Seite - 407 - in Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška - Von den Anfängen bis 1942, Band 1: A – I
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Germanisierung
Pannonischen Tiefebene (→ Alpenslawisch, → Slove-
nia submersa). Dieses wird wegen des Sprach-, Rechts-
und Siedlungskontinuums im Rahmen der karanta-
nischen bzw. in weiterer Folge im Rahmen der nicht
exklusiven slowenischen →
Kulturgeschichte mitbe-
rücksichtigt und hatte nach Grafenauer eine Aus-
dehnung von 70.000 km2 (→ Karantanien ; → Konti-
nuität ; → Rechtsinstitutionen, karantanerslowenische).
Bis zum 15. Jh. verkleinerte sich dieses Gebiet auf ca.
24.000 km2, während ca. 36.000 km2 wegen der mit-
telalterlichen Kolonisierung einem → Sprachwechsel
hin zur deutschen Sprache unterworfen gewesen seien.
Weitere 2.000 km2 in Kärnten/Koroška und Steiermark/
Štajerska im Rahmen der Grenzen der späteren Repub-
lik Österreich seien ab der Mitte des 19. Jh.s demselben
ethnischen Wandel unterworfen gewesen.
Nachdem in einer ersten Phase von einer dünnen
Besiedlung ausgegangen wird, kommt es zwischen der
Mitte des 10. Jh.s bis zum 12. und teilweise bis zum
13. Jh. zur Hauptphase der Fernkolonisierung der Zen-
tralräume, wobei gebirgigere Bereiche in Oberkärnten/
Zgornja Koroška und Obersteiermark/Zgornja Štajerska
vorerst nicht betroffen waren (→
Karantanische Mark).
Nach Domej war die G. in dieser Phase lediglich eine
Begleiterscheinung. Einen Hinweis für das Nebenein-
ander der Sprachen geben die → Ortsnamen (→ Top-
onyme, alpenslawische (slowenische) in der Steiermark,
→ Toponyme slawischer bzw. slowenischer Herkunft
in Osttirol und Salzburg) bzw. die urkundlichen Er-
wähnungen Karantanerslowenischer → Personennamen.
Ab ca. 1200 bis zum 15. Jh. kommt es zu einer neuen
Form der Kolonisierung durch bereits einheimische
Bevölkerungsteile aus den Siedlungszentren, d. h. zur
Binnenkolonisierung, was nach Grafenauer zu ei-
ner Homogenisierung durch die jeweils vorherrschende
Bevölkerungsgruppe beigetragen habe und somit zur
Herausbildung einer → Sprachgrenze. Literaturüblich
wird etwa →
Hermagor/Šmohor als deutschsprachi-
ger Ort an der Sprachgrenze dargestellt. (Differen-
zierend dazu sind die von Schnabl erstmals edierten
→ Ortsverzeichnisse 1860, 1880/82 und 1883, in denen
»ortsübliche Bezeichnungen« westlich und nordwest-
lich davon im Gitschtal/Višprijska dolina ausgewiesen
werden. Gleiches gilt für das amtliche →
Ortsverzeich-
nis aus 1918 auf der Grundlage der Volkszählung 1910
[→ Sprachenzählung] und entsprechendes zeitgenös-
sisches slowenisches Kartenmaterial.) Innerhalb dieser
literaturüblich angegebenen Sprachgrenze waren spä-
ter im Bereich des utraquistischen → Schulwesens in Kärnten/Koroška vor dem Einsetzen der massiven neu-
zeitlichen Assimilationsprozesse im 19. Jh. neben klei-
neren Sprachinseln 97,5 % der Bevölkerung Slowenen.
Gegen Ende des 18. Jh.s kommt es zu vertieften so-
ziologischen Differenzierungsprozessen der Sprachen,
wobei aufgrund staatlicher Zentralisierungstendenzen
des → Josephinismus und auf einer bereits bestehen-
den gesellschaftlichen Schichtung der Eliten aufbau-
end, Deutsch als allgemeine Verkehrs- und Staatsspra-
che bzw. als → Lingua franca in der Monarchie nach
dem Vorbild Frankreichs forciert wurde. Eine frühe
Erwähnung dieser soziolinguisitischen Tendenzen fin-
det sich in der Vorrede zur Windischen Sprachlehre von
O. → Gutsmann (1777), wo dieser die rhetorische
Frage nach dem Nutzen der Sprachlehre und der Spra-
che selbst stellt, was ›nicht selten‹ bezweifelt werde. Ur-
ban →
Jarnik zeigte in den Andeutungen über Kärn-
tens Germanisirung 1826, also in einem frühen Stadium
neuzeitlicher Germanisierungsprozesse, erstmals die
historischen und sozialen Erklärungen des historischen
Sprachwechsels bzw. der G. der Slowenen in Kärnten/
Koroška und das Werden der → Sprachgrenze auf.
Mit dem Aufkommen der nationalstaatlichen Idee
und des politischen Deutschnationalismus in der
Habsburgermonarchie, bedingt durch dessen sozial
und wirtschaftlich privilegierte Stellung und He-
gemonie, erhält die G. als politisches Ziel in den als
deutsch betrachteten Kronländern → Innerösterreichs
(einschließlich →
Krains) einen neuen Aufschwung –
und zwar trotz der Verfassungsbestimmungen über die
Gleichberechtigung der konstitutiven Völker in der
→ Oktroyierten Märzverfassung von 1849 und in den
auf dieser basierenden → Landesverfassungen sowie
ebenso trotz der der einschlägigen Bestimmungen der
Dezemberverfassung von 1867 [→ Wahlordnungen,
→ Wahlkreiseinteilungen]).
Seit den 1880er-Jahren erhielt die planmäßige G.
eine neue politische Dimension und Dynamik, wobei
insbesondere → deutschnationale Vereine und Organisa-
tionen, wie Deutscher Schulverein (gegründet am 13.
Mai 1880) und Südmark (gegründet 1889 in Graz) so-
wie in der Folge der Kärntner Heimatdienst (gegründet
1918, 1924 umbenannt in Kärntner Heimatbund), die
Rolle von ›Frontorganisationen‹ einnahmen und sich
als ›Vorposten im Südosten‹ und ihre Tätigkeit ideolo-
gisch begründet sahen (→ Windischentheorie). Dabei
entsprach die diesbezügliche Unterstützung durch die
politische Nomenklatur in der Monarchie und in der
Ersten Republik durchaus den europäischen Trends
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Band 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Untertitel
- Von den Anfängen bis 1942
- Band
- 1: A – I
- Autoren
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Abmessungen
- 24.0 x 28.0 cm
- Seiten
- 542
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Inhaltsverzeichnis
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55