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Grammatik
Pohlin propagierte eine überregional verständliche
Sprache, die sich der volkssprachlichen Tradition entge-
genstellt, weil er die Sprache der einfachen Bevölkerung
als Hindernis für die Entwicklung von staatlichen und
religiösen Funktionsweisen einer Sprache betrachtete.
Gerade dafür wurde Pohlin von späteren Gramma-
tikern kritisiert. Als Gutsmann 1777 bei Kleinmayr
in Klagenfurt/Celovec seine Windische Sprachlehre unter
besonderer Berücksichtigung slowenischen Sprachma-
terials aus Kärnten/Koroška veröffentlichte, setzte auch
er sich zum Ziel, das Slowenische durch Systematisie-
rung dem Status einer einfachen ländlichen Sprache
zu entheben und zu einer Kultursprache zu machen
(→ Windischentheorie). In den zweiten Teil seiner G.
(»Wortfügungen und Eigenschaften der Windischen
Sprache«) integrierte Gutsmann eine Art erste slo-
wenische Phraseologem-Sammlung (»Von besonderen
Mund- und Redensarten«) (→ Windisch).
Von den Ideen der Aufklärung geprägt, veröffent-
lichte Kopitar 1808 seine Grammatik der Slavischen
Sprache in Krain, Kärnten und Steyermark. Mit diesem
Werk erlangte das Slowenische in den aufkommenden
sprachwissenschaftlich-komparativen Werken, im Rah-
men indoeuropäischer Etymologien, Bedeutung. Das
Slowenische sei – so Kopitar – nicht nur in politischen
Belangen, sondern auch im wissenschaftlichen Bereich
unbeachtet und auf die private Alltagssprache be-
schränkt geblieben. Auch die Verteilung der südslawi-
schen Sprachen und im Besonderen des Slowenischen
unter fremd(sprachig)er Herrschaft schwäche den Ein-
flussbereich dieser Sprachen durch politische Nichtbe-
achtung sowie mangelnde Kommunikation unter den
Südslawen. Kopitars G. sollte dagegen eine einheit-
liche Rechtschreibung und eine überregional verständ-
liche → Standardsprache schaffen. Ausgangspunkt für
die Konstruktion einer solchen Gesamtsprache war die
detaillierte Beschreibung der einzelnen slawischen Dia-
lekte. Kopitar definierte sowohl die Methode der Lin-
guistik als auch das Prinzip der G. als deskriptiv. Ihre
Aufgabe sei, den Sprachbestand sprachwissenschaftlich
zu dokumentieren, um davon ausgehend Möglichkei-
ten der Annäherung zwischen den unterschiedlichen
→ Dialekten nach dem Prinzip der Verständlichkeit
auszumachen. Dem romantischen Konzept der Volks-
sprache folgend (re)konstruierte Kopitar durch die
Analyse des Sprachgebrauchs einen Standard, der als
Leitbild einer zukünftigen Schriftsprache gelten sollte.
Zur Zeit der → illyrischen Provinzen galt als Di-
rektive für die Schulen der Unterricht in der Landes- sprache. Valentin → Vodnik veröffentlichte 1811 die
erste ausschließlich slowenischsprachige G., die sich
als Systematik für den »Hausgebrauch« der slowe-
nischsprachigen Bevölkerung verstand. Sein Begriff der
→ Muttersprache bezeichnet dabei jene familiäre Un-
mittelbarkeit, auf deren Basis bisher der Spracherwerb
der slowenischsprachigen Bevölkerung erfolgte. Der
Sprach- und Schriftunterricht sollte ohne den Zwang
einer fremden Sprache erfolgen.
Zu Beginn des 19. Jh.s erschienen regionalsprach-
lich geprägte G., z. B. in der Steiermark/Štajerska die
Theoretisch-praktische Windische Sprachlehre von Johann
Leopold Schmigoz (1812), das Lehrbuch der windi-
schen Sprache von Peter Dajnko (1824) sowie die G.
von Anton Johann Murko (1832 und 1843) und Jožef
→ Muršec (1847). In Dajnkos Werk spiegeln sich
die Anfänge des → Illyrismus.
Eine G. mit überregionaler Bedeutung war das Lehr-
gebäude der Slowenischen Sprache im Königreich Illyrien
und in den benachbarten Provinzen (1825) von Franc
→ Metelko. Diese G. förderte die Etablierung des
Slowenischen als Bildungssprache in → Krain/Kran-
jska, auf sie bezogen sich zahlreiche spätere Grammati-
ker wie Anton Janežič.
Das → Revolutionsjahr 1848 brachte für das Slowe-
nische vorübergehend eine gleichberechtigte Verwen-
dung in Schulen, Gesetzestexten und Ämtern (→ Ok-
troyierte Märzverfassung, → Landesverfassung 1849,
→ Amtssprache, → Kundmachung [1], →
Landesver-
fassung). Matija → Majar versuchte in dieser Phase
des Aufbruchs eine Einbindung des Slowenischen in
eine gesamtsüdslawische Sprache im Rahmen einer G.
(Pravila 1848). Majar schlug zwei parallele Sprachsys-
teme vor : Eine Sprache für den alltäglichen mündlichen
Gebrauch, die den bisherigen Sprechgewohnheiten
entspricht und die er als »Unterdialekte« des Illyrischen
verstand, eine zweite Sprache der schriftlichen Kultur,
welche die südslawischen Sprachen zu einer allgemei-
nen sog. illyrischen Gesamtsprache verschmelzen sollte.
Dadurch sollte eine bedeutende slawische Schriftkultur
sowie ein größerer Austausch zwischen den slawischen
Sprachen ermöglicht werden. Auch seine Slovnica za
Slovence (1850) ist der G. dieses Illyrischen gewidmet,
sie ist jedoch auf Slowenisch verfasst und sollte als Un-
terrichtsmaterial in den nunmehr slowenischsprachig
geführten Schulen verwendet werden.
Eine wichtige Grundlage für alle späteren sloweni-
schen G. stellte Franz → Miklosichs (1813–1891)
Vergleichende Grammatik der slawischen Sprachen (1852–
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Band 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Untertitel
- Von den Anfängen bis 1942
- Band
- 1: A – I
- Autoren
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Abmessungen
- 24.0 x 28.0 cm
- Seiten
- 542
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Inhaltsverzeichnis
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55