Seite - 526 - in Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška - Von den Anfängen bis 1942, Band 1: A – I
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Inkulturation
Dreikopfstein/Triglav vom
Magdalensberg/Štalenska
gora, Foto Bojan-Ilija Schnabl
und erst vor relativ kurzer Zeit als historisches Artefakt
ohne spezifische Funktion wieder aufgetaucht ist.
Fürstenstein/knežji kamen. Eine Form der I. kann
in der Verwendung eines ursprünglichen Basisteils ei-
ner römisch-ionischen Säule aus Virunum als → Fürs-
tenstein bei der → Fürsteneinsetzung in → Karnburg/
Krnski Grad gesehen werden, insbesondere wenn er als
Ausdruck des staatlichen Kontinuitätsanspruchs ver-
standen wird, den man aus der Wahl des politischen
und religiösen Zentralortes ableiten kann. Er ist deshalb
spätestens mit dem Übergang von der Sprache der Ka-
rantaner zum Slowenischen (→ Karantanerslowenisch,
→ Altslowenisch) u. a. Teil der slowenischen → Kul-
turgeschichte geworden, weil er auch nach Abkommen
vom Einsetzungsritus seine Symbolkraft beibehalten
hat (→ Herzöge von Kärnten/Koroška ; → Windische
Ideologie des Erzherzogtums Kärnten/Koroška). Pe-
ter Štih (2014) weist seinerseits auf Aspekte der In-
tegration der slawischen gesellschaftlichen Elite nach
der Annahme der fränkisch-bairischen Oberhoheit
und formellen Christianisierung hin, die neben der
politischen Ebene auch eine kulturelle Dimension in
sich tragen und als Prozess im Sinne der I. verstan-
den werden müssen (→ Adelssprache ; → St. Peter am
Bichl [Šentpeter na Gori] ; → St. Georgen am Längs-
see [Šentjurij ob Dolgem jezeru]). Nicht zuletzt ist der
Fürstenstein/knežji kamen auch ein historisches Kärnt-
ner Rechtsdenkmal und Teil der österreichsichen und
europäischen Rechts- und Kulturgeschichte und so
gleichsam ein Sinnbild von manigfaltigen Inkulturati-
onsprozesen.
Edlinger/kosezi. Ähnlich verhält es sich im Hin-
blick auf die → Edlinger/kosezi und die sog. »Kroaten-
Dörfer (→ Fürsteneinsetzung, Lj. → Hauptmann,
→ in pago Croouati, → Kroatengau). Bei all jenen Hy-
pothesen, die bei den Edlingern nicht nur eine nicht
slawische Etymologie ihrer Bezeichnung und/oder ei-
nen spezifischen sozialen Stand sehen, sondern auch
eine andere ethnische Herkunft vermuten, muss im
Zuge der karantanischen und karantanerslowenischen
→ Ethnogenese von einer sehr frühen I. ausgegan-
gen werden (bei den »Kroaten-Dörfern« u. U. auch
von einer →
Akkulturation). Spätestens mit der I. der
rechtsrelevanten Aspekte werden die Edlinger/kosezi
u. a. zu genuinen Phänomenen der karantanischen und
später aufgrund der sprachlichen, rechtlichen und ter-
ritorialen → Kontinuität zu genuinen Phänomenen der
slowenischen Staatsrechts- und Kulturgeschichte, wo-
bei etwa nach Wadl so manche neuzeitliche und bis heute gültigen Katastralgemeinden in der heutigen Ge-
meinde Magdalensberg/Štalenska gora auf die mittel-
alterliche →
Edlinger-Gerichtsbarkeit zurückzufüh-
ren sind und sich somit vielfache I.-Prozesse ergeben
(→ Edlingerdienste, → Edlinger-Gemeinschaftswald
am Christophberg/Krištofova gora). Das Konzept der I.
ermöglicht also in diesem Fall die Überwindung exklu-
sivistischer → Geschichtsschreibung und eines veral-
teten ethnozentrischen Geschichts-Darwinismus (vgl.
auch → »Entethnisierung«, → Geschichtsschreibung
und kognitive Dissonanz).
Wallfahrten. Auf Prozesse der I. alter Glaubensin-
halte trifft man auch bei → Wallfahrten. So ist die Kir-
che am Magdalensberg/Štalenska gora Ausgangspunkt
einer ethnologisch bedeutenden Wallfahrt über vier
Berggipfel (dem Vierbergelauf). Bei dieser einst slowe-
nischen Wallfahrt wurden vier Gipfel des zentralkaran-
tanischen Raumes bezwungen, wobei nach Zablatnik
dieser Wallfahrt ein Vegetations- und Wachstumskult
zugrunde liegt, der der Fruchtbarkeitsgottheit noch
aus vorrömischer Zeit gewidmet war. Dieser Wallfahrt
liegen also einige sukzessive Inkulturationsprozesse zu-
grunde, was die karantanisch-slowenische Kontinuität
am Magdalensberg/Štalenska gora auch im Hinblick
auf den oben beschriebenen Dreikopfstein untermauert.
Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
Von den Anfängen bis 1942, Band 1: A – I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Enzyklopädie der slowenischen Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška
- Untertitel
- Von den Anfängen bis 1942
- Band
- 1: A – I
- Autoren
- Katja Sturm-Schnabl
- Bojan-Ilija Schnabl
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2016
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79673-2
- Abmessungen
- 24.0 x 28.0 cm
- Seiten
- 542
- Kategorien
- Geographie, Land und Leute
- Kunst und Kultur
Inhaltsverzeichnis
- Geleitwort von Ana Blatnik, Präsidentin des Bundesrates (Juli – Dezember 2014) 7
- Spremna besede Ane Blatnik, predsednice državnega sveta (julij – december 2014) 8
- Geleitwort von Johannes Koder 9
- Vorwort der Herausgeberin und des Herausgebers 11
- Einleitung – slowenische Kulturgeschichte in Kärnten/Koroška 15
- Alphabetische Liste der AutorenInnen/BeiträgerInnen im vorliegenden Band 38
- Verzeichnis der Siglen 40
- Verzeichnis der Abkürzungen und Benutzungshinweise 46
- Editoriale Hinweise 51
- Lemmata Band 1 A – I 55