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vom 26.08.2016, aktuelle Version,

Truppenübungsplatz Allentsteig

Lage des Truppenübungsplatzes Allentsteig im Waldviertel

Der Truppenübungsplatz Allentsteig (früher Truppenübungsplatz Döllersheim) ist ein militärisches Sperrgebiet und Truppenübungsplatz im niederösterreichischen Waldviertel. Er wurde zur Zeit des Dritten Reichs angelegt und war ursprünglich benannt nach Döllersheim, einem der wichtigsten Orte der insgesamt 40 Dörfer, die gleich nach dem „Anschluss“ 1938 für militärische Zwecke ausgesiedelt wurden. Der Truppenübungsplatz Allentsteig hat eine Fläche von etwa 157 km².[1]

Geschichte

Die deutsche Wehrmacht benötigte nach dem Einmarsch in Österreich Übungsräume. Dazu wurde das relativ dünnbesiedelte Döllersheimer Ländchen im Waldviertel ausgewählt. Mit fast 200 km² reichte es in Nord-Südrichtung von Göpfritz an der Wild bis zum Kamp, in West-Ostrichtung von Zwettl bis Neupölla. Die Absiedlung erfolgte in vier Schritten zwischen Juni 1938 und Dezember 1941 und betraf ungefähr 6.800 Menschen aus 42 Ortschaften und weiteren Rotten (siehe: Liste der für die Schaffung des Truppenübungsplatzes Döllersheim ausgesiedelten Ansiedlungen). Die Zweigstelle Ostmark der deutschen Ansiedlungsgesellschaft hatte ihren Sitz in Allentsteig. Wurden anfänglich den Bewohnern noch Ersatzhöfe mit entsprechenden Grundstücken zugeteilt, so wurden spätere Absiedler praktisch vertrieben und erhielten nur geringe Abfindungen, die teilweise auf Sperrkonten gelegt werden mussten und nach Kriegsende nicht mehr ausbezahlt wurden.

Die Orte selbst wurden zwar entvölkert, aber auf höchsten Befehl verschont, da der Vater Adolf Hitlers nahe Döllersheim (in einem Ort namens Strones) gebürtig war.

Gleichzeitig mit der Aussiedlung wurden militärische Einrichtungen mit Barackenlagern, Bunkern und Schießplätzen errichtet. Die erste Artillerieschießübung wurde bereits am 8. August 1938 durchgeführt. 1941/42 wurde das Gebiet zum Heeresgutsbezirk erklärt und damit gemeindefrei. Im Durchschnitt befanden sich auf dem Übungsplatz 30.000–35.000 Soldaten. Er war damit einer der am stärksten belegten Übungsplätze im Deutschen Reich.

Nach der Besetzung der sogenannten Rest-Tschechei wurde hier zusätzlich ein Sammellager für Beutegut eingerichtet. Auch Kriegsgefangenenlager wurden errichtet, wobei das bekannteste für französische Offiziere in Edelbach (Oflag XVII A) war.

Bis Kriegsende wurden auch laufend Kampfverbände hier zusammengestellt, bevor sie an die Front verlegt wurden.

Am 9. Mai 1945 wurde das Areal von der Roten Armee eingenommen und besetzt. Die provisorische Staatsregierung beschloss am 15. August 1945 die Wiederbesiedlung des Gebietes. Programme zur Organisation wurden erarbeitet und der Bevölkerung im Februar 1946 bekanntgegeben. Vorgesehen war, ehemalige Bewohner, die keine anderen Höfe im Austausch bekamen, sowie Heimatvertriebene aus Südtirol und Deutschböhmen anzusiedeln.

Doch am 27. Juli 1946 wurde der Truppenübungsplatz als Deutsches Eigentum von der Sowjetunion beschlagnahmt. In der Folge wurde auch von den Besatzungstruppen ein Übungsbetrieb mit bis zu 60.000 Soldaten abgewickelt. Außerdem wurde das Lager als Durchgangslager für sowjetische Kriegsgefangene, bevor sie in die Sowjetunion transportiert wurden, genutzt. Die ursprünglich von der Wehrmacht nicht zerstörten Gebäude der entsiedelten Orte wurden in der Folge von den sowjetischen Truppen zerschossen und zerstört. Das Material aus den Abbruchhäusern wurde von den Soldaten auf dem Schwarzmarkt verkauft. Auch die Waldgebiete wurden stark in Mitleidenschaft gezogen.

Die Besatzung zog am 17. September 1955 vom Truppenübungsplatz ab und der Platz ging in das Eigentum der Republik Österreich über.

Niederösterreichische Landtagsabgeordnete und die Landwirtschaftskammer setzten sich für eine Wiederbesiedlung durch Bauern in neu zu errichtende Bauernhöfe mit Grund ein. Der Plan sah zehn bis zwölf neue Dörfer vor. Es wurden schon Projekte wie das einer europäischen Universität und einem Kernreaktor für friedliche Zwecke von verschiedenen Zeitungen lanciert. Das neu entstandene Bundesheer benötigte aber ebenfalls Übungsräume und sah eine Übernahme als eine billige Lösung an. Es wurden von den ehemaligen Bewohnern Anträge auf Rückerstattung gestellt.

Die Regierung unter Julius Raab beschloss im Zuge der Staatsvertragsdurchführungsgesetze 1957, dass Aussiedler kein Recht mehr auf ihren früheren Besitz haben. Im selben Jahr wurden 157 km² an das Bundesheer übergeben. Beträchtliche Randgebiete des Truppenübungsplatzes wurden an die Windhag’sche Stipendienstiftung übergeben, obwohl sie vor Errichtung des Truppenübungsplatzes weit weniger Grund besessen hatte. Die in diesen Randgebieten lebenden Menschen wurden in den darauffolgenden Jahren ausgesiedelt. Der Name wurde auf Truppenübungsplatz Allentsteig geändert. Das Gebiet wird bis heute vom Österreichischen Bundesheer als solcher verwendet und blieb daher unbesiedelt.

Eine Fläche von ca. 3.000 ha wird von Bauern bewirtschaftet, die diese Flächen vom Bundesheer pachten. Die Pachtverträge gelten jeweils nur ein Jahr, da zukünftige Schäden durch das Militär nicht absehbar sind. Für Schäden durch das Bundesheer bekommen sie auch keine Entschädigung, deshalb sind für diese Verträge, die in den meisten Fällen verlängert werden, nur geringe Pachtbeträge zu bezahlen.[2]

In Döllersheim wurden die Kirche und der Friedhof restauriert und 1984 neu geweiht. Auch die Ruine des Bürgerspitals wurde konserviert. Zum Gedenken an die Ausgesiedelten wurde in Allentsteig ein Museum eingerichtet.

Für Unmut bei den rund 200 Bauern, die Pachtflächen bewirtschaften, sorgte 2012 der von Minister Norbert Darabos gebrachte Vorschlag, den Heeresforsten, die in diesem Fall die Partner der Bauern sind, die Verwaltung zu entziehen und diese den Bundesforsten zu übertragen. Dadurch könnten sich die Pachtverträge ändern und den Bauern die Existenzgrundlage entzogen werden.[2] Den Protesten der Bauern schloss sich auch die Holzindustrie an, die um die Existenz von rund 30 Sägewerken durch eine Rohstoffmonopolisierung fürchtet.[3]

Dass die Aussiedlungen im Jahr 1938 nicht unter politische Verfolgung fallen, hat erst 2012 wieder ein Höchstgericht entschieden – daher erfolgt auch keine Restitution.[4]

Der Truppenübungsplatz heute

Kirche im Lager Kaufholz

Als Kasernen des Bundesheeres befinden sich heute das Lager Kaufholz und die Liechtenstein-Kaserne auf dem Areal. Heute stehen 38 Trainingslager und 1500 Unterkünfte zur Verfügung. Der Übungsplatz wird jährlich von etwa 30.000 Soldaten genutzt.

Kommandant des Truppenübungsplatzes Allentsteig war von 2003 bis zu seinem Tod im Juli 2009 Brigadier Leopold Cermak.[5] Seit dem 29. Jänner 2010 fungiert Oberst Josef Fritz als Kommandant des Truppenübungsplatzes.[6] Am Truppenübungsplatz ist das Aufklärungs- und Artilleriebataillon 4 (ehemalig PzAB3) stationiert, welches von Oberstleutnant Reinhard Lemp kommandiert wird.[7] Dieses Bataillon untersteht derzeit der 4. Panzergrenadierbrigade aus Linz-Ebelsberg.

Durch das Areal führt die Landesstraße 75, die eine wesentliche Fahrzeitverkürzung in den Ort Allentsteig bringt. Diese Landesstraße muss aber bei Übungsbetrieb für den zivilen Verkehr gesperrt werden.

Aufgrund seiner isolierten Lage ist der Truppenübungsplatz Allentsteig auch ein in Europa einzigartiges Naturgebiet mit seltener Fauna und Flora.

Das Bundesheer ist als Arbeitgeber für etwa 600 Beschäftigte ein wichtiger Arbeitgeber. In den nächsten Jahren soll in ein Sicherheitszentrum investiert werden, in dem auch Schulungs- und Testzentren für in- und ausländische Katastrophenschutzorganisationen vorgesehen sind.[8] Seit 2006 kooperiert der Truppenübungsplatz mit vier Gemeinden der Region in der Kleinregion ASTEG.

Vorfälle

Am 30. Mai 1962 stürzte ein Hubschrauber vom Typ Bell 47 kurz nach dem Start ab und ging in Flammen auf. Der Bordmechaniker im Range eines Zugsführers kam dabei ums Leben, der Pilot überlebte schwer verletzt.[9]

Am 5. Februar 1980 kam ein Schützenpanzer vom Typ Saurer aufgrund schneeglattem Untergrundes von der Straße ab und überschlug sich. Dabei wurde der Fahrer, ein Stabswachtmeister aus Salzburg, getötet. Eine halbe Stunde nach diesem Unfall geriet auf demselben Straßenstück ein Bergepanzer ins Schleudern und rammte einen zivilen Pkw, dessen fünf Insassen anschließend ins Krankenhaus gebracht wurden.[10]

Am 3. Mai 1988 verlor ein 20-jähriger Soldat im Rahmen einer Gefechtsübung am Truppenübungsplatz Allentsteig sein Leben. Das Geschoß einer Panzerhaubitze M-109 explodierte vor dem errechneten Zielpunkt, ein Granatsplitter traf den in einem Schützenpanzer befindlichen Soldaten tödlich. [11]

Am 19. Jänner 1983 kam es erneut zu einem Hubschrauberabsturz über dem Übungsgelände; eine Bell 206 stürzte nach einem Triebwerksausfall in ein Waldstück. Dabei kamen der Pilot und der Kommandant des Aufklärungsbataillons aus Mistelbach ums Leben, zwei weitere Insassen überlebten lebensgefährlich verletzt.[12]

Am 17. April 2003 verlor der Pilot einer Saab 105 bei einem Wendemanöver mit ausgefahrenem Fahrwerk die Kontrolle über die Maschine und musste im schrägen Winkel mit dem Schleudersitz aussteigen, wobei er Knieverletzungen und einen Wirbelbruch erlitt. Die Maschine schlug am Boden auf und wurde total zerstört.[13]

Im Rahmen der Übung „Pacemaker 08“ wurde am 24. April 2008 der Kommandant eines Schützenpanzers vom Typ Saurer getötet und der Fahrer schwer verletzt. Das Fahrzeug war von der Straße abgekommen und umgekippt.[14]

Am 16. September 2009 beschoss eine Panzerhaubitze vom Typ M109 während einer Gefechtsübung versehentlich eine Wohnsiedlung außerhalb des Übungsgebietes. Die Granate detonierte über 3000 Meter vom eigentlichen Ziel entfernt auf einer Straße und beschädigte mehrere Wohnhäuser und Fahrzeuge. Der Geschützführer der Panzerhaubitze hatte statt des automatischen den manuellen Modus im Navigationssystem eingestellt, wodurch nach einem Stellungswechsel das Feuerleitsystem falsche Daten erhalten hatte.[15]

Am 7. Oktober 2009 kam es während einer Artillerieübung zu einem tödlichen Zwischenfall mit einer Panzerhaubitze M109. Eine Granate war nach Einführen in den Laderaum aufgrund eines defekten Zünders vorzeitig explodiert, noch bevor der Ladekanonier die Treibladung einschieben konnte. Der Richtkanonier wurde von Granatenteilen getroffen und getötet, der Ladekanonier wurde schwer verletzt.[16]

Am 5. Juli 2012 ertrank der Fahrer eines Schützenpanzers vom Typ Saurer während einer Ausbildungsfahrt, nachdem der Panzer in eine mit Schlamm und Wasser gefüllte, von Pflanzenwuchs bedeckte Bodenvertiefung einbrach. Ein weiterer Soldat wurde verletzt.[17]

Siehe auch

Literatur

  • Margot Schindler: Wegmüssen. Die Entsiedlung des Raumes Döllersheim (Niederösterreich) 1938–1942. Volkskundliche Aspekte (= Veröffentlichungen des Österreichischen Museums für Volkskunde 23). Österreichisches Museum für Volkskunde, Wien 1988, ISBN 3-900359-38-5 (Begleitveröffentlichung zur Sonderausstellung im Schlossmuseum Gobelsburg).
  • Friedrich Polleroß (Hrsg.): 1938 davor – danach. Beiträge zur Zeitgeschichte des Waldviertels (= Schriftenreihe des Waldviertler Heimatbundes. Bd. 30). Waldviertler Heimatbund, Horn 1988, ISBN 3-900708-04-5.
  • Johannes Müllner: Die entweihte Heimat. 2. Auflage. Verein Information Waldviertel, Allentsteig 1998, ISBN 3-9500294-0-0.
  • Karl-Markus Gauß: Das eiserne Herz des Waldviertels. Von Döllersheim nach Allentsteig/Österreich. In: Katharina Raabe, Monika Sznajderman (Hrsg.): Last & Lost. Ein Atlas des verschwindenden Europas. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-518-41772-X, S. 181ff.
  • Peter Härtling: Zwettl. Nachprüfung einer Erinnerung (= dtv 19121). Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2008, ISBN 978-3-423-19121-0.
  Commons: Truppenübungsplatz Allentsteig  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Truppenübungsplatz Allentsteig feiert seinen 50er, bmlv.gv.at, 14. September 2007
  2. 1 2 Allentsteig: Darabos verärgert Bauern und Militär in der Presse vom 2. März 2012 abgerufen am 5. März 2012
  3. Allentsteig: Weitere Proteste gegen Darabos-Pläne auf ORF vom 9. April 2012
  4. Keine Restitution von Feldern in Allentsteig in der Presse vom 19. Juli 2012 abgerufen am 20. Juli 2012
  5. Bundesheer trauert um Brigadier Leopold Cermak. Webpräsenz des österreichischen Bundesheeres, abgerufen am 28. April 2012.
  6. Neue Kommandanten in Allentsteig, Mistelbach und Mautern. Webpräsenz des österreichischen Bundesheeres, abgerufen am 28. April 2012.
  7. Neuer Kommandant beim Aufklärungs- und Artilleriebataillon 4 in Allentsteig. Webpräsenz des österreichischen Bundesheeres, abgerufen am 28. April 2012.
  8. Sicherheitszentrum am Truppenübungsplatz ORF vom 8. Oktober 2007 abgerufen am 10. Oktober 2009
  9. http://www.arbeiter-zeitung.at/cgi-bin/archiv/flash.pl?seite=19620531_A05;html=1 Ein Heereshubschrauber abgestürzt: Ein Toter
  10. http://www.arbeiter-zeitung.at/cgi-bin/archiv/flash.pl?seite=19800206_A01;html=1 Neuschnee ließ sogar Panzer rutschen - 1 Toter
  11. http://www.arbeiter-zeitung.at/cgi-bin/archiv/flash.pl?seite=19880505_A09
  12. http://www.arbeiter-zeitung.at/cgi-bin/archiv/flash.pl?seite=19830120_A07;html=1 Flugzeugunglück beim Heer: Zwei Tote
  13. http://www.airpower.at/news03/0417_ga11/index.html Saab 105 am TÜPL Allentsteig abgestürzt
  14. http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/chronik/1226571/index.do Soldat bei Unfall mit Schützenpanzer in Allentsteig getötet
  15. http://www.nachrichten.at/nachrichten/chronik/Nach-Granateneinschlag-Straf-und-Disziplinaranzeige-gegen-Schuetzen;art58,262430 Nach Granateneinschlag Straf- und Disziplinaranzeige gegen Schützen
  16. http://www.nachrichten.at/nachrichten/chronik/Allentsteig-Defekt-zuendete-Haubitzen-Granate-zu-frueh;art58,273521 Allentsteig: Defekt zündete Haubitzen-Granate zu früh
  17. http://derstandard.at/1339639854446/Niederoesterreich-Ein-Toter-bei-Panzerunfall Ein Toter bei Panzerunfall