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Oliver Woog: Schmücket die Locken mit duftigen Kränzen#

Bild 'Woog'

Oliver Woog: Schmücket die Locken mit duftigen Kränzen. Franz Schubert und sein Freundeskreis in den Schlössern Atzenbrugg und Aumühle. Schubert Projekt GbR. € 15,-

Vor genau 200 Jahren besuchte Franz Schubert mit seinem Freundeskreis das niederösterreichische Schloss Atzenbrugg. Der Ort im Tullnerfeld hatte damals 205 Untertanen, die in strohgedeckten Häusern wohnten. Ganz anders lebte man im Schloss, dessen Geschichte bis in das 14. Jahrhundert zurückreicht. Nach Zerstörungen der Zweiten Türkenbelagerung wieder aufgebaut, befand es sich im Besitz des Stiftes Klosterneuburg. Als Verwalter fungierte Joseph Derffel, der Onkel eines "Schubertianers", des Schauspielers und Literaten Franz von Schober.

Bei 'Atzenbrugg' assoziieren Schubert-Liebhaber einen fröhlichen Freundesreigen, der sich bei Sommerwetter Gesellschaftsspielen, musikalischen und sonstigen Unterhaltungen hingibt. Vor dem geistigen Auge erscheinen ein 'Zeiselwagen', elegante Biedermeier-Kleidung, geschmackvoll ausgestattete Schlosszimmer, und vielleicht die eine oder andere Liebelei. … Aber was wissen wir denn tatsächlich von diesen sommerlichen Ausflügen … was sind die Fakten aus erhaltenen, bekannten und wiederentdeckten Dokumenten herausgefiltert oder mitunter heraus- oder hineininterpretiert? Der deutsche Konzertgitarrist Oliver Woog hat sich auf den schmalen Grat zwischen Dichtung und Wahrheit begeben, um belegtes Wissen, unbelegte Überlieferungen und Unwahrheiten zu trennen. Als Interpret gilt sein besonderes Interesse der Pflege von Kunstliedern mit Gitarrenbegleitung. Woog forscht und recherchiert seit vielen Jahren über Musik und Leben von Franz Schubert und den Wiener Vormärz. Zum lokalen 200-Jahr-Jubiläum ist dieser Band als erste Vor-Publikation seiner umfassenden Schubert-Topographie erschienen.

Die Landpartien, an denen Schubert mit seinen Freunden teilnahm, führten ihn 1820 bis 1822 nach Atzenbrugg und Umgebung. Seine sechs Atzenbrugger Tänze und Zeichnungen des späteren Professors der Historienmalerei an der Wiener Akademie, Leopold Kupelwieser, vermitteln die Stimmung dieser Aufenthalte. Auf Schloss Atzenbrugg wurden Gesellschaftsspiele abgehalten, es wurde komponiert, gemalt, gedichtet und gefeiert. Werke der Freunde, damals meist im Alter von Mitte 20, sind bis heute bekannt, wie die Fresken Moritz von Schwinds in der Staatsoper, die Ausmalung der Altlerchenfelder Kirche oder Altarbilder von Leopold Kupelwieser. Doch nicht nur jene berühmten Künstler, auch an die 20 weitere, männliche und weibliche Gäste nahmen an den geselligen Zusammenkünften teil. Ihren Lebensläufen ist Oliver Woog nachgegangen und veröffentlicht hier seine neuen Erkenntnisse.

Der Mythos Schubert erstreckt sich auch auf die 1 km entfernte, zuständige Pfarrkirche Heiligeneich. Das ursprüngliche gotische Gotteshaus verdankt seine kunsthistorische Prominenz dem geadelten Wiener Kirchenmaler Joseph Adam von Mölk. Schon mit 12 Jahren an die Akademie aufgenommen, stattete er zahlreiche österreichische Sakralbauten mit Fresken und Altarbildern aus, unter anderem arbeitete er für die Serviten im 9. Wiener Gemeindebezirk, in dem auch Schubert geboren wurde. Zwar hat der Komponist Heiligeneich nachweislich besucht, doch für Geschichten von seinem Spiel auf der dortigen Orgel und die zufällige Begegnung des Regenschori mit dem von diesem hoch verehrten Meister fehlen die Belege.

Die dritte Schubertstätte ist das Schlösschen Aumühle. Auf dem Aquarell "Landpartie der Schubertianer" von Leopold Kupelwieser bildet sie das Ziel im Hintergrund, für das Bild "Gesellschaftsspiel" von Moritz von Schwind die Kulisse. Zu dem seit dem 16. Jahrhundert nachweisbaren Gut zählten eine Mühle, ein Gasthaus, Wirtschaftsgebäude und ein weitläufiger Park. Ab 1822 war es für rund ein Jahrzehnt im Besitz von Maximilian Joseph und Josepha Gritzner, die auf den Atzenbrugger Gästelisten aufscheinen. Oliver Woog beschreibt "das außergewöhnliche Leben Max Joseph Gritzners". Dieser war nach dem Studium an der Bergakademie in Schemnitz (Banská Štiavnica, Slowakei)an verschiedenen Standorten in seinem Fach tätig, "pendelte unablässig zwischen Staatsdienst und Privatbetätigung" und überließ seiner getrennt lebenden Frau die Sorge um die drei Kinder und das Gut. 1848 stand der Hofsekretär Max Joseph Gritzner auf Seiten der Revolutionäre. Im selben Jahr entführte er für seinen Sohn Max Carl dessen Braut Pauline Marx. Ihr Vater erlaubte als gläubiger Jude die Verbindung mit einem Christen nicht. Vater und Sohn Gritzner waren als Revolutionäre mit der Todesstrafe bedroht.

Am 16. November 1848 ging Max Joseph in die USA ins Exil, Max Carl und Pauline flüchteten zunächst nach England und Frankreich. Der Vater etablierte sich in Amerika beruflich auf den Gebieten Bergbau, Hüttenwesen und Landwirtschaft. Max Carl war als Ingenieur erfolgreich, seine Frau gebar zwei Söhne. Anfang der 1860er Jahre kehrten alle nach Europa zurück. Während der Vater publizistisch tätig war, erwarb der Sohn in Deutschland eine Nähmaschinen-Fabrik. Seine "Gritzner Maschinenwerke", auch Fahr- und Motorräder produzierten, zählten zu den größten der Branche.

Kritischer beurteilte die österreichische Autorin Renate Welsh die Familiengeschichte. Max Joseph Gritzner war ihr Ur-Ur-Urgroßvater. Basierend auf dem Familiennachlass, schrieb sie 2004 den Roman "Das Lufthaus" über Pauline Gritzner, geb. Marx. Max Joseph und Josepha Gritzner ließen sich von Leopold Kupelwieser portraitieren. Oliver Woog entdeckte die Ölgemälde bei Nachfahren. Renate Welsh schreibt in ihrem Beitrag zu seinem Buch, sie besitze Fotografien davon und wusste nichts über die Landschaft im Hintergrund, genau so wenig davon, dass Gritzner Schubert gekannt hatte. … Schubert war einer meiner ganz privaten Heiligen. So öffnet Woogs Forschung biografische Kreise, die sich letztlich wieder schließen. Wie erwähnt, behandelt das ansprechend gestaltete Buch einen Teilbereich seiner Schubert-Topographie. Nach diesem Vorgeschmack kann man das Erscheinen der Gesamtstudie über alle Schubertstätten in Österreich und der Slowakei kaum erwarten.

hmw