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Tradition#

"Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers." Dieses berühmte Zitat des französischen Reformsozialisten Jean Jaurès (1859-1914) wird auch dem österreichischen Komponisten Gustav Mahler (1860-1911), Papst Johannes XXIII. (1881-1963) und anderen Prominenten zugeschrieben. Seine häufige Verwendung zeigt das Interesse am Kulturwandel. Alle Traditionen waren einmal Innovationen, aber nicht aus allen Innovationen werden Traditionen. Man kann passives Beibehalten (Überlieferung aus Furcht vor dem Neuen) und "aktive (bewusste) Tradition" von etwas als wertvoll Erkanntem unterscheiden. Das Wort wurde im 16. Jahrhundert aus dem lateinischen Traditio (Überlieferung), gebildet. "Traditionell" (dem Brauch entsprechend) entstand im 19. Jahrhundert. Damals hoffte man, Tradition werde wie eine Klippe wirken, an der sich die aufbrandende Moderne brechen sollte.

In den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts fragte die Münchener Schule nach einem "Volksleben", das ausdrücklich von den jeweiligen wirtschaftlichen und politischen Gesellschaftsverhältnissen, dem Einfluss von Herrschaft und Recht, Wandlungen und Brüchen in seiner kulturellen Tradition geprägt war. In detaillierten Einzelstudien wurde Geschichtliches genau datiert und lokalisiert. Der Münchener Volkskundler Hans Moser (1903-1991) prägte für die Vermittlung und Vorführung der "Volkskultur aus zweiter Hand" den Fachterminus Folklorismus. Er bewies, dass die "sichernde" Volkskunde des 19. und 20. Jahrhunderts vermeintliche Traditionen selbst erfunden hatte, bevor sie diese - mit Ge-brauchs-anleitungen versehen - dem "Volk" wieder zurückgab. Erfahrungsgemäß wirkt sich jede gut gemeinte Pflege - mit der Gefahr der Erstarrung - auf einen Brauch aus, ebenso wie die touristische Vermarktung.

Im Englischen gibt es seit den 50er Jahren ein Wort, das noch abwertender als das deutschsprachige "Folklore" ist, nämlich "Fakelore" für gezielt fabrizierte Überlieferungen, ein Kofferwort aus Fake (Schwindel) und Folklore (womit im Englischen traditionelle mündliche Überlieferungen gemeint sind. 1983 erschien die Arbeit des Sozialhistorikers Eric Hobsbawm "The Invention of Tradition". Demnach sind viele vermeintlich alte Überlieferungen verhältnismäßig jung. Zum Beispiel die schottische Highlander-Tradition mit Dudelsack und Kilt, der als Protestkleidung erst nach der Vereinigung mit England Anfang des 18. Jahrhunderts aufkam. Der Sirtaki, für viele Inbegriff des traditionellen griechischen Volkstanzes, wurde 1964 zur Musik von Mikis Theodorakis für den Film Alexis Sorbas nach dem Roman von Nikos Kazantzakis choreographiert. Mexiko feiert zwar traditionell den „Tag der Toten“, doch erst 2016 kam ein Umzug mit großen Wagen und riesigen Marionetten dazu. Die Idee für den bunten Totenumzug in Mexiko-Stadt stammt aus dem James-Bond-Film „Spectre“. Darin ist der britische Spion auf einer fiktiven „Tag der Toten“-Parade in der Hauptstadt zu sehen. Sollte dies aufgegriffen und fortgesetzt werden, werden die Medien wohl bald von einem "uralten Brauch" berichten.

Bild 'Tradition'

Manche Bräuche, die besonders ehrwürdig wirken, sind erst wenige Jahrzehnte alt, wie das Erntedankfest mit der typischen Erntekrone oder Volkstanzfeste aus den dreißiger Jahren. Andererseits wird aus einmaligen Ereignissen durch Wiederholung schnell ein neuer Brauch - nach dem Motto "Beim zweiten Mal ist es schon Tradition, beim dritten Mal nicht mehr abzuschaffen." So schrieb eine Tageszeitung: "Tradition hat inzwischen auch das Halloween-Fest auf der Grinzinger Himmelswiese. Heuer, im zweiten Jahr ..." (“Kurier“, 27.10.1999)

Der langjährige Innsbrucker Ordinarius Leander Petzoldt meinte, man sollte bei Festen zwischen Tradition und Kontinuität unterscheiden. Oft stehe die formale Ausgestaltung "durchaus in einer langen Tradition. Die meisten lassen sich jedoch nicht kontinuierlich über Jahrhunderte hinweg auf ein bestimmtes Entstehungsdatum zurückführen. Sie waren oft über Jahrzehnte hinweg unterbrochen oder wurden unter anderen Vorzeichen wieder aufgenommen. Seuchen, Missernten, Kriege und obrigkeitliche Verbote oder einfach mangelnden Interesse waren Gründe dafür. ... Die Entstehungsursachen von Festen sind häufig sehr komplex und die Entwicklungswege unklar und inkonsequent."

Lange Zeit galten "Tradition und Gemeinschaft", die zeitliche und soziale Stabilität, für einen Brauch als bestimmend. "Schon immer" heißt aber nicht mehr automatisch auch “für immer“. Statt von Gemeinschaften ist eher vom "Kreis von Menschen, denen man sich zugehörig fühlt" die Rede, man schätzt die Entscheidungsfreiheit. Der Historiker Hubert Christian Ehalt spricht von Freiheit als "Absenz realer Fesseln und Zwänge. Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, in Epochen, in denen die herrschenden Instanzen großen Einfluss auf die Handlungsspielräume der Menschen hatten, mussten diese ihr Handeln nach massiven äußeren Zwängen richten. Strenge und drastische Strafen – der Pranger, öffentliche Züchtigungen und Hinrichtungen – waren Schaustellungen der zeitgenössischen Moral. Das alltägliche Leben war im Hinblick auf alle den Menschen wichtigen Dinge – wen man lieben und heiraten darf, wie man feiert, wie man trauert, was man als Frau und als Mann gegenüber dem anderen Geschlecht tun darf und soll – streng normiert. ... In den westlichen Gesellschaften heute haben die äußeren Zwänge an Bedeutung verloren. Das Leben ist zu einem freien, sehr individualisierten Gestaltungsraum geworden. Das eröffnet neue Freiheiten, schafft aber auch ein Orientierungsproblem."

Viele Traditionen stehen dem Zeitgeist entgegen, weil sie untrennbar mit Institutionen verbunden sind. "Wo Institution war, soll Ich werden", charakterisierte der Trendforscher Matthias Horx den Lebensstil der Jahrtausendwende. "Diese unwiderstehliche Formel erzwingt eine soziokulturelle Revolution von geradezu ungeheuerlichen Ausmaßen. In Jahrhunderten gewachsene Selbstverständlichkeiten werden innerhalb weniger Generationen hinweggewischt. Entlastende Rituale zerbrechen, Kräfteverhältnisse geraten aus der Balance. Komplexitäten wuchern in heutige Biographien unaufhaltsam hinein." Was für Traditionalisten erschreckend klingen mag, ist für den Beobachter der modernen Alltagskultur "schlichtweg das unserer Kultur innewohnende Evolutionsprinzip".

In Österreich sind Tradition, Tourismus und Folklore untrennbar verbunden. 1983 erfand die Österreichwerbung das "Festland Österreich". 2012 stand ihre weltweite Werbekampagne der unter dem Motto "Leidenschaft für Tradition". Die Auswahl von 39 Traditionen, 4-5 pro Bundesland, erfolgte in Zusammenarbeit mit der UNESCO Nationalagentur für das Immaterielle Kulturerbe.

Im Zusammenhang mit der Migration der vergangenen Jahren werden Traditionen neu überdacht. So beschäftigt sich Irene Götz, Professorin für Europäische Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, schwerpunktmäßig mit Identitätspolitik, nationalen Fremd- und Selbstbildern und dem neu aufkommenden Nationalismus in Europa. Am 6.12.2015 erschien ihr Debattenbeitrag "Deutsche Traditionen: Nach alter Väter Brauch und... bitte?" in "Spiegel online"


Quellen: 
Zitat
Matthias Horx: Megatrends für die späten neunziger Jahre. München 1998. S. 23
Hans Moser: Vom Folklorismus in unserer Zeit. In: Zeitschrift für Volkskunde. Münster 1964
Leander Petzoldt: Feste und Feiern in Baden-Württemberg. Karlsruhe 1990. S. 15
Hubert Christian Ehalt: "Gedanken für den Tag" Ö1, 24.6.2009
Günter Wiegelmann in: Volkskunde eine Einführung. Berlin 1977. S. 49 f.
UNESCO
Debattenbeitrag von Irene Götz

Bild: Traditionelles Erntedankfest in Goldegg (Salzburg). Foto: Angela Thierry, 1985. Freundlicherweise für das Austria-Forum zur Verfügung gestellt