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Wasserkraft und Kulturgeschichte#

Als Beispiel: die Berghofer-Mühle#

„Flink laufen die Räder und drehen den Stein (…) und mahlen den Weizen zu Mehl uns so fein…“ lautet eine Passage des populären Kinderliedes „Es klappert die Mühle am rauschenden Bach“. Mühlen. Die klaglos funktionierende Nahrungsmittelquelle wird uns heutzutage kaum noch bewußt.

Mühlen als historischer Brennpunkt europäischer Maschinenbaukunst. (Foto: Martin Krusche)
Mühlen als historischer Brennpunkt europäischer Maschinenbaukunst. (Foto: Martin Krusche)

Aber es gibt diese Momente. Zum Beispiel, wenn wir an einer Bäckerei vorbeikommen, wo das Mehl per Lastwagen angeliefert wird, und wir über einen dicken Schlauch steigen müssen, der den Gehsteig quert. Es gibt auch traditioneller anmutende Augenblicke. Wenn man beispielsweise in einer Pizzeria sieht, wie jemand mit einem geschulterten Mehlsack die Szene betritt.

Mühlen gehören zu den bedeutendsten Maschinerien der Geschichte Europas. Kaum ein Metier verbindet menschliche Kultur-, Sozial- und Technologiegeschichte so weitreichend. Es war vor Jahrtausenden ein unglaubliche komplexer und langer Prozeß, in dem aus der Kreuzung vieler Wildgras-Sorten Getreide wurde. Es brauchte lange, bis Getreide einen nennenswerten Ertrag abwarf, um als Kulturpflanze die Menschheitsgeschichte zu revolutionieren.

Bis James Watt die Dampfmaschinen optimierte, was das Wasser eine vorrangige Kraftquelle unserer Wirtschaft. (Foto: Martin Krusche)
Bis James Watt die Dampfmaschinen optimierte, was das Wasser eine vorrangige Kraftquelle unserer Wirtschaft. (Foto: Martin Krusche)

Damit ging die Seßhaftwerdung des Menschen einher und der Ackerbau konnte sich entwickeln. Es war ursprünglich unendlich mühsam, Getreide anzubauen, zu ernten, zu verarbeiten, Spreu vom Weizen zu trennen, gutes, reines Mehl zu produzieren.

Das gab vielen Ideen perment Impulse, setzte Prozesse in Gang, die bis heute wirken. Dazu gehört die überaus interessante Entwicklung vom Grabstock zum modernen Pflug, auch der Umgang mit Zugtieren. Bei uns meint das vor allem Ochsen und Pferde, die übrigens via Göpel auch Mühlen antrieben, wenn gerade keine Wasserkraft verfügbar war.

Wo Wasser als Antriebskraft wirkt, kann auch Elektrizität für Motoren und Beleuchtung erzeugt werden. Darin war das Mühlenwesen schon auf Stand, bevor in Österreich die Landwirtschaft mechanisiert wurde und die Volksmotorisierung stattfand. Mühlen sind die letzten tausend Jahre ein zentraler Anlaß gewesen, daß Menschen die Maschinenbaukunst verfeinert haben. Die grundlegende Technik trieb auch Sägewerke und Hämmer.

Diese Einleitung soll deutlich machen, welche Bedeutung ein Betrieb hat, der aus den Tiefen der Geschichte heraus bis heute besteht und wirkt. Über die Berghofer-Mühle in Fehring heißt es: „Ein Blick in die Chronik verrät, daß unsere Mühle bereits im 12. Jahrhundert urkundlich erwähnt wurde und sich bis 1788 im Besitz der Gutsherren von Trautmannsdorf befand.“ Das läßt erahnen: gesicherter Bedarf und stabile technische Lösungen schaffen solche Dauer.

In den Landeszentren entstanden sogar umfassende Mühlenverbände. (Foto: Martin Krusche)
In den Landeszentren entstanden sogar umfassende Mühlenverbände. (Foto: Martin Krusche)

Bemerkenswert ist das Kapitel der Elektrifizierung, welche erst dem Betrieb, dann der ganzen Gemeinde zugute kam: „Die Mühle wurde bis zum Mühlenbrand im Jahre 1915 durch hölzerne Wasserräder angetrieben. Im Sommer 1916 standen die Leitungen erstmals unter Spannung – Johann Berghofer hat die Turbinenanlage mit einer Francis-Turbine errichtet. Das Stromzeitalter in der Mühle und in weitere Folge in Fehring hatte begonnen. 1986 wurde dies Anlage um eine Kaplanturbine erweitert.“

Der Betrieb ist heute Getreidemühle (Weizen-, Roggen- und Dinkelmehl) und Ölmühle. Die Produktion von Kürbiskernöl beruht übrigens auf einem oststeirischen Phänomen, denn in dieser Region entstand einst durch natürliche Mutation zufällig jene Kürbisart, deren Kerne sich für die Ölproduktion eignen.

Dazu kommt, daß Mühlen seit jeher Orte des ständigen Kommens und Gehens waren, dabei auch überregionale Bedeutung erhaten konnten. Laufend begegneten sich ganz unterschiedliche Menschen. Das zeigte soziale Effekte, hatte über die Jahrhunderte hinweg erhebliche kulturelle Konsequenzen.

Kulturwissenschafter Carlo Ginzburg hat übrigens zum Thema eine bewegende Fallgeschichte geliefert, die einem auch Anregungen bietet, wie sich die Geschichte Europas selbst über so banal scheinende Einrichtungen wie eine Mühle tatsächlich nennenswert entwickelt hat. In seinem Buch „Der Käse und die Würmer“ (Die Welt eines Müllers um 1600) schildert er die Geschichte von Domenico Scandella, genannt Menocchio, dessen Bildungsstand und Weltsicht der Obrigkeit mißfiel.