Seite - 508 - in Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška - Von den Anfängen bis 1942, Band 1: A – I
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Identität, territoriale
ist also eine der vielfachen Manifestationen der indivi-
duellen und kollektiven Identität, bei Weitem nicht die
einzige. Sie kann als t. I. der Pfarre, des Dekanats, der
Talschaft, einer Gegend, des (Kron-)Landes oder darü-
ber hinaus zum Ausdruck kommen (→ Gegendname).
Neben der oder den territorialen Identitäten bilden
etwa die sprachlichen, sozialen und vielfältigen weite-
ren Identitäten insgesamt das Selbstbild von Personen
oder Gruppen, die sich bisweilen in spezifischen → So-
ziolekten manifestieren. Bei den Slowenen spiegeln
sich zudem solchermaßen definierte politische, kirch-
liche oder geografische Identitäten vielfach auch in
den Mundarten, →
Dialekten und → Dialektgruppen.
Knüpft die Identität an ein Land bzw. ein → Kronland
an, kann von politischem Landesbewusstsein gespro-
chen werden, zu dem die regionalen Geschichtsver-
eine ihren jeweiligen Beitrag leisteten (→ Društvo za
zgodovino in narodopisje koroških Slovencev [Verein für
Geschichte und Volkskunde der Kärntner Slowenen] ;
→ Geschichtsverein für Kärnten ; → Innerösterreichi-
scher historischer Verein für Steiermark, Kärnten und
Krain ; →
Zgodovinsko društvo v Mariboru [Historischer
Verein in Maribor]).
Gerade die slowenische Staatsrechts- und → Kul-
turgeschichte in Kärnten/Koroška ist nach der im his-
torischen und im europäischen Kontext vergleichsweise
frühen Erlangung der Staatlichkeit →
Karantaniens
mit einer um 100 Jahre versetzten, aber fast ebenso frü-
hen feudalen mitteleuropäischen Vernetzung verbun-
den, die in der Folge zu einer territorialen Regionali-
sierung, vorerst unter Beibehaltung der »Staatssprache«,
führten (→ Duces Carantanorum, → Christianisierung,
→ Landessprache). Parallel mit dem fortschreitenden
regionalen → Sprachwechsel (→ Slovenia submersa,
→ Sprachgrenze) fanden dynastische Prozesse statt
(→ Herzöge von Kärnten/Koroška ; → Karantanische
Mark, → Kärnten/Koroška, → Krain/Kranjska). Dabei
verdrängten auch spätere tief greifende Veränderungen
der staatlichen Lenkungsstrukturen nicht notwendi-
gerweise die über Generationen bereits entwickelten
territorialen Identitäten der Bewohner der sloweni-
schen bzw. innerösterreichischen Ländergruppe (→ In-
nerösterreich, → Illyrische Provinzen). Diese identitä-
ren Pendelbewegungen ziehen sich im Übrigen wie ein
roter Faden durch die slowenische Geschichte, wobei
etwa der protestantische Erneuerer Primož → Trubar
einen gesamtslowenischen ethnischen Ansatz hatte,
den man insbesondere mit der historischen staatsrecht-
lichen Funktion des Slowenischen in Kärnten/Koroška in Verbindung bringen kann (→ Fürsteneinsetzung,
→ Adelssprache, → Windische Ideologie des Erzher-
zogtums Kärnten/Koroška). Mit Trubar wird das
slowenische → Ethnonym »Slovenci« [Slowenen] in der
slowenischen → Standardsprache normiert, und damit
das Konzept der überregionalen ethnischen Identität.
Grundsätzlich fanden ähnliche Prozesse in allen
mitteleuropäischen, durch den feudalstaatlichen Parti-
kularismus gekennzeichneten Gebieten statt und hat-
ten Anteil an der → Ethnogenese verschiedener Völker
und an den partikularistischen territorialen Identitäten,
so dass vielfach die staats- und nationenbildenden bzw.
ethnogenetischen Prozesse erst mit dem 20. Jh. als ab-
geschlossen gelten. (Ab wann spricht man von »Itali-
enern«, ab wann von »Österreichern« im modernen
nationalstaatlichen Sinn ?) Vielfach gelten limitrophe/
angrenzende interkommunikable → Dialekte in unter-
schiedlichen historischen Phasen als Teil verschiedener
Schrift- oder Nationalsprachen oder aber es werden
nicht interkommunikable Dialekte als Teile derselben
Schriftsprache angesehen, so dass sich unterschied-
lichste Formen der sprachlichen, historischen und kul-
turellen → Kontinuität und somit der t. I. ergeben (vgl.
auch → Akkulturation, → Inkulturation). Häufig tru-
gen unterschiedliche religiöse Bekenntnisse derselben
Sprachgruppe zur Herausbildung verschiedener Natio-
nen im modernen Sinn bei und somit zu deren Identität.
Dabei kann die Frage nach der Bezeichnung des Ethnos
in historisch frühen Phasen der Sprach- und Ethnoge-
nese methodisch nur unter Berücksichtigung des his-
torischen Kontextes gestellt werden. So sind zweifellos
die Babenberger und die frühen Habsburger oder aber
die mittelalterlichen → Minnesänger, unabhängig ihrer
ethnischen Selbstbezeichnung, integrierender Bestand-
teil der österreichischen Staatsgeschichte, der deutschen
Sprach- und Literaturgeschichte sowie der österreichi-
schen t.
I., auch wenn man von modernen Nationen mit
dem heutigen begrifflichen Kontext nicht sprechen kann
(→
Geschichtsschreibung, → Geschichtsschreibung
und kognitive Dissonanzen). Zudem hat sich die deut-
sche Sprache über die Jahrhunderte so sehr gewandelt
und ist in ihrer mittelhochdeutschen Form heute kaum
noch verständlich – wesentlich weniger zumindest, als
etwa die modernen interkommunikablen Staatsspra-
chen Italienisch und Spanisch, wobei innerhalb dieser
Sprachen wiederum die dialektalen Unterschiede bis-
weilen so stark ausgeprägt sind, dass eine dialektüber-
greifende Kommunikation ohne standardsprachlicher
Bildung nicht möglich ist.
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Band 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Untertitel
- Von den Anfängen bis 1942
- Band
- 1: A – I
- Autoren
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Abmessungen
- 24.0 x 28.0 cm
- Seiten
- 542
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Inhaltsverzeichnis
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55