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Krebstherapie à la Netflix & Co.#

Die Zukunft gehört der Präzisionsmedizin - Datenbanken liefern "Produkt"-Empfehlungen auf Knopfdruck.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 3. Dezember 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Alexandra Grass


Symbolbild Zielscheibe
Präzisionsmedizin soll zum Volltreffer werden.
© Fotolia/alphaspirit

Wien. Dienste wie Netflix, Amazon, aber auch Facebook haben eines gemeinsam: Sie sitzen auf dem immensen Datenvolumen ihrer Nutzer. Dieses, gekoppelt mit den Geschmäckern und Gewohnheiten jedes Einzelnen, ermöglicht es ihnen, dem User individuelle Produktempfehlungen zu liefern nach dem Motto: Ihnen gefällt "Harry Potter" - dann könnte Sie auch "Herr der Ringe" interessieren.

Was sich hier durch Vorlieben, Gewohnheiten und Interessen als Datengrundlage ergibt, könnte auf einem völlig anderen Gebiet das Krebsgenom mit seinen vielen, schier unendlichen Mutationsvarianten und Subtypen sein. Ein sogenanntes Recommender-System könnte die Basis für die Krebstherapie in 50 Jahren bieten - so ist etwa die Vision des Bioinformatikers Zlatko Trajanoski von der Medizinischen Universität Innsbruck. Im Rahmen eines Expertentalks wurde jüngst versucht, das Bild der Krebstherapie der Zukunft zu zeichnen.

Das Konzert der Gene#

Zur Theorie: Das individuelle Krebsgenom eines Patienten, das mittels einer speziellen Blutprobe (genannt Liquid Biopsy) aufgeschlüsselt werden kann, wird in eine riesige Genomdatenbank eingeschleust. Dort ermitteln eigene Computerprogramme auf der Basis von besonders hohen Ähnlichkeiten mit anderen Patientengruppen die geeignetste Therapie. Präzisionsmedizin also, wie sie im Buche steht.

Zur gelebten Praxis: Schon heute dienen Biodatenbanken als Therapiemitentscheider - gekoppelt mit der Erfahrung der Mediziner und Daten aus klinischen Studien. Die Krebszellen werden sequenziert, Biomarker bestimmt, nach Krebssubtypen unterschieden und, sofern passende Substanzen schon vorhanden sind, dann das jeweilige, durch ein klinikinternes Tumorboard ausgewählte, Mittel verabreicht. Die zielgerichtete Therapie funktioniert auf diese Art und Weise. Auch für die im vergangenen Jahr als Revolution aufgepoppte Immuntherapie sind biologische Daten das Entscheidungskriterium.

Demnach wird "personifizierte Medizin schon heute ausgeführt", stellte der Molekularbiologe Giulio Superti-Furga, wissenschaftlicher Direktor des Forschungszentrums für Molekulare Medizin (Cemm) fest. Der Datenteppich würde immer dichter, damit können "wir das Konzert der Gene besser verstehen. Je mehr Noten und Partituren wir erkennen, umso mehr Ahnung haben wir letztlich."

Fürwahr steht die Forschung heute noch einigen Krebserkrankungen nahezu ahnungslos gegenüber. Andere wiederum scheinen geklärt zu sein, zersplittern sich aber aufgrund der Möglichkeiten der heutigen Biomedizin wiederum in Untergruppen. Beim Brustkrebs, einer der wohl am besten therapierbaren Tumoren, gibt es mittlerweile acht bis zehn Subtypen, schilderte Christoph Zielinski, Leiter des Comprehensive Cancer Center der Medizinischen Universität Wien, zuletzt im Rahmen eines Hintergrundgesprächs. Beim Dickdarmkarzinom werden es bald ebenso viele sein. Beim Lungenkrebs sind bisher fünf Entitäten bekannt, beim Magenkarzinom vier.

Von Veränderungen geprägt#

Und die Analysen nehmen kein Ende, denn Tochtergeschwülste - Metastasen - verfügen nicht über dieselbe Biologie wie der Ersttumor. Die molekularen Veränderungen sind von Zelle zu Zelle unterschiedlich. "Die Tumoren führen auch in den Stadien unendlich viel auf", erklärte Zielinski plakativ.

Die zunehmende Komplexität der Thematik ist damit wohl eine der größten Herausforderungen der heutigen Wissenschaft. "Solange wir die Funktionen nicht genau wissen und wie die einzelnen Moleküle interagieren, können wir diese Komplexität nicht verstehen", weiß die Molekularbiologin Maria Sibilia vom Institut für Krebsforschung der Medizinischen Universität Wien.

Das Konzept, ein solides Target vor sich zu haben, scheint nicht mehr aufzugehen. Und damit werden automatisch im Laufe der Zeit auch die Patientenpopulationen immer kleiner - parallel dazu die Therapien immer individueller.

Die Veränderungen in jeder Zelle werden auch in Zukunft kein Ende nehmen - sie werden genetisch, aber auch epigenetisch, also von außen etwa durch den Lebensstil oder Umweltbedingungen, beeinflusst. "Der Mensch besitzt 30.000 Gene. Alle Krebserkrankungen haben einen genetischen Hintergrund, aber auch 1,5 Millionen epigenetische Ursächlichkeiten", gab der Theologe und Medizinethiker Matthias Beck von der Universität Wien zu bedenken. Alleine daraus ergeben sich unzählige Kombinationsmöglichkeiten. Eine weitere Intensivierung der Zusammenarbeit unterschiedlichster Disziplinen wie der Medizin, der Molekularbiologie aber auch der Bioinformatik und der Medizinethik wird demnach Voraussetzung für den weiteren Fortschritt sein.

Wird dieser aber noch nötig sein in 50 Jahren? Wird dann Krebs überhaupt noch als Krankheit existieren, oder haben wir bis dahin schon das Wundermittel dagegen beziehungsweise eine Prophylaxe gefunden? An der weiteren Beständigkeit der Erkrankung hegen die Experten keinerlei Zweifel. "Wir haben in den vergangenen Jahren außerordentliche Fortschritte erzielt, sind aber noch nicht dort, wo wir hin wollen", schlussfolgerte der Krebsforscher Walter Berger. Dort, wo die Ziele heute schon bekannt sind, stehen den Patienten mittlerweile erfolgversprechende Substanzen zur Verfügung.

Wiener Zeitung, Samstag, 3. Dezember 2016