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Höhenflug und Absturz #

Am 6. Mai 1937 endete die Ära der großen Luftschiffe – mit einer Katastrophe. Über den Aufstieg und das jähe Ende des Zeppelins.#


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 4. Mai 2017)

Von

Anton Holzer


Absturz der „LZ 129 Hindenburg“ in Lakehurst
„Es fällt, es stürzt ab!“ Nicht einmal eine Minute dauerte der Absturz der „LZ 129 Hindenburg“ in Lakehurst, am 6. Mai 1937. Der Absturz wurde live im Radio kommentiert, gefilmt und in zahlreichen Fotos festgehalten.
Foto: National Archives / Spaarnestad Photo Nederlands

Nichts wies auf die bevorstehende Katastrophe hin. Als sich das Luftschiff „LZ 129“ mit Namen „Hindenburg“ am Abend des 6. Mai 1937 der nahe New York gelegenen „Naval Air Station“ in Lakehurst, New Jersey, näherte, hatte es bereits 30 Transatlantiküberquerungen hinter sich. Die „Hindenburg“ war mit 61 Besatzungsmitgliedern und 36 Passagieren an Bord am 3. Mai in Frankfurt gestartet. Ein Routineflug. Über New York hatte der Pilot Max Pruss souverän ein Gewitter umschifft, bevor er zum Landeanflug ansetzte. Gut 100 Meter über dem Boden wurden planmäßig die Landeseile abgeworfen. Wenige Minuten später, um 18.25 Uhr, das Luftschiff war zu dieser Zeit noch 60 Meter über dem Boden, passierte es. Plötzlich brach Feuer an Bord aus. Innerhalb weniger Sekunden stand das wasserstoffgefüllte Luftschiff in Flammen.

Die Presse berichtete tagelang #

Die Beobachter am Boden waren entsetzt. „Es hat angefangen zu brennen! Es hat angefangen zu brennen und es fällt, es stürzt ab! Schauen Sie sich das an! Schauen Sie sich das an!“, brüllte Herbert Morrison, ein Reporter, der die Landung live im Radio kommentierte, in sein Mikrophon. „Es sinkt – und es stürzt ab! Es stürzt ab! Grauenhaft! Oh mein Gott! Raus da, weg da, aus dem Weg, bitte! Es brennt und geht in Flammen auf. Und alle diese Menschen dazwischen, das ist ja grauenhaft; das ist die – eine der schlimmsten Katastrophen der Weltgeschichte.“ Ganze 32 Sekunden dauerte der Absturz. Das 245 Meter lange und 242 Tonnen schwere Flaggschiff der deutschen Luftfahrt stürzte ungebremst auf den Flughafen. 35 Passagiere und Besatzungsmitglieder und ein Mann vom Bodenpersonal kamen in dem Inferno ums Leben.

Der Ort „Lakehurst“ und der Namen „Hindenburg“ wurden zum Synonym für die bis dahin größte Katastrophe der zivilen Luftfahrt. Nicht zuletzt deswegen, weil das Ereignis ein gewaltiges Medienecho gefunden hatte. Der Absturz war nicht nur live im Radio kommentiert worden, er wurde auch gefilmt und ist in zahlreichen Fotos festgehalten. Tagelang berichtete die Presse vom Unfallort. Die Ära der zivilen Großraumluftschiffe ging mit einem gewaltigen Paukenschlag zu Ende.

Begonnen hatte die Zeit der lenkbaren Passagier-Luftschiffe vier Jahrzehnte zuvor. Im Juli 1900 startete das erste von Ferdinand Graf von Zeppelin (1838–1917) entwickelte Luftschiff zu seinem Jungfernflug. Die Flugbegeisterung lag in diesen Jahren in der Luft. „In einem Zeitalter, wo die ,Nerven‘ eine so große Rolle spielen und wo die Heilanstalten nicht im Stande sind, alle Leute aufzunehmen, die dort Zuflucht und Gesundheit suchen, ist die Bedingung: Kaltblütigkeit – eine sehr strenge Forderung. Und doch ist sie die weitaus notwendigste Eigenschaft des Luftschiffers. Dann kommt als zweites: eine Körperkonstitution, die Strapazen ertragen kann.“ Als der österreichische Ballonpionier Franz Hinterstoisser 1904 in einem autobiografischen Rückblick diese Sätze schrieb, skizzierte er die Erfahrungen des Luftschiffers als Gegenpol zur diagnostizierten Kulturkrise. Beim Luftschiffer dachte er noch an den Ballonpiloten. Dieser sei der wirkliche Antipode zur angeschlagenen Kreatur am Boden, er sei das Vorbild, wenn es um die Schulung von Geist und Körper gehe.

Flug-Euphorie #

Am Ende des ersten Jahrzehnts des neuen Jahrhunderts steuerte die Euphorie, die die raschen Fortschritte der Luftfahrt begleitete, einem ersten Höhepunkt zu. Als im Juni 1913 der erste Zeppelin, das 140 Meter lange Luftschiff „Sachsen“, in Wien Aspern landete, strömten die Massen herbei. Eigens für den Kaiser überflog das Luftschiff das Schloss Schönbrunn. Um 1910 hypnotisierten die Flugschauen die Massen, die Konkurrenz zwischen Ballonfahrern, Flugzeugpionieren und Lenkschiffen spitzte sich zu. Noch war nicht abzusehen, welchem Luftfahrzeug die Zukunft gehören sollte. Dass sich innerhalb einiger weniger Jahre das Flugzeug gegenüber dem Ballon durchsetzen würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Und noch niemand wusste zu dieser Zeit, dass die großen, ungelenk anmutenden Luftschiffe in den 1920er und 1930er Jahren eine erstaunliche Karriere im interkontinentalen Passagierverkehr vor sich hatten.

So faszinierend die Fahrt im geräumigen Luftschiff auch war, der Start einer regulären zivilen Luftfahrt gestaltete sich bis zum Ersten Weltkrieg holprig. Allein 12 der 19 vor 1913 gebauten Zeppeline verunglückten. Im Ersten Weltkrieg wurden die Luftschiffe vor allem militärisch eingesetzt. Als 1917 der legendäre Firmengründer Graf Zeppelin starb, übernahm Hugo Eckener die Leitung des Betriebs. In der Zwischenkriegszeit setzte er voll auf die zivile Luftfahrt. Mit spektakulären Werbefahrten, etwa zum Nordpol 1931 und einer Fahrt um die Welt 1929, bewarb er das moderne Luftschiff als exklusives, bequemes Langstreckentransportmittel. Auch Wien besuchte Eckener 1931. 120.000 Schaulustige jubelten ihm in Aspern zu, als er aus der „LZ 127“ stieg. Es war jenes Luftschiff, das 1928 zum ersten Mal von Friedrichshafen nach Lakehurst aufgebrochen war und damit eine neue Ära der Luftfahrt eingeleitet hatte.

Ab 1930 fanden regelmäßige Flüge von Deutschland in die USA statt, 1931 wurde eine ständige Verbindung nach Brasilien aufgenommen. Das Reisen im Zeppelin wurde zum Mythos – für ein betuchtes Publikum. Ab tausend Mark pro Person kostete die Transatlantikfahrt in der Doppelkabine. Für den stolzen Preis wurde viel Luxus geboten. Die „LZ 129“, ein ab 1934 gebautes Nachfolgeschiff, das 1936 die Transatlantikflüge aufnahm, war nicht nur ein nobles Transportmittel und der Stolz der Zeppelin- Reederei, sondern auch ein Propagandainstrument der Nationalsozialisten. Auf der Heckflosse prangte das Hakenkreuz. Im Inneren bot der Luxusliner der Lüfte 72 Passagieren Platz und konnte 11 Tonnen Gepäck und Fracht aufnehmen. Er verfügte über Kabinen mit fließendem Warmwasser, geräumige Speisesäle mit exquisitem Essen, das von fünf Köchen vorbereitet und von 15 Stewards serviert wurde, dazu eine Bibliothek, einen Rauchsalon und sogar Live-Musik am Piano gab es an Bord. Die Fahrzeit nach New York war je nach Wetter mit drei bis fünf Tagen deutlich kürzer als die Schiffspassage.

Beginn der globalen Luftfahrt #

Lakehurst beendete die Epoche der Luftschiffe abrupt. Zugleich aber machte die Katastrophe auch den Weg hin zur Passagierluftfahrt mit dem Flugzeug frei, wie wir sie bis heute kennen. Im August 1938, ein Jahr nach dem Unglück, landete die „Focke-Wulf Fw 200“, ein Passagierflugzeug der deutschen Lufthansa, ohne Zwischenlandung in New York. Die Flugzeit: knapp 24 Stunden, ein Rekord. Bereits seit 1934 unterhielt die Lufthansa einen Langstreckenpostdienst nach Südamerika. Der Zweite Weltkrieg unterbrach den weiteren Ausbau des zivilen transatlantischen Passagierverkehr für ein paar Jahre. Die in den 1930er Jahren begonnene Globalisierung des Flugverkehrs war aber nicht mehr zu stoppen. Am 26. Oktober 1958 begann mit dem ersten Transatlantikflug des ersten Düsenjets, einer Boeing 707 der amerikanischen Fluglinie Pan Am, ein neues Zeitalter der Luftfahrt.

Der Autor ist Fotohistoriker, Publizist und Herausgeber der Zeitschrift „Fotogeschichte“.

Weiterführendes#

DIE FURCHE, Donnerstag, 4. Mai 2017