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vom 26.01.2020, aktuelle Version,

Oliver Vitouch

Oliver Vitouch (2015)

Oliver Vitouch (* 4. April 1971 in Wien) ist ein österreichischer Psychologe und Kognitionswissenschaftler. Seit 2012 ist er Rektor der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Von 2016 bis 2017 war er Präsident der Österreichischen Universitätenkonferenz, derzeit ist er deren Vizepräsident.

Leben

Nach der Matura am Akademischen Gymnasium und einem Musikstudium am Konservatorium der Stadt Wien studierte Vitouch an der Universität Wien Psychologie (mit Schwerpunkt Humanbiologie und Kognitive Neurowissenschaften), diplomierte 1995 und wurde 1999 zum Doktor der Naturwissenschaften promoviert. Seit 1995 war er Assistent an der Universität Wien, von 2000 bis 2002 Research Scientist bei Gerd Gigerenzer am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin (Center for Adaptive Behavior and Cognition, ABC). Er lehrte an der FU Berlin und der Universität St. Gallen. Nach seiner Habilitation für das Gesamtfach Psychologie wurde er 2002 außerordentlicher Universitätsprofessor in Wien. Anfang 2003 folgte er 31-jährig dem Ruf auf den Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

Oliver Vitouch ist der Sohn von Peter Vitouch und Elisabeth Vitouch. Er ist mit der österreichischen Professorin Judith Glück verheiratet und Vater zweier Kinder.

Wirken

Von 2005 bis 2006 war er Vorstand des Klagenfurter Instituts für Psychologie, von 2006 bis 2012 Vorsitzender des Senats (Senate I bis IV nach UG 2002). Zugleich hatte er seit 2004 leitende Funktionen in der Österreichischen Gesellschaft für Psychologie inne, deren Präsident er von 2008 bis 2010 war. Dabei trug er wesentlich zur Durchsetzung und weiteren Gestaltung von Zugangsregelungen (§ 124b, nunmehr § 71c, UG) infolge des EuGH-Urteils[1] über den offenen Zugang auch für deutsche Studierende bei. Im Mai 2012 wurde er zum Vizerektor für Internationale Beziehungen und Lehre bestellt (Interimsrektorat nach Abberufung Heinrich C. Mayrs); seit 29. Oktober 2012 ist er Rektor der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.

Im Mai 2015 wurde er von Senat und Universitätsrat für die Funktionsperiode 2016 bis 2020 und im Mai 2019 für die Funktionsperiode 2020 bis 2024 als Rektor wiederbestellt.[2][3] Von Jänner 2015 bis Mai 2016 amtierte Vitouch als Präsident der Alps-Adriatic Rectors’ Conference (AARC), einer 1979 in Graz begründeten Rektorenkonferenz mit aktuell 47 Mitgliedsuniversitäten aus Österreich, Süddeutschland, Ungarn, Oberitalien, Slowenien, Kroatien, Bosnien und Herzegowina, Serbien und Albanien.[4] Seit Jänner 2016 ist er Vizepräsident, seit Juni 2016 (nach dem Wechsel Sonja Hammerschmids in die Bundesregierung mit 18. Mai und durch Wahl am 6. Juni) Präsident und seit Jänner 2018 wieder Vizepräsident der Österreichischen Universitätenkonferenz (uniko).[5][6][7][8] Im zweiten Halbjahr 2019 fungierte er, durch den Rücktritt Eva Blimlingers aufgrund ihrer Nationalratskandidatur, als geschäftsführender Präsident.[9][10] Seine Nachfolgerin als uniko-Präsidentin seit Jänner 2020 ist Sabine Seidler.[11]

Unter Vitouchs Präsidentschaft kam es zur Umsetzung einer lange gehegten Forderung der Universitätenkonferenz, als der Nationalrat am 28. Juni 2017 mit den Stimmen von SPÖ, Grünen, FPÖ und NEOS im Vorgriff auf ein kommendes Konzept der Studienplatzfinanzierung eine Erhöhung des Universitätsbudgets von € 1,35 Mrd. (+ 14 %) für den Zeitraum 2019–2021 beschloss.[12][13][14] Zudem fielen in seine Amtszeit gleich zwei Regierungsprogramme mit ausführlichen Universitäts- und Wissenschaftsteilen: Das aktualisierte Programm der Koalitionsregierung Kern/Mitterlehner im Jänner 2017 und das Programm der Koalitionsregierung Kurz/Strache im Dezember 2017.[15][16] Das Modell der Universitätsfinanzierung-neu (Studienplatzfinanzierung) wurde schließlich, nach Ministerratsbeschluss vom 31. Jänner, am 28. Februar 2018 vom Nationalrat verabschiedet. Ein drittes für Wissenschaft und Forschung einschlägiges Regierungsprogramm, das der Koalition Kurz/Kogler, wurde unmittelbar nach seiner geschäftsführenden Zuständigkeit, am 2. Jänner 2020, präsentiert.

Am 9. Juni 2016 stürmte eine Gruppe Identitärer eine Ringvorlesung zum Thema Inklusion an der Universität Klagenfurt. Beim Versuch, deren Anführer bis zum Eintreffen der Polizei festzuhalten, erlitt Vitouch einen Faustschlag in den Bauch.[17][18] Am 26. Juli 2018 wurde die Gruppe vom Straflandesgericht Graz von der Anklage der Verhetzung und der Bildung einer kriminellen Vereinigung im Zweifel freigesprochen. Der Generalsekretär des Justizministeriums, Christian Pilnacek, sprach von einer "Entscheidung an der Grenze".[19][20] Für den Faustschlag erfolgte am 12. Juli 2019 eine Verurteilung zu sechs Monaten bedingter Haft wegen schwerer Körperverletzung, da Vitouch im Sinne des Strafgesetzbuches als Beamter handelte (§ 74 Abs 1 Z 4 StGB). Das Urteil ist nicht rechtskräftig.[21]

Als Vizepräsident der Universitätenkonferenz war Vitouch maßgeblich am Entstehen der Initiative Universities for Enlightenment (U4E) beteiligt, die von den Rektorenkonferenzen Deutschlands, Italiens, Kroatiens, Österreichs, Polens, der Schweiz, Serbiens, der Slowakei, Sloweniens und Tschechiens getragen wird.[22] Auslöser waren die Vertreibung der Central European University durch die ungarische Regierung, der "regierungstreue" Umbau ungarischer Universitäten und die Konflikte zwischen Staatsführung und Universitäten in Polen und Tschechien. Die zehn Rektorenkonferenzen unterzeichneten im Dezember 2018 die "Wiener Erklärung".[23][24]

Von November 2017 bis Jänner 2020 schrieb Vitouch alle 14 Tage die Kolumne Außensicht in der Kleinen Zeitung, einem österreichischen Regionalmedium (Steiermark, Kärnten und Osttirol) mit über 800.000 Lesern. Seine vorrangigen Themenbereiche waren Bildung, Wissenschaft und Aufklärung. Zuvor war er seit 1996 gelegentlich Gastautor des Standard (Kommentar der anderen).

Vitouchs wissenschaftliche Arbeiten liegen in den Bereichen Allgemeine Psychologie, Kognitionspsychologie, Forschungsmethodik, Wissenschaftstheorie, Evolutionäre Psychologie und Kognitive Neurowissenschaften, thematisch vor allem in der Entscheidungstheorie und der Musikpsychologie. Sie sind durch einen interdisziplinären und multimethodischen Zugang gekennzeichnet. Bis zum Eintritt ins Rektorat (2012) war er auch als Gutachter für rund 40 Fachzeitschriften, Förderprogramme und Verlage tätig.[25]

Auszeichnungen

Schriften (Auswahl)

  • Vitouch, O., Bauer, H., Gittler, G., Leodolter, M., & Leodolter, U. (1997). Cortical activity of good and poor spatial test performers during spatial and verbal processing studied with Slow Potential Topography. International Journal of Psychophysiology, 27, 183–199.
  • Vitouch, O., & Glück, J. (1997). "Small group PETting:" Sample sizes in brain mapping research. Human Brain Mapping, 5, 74–77.
  • (2001). When your ear sets the stage: Musical context effects in film perception. Psychology of Music, 29, 70–83.
  • Neumeister, A., Konstantinidis, A., Stastny, J., Schwarz, M. J., Vitouch, O., Willeit, M., Praschak-Rieder, N., Zach, J., de Zwaan, M., Bondy, B., Ackenheil, M., & Kasper, S. (2002). Association between serotonin transporter gene promoter polymorphism (5HTTLPR) and behavioral responses to tryptophan depletion in healthy women with and without family history of depression. Archives of General Psychiatry, 59, 613–620.
  • (2003). Absolutist models of absolute pitch are absolutely misleading. Music Perception, 21, 111–117.
  • Gigerenzer, G., Krauss, S., & Vitouch, O. (2004). The null ritual: What you always wanted to know about significance testing but were afraid to ask. In D. Kaplan (Ed.), The SAGE handbook of quantitative methodology for the social sciences (pp. 391–408). Thousand Oaks, CA: Sage.
  • Hanoch, Y., & Vitouch, O. (2004). When less is more: Information, emotional arousal and the ecological reframing of the Yerkes-Dodson law. Theory & Psychology, 14, 427–452.
  • (2005). Erwerb musikalischer Expertise. In Th. H. Stoffer & R. Oerter (Hrsg.), Allgemeine Musikpsychologie (Enzyklopädie der Psychologie, Bd. D/VII/1, S. 657–715). Göttingen: Hogrefe.
  • (2005). Absolutes Gehör. In Th. H. Stoffer & R. Oerter (Hrsg.), Allgemeine Musikpsychologie (Enzyklopädie der Psychologie, Bd. D/VII/1, S. 717–766). Göttingen: Hogrefe.
  • (2006). The musical mind: Neural tuning and the aesthetic experience. In P. B. Baltes, P. Reuter-Lorenz & F. Rösler (Eds.), Lifespan development and the brain: The perspective of biocultural co-constructivism (pp. 217–236). New York: Cambridge University Press.
  • Hoffrage, U. & Vitouch, O. (2008). Evolutionäre Psychologie des Denkens und Problemlösens. In J. Müsseler (Hrsg.), Allgemeine Psychologie (2. Aufl., S. 630–679). Heidelberg: Spektrum. [1. Aufl. J. Müsseler & W. Prinz (Hrsg.), 2002.]
  • Vitouch, O., & Ladinig, O. (Eds.) (2009). Music and evolution. Musicae Scientiae, 13 (Special Issue 2009–2010, 445 pp.).
  • Marewski, J., Pohl, R., & Vitouch, O. (Eds.) (2010/11). Recognition processes in inferential decision making (I–III). Special Issue, Judgment and Decision Making, 5 (4), 6 (1) & 6 (5).
  • Marewski, J., Pohl, R., & Vitouch, O. (2011). Recognition-based judgments and decisions: What we have learned (so far). Judgment and Decision Making, 6, 359–380.
  • Martignon, L., Vitouch, O., Takezawa, M., & Forster, M. R. (2011). Naive and yet enlightened: From natural frequencies to fast and frugal decision trees. In G. Gigerenzer, R. Hertwig & T. Pachur (Eds.), Heuristics: The foundations of adaptive behavior (pp. 136–150). New York: Oxford University Press.
  • Oechslin, M., Läge, D., & Vitouch, O. (2012). Training of tonal similarity ratings in non-musicians: A „rapid learning“ approach. Frontiers in Psychology (Cognitive Science), 3 (142), 1–14.
  • Koreimann, S., Gula, B., & Vitouch, O. (2014). Inattentional deafness in music. Psychological Research, 78, 304–312.
  • (2017). Der glückliche Sisyphos: Wunsch und Wirklichkeit an Österreichs Universitäten. In Rat für Forschung und Technologieentwicklung (Hrsg.), Zukunft und Aufgaben der Hochschulen (S. 159–164). Münster: LIT.
  • Kause, A., Vitouch, O., & Glück, J. (2018). How selfish is a thirsty man? A pilot study on comparing sharing behavior with primary and secondary rewards. PLoS ONE, 13 (8), e0201358.

Einzelnachweise

  1. Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vom 7. Juli 2005
  2. Nachricht der Universität zur Wiederwahl vom 18. Mai 2015
  3. Oliver Vitouch erneut zum Rektor der Uni Klagenfurt gewählt. Artikel vom 20. Mai 2019, abgerufen am 20. Mai 2019.
  4. Mitglieder der Alps-Adriatic Rectors’ Conference (AARC)
  5. Die Presse, Bernadette Bayrhammer, 7. Juni 2016
  6. Der Standard, Lisa Nimmervoll, 7. Juni 2016 (Kopf des Tages)
  7. Eva Blimlinger ist neue Rektorenchefin. Artikel vom 11. Dezember 2017, abgerufen am 11. Dezember 2017.
  8. Abschiedsinterview als Präsident der Universitätenkonferenz. Artikel vom 6. Dezember 2017, abgerufen am 11. Dezember 2017.
  9. Neue Vorsitzende für ÖH und Universitätenkonferenz. Artikel vom 24. Juni 2019, abgerufen am 24. Juni 2019.
  10. uniko-Vorsitz: Vitouch folgt auf Blimlinger.. APA-OTS vom 1. Juli 2019, abgerufen am 2. Juli 2019.
  11. Seidler neue Präsidentin der Universitätenkonferenz. In: ORF.at. 9. Dezember 2019, abgerufen am 9. Dezember 2019.
  12. Der Standard, 6. Juni 2017
  13. Der Standard, 9. Juni 2017
  14. Der Standard, 28. Juni 2017
  15. Arbeitsprogramm der Österreichischen Bundesregierung 2017/2018, Jänner 2017
  16. Regierungsprogramm 2017–2022, Dezember 2017
  17. Die Presse, 24. Juli 2018, abgerufen am 29. Juli 2018
  18. Der Standard, 25. Juli 2018, abgerufen am 29. Juli 2018
  19. ORF, 26. Juli 2018, abgerufen am 29. Juli 2018
  20. Kurier, 26. Juli 2018, abgerufen am 29. Juli 2018
  21. Der Standard, 13. Juli 2019, abgerufen am 14. Juli 2019
  22. Universities for Enlightenment, abgerufen am 26. Mai 2019
  23. Wiener Erklärung, abgerufen am 26. Mai 2019
  24. Wiener Zeitung, Werner Reisinger, 13. Dezember 2018, abgerufen am 26. Mai 2019
  25. Vitouch als Reviewer auf der Homepage der Uni Klagenfurt (PDF; 562 kB), gesehen am 31. Dezember 2011