Seite - 412 - in Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška - Von den Anfängen bis 1942, Band 1: A – I
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Germanisierung, statistische
entweder im Zwiespalte hinsichtlich ihres nationalen
Gefühles oder ihnen vielleicht selbst unbewusst in der
Bewegung von einem zum anderen Volkstume sich be-
findend, bedürfen nur eines geringfügigen Anstoßes,
einer geeigneten Werbetätigkeit, eines entsprechenden
Druckes, um sie zu einem Augenblicksbekenntnisse zu
veranlassen. Durch einen verstärkten mittelbaren oder
unmittelbaren wirtschaftlichen oder politischen Druck
werden auch solche Personen, welche sich über ihre
Volkszugehörigkeit durchaus im klaren sind, zu dem
von den stärkeren Faktoren gewünschten Bekenntnisse
bewogen, weshalb zwar unmittelbar aufeinanderfol-
gende Nationalitätenerhebungen recht abweichende
Ergebnisse zeitigen können. ›Ihre Zahlen haben als
Bekundungen von vielleicht vorübergehenden Volks-
strömungen keinen größeren oder geringeren Wert als
etwa die Zahlen der Wahlstatistik‹« (→ Assimilations-
zwang).
Alle erwähnten Feststellungen und Vergleiche der
Ergebnisse der Volkszählungen aus den Jahren 1923
und 1934 sowie deren Vergleich mit den Ergebnissen
aus dem Jahr 1910 zeigen, dass diese nicht objektiv sind.
Sie spiegeln lediglich die Veränderungen der allgemei-
nen Rahmenbedingungen, unter denen die slowenische
Bevölkerung in Kärnten/Koroška an den Volkszählun-
gen zwischen den beiden Weltkriegen partizipieren
konnte, als es schwieriger war, sich zum Slowenischen
zu bekennen als in der Habsburgermonarchie. Dabei
gilt es hervorzuheben, dass die Angaben über die Spra-
che, »die man am besten beherrscht und in der man
denkt« (1923) und über die Zugehörigkeit zu einem
Kulturkreis (1934) nicht von der befragten Person
selbst ausgefüllt wurde, sondern vom Zählkommissär.
Dort, wo die Gemeinden in slowenischen Händen wa-
ren und wo nach Ansicht der staatlichen Behörden »zu
viele« Slowenen gezählt wurden, wurde die Zählung
später »amtlich berichtigt«. Da diese Berichtigungen
nur zugunsten des Deutschen gingen, ist die geringe
Zahl der Slowenen bei den Volkszählungen 1923 und
1934 nicht erstaunlich.
Dass die ermittelte Anzahl der »Slowenen« bei den
»amtlichen« Volkszählungen 1923 und 1934 zu niedrig
war, zeigen auch einige Schätzungen, wonach in dieser
Zeit in Südkärnten zwischen 55.000 (Theodor Veiter)
und 120.000 Slowenen (Richard Randhall) lebten.
Darauf deuten auch die Ergebnisse der Volkszählung
1939, bei der die nationalsozialistischen Behörden
in Kärnten/Koroška und in der Steiermark/Štajerska
erstmals die Kategorie → »windisch« eingeführt hat- ten, womit sie die bis dahin einheitliche slowenische
Volksgruppe in »Slowenen« und in »Windische« unter-
teilte. Damit erhielt die → Windischentheorie einen
amtlichen Charakter und es wurde die Bevölkerung
nach mehreren kombinierten Kategorien der Sprach-
zugehörigkeit erfasst. So wurde 1939 die Bevölkerung
in fünf Kategorien eingeteilt (»deutsch«, »slowenisch«,
»deutsch und slowenisch«, »windisch« und »deutsch
und windisch«) sowie in zwei Kategorien, die sich auf
weitere Muttersprachen bezogen (»eine andere« und
»deutsch und andere«).
Bei der Volkszählung 1939 ist die Tatsache er-
staunlich, dass die nationalsozialistischen Behörden
nach dem Kriterium der Muttersprache 44.708 »slo-
wenischsprachige« Einwohner zählten. Das geht aus
der Summe all jener Kategorien hervor, die »slowe-
nisch« und »windisch« enthalten (davon 39.304 auf
dem Gebiet des zweisprachigen Schulwesens nach
der Schulverordnung von 1945). Obwohl es sich dabei
im Vergleich mit den Ergebnissen der Volkszählun-
gen von 1923 und 1934 um eine beträchtlich höhere
Zahl handelt, gewinnen die Volkszählungsergebnisse
aus dem Jahr 1939 eine andere Wertigkeit, wenn man
die angewendete Methode berücksichtigt. So wurde als
»Muttersprache« nicht jene Sprache gezählt, »in der der
Mensch denkt und deren er sich in seiner Familie und
im häuslichen Verkehr am liebsten bedient«, sondern
tatsächlich die Umgangssprache. Das ist ersichtlich aus
dem Beitrag »Was bei der Volkszählung berücksichtigt
werden muss« aus der Zeitung Kärntner Grenzruf, dem
offiziellen Tagesblatt der NSDAP für den »Gau Kärn-
ten«, in dem einige Anleitungen und Begriffserklärun-
gen veröffentlicht wurden : »… Muttersprache ist die
Sprache, derer ein Mensch sich im täglichen Umgang
bedient. In der Regel spricht jeder Mensch eine solche
Sprache. Diese ist in die Spalte 9 einzutragen. In Kärn-
ten kommt es jedoch vor, dass einzelne Personen zwei
Umgangssprachen benutzen, deutsch und slowenisch.
Diese schreiben in die Spalte 9 : deutsch und slowe-
nisch. Der in gewissen Teilen Kärntens eingebürgerte
Dialekt (windisch) ist jedoch keinesfalls mit der slowe-
nischen Sprache gleichzusetzen. Zudem beherrschen
fast sämtliche Bewohner dieses Gebietes neben dem
erwähnten Dialekt die deutsche Sprache. Sie schreiben
in die Spalte 9 : »deutsch«. Sollte der seltene Fall wor-
kommen [sic !], dass jemand sich nur in der genannten
Mischmundart verständigt, so kann er wahrgemäß in
die Spalte 9 nur eintragen : ›windisch‹.« Daraus ist er-
sichtlich, dass es beim Sprachkriterium im Vergleich zu
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Band 1: A – I
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- Titel
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Untertitel
- Von den Anfängen bis 1942
- Band
- 1: A – I
- Autoren
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Abmessungen
- 24.0 x 28.0 cm
- Seiten
- 542
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Inhaltsverzeichnis
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55