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Freigeist im Honoratiorenfrack#

Am 14. September 1817 wurde der norddeutsche Dichter Theodor Storm geboren. Zu seinem 200. Geburtstag wird sein Werk in mehreren neuen Texteditionen präsentiert.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 2. September 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christian Teissl


Theodor Storm
Der Lyriker und Novellist Theodor Storm (1817-1888)
Aus: Wikicommons, unter PD

Ein Demokrat, der dazu verurteilt war, in Monarchien zu leben und als Jurist und Verwaltungsbeamter die Obrigkeit zu verkörpern; ein aufgeklärter Geist, der gerne Gespenster sah, ein Gespensterbuch führte, und nichts lieber tat als seinem Publikum mit Spukgeschichten wonnige Schauer über den Rücken zu jagen; ein literarischer Regionalist, der entscheidende Anregungen aus anderen europäischen Literaturen empfing - das alles und noch viel mehr war Theodor Storm.

Mit Iwan Turgenjew, zu dessen frühesten deutschen Lesern er zählte und den er 1865 in Baden-Baden auch persönlich kennenlernen durfte, teilte er das Interesse am Generationenkonflikt, am ewigen Widerstreit zwischen Vätern und Söhnen, von Hans Christian Andersen wiederum ließ er sich, der als Kind Schleswig-Holsteins die dänische Sprache beherrschte, zu einer seiner populärsten Schöpfungen inspirieren: dem Märchen vom "Kleinen Häwelmann".

Ein ausgesprochen sesshafter Mensch, hätte Storm seine Vaterstadt Husum wohl niemals für längere Dauer verlassen, hätten die politischen Verhältnisse ihn nicht dazu gezwungen. Nach dem Scheitern der Schleswig-Holsteinischen Erhebung 1851, für die er sich in Wort und Tat engagiert hatte, erhielt er als Jurist Berufsverbot und musste ins Exil, verließ für mehr als zehn Jahre die Heimat, lebte zunächst in Potsdam, später im thüringischen Heiligenstadt, wo er als Gerichtsassessor Anstellung fand. Die Zeit der Verbannung war zwar für Storms beständig wachsende Familie von finanziellen Engpässen gekennzeichnet, bescherte ihm aber wertvolle literarische Kontakte, vor allem zum Berliner Literaturbetrieb. Seine Freundschaften zu Fontane und Paul Heyse stammen aus dieser Zeit.

Bedrohte Idyllen#

Noch ehe Storm ins preußische Exil ging, machte er sich mit der Novelle "Immensee" einen Namen. Seit ihrem Erscheinen galt er als Idylliker, ein Ruf, den manches seiner späteren Werke in Vers und Prosa zu bestätigen schien. Allerdings: seine Idyllen erweisen sich stets als bedrohte oder als verlorene Paradiese, die Ruhe im stillen Weltwinkel, wie insbesondere seine Gedichte sie meisterhaft, oft nur in wenigen, schlichten Worten heraufbeschwören, lässt sich nur für den Moment behaupten, ist niemals von Dauer, ist eine Ruhe im Vorübergehen.

Ausgestattet mit einem feinen Sensorium für soziale Grenzen und Differenzen, war und blieb Storm - was bis heute gerne übersehen wird - ein eminent politischer Kopf, der an den Idealen der Revolution von 1848 unbeirrt festhielt. Ein Freigeist in der Verkleidung eines kleinstädtischen Honoratioren - nach seiner Rückkehr in seine Heimatstadt bekleidete er zunächst das Amt eines Landvogts, später wirkte er als Amtsrichter für den Landkreis Husum -, verstand er es, viele Rollen gleichzeitig souverän zu beherrschen und auszufüllen: die des Patriarchen, des achtfachen Familienvaters, die des musischen Kleinbürgers, der in seiner Freizeit gerne am Klavier sitzt und sich als Chorleiter in das kulturelle Leben seiner Gemeinde einbringt, die des Büchersammlers und Bibliophilen, stets bestrebt, Lücken in seiner Sammlung zu schließen.

Literarische Anerkennung wurde ihm verhältnismäßig früh zuteil, am Ende seines Lebens jedoch sah er sich als ein Verkannter. Die Tischrede, die er bei der Feier seines siebzigsten Geburtstags hielt, geriet ihm zur Tirade:

"Anstatt einem freudig-gehobenen Gefühl Ausdruck zu geben", so erinnerte sich später Storms Dichterfreund Wilhelm Jensen an diese Rede, "ließ er seinem Inneren eine tiefe Verbitterung entströmen. Der ganze Inhalt seiner Rede drehte sich um einen anderen Dichter, dessen Namen er nicht nannte, doch konnte keiner im Zweifel bleiben, daß Emanuel Geibel gemeint sei. Mit dessen dichterischen Leistungen verglich er seine eigenen und beschwerte sich mit tiefer Empörung darüber, wie er gegen jenen sein Lebenlang zurückgestellt worden sei . . .; ihn verließ seine sonst so bescheidene Zurückhaltung beim Sprechen über seine eigne Dichtung, er stand als der wirkliche Dichter turmhoch über dem eigentlich Nichtsbedeutenden."

Eine ähnliche Mischung aus hohem Selbstwertgefühl und tiefer Verbitterung verströmt ein Brief Storms an Karl Emil Franzos vom 22. Juli 1886: "Die Welt", heißt es dort, "hat eigentlich nicht einmal eine Ahnung, daß es seit Dezennien in Deutschland keinen Lyriker mehr gibt; ich muß Ihnen sagen, was ich nicht gern sage und nicht nachzusagen bitte, daß ich, was ich einst in der Lyrik leistete, recht hoch anschlage. Ein Urteil über Lyrik ist das seltenste, was es gibt. Bei 99/100 des Publikums steht als Lyriker Em. Geibel wie ein Riese über mir, den ich stets in dieser Beziehung für höchstens zweiten Ranges angesehen habe."

Emanuel Geibel (1815-1884), ein Modedichter des Kaiserreichs, der Primus unter den deutschen Lyrikern des späten 19. Jahrhunderts, gern gesehen in allen Salons, unübersehbar in sämtlichen Anthologien, wird heute allenfalls noch von literarischen Archäologen beachtet; sein Ruhm ist verblasst, seine Popularität längst dahin. An Storms Klassikerstatus hingegen ist nicht mehr zu rütteln, mag dieser auch auf einer schmalen Textbasis beruhen, auf einigen wenigen, immer wieder neu- und nachgedruckten Werken wie der Novelle "Der Schimmelreiter" oder einer Handvoll Gedichten, die bis heute in jedem Poesiealbum zu finden sind.

Storms Dichtung hat die beiden Weltkriege und die NS-Zeit trotz etlicher Versuche, sie einer deutschnationalen Lesart zu unterwerfen und für Propagandazwecke dienstbar zu machen, weitgehend unbeschadet überstanden. Sie liegt inzwischen allerdings begraben unter einem Gebirge von Sekundärliteratur.

In den vergangenen Jahrzehnten folgte ein Biograph auf den anderen, ein germanistischer Dissertant auf den nächsten. Seit bald siebzig Jahren kümmert sich eine Storm-Gesellschaft darum, das Andenken an den Dichter zu pflegen und die Erforschung seines Werkes zu fördern, veranstaltet regelmäßig Tagungen, gibt Jahrbücher heraus, hat einen Literaturpreis ins Leben gerufen. Ihr ist es auch zu verdanken, dass aus Storms letztem Husumer Wohnhaus ein Museum wurde.

Die Neuerscheinungen#

Museal sind seine Texte unterdessen nicht geworden, sondern lebendig geblieben und erschließen sich nach wie vor mühelos. Storms Sprache ist zwar nicht mehr die unsere, Staub aber hat sie nicht angesetzt.

Das zeigt auch eine Reihe von Neuerscheinungen, die soeben, rechtzeitig zum zweihundertsten Geburtstag des Dichters, auf den Markt gekommen sind. Gerd Eversberg, der langjährige Sekretär der Storm-Gesellschaft, hat jüngst nicht nur eine kompakte, reich bebilderte biographische Einführung vorgelegt, sondern auch eine Lyrikauswahl unter dem Titel "Wohin du gehst, wohin du irrst". In acht thematisch geordnete Abschnitte gegliedert, enthält diese Auswahl alle wesentlichen Gedichte des Autors.

"Diese Lyrik", schrieb Emil Kuh bereits 1874 in einem großen Storm-Essay für die "Wiener Abendpost", die damalige Feuilletonbeilage der "Wiener Zeitung", "behauptet sich in einer mittleren Glücksstimmung, in der sie das freundliche Geschenk des Augenblickes dankbar genießt und die raubenden Finger deshalb nicht fürchtet, weil sie immer bereit ist, das empfangene Gut wieder herzugeben." Beim Blättern in dem vorliegenden Auswahlband, bei der Wiederbegegnung mit dem "Lied des Harfenmädchens", dem "Sommermittag", der "Nachtigall", den "Hyazinthen", sieht man Kuhs Charakterisierung aufs Schönste bestätigt.

Ein wenig bekanntes novellistisches Alterswerk mit dem Titel "Ein Bekenntnis" präsentiert der Igel-Verlag in einer vom Storm-Experten Walter Zimorski großzügig und präzise kommentierten Edition. Nicht in der für Storm typischen Marsch- und Heidelandschaft, sondern in einem mondänen süddeutschen Kurort angesiedelt, erzählt diese Novelle vom Schicksal eines Arztes, der sich unrettbar in ein Gespinst aus Traum und Versuchung verstrickt und schließlich wider seinen Willen einen Mord begeht. Als Beichte eines Mörders, erzählt an einem heißen Sommertag, präsentiert sich dieser Text, spannend und atemberaubend in seiner seltsamen Mischung aus Fallgeschichte und Feenmärchen.

Weitaus leichtere Kost - wie schon der Titel verrät - bietet das Reclam-Bändchen "Storm zum Vergnügen". Den Herausgebern, Maren Ermisch und Heinrich Detering, derzeit Präsident der Storm-Gesellschaft, ist es hoch anzurechnen, dass sie dabei nicht allein auf Gängiges und Populäres zurückgegriffen haben, sondern auch auf frühe, kaum bekannte Arbeiten des Sagensammlers Storm oder auf wenig beachtete Prosakleinode wie die "Zwei Kuchenesser aus alter Zeit". Auch der politische Storm kommt hier zu Wort, mit geschliffenen Epigrammen wie jenes, das er einem Beamten in den Mund legt:

Er reibt sich die Hände: "Wir kriegen’s jetzt!"

Auch der frechste Bursche
spüret

Schon bis in die Fingerspitz’,

Dass von oben er wird regieret.

Bei jeder Geburt ist künftig
sofort

Der Antrag zu formulieren,

Dass die hohe Behörde dem lieben Kind

Gestatte zu existieren!

Funkelnd und frisch

Allen jenen, die sich weiter in Storms literarischen Kosmos vertiefen wollen, sei das Storm-Lesebuch anempfohlen, das soeben bei Fischer erschienen ist. Neben knapp 30 Gedichten enthält es eine Reihe exemplarischer Novellen, wie den schon erwähnten "Schimmelreiter", jenes opus summum, das Storm, bereits unheilbar krank, nur wenige Wochen vor seinem Tod am 4. Juli 1888 vollendet hat und das bis auf den heutigen Tag untrennbar mit seinem Namen verbunden ist, aber auch so modern anmutende Charakterstudien wie jene vom Herrn Etatsrat oder jene von Carsten Curator - tragischen Kleinstadtexistenzen, denen der Boden, auf dem sie stehen, Fußbreit um Fußbreit entzogen wird.

Storm, bemerkt der Herausgeber dieses Lesebuchs, Tilman Spreckelsen, habe ein Werk hinterlassen, das sich auch heute noch, zweihundert Jahre nach seiner Geburt, "als funkelnd und frisch erweist, als umso reicher und abgründiger, je länger man sich damit beschäftigt". Eine Beschäftigung, ganz dazu angetan, zur Lebensarbeit zu werden.

Zitierte Literatur:#

  • Theodor Storm: Wohin du gehst, wohin du irrst. Notwendige feine Gedichte.Ausgewählt und mit einem Nachwort von Gerd Eversberg. marixverlag, Wiesbaden, 191 Seiten.
  • Ein Bekenntnis. Kommentierte Edition, hrsg. Von Walter Zimorski. Igel-Verlag, Hamburg, 168 Seiten.
  • Das große Lesebuch. Hrsg. von Tilman Spreckelsen. Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt, 574 Seiten.
  • Storm zum Vergnügen.Hrsg. von Maren Ermisch und Heinrich Detering. Reclam, Stuttgart, 175 Seiten.
  • Gerd Eversberg: Theodor Storm. Künstler - Jurist - Bürger.Weimarer Verlagsgesellschaft, 159 Seiten.

Christian Teissl, geboren 1979, lebt als freier Schriftsteller in Graz.

Wiener Zeitung, Samstag, 2. September 2017