Seite - 523 - in Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška - Von den Anfängen bis 1942, Band 1: A – I
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Inkulturation
B.-I. Schnabl, Inkulturacija Eine toponymische Untersuchung des Umfelds
dieser Kroaten-Orte hat ergeben, dass es sich offen-
sichtlich um Wehrsiedlungen an strategisch wichtigen
Punkten der alten Römerstraßen handelt mit slowe-
nischen → Ortsnamen vom Typ iki (Kraig/Kriviki,
Liebetig/Ljubotiki, Meiselding/Myslotiki, Nassweg/
Nežoviki, Radweg/Radoviki, Tratschweg/Dražoviki,
Strettweg/Strachoviki, Judenburg/Junoboriki, Zeltweg/
Selkoviki) und jeweils einem Ortsnamen, in dem die
Funktion eines ban vorkommt (Faning/Baniki im Lun-
gau/Salzburg, Faning/Baniče und Pfannsdorf/Banja
vas in Kärnten/Koroška sowie Fohnsdorf »Bansdorf«
bei Knittelfeld/Steiermark). Möglicherweise hängt mit
diesen Kroatengauen die Funktion der → Edlinger/
kosezi zusammen. Es könnte sich um einen ähnlichen
Stand handeln wie bei den fränkischen amici regis. In
Turksprachen bedeutet gaziz »Freund«, bei Porphyro-
gennetos als Personenname Kosentsis. Das Verhältnis
Slowenen/Awaren ist nicht geklärt. Die → Awaren
sind bald Helfer, bald Unterdrücker, bald Verbündete,
bald Feinde, die man los werden möchte, bald Heiden,
bald Christen (→ Carmula). Selbst für Zeitgenossen
war das nicht klar. Daher die Formulierung Avari vel
Sclavi. Sie sind als Obri (bairisch Hunnen/Heunen) aus
der Geschichte verschwunden.
Die Kroaten-Orte verweisen jedenfalls nicht auf
»Volkssplitter« von Kroaten (literaturüblich bei kroa-
tischen Historikern), sondern auf die militärische und
soziale Funktion (Wehrbauern) der awarisch-sloweni-
schen Strategie im frühen Karantanien (→ Inkultura-
tion). Die → Ethnogenese der »kroatischen Nation«
hat erst später in Kroatien und nicht schon in einer
»transkarpatischen Urheimat« oder im Alpenraum
stattgefunden.
Die Etymologie des Namens crouuati ist umstritten.
Der byzantinische Kaiser Porphyrogennetos erklärt
sie um 950 damit, dass sie (die Kroaten) viel Land (griech.
choora) besitzen. Ein Element des Namens könnte man
jedenfalls mit turksprachigem chör »Land« in Zusam-
menhang bringen. Aber auch mit chür »frei«. Das wäre
dann die Erklärung für die → Edlinger, die aus Dank
für die Hilfe an die Awaren privilegierten »Freibauern«.
Weder in den Quellen noch in den geschichtswissen-
schaftlichen Analysen ist Klares zu erkennen.
Lit.: B. Grafenauer : Hrvati u Karantaniji. In : Historijski zbornik XI–
XII (1958–59), 207–231 ; O. Kronsteiner : Die alpenslawischen Perso-
nennamen. Wien 1975 ; O. Kronsteiner : Gab es unter den Alpenslawen
eine kroatische ethnische Gruppe ? In : Wiener Slavistisches Jahrbuch 24 (1978), 137–157 ; O. Kronsteiner : Kroaten und Serben – Gehörnte und
Hausfreunde ? Glosse zu einigen etymologischen und anderen Verirrungen.
In : Die Slawischen Sprachen 24 (1991) 89–96 ; ESSJ I, 205.
Otto Kronsteiner
indigenistisches Modell, → Inkulturation.
Ingo, dux → Duces Carantanorum.
Inkulturation, Übertragung und Anpassung bzw. Über-
nahme kultureller Merkmale einer Kultur in eine andere.
Beim Herrschaftswechsel eine Form der → Kontinuität,
die den Angehörigen der weiterhin präsenten Kultur
einerseits die Akzeptanz der neuen Herrschaft erleich-
tern bzw. andererseits Widerstände brechen soll (in
dieser Perspektive kann die Anerkennung des → Per-
sonalitätsprinzips als spezifische, rechtlich-politische
Form der I. und der Sicherung der neuen Herrschaft
betrachtet werden). Inkulturationsprozesse finden in
Kontaktsituationen verschiedener Religionen und my-
thologischer Inhalte verschiedener Kulturen als Aus-
druck des Werbens um die Gunst der Gläubigen statt.
Peter weist etwa darauf hin, dass »sich auch das junge
Christentum in die Welt des Hellenismus inkulturiert
[hat]« und es einerseits eine Neuinterpretation bibli-
scher Zeugnisse aus hellenistischer Perspektive gegeben
habe und somit »hellenistische Erlösungsvorstellungen
ins Christentum integriert [wurden]« und gleichzeitig
der »jüdisch-christliche Gottesbegriff erheblich verän-
dert und erweitert [wurde]« (Korrelationsmodell). Pe-
ter weist weiters auf das Übersetzungsmodell der I. hin,
dessen »klassische missionsgeschichtliche Gestalt der
Übersetzung […] die Akkomodation bzw. die Adaptation
[war]«. Dabei seien im Wesentlichen nur »einzelne For-
men des von außen kommenden Christentums durch
solche [nicht wesentliche] Elemente der lokalen Kul-
tur [ersetzt worden], die mit dem Evangelium vereinbar
schienen.« Schließlich hebt Peter das »kulturfunkti-
onale Modell« bzw. »indigenistische Modell« hervor
(auch anthropologisches oder ethnographisches Modell), das
»heute bei der Revitalisierung von indigenen Traditio-
nen eine wichtige Rolle [spielt]«. So sind die regional
sehr unterschiedlichen religiösen Riten etwa der Ka-
tholiken Ausdruck der jeweiligen Substratkultur und
deren Weiterentwicklung (Südkärntner Fleischweihe,
spanische Osterprozessionen, mexikanische oder phil-
ippinische Osterbräuche ; → Brauch).
Svantovit. Bei den frühen → Slawen treffen wir im
Zuge der → Christianisierung auf den Transfer der Ei-
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Band 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Untertitel
- Von den Anfängen bis 1942
- Band
- 1: A – I
- Autoren
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Abmessungen
- 24.0 x 28.0 cm
- Seiten
- 542
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Inhaltsverzeichnis
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55