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WAS HEISST VOLKSKULTUR?#

Von Harald W. Vetter

Ist die Volkskultur genuin gar etwas nur Kollektives, den Mythen geschuldetes, oder hat sie den Ursprung doch im je Eigenen und Individuellen, das durch eben jene „uralte immer neue Wirrnis“ (wie es in der Romantik einst so eindrucksvoll geheißen hat) transformiert, also umgestaltet worden ist? Wir wissen darüber immer noch zu wenig. Über weite Strecken fehlt es uns an der Geschichtlichkeit, und vielleicht ist es ganz gut so, wenn „es“, das Sein nämlich, auch hier die Spuren verwischt hat. Der große Wiener Volkskundler Leopold Schmidt formulierte 1948 die Sache ziemlich prägnant: „Die Volkskunde ist die Wissenschaft vom Leben in überlieferten Ordnungen.“ Doch haben wir sie heute noch, diese tradierten Ordnungen? Vermutlich wohl nicht, denn der Traditionsabbruch ist mehr als signifikant. Dennoch bleibt es so, dass die Volkskultur pars pro toto eine Art Dynamo ist, dessen Achse auch noch die geringste Überlieferung sein kann. Gegenwärtig diskutieren wir oft und intensiv über die Sinnhaftigkeit von getrennten Wegen, auf denen sich Hoch- und Volkskultur noch zu befinden scheinen. Allerdings hängt diese ganze Frage sozusagen von der normativen Kraft des Faktischen ab. Und Fakt ist, dass die gesellschaftliche, auch mediale Akzeptanz für eine sich öffnende Volkskultur zwar ansteigt, allerdings nicht in dem nötigen Maß für eine volle Integration. In einer Tageszeitung aus der jüngsten Zeit fand sich irgendwo einmal dazu ein signifikantes Zitat: „Verglichen mit ähnlich großen Städten in Deutschland verfügt Graz über ein enormes Angebot von Hoch- bis Subkultur.“ Die Volkskultur wird hier schlicht und einfach gar nicht wahrgenommen bzw. auch nur einer Erwähnung für wert befunden. Warum ist das aber so?

Die uns vielleicht oft sehr künstlich erscheinende Trennung zwischen Hochkultur und Volkskultur hat im deutschsprachigen Raum vor allem jene kulturgeschichtlichen Ursachen, die mit der verspäteten Nationalstaatlichkeit der mitteleuropäischen Länder zu tun haben. Während insbesondere in den nordischen, angelsächsischen, aber auch südeuropäischen Regionen und Ländern die Volkskultur durchaus selbstverständlich von jeher zur Gesamtkultur gehört, allgemein großen Respekt genießt und entsprechend gelebt wird, gab es spätestens ab Ende des 18. Jahrhunderts in Mitteleuropa eine mehr oder weniger deutliche Trennung, die mit der Gegensätzlichkeit verschiedener kulturologischer Schwellenzeiten in Sachen Akkulturation zu tun hatte: Man kann sie grob skizziert vielleicht als die romanisch - renaissancebezogene Phase bezeichnen, der schließlich eine letztlich aufklärerische französische folgte, worauf sich eine spezifisch deutsch - romantische anschloss, deren mächtiger Einfluss auf Europa äußerst dominant wurde. Die bürgerliche Ausformung hin zur „typischen“ Volkskultur, von der jeder meint, sie so und nicht anders zu kennen, erfolgte schließlich prägend in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, da vor allem in der Ersten Republik und im NS-Regime, zuletzt als staatliches Mittel zur Identitätsfindung in der Nachkriegszeit, zumindest bis hinauf in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Zahlreiche „Heimatfilme“ dokumentieren dies unter anderem.

Mit der Volkskultur kommt das geistige und soziale Dasein in tradierten Emanationen zum Vorschein. Im Idealfall unterliegen diese überlieferten Erscheinungen aber stets einem beträchtlichen dynamischen Wandel. Doch könnte hier trotzdem ruhig eine gewisse Unterscheidung zwischen eher individuellen „hochkulturellen“ und den deutlich gemeinschaftsgebundenen Phänomenen getroffen werden. Das ist im Übrigen sehr auffällig auch im Förderbereich zu merken: traditionsgebundene Verbände und Vereine treten hier gegenüber Einzelpersönlichkeiten klar in den Vordergrund. Naturgemäß wäre eine Aufhebung dieser eher willkürlichen Einhegungen zwischen Hoch - und Volkskultur tatsächlich zu begrüßen. Allerdings sind die diesbezüglichen Klischees und Stereotypen noch viel zu sehr fixiert. Die Volkskultur wird bei uns letztlich doch immer wieder nur mit Provinz, Unbeweglichkeit und Antiurbanität konnotiert, während die Alltags- bzw. Subkulturen längst schon unter dem Dach der Hochkultur „Schutz“ gefunden haben. Solcherart eine quasi soziologische „Aufwertung“ erwarten zu wollen, erscheint derzeit als einigermaßen utopisch. Wie gesagt, es gab und gibt historische und geopolitische Zäsuren: Zum Beispiel die klimatischen –geographischen Trennlinien zwischen Nord und Süd, zwischen Katholizismus und Protestantismus, zwischen einstigen dynastischen Einflüssen und den jetzigen staatlichen und ökonomischen Gegebenheiten. Jedoch: Solche soziokulturelle Gemengelagen führen stets auch zur sozialen Segregation, einer Art Inselexistenz, ja manchmal sogar zur „ Regression“ im Gegensinn des heute allgemein angenommenen zivilisatorischen Fortschritts. Daran wird gerade die vorherrschende Globalisierungsphase nicht viel ändern, da gibt es eben die einen oder anderen anthropologische Grundkonstanten.

Man erinnere sich gerade dazu an die schlichte, ausgesprochen funktionale Formschönheit der traditionellen Haus- und Hofformen oder an die immer noch anhaftende Gestaltheiligkeit des Zeug- oder Kulthaften, an die uns angreifende Melancholie eines Jodlers (übrigens ist dieser Almschrei eine Elementarerscheinung in der Weltmusik), an die ungemeine Aussagekraft und Symbolik von Gstanzln und Volksliedern, an tiefwurzelnde, treffende Dialektausdrücke und an viele Brauchtümer oder volksreligiöse Riten, die mit ihren magischen, dann animistischen Anschauungen das widerspiegeln, was uns eigentlich gegenwärtig wieder umtreibt, nämlich die Fragen nach Begrenzung und Entschleunigung, Authentizität und äußerster Entfremdung, Besinnung und Sinnlichkeit. Nur dass wir es erst jetzt langsam bergreifen: Das je Eigene war uns plötzlich in dem Maß längst so fremd geworden wie uns das Fremde immer schon bekannt gewesen zu sein schien! Gerade dies alles zu bedenken bedeutet hier und jetzt, sich gegenüber dem Anderen, Fremden nicht in irgendeiner Weise graduell - messend abzuheben, nein, sich lediglich zu unterscheiden angesichts all der tagtäglichen, uns nur zu oft ziemlich quälenden massenkulturellen Einebnungen.- Dies immerhin angesichts besagter archaischer Wirrnis wohl doch in ganzer Vielfalt, Buntheit und mit etwas Selbstwürde, vor allem aber in der anerkennenden, staunenden Begegnung eines sich annähernden, vorurteilslosen und letztlich stets humanen Miteinanders. Und eben darum braucht die Identität Differenz, wenn die Herkunft auch Zukunft haben soll.

(Überarbeiteter Auszug aus einer Festrede, die der Autor anlässlich der Überreichung des Steirischen Volkskulturpreises 2012 im Weißen Saal der Grazer Burg gehalten hat.)

  • Anmerkung: In einer im Dezember 2017 geführten Diskussion haben sich der bekannte Grazer Professor für Volkskunde Dr. G. Jontes und ich auf folgende übervereinfachte Definition von Volkskultur geeinigt:

"Volkskultur im weitesten Sinn umfasst einerseits Brauchtum, ist aber auch eine Kulturwissenschaft, die den gesamten Lebenszusammenhang (Lebensstil) einer bestimmten Gesellschaft oder gesellschaftlichen Gruppe enthält."
G. Jontes, H. Maurer Dezember 2017