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Seine Majestät als Gärtner#

Vor 250 Jahren wurde der "Blumenkaiser" Franz geboren. Historische Fakten, Anekdoten und Korrekturen zu einem Mythos.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, 10. Februar 2018

Von

Christian Hlavac


Kaiser Franz mit den Hofgärtnern Franz Antoine Vater und Sohn
Kaiser Franz mit den Hofgärtnern Franz Antoine Vater und Sohn. (Abb. aus Josef Pfundheller, "Der Blumenkaiser", 1881).
Foto: © Hlavac

Wer in den Boboli-Gärten, einer florentinischen Parkanlage, aufwächst und von den Eltern genügend Freiräume im doppelten Sinne des Wortes erhält, muss - so die einfache Vermutung - zwangsläufig einen "grünen Daumen" bekommen, wie das Beispiel von Kaiser Franz zeigt. Dieser kam am 12. Februar 1768 als erstgeborener Sohn des Großherzogs der Toskana, Leopold, und der Maria Ludovica im Palazzo Pitti in Florenz zur Welt. Er galt bereits im Kindesalter als Thronfolger, da sein Onkel, Kaiser Joseph II., kinderlos blieb.

Das Studium der Natur und der Gärten nahm bei Franz seit der Kindheit einen wichtigen Stellenwert in seinem Leben ein. Gefördert durch den Geschichtslehrer Sigismund Anton Graf Hohenwart verbrachte er schon in seiner Jugend viel Zeit sowohl in den Boboli-Gärten, die sich hinter dem Palazzo Pitti erstrecken, als auch in anderen Parks großherzoglicher Villen in und um Florenz. Damit wurde eine Basis für das lebenslange Interesse des späteren Kaisers an der Natur, an Gartenbau und Landwirtschaft geschaffen.

Botanisches Hofkabinett#

Dieses Interesse äußerte sich später in Wien, wo der Thronfolger seit dem 17. Lebensjahr lebte, auf vielfältige Weise: Zum einen kümmerte er sich aktiv um die Gartenkunst und Gartenpflege in seinen eigenen Anlagen, zum anderen förderte er Bereiche wie die Blumenmalerei und die wissenschaftliche Sammlung und Dokumentation von Pflanzen.

1807 begründete der Monarch das botanische Hofkabinett, aus dem die heutige botanische Abteilung des Naturhistorischen Museums hervorging. Zur Gründung schenkte er dem Hofkabinett als symbolischen Akt sein eigenes Herbarium, das eine Sammlung kultivierter Pflanzen aus dem Botanischen Garten von Schönbrunn umfasste. Er finanzierte auch die Stelle eines "Hofbotanikmalers", der in seinem Auftrag Pflanzen detailliert illustrierte. Diese Darstellungen gingen in seine Privatbibliothek ein, in der er einen beachtenswerten Bestand an botanischen Werken besaß.

Am stärksten äußerte sich die Pflanzenliebe von Kaiser Franz in der Gestaltung und Pflege seiner zahlreichen Gartenanlagen in Wien und dem heutigen Niederösterreich. Wie Kammerrechnungen belegen, wurden für Parkanlagen - etwa für den Augarten, das Belvedere oder den sogenannten Reservegarten in der Ungargasse - umfangreiche Ausgaben getätigt. Für den längst nicht mehr existierenden Terrassengarten in der Hofburg wiederum sind regelmäßige Aufwendungen für den saisonalen Anbau wie für die Pflege von Gewächsen nachweisbar. Dazu zählten etwa die Anschaffung von heimischen Samen und Blütenpflanzen sowie der Kauf von ausländischen, exotischen Pflanzen.

Auch das Gartenpersonal für die Aufzucht und Pflege der Pflanzen wurde aus der Privatkasse des Kaisers bezahlt. Franz ließ sich seine Pflanzenliebe nachweislich viel kosten. Die Artenvielfalt in seinen Gärten fand dabei ihr theoretisches Pendant in den botanischen Werken seiner Privatbibliothek.

Die Affinität, die Kaiser Franz für Pflanzen wie für die Gartenkunst besaß, spiegelte sich nicht nur in der Förderung der Blumenmalerei, der wissenschaftlichen Sammlung von Pflanzen oder der Anlage von Gärten wider. Kaiser Franz legte auch gerne selbst Hand in seinen Gärten an. In welchem Ausmaß er in den Anlagen "gartelte", lässt sich heute kaum mit Gewissheit sagen. Eine Reihe zeitgenössischer und zeitnaher Schriften geben jedenfalls ein sehr aktives Bild von Franz als Gärtner.

Der "Blumenkaiser"#

Zwei Jahre vor dem Tod des Kaisers (1833) schrieb der Gärtner und Autor Carl Ritter: "Aller- höchstseine Majestät unser allergnädigster Kaiser bringen hier [im Kaisergarten, dem heutigen Burggarten] selbst fast täglich ein Paar Stunden der Erholung zu, und beschäftigen sich als ausgezeichneter Kenner mit Ihren lieblichen Pflanzenkindern." Im Jahr 1899 wird er dann als ein "eifriger Gartler" geschildert, der sich so stark erhitzte, dass "ihm das Wasser über die Stirne lief".

Ein Autor, der das Bild vom "gartelnden Kaiser" besonders stark prägte, war der Schriftsteller, Theaterautor und Journalist Josef Pfundheller (1813-1889). Fast wie ein Theaterstück erscheint aus heutiger Sicht sein 1881 erschienenes Werk "Der Blumenkaiser", in dem er sich ausschließlich Kaiser Franz und dessen Gärten widmet. Pfundheller beschreibt darin die kaiserlichen Gartenanlagen, berichtet über die Arbeit der Hofgärtner und entwirft ein sehr lebendiges Bild von Franz als Gärtner. Es gibt kaum eine Seite, auf der nicht auf dessen gärtnerische Tätigkeiten hingewiesen wird.

Auch Pfundheller zufolge verbrachte der Kaiser einen Großteil seiner Zeit in seinen Gärten, wobei er in diesen "mit einem Eifer zu arbeiten pflegte, dass oft der Schweiss aus allen Poren drang. [. . .] Bei günstigem Wetter arbeitete der Kaiser im Garten, im nichtgünstigen Falle in den Glashäusern."

Das Buch Pfundhellers ist mit zahlreichen Anekdoten und Dialogen in direkter Rede versehen, die weit davon entfernt sind, die realen damaligen Verhältnisse darzustellen. Dennoch ist das Werk nicht gänzlich als Produkt seiner Phantasie einzustufen, da er auf Erzählungen des damaligen Hofgartendirektors Franz Antoine den Jüngeren zurückgreifen konnte, der in jungen Jahren noch unter Kaiser Franz arbeitete.

Mythos Gärtnerlehre#

Außerdem ist zu berücksichtigen, dass Pfundhellers Werk nicht singulär in der Literatur seiner Zeit steht. Durch die patriotisch gesinnte Presse und die in Umlauf befindlichen Anekdoten waren die gärtnerischen Neigungen von Kaiser Franz allgemein bekannt. Und so verwundert es nicht, dass bis ins 21. Jahrhundert hinein Kaiser Franz in der Literatur als "Blumenkaiser" bezeichnet wird.

Kaiser Franz als Bürger
Kaiser Franz als Bürger (Jos. Eisner, ohne Datum).
Foto: Wikimedia commons

Es mag sein, dass die zahlreichen Anekdoten und "G’schichten" rund um den "gartelnden" Kaiser Franz dazu geführt haben, dass ihm bis heute in der Literatur fälschlicherweise eine Gärtnerlehre zugeschrieben wird. Seit einigen Jahrzehnten findet man in der Populär- und Fachliteratur die perpetuierte und nie mit Primärquellen versehene Behauptung, Kaiser Franz hätte eine Gärtnerlehre absolviert. Nach altem Brauch hätten nämlich alle männlichen Habsburger ein Handwerk erlernen müssen. Trotz intensiver Suche lässt sich aber keine einzige Primärquelle finden, die diese Lehre bestätigen würde.

Die Rahmenbedingungen der damaligen Ausbildung von Erzherzögen, wie zum Beispiel der extrem straff organisierte Stundenplan und die enorme Vielzahl an Fächern zeigen, dass alles gegen und nichts für eine geregelte Ausbildung von Franz als Gärtner bzw. für eine Gärtnerlehre spricht. Er dürfte als Kind und Jugendlicher "nur" Interesse am Thema gehabt, die Boboli-Gärten in Florenz als persönlichen Lernort und Experimentfeld genutzt und sich so schon in jungen Jahren eine hohe Kenntnis in Botanik und Gartenbau angeeignet haben. Damit wurde eben eine Basis für das lebenslange Interesse an diesen beiden Themen sowie an der Landwirtschaft geschaffen.

Um genügend Platz für seine reichen Obstbestände in den kaiserlichen Anlagen und vor allem für die zahlreichen exotischen Pflanzen zu haben, wurde 1804 der sogenannte Reservegarten auf der Landstraße nahe bei Wien angelegt. Da es einen Mangel an Vermehrungsflächen für die Pflanzen im ausschließlich privat genutzten Kaisergarten bei der Hofburg gab, wurden neben weiten Freiflächen auch notwendige Vermehrungshäuser und große Glashäuser für Warmpflanzen eingerichtet.

Der "Obstbaukaiser"#

Zu seinem Wissen über und seinem Interesse an Obstsorten passte beispielsweise auch sein Schlossgarten in Persenbeug. Kaiser Franz kaufte das auf einem Felsen stehende Schloss an der Donau im Jahre 1800. Ab diesem Zeitpunkt diente es ihm fast jedes Jahr als Sommersitz und Übernachtungsmöglichkeit bei Reisen Richtung Linz. Wie der schmale, rechteckige Garten genau ausgesehen hat, ist heute nur mehr schwer zu eruieren. Wie bei anderen Gärten war Kaiser Franz offensichtlich auch in Persenbeug die Förderung der Obstbaumkultur wichtig: Er ließ einen umfangreichen, symmetrisch aufgebauten Zier- und Nutzgarten samt Obstbaum-Pflanzschule anlegen, um die ländliche Bevölkerung mit Edelreisern zu versorgen.

Sein großes Interesse an der Kultur von Obstbäumen zeigen auch seine Kontakte mit anderen Fachleuten, so etwa mit Pater Rupert Helm, Pomologe (Obstbaukundler) und Verwalter einer großen Obstbaumschule in Leesdorf bei Baden, welche Kaiser Franz mehrmals besuchte. Diese Kontakte, die - teils heute noch vorhandenen - Gärten, die unter seiner Ägide entstanden, und seine Förderung der Pomologie und Landwirtschaft zeugen von seinem persönlichen Einsatz in diesen Wissensfeldern. In dieser Hinsicht sollte der "Blumenkaiser" Franz mit einer weiteren Bezeichnung versehen werden: "Obstbaukaiser".

Wiener Zeitung, 10. Februar 2018