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ST. STEPHAN UND DER TURMBAU ZU BABEL#

Michael Mitterauer#

Von seiner Fertigstellung im Jahr 1433 an war der Südturm der Wiener Stephanskirche mit seinen rund 137 Metern für mehr als ein halbes Jahrhundert der höchste Turm Europas - das höchste Sakralgebäude der damaligen christlichen Welt. Erst um 1491 wurde der Nordturm des Straßburger Münsters fertiggestellt, der eine Höhe von 142 Metern erreichte und damit für längere Zeit die Spitzenstellung als höchster Kirchturm halten konnte. Als möglicher Konkurrent des Stephansturms in einer solchen Rangliste der höchsten Türme ihrer Zeit kommt eventuell der Vierungsturm der Kathedrale in Lincoln in Frage, der 1230 zum ersten Mal einstürzte und 1549 zum zweiten Mal. Etwa 1307/11 erhielt er einen Turmhelm, der angeblich eine Höhe von 525 Fuß (also etwa 160 Meter) erreichte. Diese Angabe ist allerdings nicht definitiv verifizierbar. Der Wiener Stephansturm erlebte nie einen Einsturz und überdauerte selbst den verheerenden Brand des Doms zu Ende des Zweiten Weltkriegs. Letztlich ist es wohl nicht wichtig, welcher Turmbau des Mittelalters die anderen übertroffen und den Spitzenplatz in der Rangliste übernommen hat. Solchen Überlegungen liegt ein wertendes Denken unserer jüngsten Vergangenheit und Gegenwart zugrunde. Wir sollten es nicht ohne Weiteres auf die Epoche des Mittelalters übertragen. Herzog Rudolf IV. (1358 - 1365), der wohl der Initiator des großen Projekts war, hatte viele ehrgeizige Projekte. Manche von ihnen sind aus seinen zahlreichen Stiftungsurkunden zu erkennen. Über die Höhe des Turms von St. Stephan hat er sich in keinem dieser Dokumente geäußert. Gleiches gilt auch für Rudolfs Nachfolger als österreichische Landesfürsten, die den Turmbau maßgeblich förderten. Auch die Stiftungen der Bürger und Bürgerinnen von Wien zu Gunsten des Domes sagen nichts darüber aus. Ihnen und ihrer Gemeindevertretung ist es – neben den Angehörigen der Habsburgerdynastie – zu danken, dass das Projekt des Turmbaus in wenigen Jahrzehnten zum Abschluss kam.

Stephansdom
Der Dom 1905
Stephansdom
Der Südturm - Foto: Wikipedia
Stephansdom
Stephansdom - Foto: P. Diem

Lincoln
Modell der Kathedrale von Lincoln mit Spitztürmen - Foto: Wikipedia
Lincoln Cathedral
Kathedrale von Lincoln - Foto: Wikipedia

Es war zeitweise noch Größeres geplant. Die Originalpläne der Baumeister des Doms im Spätmittelalter sind erhalten. Seit 2005 werden sie Weltkulturerbe der UNESCO geführt. Unter diesen Architekturzeichnungen findet sich der Entwurf für den Ausbau des Nordturms von St. Stephan. 1450 wurde der Grundstein für dieses Gegenstück zum bereits vollendeten Südturm gelegt. Dieser Nordturm hätte eine Höhe von etwa 170 Metern erreichen sollen. Damit hätte er die hohen Türme der Christenheit zu seiner Zeit weit übertroffen. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts entschloss man sich jedoch, die Bauarbeiten einzustellen. Es fehlten die notwendigen Geldmittel für eine Weiterführung dieses Großprojekts. Sollen wir es heute bedauern, dass dieses außerordentliche Bauwerk nicht zustande kam? Zu wessen Ehre hätte es vollendet werden sollen? Zu Ehren des Landesfürsten? Zu Ehren der Wiener Bürger? Aus christlichen Grundsätzen ließ sich wohl keine Verpflichtung ableiten, den höchsten Kirchturm der Christenheit zu realisieren.

Nordturm
Aus der ORF-Dokumentation "Mysterien von St. Stephan" - Foto: ems Film

Ein Turm mit einer Spitze bis zum Himmel#

Das Alte Testament der Heiligen Schrift berichtet eine Strafgeschichte über den Hochmut des Turmbaus, die den Menschen des Mittelalters sehr geläufig war. Es ist die Geschichte vom „Turmbau zu Babel“. Im elften Kapitel erzählt das Buch Genesis: „Die ganze Welt hatte die gleiche Sprache und die gleiche Ausdrucksweise. Als sie von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Land Schinar und siedelten sich dort an. Sie sagten zueinander: Auf, streichen wir Ziegel und brennen sie zu Backsteinen! Ihnen dienten Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel. Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel, und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen! Da stieg der Herr herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Er sprach: Seht nur, ein Volk sind sie, und eine Sprache haben sie. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns! Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar sein, was sie sich auch vornehmen. Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, dass keine mehr die Sprache des anderen verstehe! Der Herr verstreute sie von dort aus über die ganze Erde, und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen. Darauf nannte man die Stadt Babel (Wirrsal), denn dort hat der Herr die Sprache aller Welt verwirrt, und von dort aus hat er die Menschen über die ganze Erde zerstreut.“ Es ist eine Geschichte, die sich gegen den Bau des hohen Turms als Zeichen der fehlenden Ehrfurcht des Volkes gegen seinen Gott richtet. Diese Geschichte des Baus eines Turms „mit einer Spitze bis zum Himmel“ muss Menschen des Mittelalters sehr bewusst gewesen sein. Sie wurde in der Heiligen Schrift berichtet, vielfach kommentiert und vor allem auch durch bildliche Darstellungsformen den Zeitgenossen nahe gebracht. Es ist wenig bekannt, dass auch der Koran als das heilige Buch des Islam eine ähnliche Strafgeschichte berichtet. In der Sure 40, 36 heißt es: „Aber Pharao sagte: ‚O Haman! Baue mir einen hohen Turm, damit ich vielleicht die (rechten) Mittel erlange – die Mittel des Zugangs zu den Himmeln und daß ich (also) einen Blick auf den Gott von Moses werfen mag: denn siehe, ich bin fürwahr sicher, daß er ein Lügner ist. Und also erschien Pharao das Übel seines eigenen Tuns gefällig, und so wurde er vom Pfad (der Wahrheit) abgehalten: und Pharaos Tücke führte zu nichts anderem als Verderben.“ Und in der Sure 28, 38 heißt es über das Gespräch, das Moses mit dem Pharao und seinen Großen führte: „Woraufhin Pharao sagte: ‚O ihr Edlen! Ich wußte nicht, daß ihr eine andere Gottheit als mich haben könntet! Nun denn, o Haman, zünd mir ein Feuer an (zum Brennen von Ziegeln aus) Ton und dann baue mir einen hohen Turm, damit ich vielleicht einen Blick auf den Gott von Moses haben mag – obwohl, siehe, ich überzeugt bin, daß er einer von jenen ist, die (immer) Lügen erzählen!“. Als Geschichte über den Pharao und seinen Berater Haman, die ins Verderben führt, ist auch diese Geschichte eines Turmbaus eine Strafgeschichte. Auch hier geht es um die Verurteilung von Hochmut gegen Gott durch den Bau eines hohen Turms. Es wurde vermutet, dass sich der Bericht über den Turm des Pharao in der Sure 28 des Koran auf eine der großen Pyramiden Ägyptens und die Funktion des Hohepriesters als ihres Bauherren beziehen könnte (Muhammad Assad, S. 738). Die Pyramiden von Gizeh wurden schon in der Antike zu den „Sieben Weltwundern“ gezählt und hielten sich bis zur Gegenwart in der Liste der höchsten Sakralbauten der Welt. Die im Bericht des Koran erwähnten, im Auftrag des Pharao gebrannten Ziegel könnten aber auch auf einen Zusammenhang dieser Erzählung mit den mesopotamischen Turmbauten verweisen, die aus diesem Material hergestellt wurden. Wie auch immer – der Bau von hohen Türmen als Motiv von Straferzählungen in heiligen Schriften ist ein altes Erbe antiker Religionen, das lange nachlebte und im Mittelalter sehr wirksam war. In allen drei großen abrahamitischen Weltreligionen leben solche Mythen bis in die Gegenwart weiter.

Turmbau im Vergleich von Weltreligionen#

In der Geschichte des Judentums spielt realer Turmbau keine wesentliche Rolle. Die jüdische Synagoge bedarf dieses Bauelements nicht. Wenn im 19. Jahrhundert bei großen Synagogenbauten Türme in die Architektur einbezogen wurden, so galt das innerhalb der Religionsgemeinschaft als Erinnerung an die Säulen Jachin und Boas, die einst vor dem Tempel von Jerusalem gestanden waren. Kunsthistorisch können solche Bauelemente als „Historischer Orientalismus“ angesehen werden. Grundsätzlich gilt: Die Synagoge braucht aus rituellen Gründen keine Türme. Bei der islamischen Moschee verlief die Entwicklung anders. Schon in den Minarettbauten der islamischen Frühzeit übernahm das Minarett als Ort des Gebetrufs eine wichtige funktionale Bedeutung. Und erst recht gilt das für die Kirchenbauten des westlichen Christentums, in denen der Turm als Aufhängungsort des Geläutes seit dem Hochmittelalter eine wesentliche Funktion zugewiesen bekam. Glocken wurden liturgisch notwendig, ihre Anbringung bei Kirchenbauten kirchenrechtlich vorgeschrieben. Der durch Menschenstimme erklingende Gebetsruf des Muezzin erscheint durch seine Bindung an die menschliche Stimme eher als ein lokales Kommunikationsmittel. Die Wirkung der Glocke konnte akustisch gesteigert werden und einen größeren Umkreis erreichen. Allerdings war eine solche Steigerung ihrer Wirkung an große Glocken gebunden, die in größerer Höhe aufgehängt waren. Minarett und Glockenturm gewannen so aus funktionalen Gründen für religiöse Gemeinschaften eine funktionale Bedeutung. Hohe Türme waren mit solcher Zielsetzung nicht mehr nur ein Zeichen des Hochmuts ihrer Erbauer. Eine gewisse Ambivalenz des Turmbaus war damit grundgelegt.

Synagoge Berlin
Neue Synagoge Berlin (1865) - Bild: Wikipedia
Samarra
Spiralminarett der Großen Moschee von Samarra (Irak) - Foto: Wikipedia

Das Minarett als Ort des Gebetsrufs schloss in frühislamischer Zeit an unterschiedliche vorgegebene Gebäudeformen an. In Syrien gilt dies für römische Wachtürme und byzantinische Befestigungsanlagen, die in Beibehaltung des alten Formenguts neue kultische Bedeutung bekamen. In Nordafrika hatte der große Leuchtturm von Alexandria, der schon in der Antike zu den „Sieben Weltwundern“ gezählt wurde, eine wesentliche Vorbildwirkung. Er war mit der Bezeichnung „Pharos“ verbunden. In Mesopotamien schloss man ebenso an kulturelle Vorformen an, insbesondere an die Zikkurattürme, die hier durch Jahrtausende gebaut wurden. Das berühmte Zikkuratminarett der Großen Moschee von Samarra gehört in diese Kontinuitätslinie. Es wurde 847 zu bauen begonnen, als Samarra Kalifenresidenz war. Sassanidisch-zoroastrische Vorformen verweisen hier auf eine weit zurückreichende Tradition. Ungefähr 25 Zikkurat-Bauwerke lassen sich in Mespopotamien nachweisen - vorwiegend in der babylonischen Kernregion. Die Zikkurat der Hauptstadt Babylon war eine dem Reichsgott Marduk gewidmete Kultstätte. Sie wurde als „Etemenanki“ bezeichnet – das bedeutet „Haus des Fundaments von Himmel und Erde“. Herodot überliefert in seiner Schilderung den Stufenaufbau des Kultzentrums. Als Alexander der Große Babylon eroberte, ließ er 323 v. Chr. das zerstörte Bauwerk neu errichten. Viele Forscher sehen im „Etemenanki“ den in der Genesis erwähnten Turm von Babel. Spiraltürme und Stufenpyramiden hatten in dieser alten Kulturregion jedenfalls eine historisch weit zurückreichende Kontinuität.

Bilder des Turmbaus von Babel#

Ganz anders war die Situation in Europa. Das Bild, das man sich hier vom Turmbau in Babel machte, war von den jeweils zeitgleich errichteten Türmen des eigenen Kulturraums geprägt. Es finden sich hier runde und viereckkig gestaltete Turmanlagen – vielfach mit Klangarkaden ausgestattet, wie sie durch die Aufhängung von Glocken notwendig wurden. In der Weltchronik des Wiener Bürger Jans der Enikel ist der Turm von Babel in der Illustration des Textes als ein schlichter Rundturm dargestellt. In der Frühen Neuzeit gewann dann allerdings die von Pieter Brueghel dem Älteren in seinem „Turmbau von Babel“ gewählte Darstellungsform zunehmend an Bedeutung. Sie ist am Kolosseum in Rom orientiert, das Brueghel kennen gelernt hatte. Dieser Prototyp verbreitete sich dann rasch – vor allem durch die neuen technischen Möglichkeiten der Druckgraphik bedingt. So ist es dieses berühmte Gemälde, das heute im Kunsthistorischen Museum in Wien ausgestellt ist, das unsere Imaginationen des „Turmbaus von Babel“ vorrangig prägt.

Weltenchronik
Meister der Weltenchronik - Bild: Wikipedia
Turmbau zu Babel
Pieter Breughel d. Ä. Turmbau zu Babel - Foto: Wikipedia
Weltchronik
Aus der Weltchronik Jan Enenkels - Bild: Wikipedia

Hohe Türme in der Erfahrungswelt Rudolfs IV.#

Herzog Rudolf IV. hat ein solches Bild des „Turms von Babel“ sicher nicht im Kopf gehabt, als er den Südturm der Stephanskirche in Auftrag gab. Was er an hohen Türmen seiner Zeit kannte, waren vor allem gotische Kirchtürme aus dem Umfeld seiner nordalpinen Erblande. Keiner von ihnen erreichte damals die Höhe, mit der der von ihm wohl in Auftrag gegebene Südturm von St. Stephan schon 1433 abgeschlossen werden konnte. Sicher wusste Rudolf von den Turmplänen seines Schwiegervaters Karl IV. am Prager Veitsdom, die dann dort im Mittelalter nicht zum Abschluss kamen. Aber erste Ansätze waren damals erkennbar. Sie orientierten sich an Vorbildern der französischen Königskathedralen, die Karl aus seiner Jugend am Königshof der Valois kannte. Ob Rudolf die geplante Höhe des Prager Südturms hatte abschätzen können, lässt sich kaum erschließen. Mit Sicherheit kannte er aber eine Reihe sehr hoher Türme ganz anderer stilistischer Wurzeln aus Oberitalien – etwa den Markusturm in Venedig oder den Campanile von Sant’Ambrogio in Mailand oder die Glockentürme von San Zeno und Sant’Anastasia in Verona. Hier sah er wohl auch einen sehr hohen Turm anderer Funktion, nämlich den Torre dei Lamberti, der als Gemeindeturm der Stadt aus einem alten Geschlechterturm entstanden ist. Die oberitalienische Po-Ebene, durch die er über Verona nach Mailand gezogen ist, war damals schon voll von hohen Campanili und anderen außerordentlichen Turmbauten unterschiedlicher Funktionen. So sehr oberitalienische Skulptur und Malerei die von Rudolf in St. Stephan in Auftrag gegebene Kunst beeinflusst haben mag – der Hochturm von St. Stephan zeigt keinerlei Beeinflussung von neuen Stilrichtungen dieser Region. Insgesamt lässt sich ein Konkurrenzdenken als primäres Motiv für seine Baupläne nicht nachweisen. Dass es solches Konkurrenzdenken in seiner Zeit sehr ausgeprägt gab, steht allerdings außer Zweifel. In den frühkapitalistischen Stadtregionen Oberitaliens und der Toskana lässt sich ein solches kompetitives Verhalten schon in vorangehenden Jahrhunderten deutlich fassen. Vor allem in den großen Handelsstädten sind Bemühungen stadtadeliger Familien um den jeweils höheren Geschlechterturm zu beobachten. Und dabei ging es nicht nur um Prestige, sondern auch um militärische Vorteile in den Geschlechterkämpfen, die in diesen Kommunen herrschten. Etwa in Pisa wurde schon früh die Kommunebildung durch eine Regelung einheitlicher Turmhöhen seitens des Erzbischofs überhaupt erst ermöglicht. In Genua und in Florenz war die Situation nicht viel anders. Dabei handelte es sich aber um einen Wettstreit um die Höhe von Geschlechtertürmen, nicht um einen solchen zwischen Kirchtürmen. Eine Konkurrenz um Turmhöhen darf man für das Mittelalter wohl nur in spezifischen Milieus und in einem für die Zeitgenossen überschaubaren sozialen Rahmen annehmen.

Turmfunktionen als sozialgeschichtliches Thema#

Unter Rudolf IV. war der Stephansturm primär das Bauprojekt eines Landesfürsten. Als Fürstenkirche war der spätere Dom in erster Linie für die habsburgische Dynastie wichtig. Sie war aber zugleich auch die bedeutendste Pfarrkirche der wachsenden Residenzstadt Wien – diesbezüglich der kirchliche Hoheit des Bischofs von Passau unterstehend, auf den St. Stephan als Kirchenpatron nach wie vor verwies. Für den Südturm der Kirche spielte der zuständige Diözesanbischof allerdings eine untergeordnete Rolle. Für die Bürger der Pfarrgemeinde hatte der Turm mit seinen Glocken hingegen große Bedeutung. Neben dem Landesfürsten trat dementsprechend in der Folgezeit die Wiener Bürgerschaft als Interessentengruppe immer mehr in den Vordergrund. Neben den Funktionen als Kirchturm entwickelten sich andere, die man aus heutiger Sicht nicht unbedingt einem kirchlichen Glockenturm zuordnen würde – etwa als Wachturm in Kriegsgefahr oder bei Bränden. Diese Gemengelage verschiedener Funktionen, die man aus der Perspektive der Gegenwart eher voneinander trennen würde, erscheint allerdings für mittelalterliche Kirchtürme allgemein charakteristisch. In der Geschichte der Türme mag es jedoch systematisch sinnvoll sein, solche Funktionen voneinander getrennt zu behandeln. So wird in den folgenden Beiträgen auf Glockentürme, Wachtürme, Leuchttürme etc. jeweils in analytischer Trennung einzugehen sein. Funktionen von Türmen sprechen diese als reale Ausdrucksformen von sozialen Notwendigkeiten an. Türme hatten aber im Mittelalter auch hohe symbolische Bedeutung. Und sie erhielten sich solche vielfach bis in die Gegenwart. Der „Turmbau zu Babel“ spricht solche symbolischen Bedeutungen von Türmen von den Urmythen der großen monotheistischen Weltreligionen ausgehend an. Die symbolische Bedeutung des Stephansturms steht – Epochen übergreifend - bis in die Gegenwart außer Streit. So sind es nicht nur sozialstrukturelle und funktionale Gegebenheiten, die es sinnvoll erscheinen lassen, den Stephansturm in historischen Langzeitperspektiven in soziale Kontexte einzuordnen. Auch auf der symbolischen Ebene stellt sich die Frage nach Epochen übergreifenden Perspektiven, die den „Turm mit der Spitze bis zum Himmel“ mit der Identitätsbildung von Menschen der Gegenwart verbindet.

LITERATUR#

Stephansdom
Turmhelm St. Stephan heute - Foto: P. Diem
  • Barbara Schedl, St. Stephan in Wien. Der Bau der gotischen Kirche (1200-1500)
  • Peter Diem, Der Stephansdom und seine politische Symbolik https://austria-forum.org/af/Wissenssammlungen/Symbole/St Stephan
  • Geschichtliche Sensation um den Wiener Steffl - Vienna Online https://www.vienna.at/geschichtliche-sensation-um-den-Wiener-Steffl Abruf: 11.05.2019
  • Jean-Sebastien Sauve, Notre-Dame de Strasbourg, Les facades gothiques 2012
  • Der zweite Turm des Stephansdoms https://wien.orf.at/v2/news/stories/2838011 Abruf 13.06.2019
  • Die Bibel. Altes und Neues Testament, hgg. von Mirjam Prager und Günter Stemberger 1, 1975, S. 76
  • Muhammad Asad, Die Botschaft des Koran, Übersetzung und Kommentar, S. 894 und 744
  • Paul Volz, Die biblischen Altertümer, Dreieich 1989, S. 29.
  • Lexikon des Islam, Dreieich 1995, Minarett
  • Lexikon Alter Orient, Wiesbaden 1997, Ziqqurat
  • Lexikon des Mittelalters , Stuttgart 1999, Glocke, Campanile, Turm, Mailand, Verona, Venedig
  • Michael Mitterauer und John Morrissey, Pisa. Seemacht und Kulturmetropole, Essen 2007, S. 205 ff.