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Als die Russen den Mond verspielten#

1969 verlor die Sowjetunion das Rennen zum Erdtrabanten. Ein Blick auf die Ursachen für das Scheitern der Mission.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 2. März 2019

Von

Christian Pinter


Der Trainingshelm des Kosmonauten Alexei Leonow aus dem Jahr 1965
Der Trainingshelm des Kosmonauten Alexei Leonow aus dem Jahr 1965.
Foto: © Pinter

Moskau, im März 1969: Nur ein tragisches Scheitern des Apollo-Programms könnte die Sowjetunion jetzt vielleicht noch aufholen lassen. Die US-Astronauten wollen den Mond bereits in wenigen Monaten betreten. Die sowjetischen Kosmonauten gelangen derweil nicht über den Erdorbit hinaus. Man hechelt den Amerikanern geschätzte zwei bis drei Jahre hinterher.

Dabei war der UdSSR zunächst eine aufsehenerregende Premiere nach der anderen gelungen: 1957 hatte sie den ersten künstlichen Erdsatelliten, den Sputnik, und das erste Lebewesen - die Hündin Laika - ins All geschossen. 1961 folgte der erste Mensch, Juri Gagarin. Vier Jahre später verließ der Russe Alexei Leonow erstmals sein Raumschiff für einen "Weltraumspaziergang".

Der anfängliche Vorsprung fußte auf Josefs Stalins Bestreben, im Kriegsfall schwere Atombomben über Feindesland abwerfen zu können. US-Bomber erreichten das Territorium der UdSSR leicht; sie konnten von verbündeten Staaten aus operieren. Sowjetische Flieger schafften es aber kaum in die USA. Daher ließ Stalin schubstarke Raketen entwickeln.

Schon zuvor war der 1938 verurteilte Raketenspezialist Sergei Koroljow aus dem ostsibirischen Gulag entlassen worden. Er hatte dort die härtesten Arbeiten verrichten müssen - als eines von Millionen Opfern der stalinistischen Terrorherrschaft. 1957 baute er die erste atomwaffentragende Interkontinentalrakete der Welt. Auf Basis dieser R-7 entstanden jene Raketen, mit denen Koroljow auch die eingangs erwähnten Weltraum-Premieren gelangen.

Strohfeuer im All#

Der geniale Techniker leitete das führende Experimental-Konstruktionsbüro OKB-1. Er begeisterte den zunächst desinteressierten Nikita Chruschtschow für den Raumflug, indem er ihm dessen propagandistische Wirkung vor Augen führte. Im All konnte das Sowjetsystem Überlegenheit demonstrieren.

Die US-amerikanische Raumfahrt lief vergleichsweise träge an, setzte ihre Schritte aber in logischer Reihenfolge. Die UdSSR zog aus propagandistischen Gründen so manche spektakuläre Aktion vor oder entzündete Strohfeuer - wie die einmalige Entsendung Walentina Tereschkowas: Sie blieb 19 Jahre lang die einzige Frau im All. Vier weitere Russinnen durften zwar noch bis 1969 trainieren; doch kaum jemand befürwortete ihren Einsatz.

Nachdem die USA den Mond als Ziel auserkoren hatten, entschied sich 1964 auch die sowjetische Regierung für ein bemanntes Mondflugprogramm. 1967 unterstrich das Zentralkomitee der KPdSU noch einmal dessen Bedeutung für das Prestige der UdSSR. Auf eine wirkliche Selbstverpflichtung, wie sie US-Präsident John F. Kennedy ausgesprochen hatte, verzichtete Moskau aber: So kann man jetzt bestreiten, je an einem solchen Wettrennen teilgenommen zu haben. Doch das sind "hemmungslose Lügen", wie der Generaloberst Nikolai Kamanin im Mai 1969 seinem Tagebuch anvertraut. Er ist Leiter des Kosmonautentrainings.

Der Chefkonstrukteur Koroljow besaß einen eisernen Willen und eine Entschlossenheit, die, wie der Kosmonaut Alexei Leonow vermutet, der Härte des -Alltags entsprungen war. Er trat selbstsicher auf. Gleichzeitig blieb er Diplomat genug, um die höhergestellten Herrschaften nicht zu vergrämen.

Nach dem verlorenen Wettlauf setzte die UdSSR 1973 das ferngesteuerte Mondmobil Lunachod-2 ein
Nach dem verlorenen Wettlauf setzte die UdSSR 1973 das ferngesteuerte Mondmobil Lunachod-2 ein
Foto: © Pinter

Sergei Koroljow starb völlig überraschend im Alter von 59 Jahren bei einer Darmoperation, die der Gesundheitsminister persönlich durchführte. Eine Intubation hätte ihn womöglich gerettet. Doch diese scheiterte an seinem deformierten Kiefer: Der war ihm seinerzeit im Gulag gebrochen worden. So verlor die sowjetische Raumfahrt Anfang 1966 ihren Mastermind. Rasch wurde Koroljows bisheriger Stellvertreter, Wassili Mischin, zum Nachfolger ernannt.

Laut dem Trainingsleiter Kamanin und dem Kosmonauten Leonow ist Mischin eine schlechte Wahl: Sein Führungsstil sei schwach und zögerlich. Er verbittere seine Mitarbeiter, anstatt sie mitzureißen. Mischins unsicheres Auftreten mache es dem Politbüro außerdem leicht, wichtige Vorhaben zu kippen.

Allerdings muss Mischin auch so manche Fehlentscheidung Koroljows ausbaden. Wichtige Weichenstellungen werden über seinen Kopf hinweg vorgenommen, unrealistische Terminvorgaben gesetzt. An den strukturellen Problemen des sowjetischen Raumflugs kann er erst recht nichts ändern.

Obwohl mehrere Milliarden Rubel rollen, muss die rote Raumfahrt mit weniger Geld auskommen als ihre Konkurrenz: Die NASA betreibe, wie Mischin meint, ihr Mondlandeprogramm "ohne Rücksicht hinsichtlich des Aufwands". Sein eigenes Land verfüge nicht über solche Mittel. So wird für die alles entscheidende Mondrakete N-1 nicht einmal ein Teststand errichtet.

Mischin sieht sich einem "bürokratischen Kommandoarbeitsstil" ausgesetzt sowie unzähligen nutzlosen Sitzungen auf allen Ebenen. Immer wären zahlreiche Beamte des Partei- und Sowjetapparats zugegen, die wenig zur Lösung der Probleme beitragen könnten. Dafür drängten sich deren Chefs mit "wertvollen Hinweisen" in den Vordergrund: Wer mit logischen Argumenten widerspräche, fiele rasch in Ungnade, würde abgestempelt oder der Selbstüberschätzung bezichtigt.

Stark zersplittert#

Auch Kamanin ärgert sich über die vielen Treffen, Analysen und Berichte, denen keine Handlungen folgten. Außerdem fehle eine klare Richtung. Tatsächlich arbeiten die Konstrukteure an mehreren bemannten Programmen gleichzeitig: Dazu zählen eine militärische und eine zivile Serie von Raumstationen sowie drei unterschiedliche Versionen des Sojus-Schiffes. Trotz aller Synergien läuft man Gefahr, sich zu verzetteln.

In den USA existiert eine eigene Bundesbehörde für die zivile Raumfahrt - die NASA. Der US-Kongress entscheidet über ihre Finanzen. In der UdSSR fehlt eine vergleichbare Institution. "Dem Wesen nach", so Mischin, gäbe es "keine zentralisierte wissenschaftlich-technische Leitung des Mondprogramms". 28 Behörden sind daran beteiligt, zahlreiche Ministerien reden mit.

Die verschiedenen Konstruktionsbüros für Satelliten, Raketen und Raumschiffe dienen unterschiedlichen Herren, wenngleich die meisten dem Ministerium für allgemeinen Maschinenbau unterstehen: auch Mischins OKB-1. Hingegen arbeitet Nikolai Kusnezow im Auftrag des Ministeriums für Luftfahrtindustrie. Obwohl er bisher Flugzeugtriebwerke gebaut hat, wird er mit der Triebwerksentwicklung für die Mondrakete N-1 betraut.

Besonderes Gewicht besitzen die Militärs. Ohne ihr Interesse an Raketen wäre die Raumfahrt nicht entstanden. Doch jetzt gieren sie nach leichten, kleinen und stets gefechtsbereiten Trägern - während der Mondflug große, schwere und immer schubstärkere fordert. Bemannte Flüge sind für das Verteidigungsministerium von untergeordneter Bedeutung, der Mond nutzlos. Wichtige Rollen spielen die Militärisch-industrielle Kommission unter dem Vorsitz Leonid Smirnows und das Zentralkomitee der KPdSU mit Sekretär Dimitri Ustinow. Mischin wird später kein gutes Haar an ihm lassen.

Nach Kamanins Einschätzung widmen selbst die wichtigsten Männer bestenfalls zehn Prozent ihrer Zeit der Raumfahrt. Salopp gesagt: Viele wollen mitbestimmen, doch für niemanden ist der bemannte Raumflug von zentraler Bedeutung. Die Kosten sollen daher möglichst andere tragen.

Die folgenschwere Zersplitterung schlägt bis ins Kosmonautencorps durch. Kamanin möchte seine gut trainierten Militärpiloten einsetzen. Mischin denkt auch an Zivilisten, darunter Techniker seines Konstruktionsbüros: Schon unter Koroljow flogen die Fallschirmspringerin Walentina Tereschkowa, der OKB-1-Ingenieur Konstantin Feoktistow oder der Mediziner Boris Jegorow ins All. Gelegentlich streicht der KGB einen Kandidaten.

Automatische Schiffe#

Nach den Wostok- und Woschod-Flügen konzentrierte sich die UdSSR auf den Bau ihres neuen Sojus-Schiffs. Eine Unzahl von Problemen verzögerte dessen Fertigstellung. In der Zwischenzeit flog die NASA auf und davon: Während zehn Gemini-Schiffe nach und nach 20 USAstronauten in den Erdorbit hoben, blieben die sowjetischen Kosmonauten komplett an den Boden gefesselt.

Die Mondrakete N-1 musste ohne Walentin Gluschkos Triebwerke auskommen
Die Mondrakete N-1 musste ohne Walentin Gluschkos Triebwerke auskommen.
Foto: © Pinter

Kamanin führt das unter anderem auf die "Überautomatisierung" zurück: Selbst bemannte Schiffe sollen möglichst alles alleine machen, die Kosmonauten nur im Notfall eingreifen. Entwicklung und Tests dieser automatischen Systeme hätten entscheidende Jahre gekostet, klagt er.

Nicht nur zwischen Kamanin und Mischin, auch zwischen den Chefs der einzelnen Konstruktionsbüros gibt es Rivalitäten. Die Feindschaft zwischen dem verstorbenen Koroljow und dem ebenfalls in der Ukraine geborenen Triebwerksspezialisten Walentin Gluschko wirkt lange nach. Auf Koroljows Wunsch sollte die Mondrakete N-1 mit Kerosin und Sauerstoff fliegen. Gluschko favorisiert hingegen unsymmetrisches Dimethylhydrazin und Distickstofftetroxid. Sein Treibstoff ist hochgiftig.

Wie Koroljow zu wissen glaubte, hatte ihn Gluschko 1938 bei der Geheimpolizei denunziert. Gluschko hingegen erwartete sich Koroljows Dank - für seine Mithilfe bei dessen Befreiung aus dem Gulag. Es kam zu keiner Aussöhnung. Die N-1 wird ohne Gluschkos Triebwerke gebaut.

In den USA entwickelt man immer stärkere Raketenmotoren. Dort reichen jetzt fünf Riesentriebwerke für die unterste Stufe der Mondrakete Saturn-V aus. Im Osten tut man sich schwer beim Bau großer Brennkammern und setzt aufs Bündelungsprinzip. Hier arbeiten viele schwächere Triebwerke zusammen. In der ersten Stufe der sowjetischen Mondrakete N-1 sind es sogar 30. Treibstoffzuleitung, Ventilsystem, Steuerung - alles wird dadurch hochkomplex.

Im März 1969 blickt die UdSSR auf insgesamt drei geglückte bemannte Sojus-Flüge im Erdorbit zurück. Das Schiff soll zusammen mit einer kleinen Landefähre zum Mond geschossen werden. Dazu braucht man die N-1. Deshalb hat Moskau im Februar mit einer Serie von Raketenteststarts begonnen, freilich ohne Besatzung. Jeder der vier Versuche wird in einer Explosion enden. Damit rückt der Mond für die sowjetischen Kosmonauten endgültig in unerreichbare Ferne.

Christian Pinter, geboren 1959, schreibt seit 1991 im "extra" über Astronomie und Raumfahrt.

Wiener Zeitung, 2. März 2019

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