Seite - 427 - in Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška - Von den Anfängen bis 1942, Band 1: A – I
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Glagolica
schen Reiches« als »Urstaat« der Mährer, Tschechen
und Slowaken und der Method-Reise nach Visla
(literaturüblich interpretiert als polnisch Wisła/Weich-
sel). Weder Tschechen noch Slowaken, noch die Polen
haben je mit der G. oder der späteren bulgarischen Ki-
rilica etwas zu tun gehabt. Dies hat schon Dobrowsky
1792 in seiner Geschichte der böhmischen Sprache und
Literatur richtig erkannt. Die glagolitischen Texte im
Prager Emmaus-Kloster und im böhmischen Sázava-
Kloster sind später von kroatischen Mönchen dorthin
gebracht worden.
Auch die Resonanz der byzantinischen Mission im
Volk erweist sich als gering. Literaturüblich wird das
schon 100 Jahre vor der Glagolica bestehende sloweni-
sche Schrifttum in lateinischer Schrift bei den karan-
tanischen Slowenen und in den zahlreichen Kirchen
der Confines kulturhistorisch ausgeblendet. »Kyrillome-
thodianische« Einflüsse auf die karantanerslowenische
Literatur (→
Freisinger Denkmäler) sind chronologisch
und sachlich unmöglich : In Byzanz waren die lateini-
schen Beicht-Adhortationes und Messordinarien (Kie-
wer Blätter) völlig unbekannt.
Literaturüblich unthematisiert sind die Fakten : Das
frühe Christentum in jenen Regionen des Imperiums
fand ausschließlich in lateinischer Schrift statt. Seit
→
Virgil und seine Nachfolger ab 750 den Modes-
tus als Weihbischof mit mehreren Priestern nach
Karantanien (→ Maria Saal/Gospa Sveta, Teurnia/
Lurnfeld, Ingering) schickten, wird nur die lateinische
Schrift verwendet : in Karantanien und Pannonien bis
heute. Daher der Ärger Salzburgs in der → Conversio
über die noviter inventes sclavinae litterae. Es gibt seit
750, also mehr als 100 Jahre vor Kyrill und Method,
slawische/slowenische Texte in lateinischer Schrift. Das
ist der Anfang. Der ursprüngliche originale Text der
Freisinger Denkmäler ist sicher schon im 8. Jh. verfasst
worden. Die im Jahr 1803 in Freising aufgefundenen
Folien in einem Missionshandbuch, die sog. Freisin-
ger Denkmäler, sind deren älteste erhaltene Kopie und
stammen aus dem 10. Jh. (→ Abraham [Missionshand-
buch]). Für die Unterweisung im Christentum, den
Gottesdienst und die Seelsorge waren ab 750 slowe-
nische Texte notwenig. Sogar der Papst besteht in sei-
nem Brief an Kocelj, Rastislav und Sventopulk
darauf : diesen einen Brauch aber bewahrt : bei der Messe
lest den Apostel und das Evangelium zuerst römisch (la-
teinisch), dann slawisch/slowenisch. Das heißt : es gab
schon lang vor Method slowenische Evangelientexte.
Die Salzburger Priester haben Slowenisch gelernt bzw. waren selbst muttersprachliche Slowenen. Der Salz-
burger Erzbischof Adalwin hat bei seinen Kirchen-
einweihungen und beim Weihnachtsfest 864, während
die beiden »Slawenapostel« schon im Land waren, in
Pannonien slowenisch gepredigt. Schon Pippin, der
Vater Karls des Grossen, hat die Salzburger Kirche
beauftragt, cum doctrina et ecclesiastico officio procurare
populum qui remansit de Hunia et Sclavis in illis parti-
bus (das Volk, das in jenen Regionen von Awaren und
Slawen übrig geblieben ist, in Glaubenslehre und im
Gottesdienst zu betreuen). Salzburg hat diesen Auftrag
wahrgenommen und erfolgreich durchgeführt. Auch in
der Zeit, als Method in der Burg des →
Kocelj an
der Bibelübersetzung arbeitete. Seine Seelsorge-Tätig-
keit dürfte nur sehr partiell dem »slawischen« Volk ge-
golten haben, eher dem »Knezen (kuneNdz)« und sei-
ner engsten Umgebung. Es wird nicht berichtet, dass
Method Kirchen gebaut, eingeweiht und mit Pries-
tern ausgestattet hätte, was für die Salzburger selbst-
verständlich war. Das glagolitische Experiment war lin-
guistisch interessant, kulturhistorisch beachtlich, sonst
aber eher perspektivlos. Nach Methods Tod geht die
lateinische Liturgie in Pannonien und Mitteleuropa
weiter, als ob es ihn nicht gegeben hätte. Trotzdem ist
die fast tausendjährige glagolitische Schriftkultur in
einigen kroatischen Gegenden ein europäisches Phä-
nomen ohnegleichen. Es ist aber nicht der Anfang der
»slawischen« Literatur. Das waren karantanersloweni-
sche Texte in lateinischer Schrift.
Lit.: ES (Jože Pogačnik : Brižinski spomeniki). – I. Boba : History of
Moravia Reconsidered. A Reinterpretation of Medieval Sources. The
Hague 1970 ; B. Fučić : Im Grenzbereich von Glagolica und Kirilica.
In : Die Slawischen Sprachen 1985/8 : 41–51 ; O. Kronsteiner : Method
und die alten slawischen Kirchensprachen. In : Die Slawischen Sprachen 8
(1985) 105–132 ; J. Schaeken : Die Kiewer Blätter. Amsterdam 1987 ;
O. Kronsteiner : Das Leben des hl. Method des Erzbischofs von Sirmium.
Žitie blaženaago Methodia archiepiskupa moraviskaago/vyšineNjeN
Moravy. Salzburg 1989. Die Slawischen Sprachen 18 (Übersetzung aus
dem Altbulgarischen ins Deutsche mit Glossar und Kommentaren) ;
O. Kronsteiner : Saint Methodius – A geographical Superstar ?, 113–127,
und Wie kommen die Morawismen an die Morava/March ? 131–148 In :
Die Slawischen Sprachen 33 (1993) ; K. Popkonstantinov und O. Kronst-
einer, Starobălgarski nadpisi. Altbulgarische Inschriften I. Salzburg 1994
(Die Slawischen Sprachen 36) und II. Starobălgarski nadpisi. Altbulgari-
sche Inschriften. Salzburg 1997 ; Conversio Bagoariorum et Carantano-
rum – das Weißbuch der Salzburger Kirche über die erfolgreiche Mission in
Karantanien und Pannonien, herausgegeben, übersetzt, kommentiert
und um die Epistola Theotmari wie um Gesammelte Schriften zum
Thema ergänzt von Herwig Wolfram, [Hg. von Peter Štih]. Ljubljana
2012.
Otto Kronsteiner
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Band 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Untertitel
- Von den Anfängen bis 1942
- Band
- 1: A – I
- Autoren
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Abmessungen
- 24.0 x 28.0 cm
- Seiten
- 542
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Inhaltsverzeichnis
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55