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Bruder Beuys und die Folgen#

Momente einer Debatte über Kunst#

von Martin Krusche

Das Aprilfestival auf Schloß Freiberg (Ludersdorf) zeigte sich erneut als eine Mischung aus Geselligkeit, Kunstvermittlung und Debatte. Dabei wurde eines der Ereignis-Fenster mit dem Abschnitt „Die Quest III“ belegt. Auf dem Weg dorthin war unserem „Bruder Beuys!“ eine laufende Diskussion gewidmet.

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Dieser ironische Zugang ergab sich anläßlich des populären „Beuyselns“. Das ist ein saloppes Beugen des Beuys’schen Denkens zu selbstreferenziellen Zwecken. Mit dem Gebrauch von entkernten Beuys-Aussagen soll ja immer wieder beliebiges dekoratives Gestalten unter die Flagge der Kunst gerückt werden, was sich vor allem auf eines der grundlegenden Ereignisse der Kunst irritierend auswirkt: Kommunikation.

So kam es beim Aprilfestival zum Ensemble Die Beuyse des Pessler als einem zeitgenössischen Statement, in dem der Maler Nikolaus Pessler und ich für einen „sprechenden Triptychon“ sorgten. Das ergab die Aufstellung zur Lesung Die Gefolgschaft des Ikarus.

Die unmittelbar anschließende Debatte plus einige spätere Momente machten deutlich, woran in naher Zukunft noch zu arbeiten wäre. Kennen Sie solche Gesprächsverläufe? Da sagt jemand: „Und was ist jetzt Kunst?“ Sofort weiß man in der Runde zu antworten: „Das läßt sich nicht so genau sagen.“

Damit ist dieser Teil der Diskussion vom Tisch, denn sonst müßte über Transzendenz gesprochen werden und über Eigenheiten der Conditio humana, die sich eben genau derart simplen Definitionsversuchen entziehen. Das macht ja manche Qualitäten der Kunst erst möglich; nämlich so ein Aspekt des Unbestimmbaren, über den dennoch sehr konkrete Aussagen möglich sind. (Aber nicht, um das Transzendente an die Leine zu bekommen.)

Unter uns gesagt, für erfahrene Leute in der Kunst ist es ja kein Problem, mit solchen Unbestimmbarkeiten umzugehen, mit Vexierbildern, mit Dimensionen, die zum Teil über Begriffe einfach nicht fixiert werden können. Im Gegenteil! Der unaufgeregte Umgang mit diesem Anteil unserer Kultur bietet überhaupt erst Zugänge zu manchen Terrains der Kunst.

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Natürlich bleibt das Transzendente genau deshalb manchmal so dubios, weil es diese Eigenschaften hat, nicht dingfest zu sein. Deshalb wäre da eher über seelische Befindlichkeiten und über Wahrnehmungserfahrungen zu sprechen, also vom Individuellen und Subjektiven, das dann so seine Momente haben kann, in denen es als etwas allgemein Erkennbares oder Erfahrbares in der Kunst aufflackert. Sachlicher und konkreter wird es auf diesem Boden, in diesen Winkeln nicht.

Dafür bliebe uns, den weiteren Fragen nachzugehen, indem wir über Kunstwerke, Kunstbetrieb und Kunstmarkt sprechen. Ließe sich etwa über die Qualität von Kunstwerken etwas Konkretes sagen? Solche Qualität ist sinnlich erfahrbar, also das Gegenteil von Transzendenz. Genau! Dazu zähle ich aber nun nicht die Aura eines Werkes, die hauptsächlich subjektiv erfahrbar bleibt.

Um ein Beispiel zu nennen, es mag jemand Ehrfurcht empfinden, ein Blatt vor sich zu haben, das mit Sicherheit in den Händen von Albrecht Dürer lag. Mir bedeutet dagegen dieser Aspekt des Auratischen gar nichts. Es interessiert mich nur das Bild.

Haben wir also Kriterien zur Verfügung, um Aussagen über die Qualität eines Werkes zu machen? „Ach, das ist ja alles relativ“, warf jemand aus der Runde ein. Ich hab bestaunt, wie unmittelbar mir gelegentlich das Wort abgeschnitten wurde, als ich einige der verfügbaren Kriterien nennen wollte. Immerhin ein deutliches Zeichen, daß diese Erörterung gerade unerwünscht war.

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In meinem Text vor Ort hieß es an einer Stelle: „Über die dahingestümperten Malereien, die keinen Hinweis auf künstlerische Erfahrung, interessante Handschrift, geübtes Handwerk, Gestaltungswillen oder wenigstens auf Inhalte von etwas mehr als Knöcheltiefe bieten, sprach Beuys von einer ‚traurigen Gartenzwerg-Kultur’“.

Selbstverständlich kann ich in den meisten Fällen sehen, ob ein Pinselstrich virtuos geführt wurde oder ob er den Mangel an Dynamik einer ungeübten Hand ausdrückt. Was sich als gestaltet zeigt, ist entweder von Gestaltungskraft herbeigeführt, oder vom herzigen Ausdruck innerer Zustände, denen keine erfahrenen Hände gegönnt waren. Das kann man oft sehen und unterscheiden.

Ich habe Markus Lüpertz zitiert, der so was weit weniger konziliant formuliert: „Dieser ganze Kreativitäts-Wust, daß jedes Wollen, ich finde, das ist ja schönste Demokratie, daß jedes Wollen irgendeiner Art sich ausrülpsen und währen kann. Ich finde das ja alles aufregend.“

Beuys zeigt sich da ein wenig verständnisvoller, spricht etwa von der „Krüppelform menschlicher Tätigkeit, die man im Allgemeinen als Kitsch bezeichnet". Gut, nichts spricht gegen die Produktion von Kitsch, die dann aber nicht Kunst benannt wird. Ganz unaufgeregt, aus praktischen Gründen, wie wir ja auch einen Tisch nicht Sessel nennen. Die Beachtung solcher Nuancen dienen gelingender Kommunikation, der Kunst ist das egal.

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Ich hab Maler Nikolaus Pessler während der Debatte gefragt: „Hast Du eine formelle Ausbildung absolviert?“ Er bejahte, erwähnte kurz die endlosen Stunden im Aktzeichnen und bei anderen Aufgaben, wo Geist und Hand zu üben, zu lernen hatten. Das macht eben einen Unterschied und bleibt nur wenigen hoch talentierten Ausnahmen erspart.

In meiner Reflexion über den Bassisten Reinhard Ziegerhofer, der beim Aprilfestival zugange war, habe ich notiert: „Jene reich beschenkten Ausnahmeerscheinungen, die fast alles mitbekommen haben und sich kaum etwas erarbeiten müssen, machen einen verschwindend geringen Anteil aus. Denen begegnet man kaum.“ (Quelle)

Da es in solchen Fragen im Schloß nicht weiterging, blieb uns noch, über den Kunstmarkt zu räsonieren, der als Brüderchen des Kulturbetriebs voller infamer Verschwörungen steckt, voller Netzwerke fragwürdiger Existenzen, die sich gegenseitig in den Himmel heben, einander zuschieben, was zu holen ist, und alles andere verhindern.

Nein, das ist natürlich entsetzlicher Mumpitz. Esoterisches Geklingel. Unternehmer Ewald Ulrich, Kopf der Kulturinitiative „Fokus Freiberg“, brach das kühl herunter: „Der Markt ist der Markt, da werden alle gleich behandelt, egal, was man macht.“ Das meint, am Markt wird man nach Angebot und Nachfrage gehätschelt oder verworfen, gesucht oder ignoriert. Das erklärt auch, warum sich zum Beispiel qualitativ schlechte Arbeiten verkaufen lassen. Und selbst jenes abschätzige „Paßt das Bild zum Sofa?“ ist immerhin ein gut verständliches Marktkriterium, hat zugleich das Zeug zu einer ästhetischen Kategorie, die man nicht schlechtreden muß. Soll doch ein Bild zum Sofa passen!

Es hat jeder Mensch die Freiheit, die Verträglichkeit von Kunstwerk und Sofa im Herzen zu hegen und auf ein bemühen um „Höhere Werte“ zu verzichten. Ich darf mich für Kitsch und Ramsch begeistern. Es gibt keinen gut argumentierbaren Einwand dagegen. Wer sich solcher Sofaliebhaberei überlegen fühlt, wird eventuell seine sozialen Kriterien überprüfen müssen. An Fragen der Kunst müssen sich Garten-Deko aus dem Baumarkt und anderer Kitsch ohnehin nicht messen lassen.

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Ulrich betonte: „Der Markt hat keine Werte.“ Er sei bloß ein Mechanismus. Das ist so hilfreich wie anregend, denn es weist uns darauf hin, daß wir kein endloses Räsonieren über den Markt inszenieren müssen. Der tut, was er immer tut. Er ist das Maschinchen, mit dem Angebot und Nachfrage gekurbelt werden. Punkt.

Statt also dämonische Bilder vom Markt zu zeichnen, könnten wir uns… über die Qualität von Kunstwerken unterhalten, verständigen, danach fragen, was denn deren Kriterien seien, was das mit uns zu tun hat, was es an uns und in uns leisten kann. Wir könnten über das geistige Leben reden, wie es an der Befassung mit Kunst und mit Kunstwerken festgemacht ist. Daraus würden sich mutmaßlich auch einige Argumente ergeben, warum eine Gesellschaft, warum der Staat in Kunstwerke investieren, also auch gelegentlich in den Kunstmarkt eingreifen sollte.

Aber ich vermute, diese Argumente werden sich nicht finden lassen, falls wir darauf verzichten, zuerst einige essentiellere Fragen im Zusammenhang mit der Kunst zu verhandeln, neu zu verhandeln, wie das seit Jahrtausenden immer wieder gemacht werden muß. Weshalb? Na, es gibt keinen Kunstbegriff, der durch mehrere Epochen reichen würde. So viel sollte heute wenigstens klar sein und außer Diskussion stehen.

  • Vertiefend: Was ist Kunst? (Einige Hinweise für unbeschwerte Zugänge)
Alle Fotos von der Veranstaltung, ohne unmittelbaren Textbezug, von Martin Krusche.