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Identität, territoriale
Aus der Perspektive der slowenischen Kulturgeschichte
wird deshalb vielfach auf die Sprache und andere As-
pekte der → Volkskultur, der → Mythologie und etwa
der Rechtsgeschichte oder auf die diversen regionalen
territorialen Identitäten der Slowenen in den verschie-
denen habsburgischen Kronländern, in den Ländern
der ungarisch-kroatischen Krone oder unter Venezia-
nischer Oberhoheit abgestellt und es wird nicht aus-
schließlich an eine moderne Staatsgeschichte der
Slowenen ab Mitte des 19. Jh.s geknüpft (eine solche
Reduktion der slowenischen Kulturgeschichte auf die
Prozesse ab dem 19. Jh. oder nur auf die Identitätsbe-
wussten Slowenen – im Gegensatz zu vermeintlichen
→
»Windischen« – wäre wohl als ahistorisch und
schlicht als widersinnig zu betrachten).
Für die slowenische Kulturgeschichte durchaus re-
levanter Aspekt der t. I. ist jener der verschiedenen
Sprachgruppen in Istrien/Istra im 19. Jh. (Slowenen,
Kroaten, Italiener, Friulaner und Aromunen/Vlachen),
mit der sich bereits Franz → Miklosich befasste. Die
Società agraria Istriana, die diese regionale (territoriale)
Identität versinnbildlichte, förderte die regionale wirt-
schaftliche Entwicklung und gemeinsame regional-
istriotische Interessen und pflegte zudem die Einzel-
sprachen und Kulturen (vgl. dazu Sturm-Schnabl).
Da ab den → Freisinger Denkmälern von slowe-
nischer Sprache gesprochen wird – die sich über die
Jahrhunderte noch wandeln sollte (→ Karantanerslo-
wenisch, → altslovenisch, → altslowenisch, → Slowe-
nisch in Kärnten/Koroška, → Dialektgruppen) –, ist zu
unterscheiden zwischen : 1. den verschiedenen, auf feu-
dal- und kirchenrechtliche Prozesse zurückgehenden
territorialen Identitäten, 2. der sprachlichen Identität
aufgrund der → Muttersprache sowie 3. zwischen der
Benennung der Sprache eines Sprachdenkmals, welche
der jeweilige Autor oder die jeweilige Gruppen spra-
chen.
So ist das Sprachdenkmal →
Buge waz primi [Gott
zum Gruß] aus 1227, das von Ulrich von Liech-
tenstein niedergeschrieben und Herzog Bernhard
von Spannheim zugeschrieben wird : a) territorial
u. a. zu Kärnten/Koroška zu zählen (Ulrich selbst war
wahrscheinlich aus dem Gebiet der heutigen Ober-
steiermark), während die subjektive t. I. des zitierten
Sprechers Bernhard in diesem Kontext irrelevant
ist. b) Sprachlich ist das Zitat eindeutig slowenisch
(keinesfalls als → Alpenslawisch oder → Slawisch zu
benennen). Weiters ist etwa der umgedrehte Basisteil
einer römisch-ionischen Säule aus Virunum, der als → Fürstenstein in die Geschichte einging, über Inkul-
turationsprozesse integrierender Bestandteil der ka-
rantanischen, Kärntner und österreichischen (Rechts-)
Geschichte. Durch dessen → Inkulturation wurde der
Fürstenstein zudem ab dem Zeitpunkt, wo man von
Slowenisch spricht, integrierender Bestandteil der slo-
wenischen (Sprach- und Staats-)Geschichte und zu
einem slowenischen Rechtsdenkmal, und zwar unab-
hängig davon, ob sich in späteren historischen Epochen
die Landesidentität und die im Ort → Karnburg/Krn-
ski Grad gesprochene Sprache gewandelt haben oder
welche spezifische t. I. die Slowenen vom → Zollfeld/
Gosposvetsko polje oder darüber hinaus hatten.
Die territoriale Identitätsbezeichnung »echter
Kärntner« meint aufgrund ethnopolitischer Interessen
vielfach nur die vermeintlich »rein« Deutschsprachigen,
hat folglich eine eindeutige ethnische Konnotation und
wird somit psycholinguistisch reduzierend eingesetzt
(→ Windischentheorie, →
»Entethnisierung«, → Ge-
schichtsschreibung und kognitive Dissonanz, →
Assi-
milationszwang).
Andererseits findet offensichtlich im neueren ge-
sellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskurs in
Slowenien ein Paradigmenwandel im Hinblick auf die
t. I. und auf deren Bezeichnung statt. Hier kommt es
aufgrund der jüngeren staatsrechtlichen Geschichte
der Republik Slowenien zumindest teilweise zu einer
Beschränkung des Konzeptes der »Geschichte der Slo-
wenen« auf die Geschichte des Territoriums der heuti-
gen Republik Slowenien, wobei in der historischen Di-
mension bisweilen implizit nur auf → Krain/Kranjska
und den Völkerfrühling des 19. Jh.s Bezug genommen
wird. Dieser Paradigmenwechsel betrifft die Slowenen
in Kärnten/Koroška insbesondere im Hinblick auf den
transkulturellen Dialog. Die slowenischen Mutter-
sprachler, die in unterschiedlichen Staaten lebten bzw.
leben und folglich unterschiedliche staatliche Traditi-
onen »erlebt« haben (Staatsbürger Österreichs, → Ju-
goslawiens, Sloweniens, Kroatiens, Italiens, Ungarns),
subsumieren im Slowenischen unter demselben Begriff
Slovenec bzw. slovensko [Slowene/slowenisch] unter-
schiedliche kontextuelle Inhalte. Per definitionem ist
etwa ein slowenisches Rechts- oder Sprachdenkmal
in Kärnten/Koroška eben nicht »slowenisch« im Sinne
von »zum Territorium der heutigen Republik Slowe-
nien gehörend«, wie der Begriff u. U. auch interpretiert
werden kann. Gleichermaßen hat das → Ethnonym
»Slovenci« im Slowenischen eine historische Dimension
sowie, insbesondere seit der staatlichen Unabhängig-
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Band 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Untertitel
- Von den Anfängen bis 1942
- Band
- 1: A – I
- Autoren
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Abmessungen
- 24.0 x 28.0 cm
- Seiten
- 542
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Inhaltsverzeichnis
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55