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Scheuer geht ins Holz#

(Von tanzenden Händen und Obsessionen)#

Von Martin Krusche#

Telepräsenzen und reale Begegnungen. Der Winter ist nah. Grade dämmert ein Sonntagmorgen herauf. Ich blicke von meinem Cockpit aus, dem Arbeitsplatz zwischen zwei Bürofenstern, einerseits nach New York, wo Ida Kreutzer ihren Obsessionen folgt, dann andrerseits auch nach Ludersdorf, also ebenfalls Richtung Westen, wo Chris Scheuer auf Schloß Freiberg lebt, manchmal an seinem Fenster steht, in die Wälder schaut, und dabei ein Messer führt, um in eine Holzplatte zu graben, was er sieht. (Gestern war ich dort.)

Mit dem Messer in Holz.
Mit dem Messer in Holz.

Es ist natürlich kein Zufall, daß ich Kreuzer und Scheuer hier in einem Atemzug erwähne, wobei sie zwei verschiedenen Generationen angehören. Sie haben gravierende Schnittpunkte der Leidenschaft im Handwerklichen, im Visuellen und in ihrem Faible für die Popularkultur als einem Genre, das natürlich unleugbar ganz eng mit etlichen Aspekten der Gegenwartskunst verknüpft ist.

Stift, Pinsel oder Messer?#

Nun also Scheuer und augenblicklich oft die Frage: Stift, Pinsel oder Messer? Da haben die Hände völlig unterschiedliche Aufgaben. Mit dem Zeichnen ist Chris Scheuer seit Jahrzehnten vertraut. Das Malen hat er sich gründlich erschlossen. (Seine ersten Messer haben wir gemeinsam gekauft.)

Davor hatte ich ihm öfter zusehen können, wie er die Hand auf dem Papier tanzen läßt. Das ist sehr physisch. Daran blieb mir immer ein Rätsel, wie es zu den Nuancen kommt: wann der Stift sich aufs Blatt senkt, wann er wieder abhebt.

Das ist in den Details unmöglich so bedacht und vorsätzlich zu machen, wie man etwa einen Nagel einschlägt. Es verlangt eigentlich nach klugem Fleisch, nach einer körperlichen Instanz, die dafür arbeitet. Scheuer bestätigt: „Oft ist im Kopf noch nicht so viel. Die Hände machen das.“

Im Lauf unseres Gesprächs wird er noch genauer: „Da ist ein liebevolles Grundbedürfnis des Körpers.“ Das könnte man genau so auf die Situationen etlicher Menschen übertragen, die handwerklich exzellent sind. Ich sehe das, wenn ich ihnen bei ihren Handgriffen zuschaue.

Da wird dann besser verständlich was mit diesem speziellen Aspekt von Handwerks-Ethos gemeint ist: Eine Sache um ihrer selbst willen gut machen wollen. So begreife ich auch das Obsessive an diesen Wegen, egal ob in der Kunst oder im Handwerk. Da ist eine gemeinsame Quelle solcher Handlungen.

Es gilt übergreifend, reicht quer durch verschiedene Genres. Wenn ich beispielsweise mit Musiker Oliver Mally darüber spreche, wie sehr sich eine Gitarre von der anderen unterscheidet. Wie bewußt er sich jedes Instrument erarbeiten muß, um „hineinfallen zu können“, so Mallys Worte. Fingerfertigkeit. Die fällt nicht vom Himmel. Virtuosität kommt erst, wenn man seinem Talent Auslauf bietet, aber sie kommt keinesfalls von selbst.

Chis Scheuer (links) und Oliver Mally.
Chis Scheuer (links) und Oliver Mally.

Hobby ist etwas anderes#

Das macht dann zum Beispiel einen Unterschied zu den Hobby-Leuten. Da ereignet sich gelegentlich die ermüdende Situation, daß sich jemand aus der Hobby-Liga unter die gleiche Flagge der Kunst zu stellen versucht, ohne von derlei Obsessionen in adäquate Könnerschaft und Kompetenz getrieben worden zu sein.

Ich sag es offen, diese Leute nerven ein wenig mit ihren Posen und ihrem nach außen gerichteten Begehren. All diese langweiligen Spießer-Phantasien darüber, was ein Leben in der Kunst ausmachen mag, führen zu wenig, meist zu einigen hübschen Kalenderblättern mit bedeutungsschwangeren Sprüchlein. Wenn man eben nicht in der Kunst lebt, bleibt vieles etwas seicht.

Das muß nicht strapaziert werden, wenn Menschen wissen, wer sie sind, was sie können, wo sie stehen. Dann ist es komplementär und sogar wechselseitig anregend. Erst wenn Geltungsbedürfnis andere Motive überlagert, wird es in den meisten Fällen sehr langweilig, sogar quälend.

Das halbe Jahrtausend#

Ich schweife ab… Scheuer sagt: „Holzschneiden ist extrem musikalisch.“ Da ahne ich: Melodie und Rhythmus. Ich kenne das aus der Arbeit an Lyrik. Genau da haben wir uns vor Jahren zu einem Vorhaben getroffen. Als Scheuer auf eine Gedichtzyklus antworten wollte und zu dem Schluß kam: „Das muß physischer werden.“ Da zogen wir los, um zu erkunden, was es für Holzschnitte konkret braucht. Siehe dazu: „Es war die gleiche Sonne“ (Eine Situation)!

Die Technik war in Scheuers Herz längst angelegt. Sein Weg als Zeichner begann damit, daß er als Vorschulkind Blätter von Albrecht Dürer kopierte. Dieser Künstler kam im 15. Jahrhundert zur Welt und erschüttert Scheuer bis heute. Da ist also - in feinen Linien - ein Bogen von einem halben Jahrtausend gezogen; nur um deutlich zu machen, was Dimensionen der Kunst unter anderem sind.

Radikales Klangholz unter Strom: die Strat.
Radikales Klangholz unter Strom: die Strat.

Scheuers Sehen und Denken ist aber auch an Arbeiten wie denen von Käthe Kollwitz geschult. Und den Rang des Mediums, der Werkzeuge, illustriert seine Überzeugung: „Wenn ich etwas noch nicht verstanden hab, dann weil ich es noch nicht gezeichnet habe.“

Muß ich jetzt noch erläutern, daß er auch gerne seine Strat zur Hand nimmt? Gut, das ist jetzt Jargon und nicht allgemein geläufig. Die Fender Stratocaster ist eine legendäre Elektrogitarre. Scheuer steckt sie gerne an einen Marshall Verstärker. Es wäre nun ein eigenes Kapitel zu verfassen, was es mit dieser Kombination auf sich hat. Aber ich bleibe ausnahmsweise halbwegs beim Thema.

Scheuer zeichnet und malt. Scheuer geht ins Holz. Etwas davon kommt im November 2021 als nächste Episode in mein Fenster im „Zeit.Raum“. Das untersteht dem Motto „Die Ehre des Handwerks“.

Kontext#

Die sehen nett aus, gehen bei Unachtsamkeit ins Fleisch wie durch Butter.
Die sehen nett aus, gehen bei Unachtsamkeit ins Fleisch wie durch Butter.