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Die Haushofer aus der Provinz#

Zwischen Kaffeehaus und Blasmusik: Die österreichische Schriftstellerin Marlen Haushofer war hin- und hergerissen zwischen Stadt und Land. Am Samstag wäre sie 100 Jahre alt geworden.#


Von der Wiener Zeitung (10. April 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Christa Hager


Ein Porträt der Autorin Marlen Haushofer aus dem Jahr 1962.
Ein Porträt der Autorin Marlen Haushofer aus dem Jahr 1962.
Foto: IMAGNO/ÖNB

Anpassung und Flucht, ein Zuhause, das einengt, und eine Wand, die befreit: Viele Geschichten der österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer rotierten um das Aushalten eines Lebens, das gänzlich anders verläuft als erhofft. „Ich schreibe nie über etwas anderes als über eigene Erfahrungen. Alle meine Personen sind Teile von mir, sozusagen abgespaltene Persönlichkeiten, die ich recht gut kenne“, sagte sie einmal in einem Interview. Marlen Haushofer schrieb ohne sprachliche Schnörkel und Experimente, Inhalt kam bei ihr vor Form.

Erste Kurzgeschichten von Haushofer erschienen 1946 in österreichischen Zeitschriften. Die Veröffentlichungen und der Kontakt zu anderen Autoren ermutigten sie, damit weiter zu machen. Mit dem Lyriker und Erzähler Hermann Hakel und dem Feuilletonisten Hans Weigel hatte sie außerdem zwei Mentoren und Förderer an ihrer Seite, die junge literarische Talente unterstützten. Zu Hakels Kreis der ersten Jahre zählten unter anderem Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Friederike Mayröcker und Erich Fried.

Allerdings war Marlen Haushofer im Wiener Literaturbetrieb eine Außenseiterin. Sie lebte weder für noch von Literatur. Und aus der Provinz kam sie obendrein, wo Kochen und Putzen, ihr Ehemann und ihre zwei Söhne oberste Priorität hatten. Schreiben hingegen war eine Nebentätigkeit, die sie allerdings regelmäßig und in strenger Disziplin am Küchentisch erledigte – in der Früh, wenn Mann und Kinder noch schliefen, und ohne Schreibmaschine, denn die war ihr zu laut. „Hätte ich gewusst, dass Schreiben meine Hauptaufgabe war, hätte ich nie Kinder bekommen“, ließ sie einmal eine Freundin wissen.

Zurückgezogen und anspruchslos#

Geboren wurde Maria Helene Frauendorfer am 11. April 1920 unweit von Steyr in Frauenstein bei Molln, wo sie laut ihren Erzählungen und Romanen ihre glücklichste Zeit verbrachte. Nach ihrer Leidenszeit im Internat in Linz studierte sie in Wien und Graz, brach das Studium ab und zog 1947 mit ihrem Ehemann und ihrem zweiten Sohn nach Steyr, wo sie einige Jahre auch als Assistentin in der Zahnarztpraxis ihres Mannes arbeitete.

In Steyr war sie fast eine Unbekannte, begrüßt als Frau Doktor und bestenfalls als Autorin von ein paar Kinderbüchern im Gespräch. Werke wie „Wir töten Stella“, „Die Wand“ oder „Die Tapetentür“ waren nur einer kleinen Schar Literaturinteressierter bekannt, die sich rund um die Steyrer Lyrikerin Dora Dunkl gruppiert hatte. Diese unterstütze Haushofer vor Ort bei Leseabenden als „liebe Interpretin“, wie Haushofer sie nannte. Haushofer selbst las kaum aus ihren Werken, sie soll eine sehr leise und stockende Stimme gehabt haben, erzählt die Steyrer Germanistin Marlene Krisper. Sie hat Marlen Haushofer und Dora Dunkl noch persönlich gekannt und zwei Bücher zu Leben und Werk der beiden Literatinnen verfasst. Demnach war die eine extrovertiert, schillernd und auf Gesellschaft bedacht, die andere zurückgezogen und vergleichsweise anspruchslos. „Jeder hat die Dora Dunkl gekannt, kaum jemand die Haushofer“, erzählt Krisper von damals. Und während die eine Preise einheimste (darunter 1968 den Österreichischen Staatspreis für Literatur), musste sich die andere, die bekanntere Dora Dunkl, mit einem Förderpreis begnügen. Haushofers Auszeichnungen waren in Steyr von geringem Interesse, ebenso wie ihr zweites Leben im literarischen Zirkel Wiens. Sie führte eine Art Doppelleben in zwei gegensätzlichen Welten.

„Bachmann war sie keine“, sagt Marlene Krisper. Und in Wien wurde sie mitunter als Landpomeranze wahrgenommen, „provinziell und hausbacken“, wie ihre Schriftstellerkollegin Dorothea Zeemann sie einmal beschrieb. Andere wiederum attestierten ihr intellektuelle Potenz und Willenskraft.

So oder so, in jedem Fall wurde in Wien ihre literarische Arbeit ernst genommen, sie fand dort Anerkennung und konnte sich mit Gleichgesinnten austauschen. Wien war ihr Ventil, um der Enge der Kleinstadt zu entkommen. Doch wie die Ich-Erzählerinnen in ihren Werken änderte auch die Autorin ihr Leben nicht. Sie hielt es aus und kam, entgegen allen Ratschlägen, auch nach ihren Fluchtversuchen in die Großstadt immer wieder zurück nach Steyr, wo das kulturelle Leben vorwiegend aus Blasmusik und Sportveranstaltungen bestand.

Ihr Blick in Abgründe: Alkohol, Sex und Jagd#

Sie genoss es, sagt Krisper, als Beobachterin hinter die alten Gemäuer in die Abgründe der „besseren“ Gesellschaft zu schauen, deren Männer vor allem um Alkohol, Sex und Jagd bemüht waren. Und gut beobachten konnte sie nur, wenn sie nicht im Mittelpunkt stand, im Hintergrund blieb. Selbst einer Einladung von Milo Dor nach Italien zur Gruppe 47 folgte sie nicht. Stattdessen schwieg sie und spielte weiter heile Familie. „Sie hat bei diesem Spiel viel zu lange mitgemacht. Sie hat sich nicht gewehrt, wollte alles unter einen Hut bringen“. Andererseits, betont Krisper, nahm sie sich auch heraus, was sie brauchte: „Sie war kein Unschuldslamm, nicht einfach Opfer. Sie hatte ihre Männerfreundschaften und fuhr mit ihren Freundinnen auf Urlaub.“

Vielleicht war es die finanzielle Sicherheit, die Haushofer dazu veranlasste, bei ihrem Mann zu bleiben. Oder Haushofer verhielt sich, wie die Steyrer Germanistin vermutet, gemäß einer für die damalige Zeit sehr gängigen „Dankbarkeitsformel“. Als Frau ihrer Zeit fühlte sie sich ihrem Ehemann und seinem beruflichen Erfolg verpflichtet, Haushofer sah sich in seiner Schuld. Da gab es nämlich so manches, das das Ehepaar für sich behielt. Ein streng gehütetes Geheimnis etwa war Marlen Haushofers uneheliches Kind, das sie im Sommer 1941 bei der Mutter einer guten Freundin in Bayern auf die Welt gebracht hatte. Zuhause wusste niemand davon. Der Bub blieb dort und kam erst im schulpflichtigen Alter zur Familie nach Oberösterreich. „Das Verschweigen und Verdrängen ist auffällig für diese Zeit“, sagt Krisper, die in ihrem Buch über Marlen Haushofer Parallelfälle in den Lebensgeschichten anderer Autoren aufgezeigt hat. Peter Handke oder Thomas Bernhard etwa waren beide uneheliche Kinder, die ihre leiblichen Väter nicht kannten. Ihre Mütter wiederum führten unglückliche Ehen und fühlten sich schuldig. Aus Dankbarkeit blieben sie bei ihren Männern. Sie starben jung.

„Du kannst in Steyr nicht geschieden sein“, meinte Marlene Haushofer. Ihre Scheidung 1950 sollte daher ebenfalls im Verborgenen bleiben. Die Haushofers lebten weiterhin gemeinsam in einem Haushalt und hielten die bürgerliche Fassade aufrecht. Selbst ihren Söhnen haben die Eltern nichts von ihrer Trennung erzählt. Einige Jahre später heiratete Marlen Haushofer wieder – und zwar ihren Ex-Mann. Auch das behielt das Paar für sich.

Sogar über ihre schwere Krebserkrankung wollte Marlen Haushofer ihren Mann und ihre Kinder im Dunkeln lassen, Freunden täuschte sie eine gutartige Knochentuberkulose vor. Erst nach ihrem Tod erfuhren die Söhne, dass sie Halbgeschwister sind. Marlene Haushofer starb am 21. März 1970.

Wiener Zeitung, 10. April 2020