Stift Kremsmünster

Benediktinerabtei Kremsmünster
Stift Kremsmünster, von Nordosten (Links:„Mathematische Turm“ mit den Sternwarte-Kuppeln)
Stift Kremsmünster, von Nordosten (Links:„Mathematische Turm“ mit den Sternwarte-Kuppeln)
Lage Traunviertel, Oberösterreich
Liegt im Bistum Diözese Linz
Koordinaten: 48° 3′ N, 14° 8′ O48.054497614.1289689Koordinaten: 48° 3′ 16″ N, 14° 7′ 44″ O
Patrozinium Salvator Mundi (Weltheiland) & Agapitus von Praeneste
Gründungsjahr 777 durch Bayernherzog Tassilo III.
Kongregation Österreichische Benediktinerkongregation
Trakt mit dem Fischkalter

Das Stift Kremsmünster ist ein Kloster der Benediktiner (OSB) in Kremsmünster in Oberösterreich.

Kreuzgang im Trakt der Mönche

Derzeit versehen 53 Mönche teils im Kloster, teils in verschiedenen Pfarren der Umgebung oder in einer der ärmsten Gegenden Brasiliens, in Barreiras, ihren Dienst an den Menschen. Während der Kartage gibt es für Männer die Möglichkeit des Klosters auf Zeit.

Inhaltsverzeichnis

Geschichte

Steingesichter im Klostergarten

Das Kloster wurde 777 vom bayerischen Herzog Tassilo III. gegründet. Der Sohn Tassilos, Gunther, soll der Legende nach während eines Jagdausrittes von einem Eber angefallen und getötet worden sein.

Ein bedeutender Chronist des Klosters ist Berchtold von Kremsmünster (* vor 1270; † nach 1326, lateinisch Bernardus Noricus), der die „Historia Cremifanensis“ und die „Narratio de ecclesia Cremsmunstrensi“ verfasste.

Unter Benutzung älterer Bestandteile entstand ab der Mitte des 17. Jahrhunderts eine umfangreiche Anlage, die neben dem Stift Melk zu den größten Österreichs gehört. Unter den Baumeistern waren Carlo Antonio Carlone (Stiftskirche, Kaisersaal, Bibliothek, Fischkalter) und Jakob Prandtauer (Wirtschaftshöfe im äußeren Stiftshof, Umbau des Fischkalters), der auch die Klosterkirche in Melk gestaltete.

Stift Kremsmünster, von Süden.

Die Bauanlage von Kremsmünster hat ihre größte Ausdehnung im etwa 290 Meter langen Südflügel. Dort liegen die wichtigsten Räumlichkeiten: das Refektorium, die Bibliothek und der Kaisersaal. Abgeschlossen wird der Südflügel im Osten vom 51 Meter hohen Mathematischen Turm, in dem sich die Sternwarte Kremsmünster befindet. Dieser Turm gilt als eines der ersten Hochhäuser Österreichs.

Grab des Sohnes von Tassilo III, Guntergrab in der Stiftskirche
Gartenhaus im Klostergarten mit Aussichtsplattform

Die Klosterschule des Stiftes geht auf 1549 zurück. Der berühmteste Absolvent des Stiftsgymnasiums war der Dichter Adalbert Stifter. Heute sind die Mönche nach wie vor in der Jugenderziehung und in der Pfarrseelsorge tätig.

Brunnen im Klausurgarten
"Mathematischer Turm" von Nord-Osten

Fischkalter

Der Fischkalter umfasst fünf prunkvolle Wasserbecken in denen Fischzucht betrieben wird. Erbaut wurde er von Carlone (1690–1692) und Prandtauer (1717). Die Becken werden von Säulengängen umgeben, deren Arkaden von 78 römisch-toskanischen Säulen getragen werden. Die Statuen, die als Wasserzufuhr dienen, stammen von Andreas Götzinger und Johann Baptist Spaz. Sie stellen Samson, David, Neptun, Triton, den Hl. Petrus und den Hl. Tobias dar.

Torbau am Stiftsschank

Stiftskirche

Die Stiftskirche war von Anfang an dem Salvator Mundi (Weltheiland) geweiht, wie aus der Gründungsurkunde hervorgeht. Später (vielleicht bei der Einweihung des Neubaues von 1082) kam das Patrozinium des Hl. Agapitus von Praeneste dazu. Nachdem mehrere Vorgängerbauten durch Brand zerstört worden waren, wurde 1232 mit dem Bau der heutigen Kirche begonnen. 1277 konnte Abt Friedrich von Aich zum fünfhundertjährigen Stiftsjubiläum das Langhaus einweihen, bis zur Vollendung der gotischen Kirche (Türme) vergingen aber weitere 200 Jahre.

Die Kirche wurde seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts in mehreren Phasen barockisiert. Diese Barockisierung veränderte den Charakter des Bauwerks nachhaltig. Beschränkte man sich unter Abt Anton Wolfradt noch vorwiegend auf den Umbau des Chorraumes, so wurde die Kirche ab den 1670er Jahren unter der Leitung von Carlone, von Giovanni Battista Colomba und von Giovanni Battista Barberini (1625–1691) insgesamt einer umfassenden Barockisierung unterworfen. Zunächst entfernte man die im frühen 17. Jahrhundert aufgesetzten Chorkuppeln und überzog den gesamten Innenraum mit hervorragenden, äußerst plastisch wirkenden Stuckarbeiten, für die Giovanni Battista Colomba und Giovanni Battista Barberini verantwortlich waren. Von Letzterem stammt auch die Westfassade der Kirche von 1681. Für die Freskenausstattung im Inneren, Szenen aus dem Alten Testament, konnten die Gebrüder Grabenberger aus Krems gewonnen werden, von denen sich Michael Christoph besonders auszeichnete. Diese zweite Phase der Barockisierung war nach zwölfjähriger Arbeit abgeschlossen.

Unter Abt Alexander Strasser (1709-1731) kam die Umgestaltung der Stiftskirche zum Abschluss. In diese dritte Phase fallen das Hochaltarbild und der Tabernakel, die Kanzel, die breite Treppe hinauf zum Presbyterium und die Seitenaltäre. Besonders erwähnenswert sind die aus Marmor gestalteten Barockengel von Johann Michael Zürn dem Jüngeren, die neben den zahlreichen Seitenaltären knien und stehen, eindrucksvolle Beispiele des österreichischen Barocks. In der Kirche (in der südlichen Turmkapelle) befindet sich auch das berühmte Gunthergrab.

Die Stiftskirche St. Agapitus hat sehr beachtliche Maße. Sie ist 78 Meter lang und 21 Meter breit. Das Hauptschiff ist 18 Meter, die Seitenschiffe sind 12 Meter hoch.

Fassade der Stiftskirche Kremsmünster von Barberini 1681


Hochaltar

Das Hochaltarbild wurde bis 1712 in zwölfjähriger Arbeitszeit von Andreas Wolf auf einer 6,3×3,8 Meter großen Leinwand gemalt. Dieses Meisterwerk des Münchner Hofmalers stellt Christus in der Verklärung dar: Er hat sich vom Boden erhoben, sein Angesicht leuchtet wie die Sonne, sein Gewand wie Schnee, Mose und Elija drängen sich von rechts an ihn, eine Unzahl großer und kleiner Engel umgibt ihn, während von oben Gottvater herablächelt.

Der kurbayerische Hofmaler trug darin das für die katholische Theologie besonders wichtige Thema der Verklärung Christi auf dem Berg Tabor vor. Im unteren Teil des Bildes lagern die drei Jünger Petrus, Jakobus und Johannes, über ihnen erscheinen neben Christus die Vertreter des Alten Bundes, Mose und Elija. Den schweren vergoldeten Kupferrahmen halten Engel durchschnittlicher Qualität von Josef Anton Pfaffinger (1714).

Den Chorraum trennen Gitter in hervorragender Qualität vom Langschiff. Das mittlere schmiedete Valentin Hofmann 1718, die seitlichen wurden schon 1616 bis 1618 von Hans Walz gefertigt.


Tabernakel

Das prachtvolle Tabernakel bildet den Sockel des Hochaltargemäldes. Es wurde 1715, möglicherweise nach einem Entwurf Jakob Prandtauers, angefertigt. Die Tür ziert eine Immaculata von Urban Remele: Maria ist das Goldene Haus der Lauretanischen Litanei.


Kanzel

Weitere bedeutende Ausstattungsstücke des Hauptschiffes sind die Kanzel von Urban Remele (1713) mit dem Ölbild Paulus als Prediger von Karl von Reslfeld und die ausgezeichneten flämischen Tapisserien, die früher nur an Festtagen, heute aber ständig die Stuckmäntel der Pfeiler umkleiden. Sie zeigen Szenen aus der Historie des ägyptischen Josef und stammen aus der Brüsseler Werkstätte der Reydams, wo sie gegen Ende des 17. Jahrhunderts gewebt wurden.


Seitenaltäre
Tassilokelch, 777 von Tassilo III. und Liutberga gestiftet
Stiftsbibliothek Kremsmünster

Die beiden Altarblätter in den Seitenchören stammen vom gebürtigen Wiener Daniel Seiter, der vorwiegend in Rom und Turin tätig war. Auch er entstammt, wie Reslfeld, der Schule von Karl Loth (Carlotto) und wandte die vielleicht schärfste und bizarrste Hell-Dunkel-Manier des österreichischen Frühbarocks an. Im linken Blatt interpretiert er das Martyrium der heiligen Candida, deren Reliquien seit 1677 in Kremsmünster verwahrt werden, im rechten das des heiligen Agapitus, dessen Überreste König Arnulf dem Kloster bereits im ausgehenden 9. Jahrhundert überließ.


Orgel

Die Orgel der Stiftskirche stammt aus dem Jahr 2005 und wurde von der Oberösterreichischen Orgelbauanstalt Kögler (St. Florian) gebaut. Das klassisch konzipierte Instrument verfügt über 45 Register auf drei Manualen und Pedal.

Tassilokelch

Als Tassilokelch bezeichnet man einen im Stift aufbewahrten Kelch, der um 780 von dem bayrischen Herzog Tassilo III. und seiner Gemahlin Liutberga gestiftet wurde, möglicherweise anlässlich der Gründung Kremsmünsters 777. Er befindet sich heute im Stift.

Stiftsbibliothek

Die Stiftsbibliothek Kremsmünster gilt als eine der größten und ältesten Stiftsbibliotheken Österreichs und besitzt zahlreiche Handschriften und Inkunabeln. Die bekannteste Handschrift ist der sog. Codex Millenarius (maior) aus der Zeit um 800. Die Bestände ab 1500 sind im Internet abrufbar[1].

Topographia Austriacarum (Matthäus Merian, 1679)

Äbte des Stiftes

Aquarell von Adalbert Stifter, um 1823-25
Erinnerungstafel an den ehemaligen Schüler Adalbert Stifter

Abt des Stiftes ist seit 2007 Ambros Ebhart.

Stiftsgymnasium

Im Stift befindet sich ein humanistisch-neusprachliches Gymnasium samt Internat, in dem Allgemeinbildung und humanistisch-christliche Grundhaltungen vermittelt werden sollen. Die frühere Klosterschule des Stiftes Kremsmünster ist seit 1549 eine Schule für die Öffentlichkeit.

Zu den Absolventen im 18. Jahrhundert gehörten u. a. die für die Stiftsmusik wichtigen nachmaligen Patres Georg Pasterwiz und Beda Plank sowie der mit Mozart befreundete Komponist Franz Xaver Süßmayr, der Hofopern-Bariton und Schubert-Sänger Johann Michael Vogl, im frühen 19. Jahrhundert der Begründer des Oberösterreichischen Landesmuseums Anton von Spaun und weitere Mitglieder der Familie von Spaun, die Schubert-Freunde Joseph Kenner und Franz von Schober, der Gründer der Oberbank Carl Franz Planck von Planckburg und weitere Mitglieder der Familie Planck von Planckburg sowie insbesondere der Dichter Adalbert Stifter. Auch der Wiener Architekt Otto Wagner besuchte das Gymnasium zu Kremsmünster, hat hier aber nicht maturiert.

Zu den Absolventen im 20. Jahrhundert zählt u. a. der österreichische Soziologe und Kulturanthropologe Roland Girtler.

Im Jahre 2007 besuchten etwa 350 Schüler das Gymnasium. Von den 38 Professoren sind etwa ein Viertel Patres. Konvikt und Tagesheim stehen derzeit unter Leitung von Helmut Ölsinger.

Pfarrseelsorge

Neben dem klösterlichen Leben wirken die Benediktiner-Mönche von Kremsmünster auch außerhalb der Klostermauern und leiten 27 Pfarren, eine Expositur und eine Kaplanei.

Dekanat Kremsmünster:

Dekanat Pettenbach:

Dekanat Wels-Land:

Von Brüdern betreute Diözesanpfarren:


Bericht auf Radio Vatikan

Am 8.August 2012 berichtete Radio Vatikan in der Sendung "Wenn einer eine Reise tut" über den Treffpunkt Benedikt, eine gut besuchte monatliche Jugendveranstaltung des Stift Kremsmünster.

Missbrauchsfälle

In den Jahren 2008 und 2010 kam es zu polizeilichen Ermittlungen gegen mehrere Patres, die in den 1970-1990er Jahren als Lehrer am Stiftsgymnasium und Erzieher im Konvikt tätig waren. Acht Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs und Körperverletzung wurden aufgrund von Verjährung, einige weitere wegen der geringfügigen strafrechtlichen Relevanz der Straftaten eingestellt. Gegen den Haupttäter und ehemaligen Konviktsdirektor Alfons Mandorfer, der inzwischen aus dem Ordensverband entlassen wurde, sind die Ermittlungen noch im Gange, die Staatsanwaltschaft Steyr bereitet eine Anklage vor.[2]

Bei einem gemeinsamen Treffen mit Betroffenen im Januar 2012 wurden folgende Maßnahmen zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle beschlossen: Offenes Eingeständnis der Mitschuld des Klosters, Einrichtung eines selbst verwalteten Opferfonds, Errichtung eines Mahnmals am Stiftsgelände und die historisch-wissenschaftliche Dokumentation der Missbrauchsfälle seit 1945. Am Karfreitag 2012 hat Abt Abmros Ebhart in einem Brief an zahlreiche Betroffene folgende Stellungnahme formuliert:

Er hat begründet, dass die öffentliche Entschuldigung und ein offensiver Umgang bereits ausreichend stattgefunden hätten. Die Errichtung eines Mahnmals lehnt er ab, mit dem Vorschlag stattdessen ein jährliches pädagogisches Symposium zur dieser Thematik abzuhalten. Bezüglich des Fonds verweist er auf die Zuständigkeit der sogenannten Klasnic-Kommission. Eine wissenschaftliche Aufarbeitung lehnt er mit Hinweis auf das noch laufende Verfahren gegenwärtig ab.[3]

Einzelnachweise

  1. Landesbibliothekenverbund Österreich / Südtirol
  2. Profil, Kremsmünster-Mönch vor Anklage, 2. Juni 2012
  3. Abt Ambros Ebhart, Brief an Betroffene, 6. April 2012

Literatur

  • Altman Kellner, Musikgeschichte des Stifts Kremsmünster, Kassel und Basel 1956
  • R. W. Litschel, Kremsmünster. 1200 Jahre Benediktinerstift, Linz 1976
  • Hauke Fill, Katalog der Handschriften des Benediktinerstiftes Kremsmünster (Teil 1.: Von den Anfängen bis in die Zeit des Abtes Friedrich v. Aich (ca. 800-1325). Teil 2.: Zimeliencodices und spätmittelalterliche Handschriften nach 1325 bis einschließlich CC 100), Wien 1984-2000
  • Friedrich Mayer: Kremsmünster in seinen Lehranstalten, 1892, 79S. Digitalisat und pdf