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Verschwunden Orte#

Eva Siebenherz

Einleitung #

Für Geschichte habe ich mich schon immer interessiert. Für die eigene und für fremde Kulturen auch, aber ich würde mich nicht als Historiker bezeichnen. Ich bin Fotografin, Tierschützerin und ein Schreiberling. Aber in erster Linie bin ich Mutter.

Was hat das mit verschwundenen und untergegangenen Dörfer zu tun?#

Auf den ersten Blick gar nichts. Aber in Hinblick auf meine Geschichte schon. Ich stamme aus der ehemaligen DDR, war dort 2 Jahre im Gefängnis. Und das System nahm mir meine Kinder. 25 Jahre habe ich sie gesucht und auch gefunden, allerdings mit einem mässigem Happy-End. Das war der Grund, warum ich 2007 ein Suchportal für vermisste Menschen gründete. Anfangs nur für ehemalige DDR-Bürger, später dann international. Unser Team fand in 8 Jahren über 2000 Menschen, darunter auch 60 Österreicher.

Personensuche#

Bei dieser Personensuche scheiterten wir sehr oft an Adressen und Orten, die es nicht mehr gab. Straßen waren aufgehoben, überbaut und umbenannt worden, manche sogar mehrmals. Schulen und Kinderheime existierten nicht mehr. Dörfer, in denen die Menschen geboren und aufgewachsen waren, existierten nicht mehr. Sie waren einfach weg. Also starteten wir damals drei neue Projekte und fingen an zu recherchieren. Wir erstellten Kinderheim- und Schulverzeichnisse für Deutschland, Österreich und Schweiz. Aktuelle Einrichtungen ein ein Archiv mit geschlossenen Heimen und Schulen.

Ebenso für neue und umbenannte Straßen in Deutschland. Es war eine mühsame Recherche, denn eine Zusammenarbeit mit Archiven, Historikern und Gemeinden in Deutschland gestaltete sich sehr schwierig bis fast unmöglich. Wir arbeiteten bei der ehem. DDR mit alten Telefon-Büchern und Straßenkarten. Hört sich nach Wahnsinn an? War es auch und trotzdem trugen wir ca. 50 000 Datensätze zusammen. Das ehrgeizigste und größte Projekt aber sind und waren die untergegangenen und verschwundenen Dörfer.

Untergegangene und verschwundenen Dörfer. Aber warum dieses Thema?#

Mehrere Geschwister werden in dem Ort x geboren. Ein Bruder wandert nach Australien, der andere in die USA aus. Die Schwester bleibt zurück. Sie verlieren sich aus den Augen. Einer dieser Brüder schreibt mich an und bitte mich seine Schwester zu suchen. Der Name und Geburtsort war bekannt, aber das war auch schon alles. Es gab jedoch in ganz Deutschland keinen Ort, der so hieß. Durch Zufall erhielt ich dann einen Hinweis auf nicht mehr existierende Orte.

Also beschäftigte ich mich zunächst mit Gemeindefusionen und Gebietsänderungen. Diese Themen hatten einen Wahnsinns-Umfang. Man konnte wirklich nur darauf hinweisen, denn diese Daten existieren und man kommt auch relativ gut dran.

Untergegange Orte? #

Ganz anders sieht es bei verlassenen, devastierten, geschleiften und untergegangenen Orten aus. Ich selbst habe verlassene Orte besucht. Untergegangene Orte? Ja, die gibt es. Sogar mehr als Sie denken. Es gibt tatsächlich untergegangene Orte, die elementar nicht mehr existieren. Sie stehen in einer Landschaft. Was sehen Sie? Felder. Oder einen See. Wald und Wiesen.

Nichts erinnert an dieser Stelle daran, das hier noch vor ein paar Jahren Häuser gestanden und Menschen gelebt haben. Musik, Kinderlachen, Alltagsgeräusche. Nichts. Sie hören nichts. Sie könnten sich das vorstellen. Aber angesichts der Landschaft fällt Ihnen das schwer. Keine Ruine, kein Geröll. Nicht mal ein Stein. Und an manchen Tagen scheint sogar die Natur zu trauern. Absolute Stille. So still, das es in den Ohren weh tut.

An einer anderen Stelle irgendwo in einer anderen Landschaft, egal ob in Deutschland, Tschechien oder anderswo, laufen Sie mit GPS oder Karte durch den Wald und suchen das Dorf XYZ. Sie sehen einen Wall und klettern hoch. Und dann stockt Ihnen der Atem! Wo einst ein Dorf oder eine ganze Stadt war, sehen Sie jetzt soweit Sie blicken können, nur noch ein riesiges und mehrere hundert Meter tiefes Loch. Abraumhalden und Schutt. Eine durch und durch zerstörte Landschaft.

In Deutschland sind mehr als 1000 Orte verlassen, zerstört und einfach verschwunden.#

Offiziell. Inoffiziell und nicht dokumentiert, sind es noch viel viel mehr. Wir haben unser Anfangsrechercheziel auf 1900 gesetzt. Warum? Weil merkwürdigerweise alles, was vor dieser Zeit liegt wesentlich besser und ausführlicher dokumentiert wurde, als nach 1900. Bisher gibt es Ebooks zu verschwundenen Dörfern für Deutschland und Tschechien. Für Deutschland auch im Austria-Forum. Unterstützen Sie uns, dass Tschechien und Österreich bald folgen.

Tschechien#

In Tschechien sind mehr als 2500 Orte verlassen, zerstört und einfach verschwunden. Wieso so viele? 70% dieser Zerstörung haben etwas mit den Beneš-Dekreten und damit mit der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung nach dem 2. Weltkrieg aus den besetzten Ostgebieten zu tun. Warum wurden die Deutschen vertrieben?

Niemand wollte mehr nach dem 2. Weltkrieg mit Deutschen zusammenleben. Der Hass war zu groß. Die Alliierten beschlossen daraufhin in der Potsdamer Konferenz, dass alle deutschsprachigen Menschen, die in osteuropäischen Ländern lebten, von dort vertrieben werden sollten.

Man ging davon aus, dass durch das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft in einem Land Anlass und Auslöser für Kriege sei. Das sollte verhindert werden. Deshalb wurden drei Millionen Menschen deutschsprachiger Abstammung aus osteuropäischen Ländern ausgesiedelt/vertrieben. Tausende Menschen sahen ihre Heimat nie wieder und verloren alles, was sie sich aufgebaut hatten. Es traf auch viele unschuldige Menschen, vor allem Kinder, die aus Mischehen kamen und deren Verwandte.

Die tschechoslowakische Regierung ließ in den 1950er Jahren viele Dörfer zerstören. Diese Orte lagen meist im Grenzgebiet zur ehemaligen DDR und wurden zur Sperrzone deklariert. Das deutschsprachige Bevölkerung wurde kompromisslos enteignet und deren Eigentum an tschechische Siedler verteilt.

Meist erhielten die Familien, von einem Tag zum Anderen, einen Ausweisungsbescheid. Datum, Uhrzeit und was sie mit nehmen durften. Kein Bargeld, kein Schmuck, keine Sparbücher ... nichts von alldem durften sie mitnehmen. Nichtbefolgung dieser Bescheide wurde unter strenge Strafe gestellt.

Es kamen jedoch wesentlich weniger Siedler in diese Gebiete, als zuvor Deutsche dort gelebt und gearbeitet hatten. Die Folgen waren verheerend. Viele Dörfer blieben leer und zerfielen. Ganze Landstriche verloren ihre Infrastruktur und verloren ihren Wirtschaftlichkeit. Zusätzlich kamen später dann noch Umsiedlungen und Verwüstungen durch Tagebau, Talsperrenbau und Errichtung von Truppenübungsplätzen hinzu. Hier wurde alles, was vorher da war, devastiert. Was heißt das denn?

Devastiert heißt komplette Zerstörung.#

Zerstörungen durch Feuer, Krieg, Rodungen, Inanspruchnahme von Landschaften als Truppenübungsplätze bzw. Militärgebiet, Anlegen von Mülldeponien, etc. Am häufigsten wird das Wort Devastierung jedoch im Zusammenhang mit Bergbaus verwendet. Der Bergbau verändert das Gesicht der Landschaften drastisch. Um das Gebiet jedoch für den Tagebau nutzen zu können, muss alles verschwinden, was da steht und lebt. Einschließlich der Menschen. Diese werden umgesiedelt. Was bleibt sind Erinnerungen in den Köpfen der Menschen. Der Ort mit denen sie diese Erinnerungen verbinden, existiert real nicht mehr. Ein ganzes Dorf oder eine Stadt verliert gleichzeitig und komplett seine Identität und seinen Ursprung. Die Heimat, für die meisten Menschen das Wichtigste überhaupt. Diese geht durch die Absiedlung verloren und kann auch nicht durch einen neuen Ort „ersetzt“ werden.

Dasselbe Szenario entsteht beim Bau von Talsperren. Auch dort werden die Menschen umgesiedelt, Siedlungen und Dörfer zerstört. Manchmal auch nicht. Sie werden geflutet und damit sind sie dann nicht nur der Zerstörung preis gegeben, sondern im wahrsten Sinne des Wortes versunken.

Versunkene, zerstörte, devastierte und sterbende Orte. Ausradiert. Verschwunden. Vergessen?#

Nicht unbedingt. Es gibt Menschen, die diese Orte archivieren, ihre Geschichte aufschreiben. Wir versuchen ungefähr dasselbe. Weil wir nicht vergessen wollen. Wir haben mit Sicherheit nicht alle Orte gefunden und gelistet.

Wenn Sie einen Ort in diesem Verzeichnis vermissen, dann schreiben Sie uns. Oder wenn wir bei Ortseinträgen fehlerhafte Angaben gemacht haben. Dann teilen Sie uns das bitte mit. Helfen Sie mit aus diesem Verzeichnis, ein Nachschlagewerk für die Zukunft zu machen! Vielen Dank.

Wir planen ein durchsuchbares Webportal und haben dazu schon sehr viele Daten zu verschiedenen Ländern gesammelt. Jetzt bereiten wir diese Daten mit den jeweiligen Koordinaten auf, sofern diese zu eruieren sind. Wir freuen uns über jede kleinste Unterstützung bei diesem Projekt.

Vielen Dank.

Eva Siebenherz : Alle einschlägigen Mails an hmaurer@iicm.edu werden an uns weitergeleitet.

Österreich#

Österreich ist fast ein Spezialfall. Auch hier sind Orte aus militärischen Gründen (Allensteig), Kraftwerkbau, Abbau von Mineralien oder Eingemeindungen verschwunden. Bitte helfen Sie uns, dass diese Ortsnamen (Strassennamen)nicht vergessen werden. Zu unserer Enttäuschung haben wir von österreichischen Archiven und Gemeinden dazu noch kaum Unterstützugn erhalten: Sprich, umsere Anfragen werden einfch nicht beantwortet.