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Sandra Galatz: Bräuche im Salzkammergut#

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Sandra Galatz: Bräuche im Salzkammergut. Gelebte Tradition im Jahreskreis. Verlag Anton Pustet Salzburg. 208 S., ill., € 25,-

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Genau so wünscht man sich ein Buch über "gelebte Tradition": gescheit, gut zu lesen, reich illustriert mit aussagekräftigen Fotos, gewürzt mit künstlerischen Aquarellen und Zitaten aus alter und neuer Zeit. Man merkt, da war ein Profi am Werk. Sandra Galatz hat u a. Musik und Geographie studiert und das Doktorat in Europäischer Ethnologie erworben. Sie zählt zu den Glücklichen, die ihr Wissen und ihre Erfahrungen aus der Praxis beruflich nutzen können. Als Moderatorin und Redakteurin gestaltet sie im ORF-Studio Oberösterreich Radio- und Fernsehsendungen.

Ihr Buch handelt vom Salzkammergut, an dem die Bundesländer Steiermark, Oberösterreich und Salzburg Anteil haben. Die Autorin ist in Gmunden geboren und mit der Volksmusik aufgewachsen. Sie stellt 64 regionale Bräuche vor, zehn davon haben es auf die UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes geschafft. Eingangs erteilt Sandra Galatz dem noch immer weit verbreiteten Vorurteil von "heidnisch", "vorchristlich" oder "uralt" genanntem Brauchtum eine klare Absage: Viele der Bräuche, wie wir sie kennen, sind erst etwa 150 Jahre alt oder jünger. Sie zeigt, dass sich vieles dynamisch und hybrid den Zeitbedürfnissen anpasst - aktuell der Rückbesinnung auf Regionalität und Identität - anderes folklorisiert und kommerzialisiert wurde. Zahreiche Heischebräuche sollten armen Leuten überleben helfen, heute sammeln Kinder gerne für einen guten Zweck.

Die Darstellung folgt dem Jahreskreis, beginnend mit den Wirlinger Böllerschützen, die als einziger solcher Verein berechtigt sind, ihre Tradition zu pflegen. 1989 entwickelten sie ein Böllerabfeuerungsgerät, das den neuen pyrotechnischen Vorschriften entspricht. Ihr Raunachtschießen steht ebenso auf der UNESCO-Liste wie der Ebenseer Glöcklerlauf mit den leuchtenden "Kappen". Um den 6. Jänner sind nicht nur verschiedene Perchten unterwegs (Danke für die sachliche Darstellung!). Prächtig gewandete Dreikönigssänger kommen zu Fuß, hoch zu Ross oder per Schiff. Weithin berühmt ist der Fasching im Ausseer Land mit seinen charakteristischen Figuren. In Traunkirchen ziehen am Faschingsonntag die '"Mordsgschichtensänger" um, auch sie stehen auf der UNESCO-Liste. Gleiches gilt für den Liebstattsonntag in Gmunden, wo ein Trachtenverein 3.000 Lebzeltherzen verteilt, und das Ratschen an den Kartagen. Seit 2018 besitzt Ebensee die größte Kirchturmratsche Österreichs, 183 x 80 x 62 cm. Nach Ostern - in Obertraun eine Unruhnacht - künden das Narzissenfest im Ausseer Land und die Seeprozessionen zu Fronleichnam von der wärmeren Jahreszeit. Die bäuerliche Bevölkerung hatte früher im Sommer keine Zeit zum Feiern. Nur Kirtage und Mariä Himmelfahrt unterbrachen den Arbeitsalltag. In den letzten Jahren entstand eine Reihe Musikantenfeste, wie am Taferlklaussee, wo die Weisen der Bläser ihr Echo an den Felsen des Höllengebirges finden. Almabtrieb und "Schafmusterung" markieren das Ende des Sommers.

Der Lichtbratlmontag Ende September verweist auf die kommenden langen Nächte. Auch dieses jährliche Fest im Bad Ischler Jahreslauf steht auf der Kulturerbe-Liste. Hingegen ist das "Ruamfeldln" in Gößl am Grundlsee eine regionale Spezialität. Am letzten Oktobersonntag kochen Kinder im Freien für die Erwachsenen. Ein anderer herbstlicher Kinderbrauch ist das revitalisierte "Ruamleichten", die Ebenseer Alternative zu Halloween. Hier ziehen die Kinder mit Lampions aus Rüben um. Männer haben ihre speziellen Bräuche, wie das Taubenschießen (mit einem taubenförmigen Geschoß aus Holz) in Altaussee oder das Vogelfangen samt Ausstellung und Prämiierung - beide UNESCO-gelistet.

"Kathrein sperrt die Geigen ein", doch vor dem Advent gibt es noch die Kathreintänze der Volkstanzvereine. In Bad Ischl wird dabei ein Schwerttanz der Knappen vorgeführt. Die Bergleute der Salinen feiern ihre Patronin am Barbaratag. Sankt Nikolaus beschenkt die Kinder. Im steirischen Salzkammergut kommt er mit seltsamem Gefolge, darunter Graß- und Pelzteufel, Habergeiß und "Migloweibl", Schab und Bartl. Aufführungen wie das Bad Mitterndorfer Nikolausspiel zählen zum Genre der Stubenspiele. Sie sollten Kinder und Erwachsenen über Sünden und Tugenden belehren.

Gegen Weihnachten zu dominieren religiöse Bräuche, wie Herbergsuchen und Krippenspiele. Die Hauskrippen in Ebensee, Bad Ischl, Altmünster und der Viechtau sind etwas Besonderes. Ganze Stuben werden ausgeräumt, um Landschaften mit Dutzenden Figuren aufzubauen, die es teilweise nur hier gibt. Bei der "Kripperlroas" können sie Besucher besichtigen. Derartige so genannte Volksbräuche, wie auch Krippenlieder und -spiele gehen auf die Förderung der Orden im konfessionellen Zeitalter zurück, Mehrfach weist die Autorin auf die wichtige Rolle der Jesuiten hin. Lambacher Benediktiner, Gmundener Kapuziner und St. Florianer Augustiner-Chorherren trugen zur Popularisierung bei. Das Ischler Krippenspiel, das älteste Oberösterreichs, reicht (zumindest) bis 1654 zurück. 1870 zeigte man es in der Kaiservilla als Geburtstagsgeschenk für Franz Joseph. In den 1950er Jahren wieder belebt, erfuhr es 2011 eine behutsame Neuinszenierung. Nun führen es 80 Mitwirkende im Vierjahresrhythmus in der Pfarrkirche auf. Beim Christbaumtauchen gedenken Wassersportler der Opfer der Salzkammergutseen.

Mit weltlichen Bräuchen geht das Jahr - und das Buch - zu Ende. Am Stephanitag trifft man sich in Ebensee und Bad Goisern zum Krambamperlbrennen. Über einem Glas wird Würfelzucker mit Wacholderschnaps entzündet und das Glas voll süßen Alkohols dann gemeinsam geleert. Zu Silvester inszeniert der Tourismusverein in Obertraun einen Fackelwanderweg samt Blasmusikbegleitung. Dabei wird ein riesiges Lagerfeuer entzündet, ein Sorgen- und Wunschfeuer zugleich, in dem all die Ängste des alten Jahres verbrannt werden und die guten Wünsche für das neue Jahr aufgehen sollen. Was könnte man dem Buch "Bräuche im Salzkammergut" wünschen? Viele interessierte Leser - und nach einigen Jahren einen Ergänzungsband. Wenn das Salzkammergut 2024 zur Europäischen Kulturhauptstadt wird, ergeben sich bestimmt wieder viele Traditionen im Jahreskreis.

hmw