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Katalonien war schon immer anders#

von Christa Chorherr, Oktober 2017

Vieles sieht und hört man derzeit über Katalonien. Von Katalonien im Sinne der heutigen spanischen Region unterschieden werden müssen die Katalanischen Länder, die neben der gemeinsamen Sprache, dem Katalanischen, weitere historische und kulturelle Gemeinsamkeiten aufweisen. Zu diesen „Ländern“ gehören neben der gleichnamigen Region in Spanien die Balearen, Valencia, das zu Frankreich gehörende Roussillon („Nordkatalonien“), ein schmaler Streifen in Aragonien, Andorra und die Stadt Alghero auf Sardinien.

Im spanischen Katalonien wollen viele Bürger die Loslösung von Spanien. Vielleicht hilft ein Blick in die Geschichte dieser Region, um die gegenwärtige Situation zu erklären. Anfänglich stand das Gebiet unter dem Einflussbereich Karthagos. Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. gewann Rom die Vorherrschaft; die Römer erhoben 19 n. Chr. die Gegend zur römischen Provinz Hispania Tarraconensis. Bereits im 1. Jahrhundert n. Chr. fasste hier das Christentum Fuß. Im Zuge des Auflösungsprozesses des Imperium Romanum kamen 418 die Westgoten erstmals nach Spanien, aber erst 507 setzten sie sich auf der Iberischen Halbinsel fest. Das Erbe dieses Westgotenreiches behauptete sich am Südhang der Pyrenäen am längsten. Bis in das 11. Jahrhundert blieb der gotische Rechtskodex Liber Iudicum von 654 in Gebrauch – auch die Einbeziehung der südlichen Pyrenäenregion in das fränkische Markensystem änderte nichts daran. Damals war also das Gebiet Teil des Frankenreiches.

Im Zuge der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen dem Frankenreich und den Arabern entstanden Ende des 8., Anfang des 9. Jahrhunderts im nördlichen Teil des heutigen Kataloniens mehrere Grafschaften, die zunächst dem westfränkischen bzw. französischen König unterstanden, im Laufe der folgenden Jahrhunderte aber zunehmend selbständiger wurden. Der Graf Wilfried der Haarige († 11. August 897) vereinigte diese Grafschaften unter seiner Herrschaft und begründete die Dynastie der Grafen von Barcelona. Ende des 10. Jahrhunderts lösten sich die katalanischen Grafschaften aus der Lehnsherrschaft des westfränkischen Königs.

Durch den Ehevertrag zwischen Raimund Berengar IV., Graf von Barcelona, und der erst einjährigen Petronila, Erbin der Krone Aragoniens, entstand 1137 aus Aragonien und den im 12. Jahrhundert mit Ländern der Grafen von Barcelona eine Staatsgemeinschaft, die als Krone Aragonien bekannt ist. Im Hoch- und Spätmittelalter wurde sie zur führenden Macht des westlichen Mittelmeerraumes. Die Handelsflotte des Prinzipats Katalonien beherrschte den westlichen Mittelmeerraum.

1469 heiratete Ferdinand, Erbe der Krone Aragoniens, seine Cousine Isabella, Erbin von Kastilien. Sie gingen als die Katholischen Könige (Los Reyes Católicos) in die Geschichte ein. Dies war jedoch zunächst bloß eine Personalunion, so dass die innere politische Eigenständigkeit Kataloniens erhalten blieb.

Im Französisch-Spanischen Krieg von 1635–1659 kam es zu separatistischen Bewegungen in Spanien. Katalonien bzw. Aragon versuchten die frühere Unabhängigkeit wiederzuerlangen, waren damit aber nicht erfolgreich. Im Pyrenäenfrieden musste Spanien die katalanischen Gebiete nördlich der Pyrenäen (Roussillon) an Frankreich abtreten, das restliche Katalonien blieb bei Spanien.

Im Spanischen Erbfolgekrieg (1700–1713) unterstützten die meisten Katalanen den Habsburger Thronprätendenten Erzherzog Karl gegen den Bourbonen Philipp von Anjou. Der im Frieden von Utrecht als Sieger hervorgegangene Philipp V. bestrafte Katalonien dafür hart: 1714 ergab sich Barcelona den Truppen Philipps, in den Folgejahren wurden die katalanischen Institutionen aufgelöst, wodurch die katalanische Selbstverwaltung endete. In den Jahren 1812 bis 1814 unter Napoleon war Katalonien Teil des französischen Kaiserreichs.

1931 wurde Katalonien zunächst eine provisorische Autonomie mit Wiedererrichtung der Generalitat gewährt; diese wurde im Autonomiestatut von 1932 festgeschrieben. 1934 rief der Präsident der katalanischen Generalitat ohne Vorankündigung am 1934 den „Katalanischen Staat innerhalb einer Spanischen Bundesrepublik“ aus. Die Zentralregierung setzte Truppen in Bewegung. Dabei kam es zu Unruhen, die 46 Tote und 117 Verletzte verursachten. Das spanische Parlament setzte das 1932 in Kraft getretene „Estatut Catalan“ mit weitgehenden Autonomierechten für 18 Monate außer Kraft. Eine völlig neue politische Lage entstand, als bei den spanischen Parlamentswahlen im Februar 1936 eine linke Volksfront-Koalition mit knapper Mehrheit siegte.

1936 putschten General Franco und zahlreiche andere Generäle im ganzen Land gegen die Republik und rechneten mit einer schnellen Machtübernahme. Die Revolte scheiterte in der Mehrzahl der größeren städtischen Ballungsgebiete (Madrid, Barcelona, Valencia, Bilbao etc.) am entschiedenen Widerstand der Ordnungskräfte und der in großer Eile bewaffneten linken Gewerkschaften. In Barcelona erhoben sich die Truppen der Infanterie, Artillerie und Kavallerie. Sie erfuhren aktive Unterstützung durch Tausende von linken, vorwiegend anarchistischen Miliz-Anhängern.

Nach dem schnellen Sieg über das aufständische Militär brach unter den Massen ein Begeisterungstaumel aus. Immer wieder ertönten die Rufe: „Es lebe die Anarchie“. Über Nacht zerbrachen in ganz Katalonien die politischen Strukturen. Alle Macht fiel den Anarchisten zu. Sie öffneten die Gefängnisse und ließen neben den politischen Gefangenen auch alle Kriminellen frei. Es begann eine grausame Menschenjagd: Priester, Mönche, Nonnen, Aristokraten, Großgrundbesitzer, katholische Konservative, Liberale und rechtsgerichtete Politiker, Angehörige der Bourgeoisie, Unternehmer und alle Sonstigen, mit denen man „abrechnen“ wollte, wurden verhaftet und in die zuvor geleerten Gefängnisse geworfen. Die Häuser der sogenannten Bourgeoisie fielen fast ausnahmslos der Plünderung anheim. Nahezu alle Kirchen, Kapellen und Klöster in Katalonien wurden verwüstet. Unzählige wertvolle Kunstschätze und Archive gingen verloren. Während der ganzen Bürgerkriegszeit wurden hier 1.536 Priester (in Gesamt-Spanien 4.184) sowie etwa 1.000 Mönche und Nonnen (Gesamt-Spanien 2.648) umgebracht. Die Bischöfe von Barcelona, Lérida, Tarragona, Segorbe und Teruel überlebten den Bürgerkrieg nicht. Katalonien stand unter der Vorherrschaft der Anarchisten. Barcelona verwandelte sich viel mehr als Madrid zu einer proletarisch regierten Stadt. Wer eine Krawatte trug, riskierte seine Festnahme. Barcelona war die erste Millionenstadt in Europa, die, obwohl nicht im Frontgebiet gelegen, größere Luftangriffe erdulden musste. Der sowjetische Geheimdienst und die kommunistische Partei bereiteten in Katalonien die in diesem Sinne angestrebte neue politische Ausrichtung vor. 1938 griffen katalanische Einheiten, die bisher im Bürgerkrieg inaktiv geblieben waren, und internationale Brigaden in den Bürgerkrieg ein. Nach anfänglichen Erfolgen brach der Vorstoß zusammen. Es war die blutigste Schlacht des gesamten Bürgerkrieges. Sie brachte die endgültige Kriegsentscheidung zu Gunsten Francos. Ende Dezember 1938 lösten sich die militärischen Einheiten auf und ergriffen die Flucht. Katalonien geriet in völlige Auflösung. Die Versorgungslage in Barcelona nahm katastrophale Formen an, auch weil sich in der Stadt mehrere 100.000 Flüchtlinge befanden. Am 1.4.1939 erklärte Franco offiziell den Bürgerkrieg für beendet, dem rund 600.000 Menschen zum Opfer gefallen waren. Etwa die Hälfte davon verlor ihr Leben bei den Kampfhandlungen, die andere Hälfte wurde in den Etappen beider Kriegsparteien ermordet oder nach Kriegsende vom Franco – Staat liquidiert. Die Autonomie wurde mit dem Sieg Francisco Francos im Spanischen Bürgerkrieg 1939 aufgehoben.

Während der Franco-Diktatur wurde der öffentliche Gebrauch der katalanischen Sprache ab 1939 zunächst unterdrückt, viele Ortsnamen wurden ins Spanische übersetzt, Schulunterricht fand bis 1967 ausschließlich auf Spanisch statt. Im Zuge der nach Francos Tod einsetzenden Änderungen wurde Katalonien 1977 erneut zunächst eine provisorische Autonomie gewährt. Auf der Grundlage der demokratischen spanischen Verfassung von 1978 erhielt Katalonien 1979 ein neues Autonomiestatut. In dessen Rahmen wurden die Kompetenzen und auch die Finanzierung der Region immer weiter ausgebaut, meist auf Druck der national-katalanischen Gruppierungen.

Seit 1978 besitzt Katalonien den Status einer Autonomen Gemeinschaft innerhalb des spanischen Staates, mit einem besonders hohen Maß an eigenen Befugnissen in Gesetzgebung und Verwaltung. Unter anderem verfügt Katalonien über eine eigene Polizeieinheit, die nach und nach die Aufgaben der spanischen Polizei auf katalanischem Gebiet übernehmen. Auch in bei der Bildungs-, der Gesundheits- und der Wirtschaftspolitik verfügt Katalonien über weitreichende Kompetenzen. Das erste Autonomiestatut von 1978 wurde 2006 durch eine Neufassung mit erweiterten Kompetenzen abgelöst. Weiterhin strebt eine Mehrheit der katalanischen Parteien nach einer Ausweitung der autonomen Befugnisse. Aufgrund der historischen, sprachlichen und kulturellen Unterschiede zum übrigen Spanien sieht sich Katalonien als eine eigene Nation. Der Begriff Nation wird dabei im Sinne einer Kulturnation verstanden und nicht über eine ethnische Zugehörigkeit definiert.

In Spanien eskaliert der Machtkampf zwischen Madrider Zentral- und katalanischer Regionalregierung. König Felipe VI bezog am Dienstagabend Stellung in dem Streit über die Unabhängigkeit Kataloniens und warf der Regionalregierung vor, den sozialen Frieden zu bedrohen und systematisch Gesetze zu missachten. Nur Stunden später kündigte der katalanische Regierungschef Carles Puigdemont an, die Proklamation der Unabhängigkeit sei eine Frage von Tagen. Schon Montag könnte im Regionalparlament über die Unabhängigkeit abgestimmt werden.

Man kann nur auf ein friedliches Ende dieses Konflikts hoffen.