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Achter-Angelegenheiten#

Ein Blick auf die letzten hundert Jahre#

von Martin Krusche

„Hat sich nicht das kurze 20. Jahrhundert im wesentlichen zwischen zwei Brücken von Sarajevo abgespielt?" schreibt Dzevad Karahasan im Nachwort seines Buches „Berichte aus der dunklen Welt". Das bezieht sich auf die Lateinerbrücke (1914) und die Vrbanjabrücke (1992) sowie auf zwei historische Momente eines Zeitraumes, den Historiker Eric Hobsbawm als „Das Zeitalter der Extreme" beschrieb. Das sind keine Aussagen über die südslawischen Nationen, sondern über Europa in seiner Gesamtheit, wobei gerade neu verhandelt wird, was genau mit dieser Gesamtheit eigentlich gemeint sei.

Ein mildes Lächeln für „Bruder Beuys“. (Foto: Martin Krusche)
Ein mildes Lächeln für „Bruder Beuys“. (Foto: Martin Krusche)

Mit diesen Sätzen habe ich mich gerade selbst zitiert. So begann im Jahr 2009 eine Reflexion über das 20. Jahrhundert im Projekt „next code: crossing“. Etwas später hatten wir über das Zeitfenster 1814-1914-2014 nachzudenken. Der Wiener Kongreß, der Beginn des Großen Krieges und eine erschütterte EU, die der Revision bedurfte.

Die Schüsse von Sarajevo und der Untergang Jugoslawiens markieren Anfang und Ende des 20. Jahrhunderts, das in der Geschichtsschreibung teilweise als „Das Kurze 20. Jahrhundert“ dargestellt wird.

Drei Dörfer kooperieren für ein anspruchsvolles Kunstprojekt.
Drei Dörfer kooperieren für ein anspruchsvolles Kunstprojekt.

Nun legt uns der Achter einige markante Bezugspunkte vor. 1848, 1918 und 1938 sind Daten, zu denen sich Österreich jeweils grundlegend zu verändern begann. In der Oststeiertmark hat sich während der letzten Jahre die Praxiszone Dorf 4.0 (Kunst, Wirtschaft, Wissenschaft) entwickelt. Das heißt, die Bürgermeister dreier Dörfer kooperieren, um die Vorhaben von Kunst- und Kulturschaffenden zu begleiten, zu verstärken.

Die Rede ist Albersdorf-Prebuch (Robert Schmierdorfer), Hofstätten an der Raab (Werner Höfler) und Ludersdorf-Wilfersdorf (Peter Moser). In diesem Zusammenhang war das 2018er Aprilfestival auf Schloß Freiberg heuer der Rahmen für eine Station für Die Quest III, zu der unter anderem Die Beuyse des Pessler gehörten.

Nun kam in der Verständigung mit den genannten Bürgermeistern ein interessantes Dokument zustande. Höfler, Moser und Schmierdorfer unterstützen namens ihrer Gemeinden die Kooperation zwischen dem Kuratorium für triviale Mythen und dem Büro für Pessi.mismus, um ein prozeßhaftes Vorhaben umzusetzen, das der Gegenwartskunst vorbehalten ist und eine Betrachtung der letzten hundert Jahre zum Inhalt hat.

Im Kern wird der „Flying Circus“ mit einer Wanderausstellung gastieren, die aus der Region heraus dialogische Momente bezieht. Das bedeutet, vom Dienstag, dem 2.10 bis Donnerstag, dem 4.10.2018, wird eine Ausstellung durch die die Orte wandern, zu der ein Prozeß hinführt, der inzwischen begonnen hat. Das ganze endet nicht mit dem Event, sondern wird auch nachwirken. Es ist ein Praxisbeispiel kollektiver Wissens- und Kulturarbeit abseits des Landeszentrums als Teil des 2018er Kunstsymposions „Interferenzen“.

Nikolaus Pessler und Petra Lex (Foto: Martin Krusche)
Nikolaus Pessler und Petra Lex (Foto: Martin Krusche)
Von links: Werner Höfler, Robert Schmierdorfer und Peter Moser (Foto: Martin Krusche)
Von links: Werner Höfler, Robert Schmierdorfer und Peter Moser (Foto: Martin Krusche)
Autor Martin Krusche (Foto: Ursula Glaeser)
Autor Martin Krusche (Foto: Ursula Glaeser)

Das bedeutet, es gibt laufende Prozesse quer durch das Jahr, wobei Ergebnisse teilweise nach außen getragen werden, aber auch in kleinen Runden und Arbeitskreisen Bestand haben, sich überdies in Publikationen manifestieren. Schwerpunkte wie dieser mit dem „Flying Circus“ betonen Teilthemen, das Kuratorium für triviale Mythen sorgt regional für Schnittstellen, über die zu anderen Teilthemen verzweigt wird. So ergibt sich über die laufenden Prozesse und die Vernetzung der Themen eine Möglichkeit, daß große Themenstellungen nicht nur in den Landeszentren kompetent bearbeitet werden, sondern auch in der Peripherie.

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