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vom 26.01.2017, aktuelle Version,

Massaker von Deutsch Schützen

Das Massaker von Deutsch Schützen bezeichnet das Massaker an ungefähr 60 jüdischen Zwangsarbeitern am 29. März 1945 in der Nähe des Ortes Deutsch Schützen in der Gemeinde Deutsch Schützen-Eisenberg im Bezirk Oberwart im Burgenland. Ein Massengrab wurde 1995 entdeckt und mit einer Betondecke verschlossen.

Geschehnisse am 29. März 1945

In der Nähe des Ortes Deutsch Schützen im Südburgenland waren in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs etwa 850 jüdische Zwangsarbeiter zum Bau des Südostwalls eingesetzt, die hauptsächlich aus Ungarn stammten. Am 27. März zwang man sie aufgrund des Heranrückens der Roten Armee in Schachendorf zum Marsch ins Konzentrationslager Mauthausen.

Am Morgen des 29. März 1945, dem Gründonnerstag, ließ HJ-Bannführer Alfred Weber, der Leiter des Unterabschnittes VI des zu bauenden Südostwalls, zu dem Deutsch-Schützen gehörte, nacheinander Gruppen von 20 bis 30 Ungarn zur Martinskirche bringen. Dass er dabei auf Befehl handelte, scheint unwahrscheinlich, denn nach Prüfung aller Quellen und aufgrund der Aussagen von beteiligten Zeitzeugen „spricht [alles] dafür, dass Alfred Weber der Befehlserteiler war.[1] Wenig später wurde die erste Gruppe der Zwangsarbeiter auf einem Holzschlag in einer nahen Waldlichtung südwestlich der Kirche erschossen. An der Erschießung hauptsächlich beteiligt waren drei am Tag zuvor nach Deutsch Schützen gekommene versprengte Soldaten, von denen SS-Unterscharführer Adolf Storms und ein weiterer Angehörige der SS-Division Wiking waren, während der dritte möglicherweise einer Gebirgsjägereinheit oder der Feldgendarmerie angehörte. Der HJ-Angehörige Franz Dobesberger war an der Erschießungsstätte als Sicherungsposten eingeteilt, während Franz Aldrian, der „Assistent“ Webers und direkter Vorgesetzter der am Verbrechen als Mittäter beteiligten HJ-Angehörigen, verschiedene Kontroll-, Koordinations- und Sicherungsaufgaben wahrnahm. Die übrigen vier HJ-Angehörigen, Johann Kaincz, Walter Feigl, Fritz Hagenauer und Alfred Ehrlich hatten die Einteilung der zu Tötenden vorzunehmen und sie dann in die Nähe des Tatorts zu geleiten, wo sie dann von einem SS-Mann des Tötungskommandos übernommen wurden.[2]

Was sich am Tatort abspielte wird in der Anzeige des Bezirksgendarmeriekommandos Oberwart vom 31. August 1945 an die Staatsanwaltschaft Wien geschildert, wo irrtümlicherweise von Feldgendarmen gesprochen und die Zahl der Sicherungsposten zu hoch angegeben wird:

„Dortselbst sicherten 4 Feldgendarmen und 1 SS-Mann den Platz durch Aufstellen rundherum des Grabens. Die Juden wurden vorerst angewiesen ihr Werkzeug abzulegen. Dann mußten sie vortreten und ihre Uhren abgeben. […] Dann mußten sich die Juden nebeneinander im Graben aufstellen. Sodann schoß der SS Unterscharführer Storms mit einer Pistole, und der SS Hauptscharführer und 1 Feldgendarm mit einer Maschinenpistole die Juden nieder. Noch bevor die Juden in den Graben gingen, flehten sie die SS-Männer mit gefalteten Händen an, sie mögen sie doch nicht erschießen. Doch dies war vergebens und die SS-Männer versetzten mehreren Juden mit den Füßen Tritte, so daß diese in den Graben fielen.“

Die NS-Kreisleitung in Oberwart unter Eduard Nicka ließ Untersuchungen zum Massaker einstellen und ermöglichte den Tätern die Flucht vor dem nahen Feind. Die Toten wurden anschließend in einen von ihnen bereits ausgehobenen Laufgraben geworfen und verscharrt. Mit den Überlebenden marschierten die Täter Richtung Hartberg ab.

Auf den 400 Kilometern entlang der Südostwall-Linie und entlang der zurückgelegten Wege nach Mauthausen soll es 125 solcher Gräber wie jenes in Deutsch Schützen geben.[3]

Grabstelle

Martinskirche mit Gedenktafel

Entdeckung des Massengrabes

Nach monatelanger Suche auf Betreiben der Israelitischen Kultusgemeinde Wien gelang es dem Verein Schalom am 23. August 1995, den Ort des Massengrabes ausfindig zu machen. In einem 55 Hektar großen Schutzwald bei Deutsch Schützen fand man Überreste von 47 Menschen. Das Grab wurde im Beisein von Vertretern der Israelitischen Kultusgemeinde Wien geöffnet.

1945 hatte bereits eine ungarische Kommission das Grab gefunden und geöffnet, um die Identität der Ermordeten festzustellen, befand jedoch, dass man die Leichen nicht überführen könne. Damals wie 1995 konnte die Anzahl der Toten nicht eindeutig geklärt werden. Zwar konnten die Überreste 47 Menschen zugeordnet werden, doch wurden zehn bis zwölf weitere Tote vermutet. Anhand von Ausweisen erstellte die Kommission eine Identitätsliste, deren weiterer Verbleib unklar ist.

Bestattung

Am 13. September 1995 wurden die Toten nach den halachischen Vorschriften vom Wiener Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg an der Fundstelle bestattet. Das Massengrab wurde mit einer Betondecke verschlossen, der gesamte Bereich (etwa 120 Quadratmeter) eingezäunt und offiziell zum Grab erklärt. Das Grabmal wurde nach den Vorstellungen und Wünschen der jüdischen Gemeinde in Wien und Ungarn gestaltet, vom Bundesministerium für Inneres finanziert und von den Mitarbeitern des Vereins Schalom errichtet. Der damalige österreichische Botschafter in Israel, Herbert Kröll, stiftete eine Gedenktafel, die am selben Tag im Beisein von Vertretern der Israelitischen Kultusgemeinde von Wien und Budapest am damaligen Sammelpunkt für die Juden, der Martinskirche, enthüllt wurde. Am 25. Juni 1996 wurde das Grabmal nach jüdischem Ritus gesegnet.

Gerichtsprozesse

Das Verbrechen war nach 1945 Gegenstand zweier Prozesse, die im Abstand von zehn Jahren geführt wurden. Während der erste Prozess noch in die Zuständigkeit der Volksgerichte fiel, wurde der zweite von einem ordentlichen Geschworenengericht geführt. Einer der vermutlich drei an dem Massaker beteiligten SS-Angehörigen, Adolf Storms, konnte erst 2008 durch einen Studenten im Rahmen eines Forschungspraktikums identifiziert werden, obwohl sein richtiger Name bereits in den Unterlagen zum ersten Prozess genannt wurde.[4] Im November 2009 erhob die deutsche Staatsanwaltschaft vor dem Landgericht Duisburg Anklage gegen den inzwischen 90-Jährigen.[5] Der Mann starb schließlich im Juni 2010 kurz vor der Eröffnung des Prozesses.[6]

Literatur

  • Ulrich Sander: Mörderisches Finale. NS-Verbrechen bei Kriegsende. Papyrossa Verlagsgesellschaft, Köln 2008, ISBN 978-3-89438-388-6.
  • Andreas Forster: Der Deutsch Schützen-Komplex. In: Walter Manoschek (Hg.): Der Fall Rechnitz. Das Massaker an Juden im März 1945. Braumüller Verlag, Wien 2009, ISBN 978-3-7003-1714-2, S. 57–78.
  • Walter Manoschek: Dann bin ich ja ein Mörder! Adolf Storms und das Massaker an Juden in Deutsch Schützen. Wallstein Verlag, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8353-1650-8.

Dokumentation

Der Dokumentarfilm „Dann bin ich ja ein Mörder“ aus dem Jahre 2012 von Walter Manoschek befasst sich mit diesem Endphaseverbrechen.[7]

Einzelnachweise

  1. Forster (2009), S. 69.
  2. Zum Ablauf und zur „Aufgabenverteilung“ vgl. Forster (2009), S. 66–68.
  3. Walter Pagler (Verein Schalom) im Kurier, 26. August 1995
  4. Student entdeckt Kriegsverbrecher. Spiegel-Online vom 30. Oktober 2008
  5. Ex-SS-Mann wegen Morden in Deutsch-Schützen angeklagt. Kronen Zeitung Online vom 18. November 2009
  6. Ex-SS-Mann stirbt vor Prozess. n-tv vom 6. Juli 2010
  7. 50. Viennale: „Dann bin ich ja ein Mörder“ kleinezeitung.at, abgerufen am 9. November 2012