten zu können. "Ich halte die Vorstellung, dass Algorithmen selbstständige, automatisierte Systeme sind, für falsch. Es sind immer Menschen involviert, die die Grenzen der Technologie definieren", so Felix Stadler, Professor für Digitale Kultur und Theorien der Vernetzung an der Zürcher Hochschule der Künste. "Es gibt ein einfaches Beispiel. Fragt man Google, wie man ein iPhone hacken kann, dann bekommt man einen direkten Link auf eine Anleitung. Fragt man Siri, so lautet die Antwort - ,Das kann ich nicht empfehlen‘. Und umgekehrt, fragt man Siri nach Google und Datenschutzbedenken, dann bekommt man klare Anleitungen. Bei Google kommt man auf eine Google-eigene Seite, die erklärt wie toll Google mit dem Datenschutz umgeht." An diesen Beispielen sieht man, wie intelligente Systeme in Grenzen arbeiten, und diese werden von Menschen gesetzt. Anders gesagt: Alle diese Systeme finden ihre Lösungen immer nur innerhalb eines Raumes, der ihnen zugewiesen wurde. Algorithmen sind per se nicht böse oder gemein, man muss jedoch sicherstellen, dass die Richtlinien und Regelungen dahinter den Menschen in den Mittelpunkt stellen. "Komplexe Probleme unserer Gesellschaft müssen gesteuert werden, bevor der Überwachungskapitalismus überhand nimmt. Handlungsfähigkeit ist gleich Macht. Der Zeitpunkt, einzugreifen ist genau jetzt", so Stadler.

Die Themen Überwachung und Freiheit sind auch beim sogenannten Darknet zentral. Dieser Bereich des WWW, der sich nur mit spezieller Software erreichen lässt und aussieht wie das Internet Anfang der neunziger Jahre - also wenig sexy und spannend - ist als Ort der Kriminalität bekannt. Doch das ist falsch. Es gibt zwar zahlreiche illegale Aktivitäten dort, aber der Hauptteil der Angebote ist anonymer Informationsaustausch oder überhaupt erst die Möglichkeit, Daten auszutauschen und zu kommunizieren.

Menschen, die in Diktaturen oder Regimen aufgrund ihrer politischen Meinung oder sexuellen Orientierung verfolgt oder gar getötet werden, haben keine andere Möglichkeit, als sich in diesem Bereich zu bewegen. Wo freie Meinungsäußerung nicht vorhanden ist, dafür aber Zensur vorherrscht, erfüllt das Darknet einen wesentlichen Zweck. Auch in Europa gibt es mittlerweile Staaten, in denen Kritik an der Regierung oder auch Berichte über Menschenrechtsverletzungen nur mehr über dieses Netz geäußert oder geteilt werden können.

Auch Thomas de Maiziere erklärte in Berlin, dass "der Schutz der Privatsphäre die Voraussetzung für den Freiheitsgebrauch der Bürgerrechte" sei. "Ich plädiere jedoch für eine Entmythologisierung der Digitalisierung. Der Mensch hat einen freien Willen und er ist keine Marionette", so der deutsche Innenminister auf der Republica. In einer dystopischen Welt sehen Pessimisten im Darknet gar die Zukunft des Internet, den letzten Hort der Freiheit. Noch kann man daran arbeiten, dass es nicht so weit kommt.

Wiener Zeitung, Donnerstag, 11. Mai 2017