Seite - 510 - in Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška - Von den Anfängen bis 1942, Band 1: A – I
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Identität, territoriale
keitserklärung Sloweniens, auch verschiedene moderne
Bedeutungsebenen.
Soweit die Begriffe Slovenec/slovensko nicht etwa den
Kärntner Anteil einer t. I. und die Kontinuität der Slo-
wenen insbesondere in Kärnten/Koroška subsumieren,
erfassen sie folglich die slowenische t. I. nicht in ihrer
historischen Dimension. Štih 2009 verneint etwa ka-
tegorisch die ethnische und staatsrechtliche Kontinuität
der Slowenen (wohl im Sinne von Slowenen auf dem
Territorium der Republik Slowenien) mit Karantanien,
da der Großteil des slowenischen Territoriums (sprich
der heutigen Republik Slowenien) von → Aquileia aus
christianisiert worden sei und nicht von → Salzburg
aus. So seien die »Karantanen« (→ Carantani/Karan-
taner) nicht oder höchstens nur einer der Vorfahren der
Slowenen (sprich der Einwohner der Republik Slowe-
nien) und »der → Fürstenstein keineswegs ein Symbol
der slowenischen Staatlichkeit« (sprich ein Symbol
der Staatlichkeit der Republik Slowenien). Diese Ar-
gumentation ist eben nur mit einem Denkmuster ver-
einbar, bei dem es zu einer Reduktion der Begrifflich-
keit »Slowene = Bürger der Republik Slowenien« und
»Geschichte der Slowenen/Sloweniens = Geschichte
des Territoriums der heutigen Republik Slowenien«
kommt. Aus kommunikationswissenschaftlicher und
translatorischer Sicht ist zu bemerken, dass es die slo-
wenisch- wie auch die deutschsprachige Fassung oder
Übersetzungen dieses Konzeptes (slowenische Ge-
schichte = Geschichte des Territoriums der heutigen
Republik Slowenien) verabsäumten, terminologisch
den transkulturellen Dialog so weit zu berücksichtigen,
dass der gewählten Begrifflichkeit die unterschiedli-
chen historischen Erfahrungen und Erwartungshal-
tungen sowie der verfassungsrechtlichen Stellung der
Slowenen in Kärnten/Koroška sowie der Sprecher der
deutschen Zielsprache gebührend Rechnung tragen
würde, um unmissverständlich zu sein bzw. um nicht
einer weiteren Interpretation zu bedürfen (Slowenisch
ist eben nicht nur → Amtssprache in Slowenien, son-
dern auch Amts- und Wissenschaftssprache im Gren-
zausland). Solch eine Reduktion der Begrifflichkeit
und Nichtberücksichtigung des soziolinguistischen
Kommunikationskontextes entspricht einer Kommu-
nikation mit sich selbst und mit Seinesgleichen, aber
nicht mit der Außenwelt.
Unabhängig von diesen translatorischen Kommuni-
kationsüberlegungen – und der beschriebenen konzep-
tuellen Reduktion entsprechend – vertritt Štih 2001
die Ansicht, dass die slowenische → Geschichtsschrei- bung (sprich die Geschichtsschreibung der Republik
Slowenien) vornehmlich jene der Menschen und des
Gebietes der heutigen Republik Slowenien sei und so
auch etwa den deutschsprachigen Adel vom heutigen
Gebiet der Republik Slowenien berücksichtigen solle
und nicht die ethnischen Slowenen im Grenzausland
(zamejstvo). In Bezug auf die Geschichte der Kärntner
Slowenen hieße das jedoch, dass alle wesentlichen As-
pekte der ethnischen, territorialen, kulturellen, sprach-
lichen, mythologischen und Siedlungskontinuität und
Interferenzen mit dem Raum nördlich der → Kara-
wanken/Karavanke als nicht existent oder als irrelevant
betrachtet würden. Auf Österreich umgesetzt würde
dies bedeuten, dass einerseits die Babenberger und frü-
hen Habsburger, deren kulturelle und zivilisatorische
Errungenschaften sowie deren territoriale Entwicklung
nicht im Rahmen der österreichischen Ethnogenese
und t.
I. berücksichtigt werden sollten, und andererseits,
dass sich die österreichische Geschichtsschreibung auf
das Territorium der Republik Österreich beschränken
sollte, wobei so die Habsburger nicht in ihrer interna-
tionalen Dimension erfasst werden könnten. Beides ist
wissenschaftlich weder vertretbar noch haltbar.
Insgesamt kann man also davon ausgehen, dass – in-
dividuell durchaus differenziert – die Kärntner Slowe-
nen u. a. eine oder mehrere territoriale Identitäten haben,
die an das Land Kärnten/Koroška in seiner Gesamtheit,
an dessen südlichen Teil oder an eine Mikroregion ge-
bunden sind (→ Gegendname, → Südkärnten/Južna
Koroška), dass sie weiters eine mehrsprachliche Identi-
tät haben, die in Bezug mit der slowenische Sprache in
ihrer Gesamtheit oder zu deren einzelnen → Dialekten
oder → Soziolekten steht und dass sie vielfältige wei-
tere Identitäten haben (Gender, soziale Identitäten etc.)
(→ Identitätsbewusstsein). Das schließt parallele oder
überlappende Identitätsmuster etwa beider im Land
wohnenden Sprachgruppen keinesfalls aus.
Lit./Web : J. Mal : Probleme aus der Frühgeschichte der Slowenen.
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Studie zur Sprachenpolitik. Wien, Sprache und Herrschaft, Zeitschrift
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Band 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Untertitel
- Von den Anfängen bis 1942
- Band
- 1: A – I
- Autoren
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Abmessungen
- 24.0 x 28.0 cm
- Seiten
- 542
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Inhaltsverzeichnis
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55