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Thomas Hofmann: Es geschah im Mostviertel#

Bild 'Hofmann'

Thomas Hofmann: Es geschah im Mostviertel Neuigkeiten und Bilder von damals. Mit einem Vorwort von Heimo Cerny. Edition Winler-Harmaden Schleinbach 2017. 124 S., ill., € 19,90

Die Reihe "Es geschah …" mit Thomas Hofmann als Autor hat sich als Erfolgsformat der Edition Winkler-Hermaden etabliert. Nach dem Weinviertel (2014), dem westlichen Weinviertel (2015) und dem Waldviertel (2016) ist nun das Mostviertel - "im besten Sinne Österreich" - an der Reihe.

Das Vorwort verfasste der Historiker Dr. Heimo Cerny, selbst Verfasser zahlreicher Publikationen über diese Region. Er wirft eingangs die Frage auf, seit wann es die vertraute Viertel-Einteilung Niederösterreichs gibt, und findet auch gleich die Antwort darauf. Es war 1426. Manhartsberg und Wienerwald dienten als landschaftliche Fixpunkte zur Unterscheidung ("ober …" = westlich, "unter …" = östlich). Nach und nach bürgerte sich ein, die Gegenden nach ihren besonderen Eigenschaften - Wald, Wein, Industrie, Most - zu benennen. Die Bezeichnung "Mostviertel" existiert erst seit 1894.

Doch ist dieser Landesteil der älteste genannte. Die berühmte Ostarrichi-Urkunde aus dem Jahr 996 stammt aus der Region um Neuhofen an der Ybbs. So weit verfolgt Thomas Hofmann hier die Geschichte nicht. Der Bibliotheks-, Verlags- und Archivleiter der Geologischen Bundesanstalt konzentriert sich auf die Zeit zwischen 1854 - Fahrt der Kaiserbraut Sisi auf der Donau - und 1937 - Eröffnung der Landesausstellung in Amstetten. In bewährter Weise hat er einen Mix aus Zeitungsreportagen und historischen Ansichten zusammengestellt, der oft Erstaunliches ans Licht bringt.

Das Mostviertel konnte prominente Gäste begrüßen, "Von Kaiser Franz Joseph bis Victor Adler". Für Seine Majestät gab es in einem Hotel in St. Pölten ein eigenes Appartement, wofür der Besitzer Franz Pittner bei einer Audienz eine Auszeichnung erhielt. Eine Ehre war es auch für den Autobauer Gräf, 1912 in Amstetten den neuen Kaiserwagen zu übergeben. Der Monarch, der trotz strömenden Regens das Fahrzeug "mit sichtlichem Wohlgefallen" betrachtete, ließ sich damit zum Schloss Wallsee chauffieren. Der Wagen soll geräuschlos über die Strengberge geglitten sein. Die Fahrt des Kaisers verlief "zur vollsten Zufriedenheit", wie die Allgemeine Automobil-Zeitung meldete.

Das zweite Kapitel ist "Reiche Klöster, engagierte Äbte, dreiste Stiftsdiebe" überschrieben. Hier lernt man etwa den Melker Abt Alexander Karl kennen, der nicht nur als Priester, sondern durch zwei Jahrzehnte auch als Landtagsabgeordneter wirkte. "Seiner fortschrittlichen Gesinnung und seines Eintretens für das Reichsvolksschulgesetz wegen war er bei den Klerikalen wenig beliebt", schrieb die Linzer Tages-Post 1909 im Nachruf, der u.a. auch seine Verdienste für den Obstbau würdigt.

Dass Diebe und Räuber nicht nur Stifte und Kirchen heimsuchten, blieb den Journalisten von anno dazumal nicht verborgen. Thomas Hofmann fasst entsprechene Artikel unter den Titel "Von Räubern, Mördern und anderen Gaunern" zusammen. Sensationell waren 1910 in Traismauer ein "Mord wegen 14 Semmeln", ein Einbruchdiebstahl im Schloss Rothschild - nach dem der geschädigte Baron sogar für die Ehefrau des Diebes sorgte - oder ein Liebespaar, das sich von der Kremser Brücke gemeinsam in die Donau stürzte.

Freundlicher wird es dann im Kapitel "Skifahrer, Touristen und Sommerfrischler", das u. a. vom Skiwettfahren in Lilienfeld (1905) erzählt. Erstaunlich, dass der Fremdenverkehrsverein von Lunz am See schon 1931 eine Pressefahrt veranstaltete, um die Meinungsmacher der Tageszeitungen von den Schönheiten seiner Gegend zu überzeugen.

Von "Naturgewalten und Feuersbrünste(n)" blieb auch das Mostviertel nicht verschont. 1910 gab es in St. Anton an der Jessnitz einen Bergsturz, nach dem sich im Reifgraben der "Antoni-See" bildete. 1876 versetzte das Scheibbser Erdbeben die Bewohner in Angst und Schrecken, die Auswirkungen sollen bis Graz und Prag bemerkbar gewesen sein. Beim Feuer, das ein 17-jähriger Brandstifter anno 1885 in Loosdorf gelegt hatte, waren die ersten Nachrichten stark übertrieben, wie ein Redakteur eingestehen musste. Nicht der Großteil der 300 Häuser war abgebrannt, sondern nur sechs.

Abschließend geht es um "Freud und Leid im Alltag". Abgesehen von zwei Verkehrsunfällen und einem Militärmanöver überwiegen hier die positiven Meldungen: Eine Mostkost im Jahr 1935, bei der sich die Hälfte der Bewerber über Gold- und Silbermedaillen freuen durfte, die Stadterhebung von Scheibbs, eine neue Bahnverbindung nach Mariazell. Bei der Eröffnung der Landesausstellung fielen die Worte "Das Mostviertel ist im besten Sinne Österreich". Der Berichterstatter der Ybbser Zeitung vom 18. September 1937 ergänzte, die Besucher würden "die frohe Gewißheit schöpfen, daß überall in Österreich, selbst im entlegensten Bauerndorf und in der bescheidensten Werkstätte unverdrossen und unverzagt … gearbeitet wird."