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Tragödie im Paradies#

Stefan Zweig verbrachte die letzten Exil-Jahre mit seiner Frau Lotte in Brasilien - und ist dort immer noch präsent. Am 22. Februar 1942 nahm sich das Paar in Petrópolis das Leben.#


Von der Wiener Zeitung (Sonntag, 19. Februar 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Martina Farmbauer


Einst Wohnhaus des Ehepaares Zweig, heute Museum: die Casa Stefan Zweig in Petrópolis - und eine Ausstellungsvitrine
Einst Wohnhaus des Ehepaares Zweig, heute Museum: die Casa Stefan Zweig in Petrópolis - und eine Ausstellungsvitrine.
Foto: © Casa Stefan Zweig (li), Martina Farnbauer (re).

"Stefan Zweig vive" steht auf dem Schild vor der Casa Stefan Zweig (CSZ) in Petrópolis. "Stefan Zweig lebt", ausgerechnet an dem Ort, an dem er und seine Frau Lotte sich am 22. Februar 1942, vor 75 Jahren, das Leben genommen haben.

Das Zitat, das auch eine Wand im Inneren des Hauses ziert, in welchem Stefan und Lotte Zweig fünf Monate gelebt haben (und er die berühmte "Schachnovelle" geschrieben hat), ist eine Anspielung auf die äußerst komplette Biografie "Morte no Paraíso: a tragédia de Stefan Zweig" ("Tod im Paradies: die Tragödie des Stefan Zweig") des brasilianischen Journalisten und Schriftstellers Alberto Dines.

Dines war acht Jahre alt, als Zweig bei seinem zweiten Aufenthalt in Rio de Janeiro seine Schule, die "Jiddische-Brazilianer Folkschule Scholem Aleichem", für eine Lesung besuchte. Heute ist Dines 84, Präsident der Casa Stefan Zweig - und Zweig in Rio immer noch präsent. Ausstellungen wie "Stefan Zweig - Escritor de Cartas" im Centro Cultural Correios von Rio de Janeiro, Vorträge wie "80 Jahre Ankunft Stefan Zweigs in Brasilien" im Goethe-Institut in Rio und Neuerscheinungen wie "Pequena Viagem ao Brasil" (Kleine Reise nach Brasilien, 2016, Versal Editores) haben in den letzten Monaten an den Wiener Schriftsteller erinnert und ihn an seinem letzten Zufluchtsort gewürdigt.

Mit der "CSZ" in Petrópolis, wo alles endete, hat Zweig seit 2006, als Alberto Dines und andere Freunde und Bewunderer das Haus kauften und als Museum eröffneten, einen permanenten Platz. "Es wurde alles renoviert", sagt der Wiener Tristan Strobl, der in der Casa Stefan Zweig seinen Gedenkdienst ableistet, im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". "Das einzige Stück, das original ist, ist die Türklinke." Ein Knauf, bemalt mit einer rosafarbenen Blume.

Erste Eindrücke#

Das Buch "Pequena viagem ao Brasil" versammelt Zweigs erste Eindrücke von Brasilien (neun kurze Texte, die er 1936 schrieb), erstmals in portugiesischer Übersetzung. "Da hat alles angefangen", sagt Kristina Michahelles, Journalistin und Übersetzerin verschiedener Zweig-Werke ins Portugiesische. Am 21. August 1936 kam Stefan Zweig erstmals nach Brasi-lien. Es war Liebe auf den ersten Blick. Der österreichische-jüdische Autor schwärmte von der Einfahrt in die Guanabara-Bucht, schrieb davon in einem der neun Texte als einem einzigartigen Erlebnis. Zweig verbrachte zehn "frenetische Tage", wie Kristina Michahelles sagt, in Rio de Janeiro, bevor er zum Treffen des Internationalen Pen-Club nach Buenos Aires weiterreiste. Es erging ihm wohl wie vielen ausländische Gästen, die nur kurz in Rio - und begeistert sind, zumal sie meist nur die wunderbare Seite kennenlernen. Bei Stefan Zweig war dies dadurch verstärkt, dass er erfolgreich und berühmt war - mit Thomas Mann einer der meistgelesenen deutschsprachigen Autoren der Zeit -, und hofiert wurde.

"Celebrity on Board", schreibt Alberto Dines in "Morte no Paraíso: a tragédia de Stefan Zweig". "Mit 53 ist der elegante Gentleman eine der größten literarischen Persönlichkeiten der Welt." Bei der Überfahrt sei Zweig noch unerkannt geblieben. Aber bei der Ankunft der RMS ALCÂNTARA im Hafen an der Praça Mauá hätten sich die Reporter und Fotografen gedrängelt. Als Gast der brasilianischen Regierung in Rio de Janeiro war er ein Star, so würde man das heute wohl sagen. Er wohnte im Copacabana Palace, damals wie heute das beste Hotel am Platz, und absolvierte von der Copacabana bis zum Corcovado-Berg, auf dem die Christusstatue ihre Arme ausbreitet, einen Programmhöhepunkt nach dem anderen.

"Er hatte den Eindruck, alles ist wunderschön", sagt Kristina Michahelles. Zweigs verklärter Blick auf Brasilien ist freilich wohl nur im historischen Kontext des Nationalsozialismus und vor dem Hintergrund seiner persönlichen Geschichte zu sehen und zu verstehen.

Als Zweig 1936 aus London kam, machte sein Schiff Zwischenstopp in Vigo, der Spanische Bürgerkrieg war schon ausgebrochen. Mit seinen hochsensiblen Antennen fühlte der überzeugte Pazifist auch den Zweiten Weltkrieg heraufziehen, seine Bücher waren in Deutschland bereits verbrannt worden, und so nahm er in Brasilien, das häufig als Projektionsfläche für europäische Sehnsüchte dient, eben das wahr, was er sehen wollte.

Vor dem Schatten#

Das beschreibt er, als sein Gemüt noch sonnig war, meint Kristina Michahelles, in "Pequena viagem ao Brasil", dem Vorläufer des Buches "Brasilien: ein Land der Zukunft". Fröhliche Feste, bunte Märkte, beeindruckende Landschaften. ",Die kleine Reise’ ist alles vor dem Schatten." Stefan Zweig dachte, dass er in Brasilien auch 1941, als er und Lotte dorthin übersiedelten, freudig empfangen werden würde. Aber: "Für ‚Brasilien: ein Land der Zukunft‘ hat er massive Kritik geerntet, auch wegen des Verdachts, er habe das Buch im Auftrag des ‚Estado Novo‘ geschrieben ", sagt Tristan Strobl.

Stefan Zweig schwärmt in "Brasilien: ein Land der Zukunft", das ein Klassiker werden und Brasilien seinen Beinamen bis heute geben sollte, von der Rassenmischung in dem Land, vom scheinbar friedlichen Miteinander verschiedener Volksgruppen - so wie er in "Die Welt von Gestern" vom Genie Wiens schwärmt, das alle Gegensätze in sich harmonisiere.

Zweig war bereits angeschlagen, als er diesmal in Rio ankam. Sein Europa war untergegangen. Die Vorwürfe, "Brasilien: ein Land der Zukunft" sei ein Auftragswerk im Tausch gegen die Aufenthaltsgenehmigung, führten dazu, dass er und Lotte in Petrópolis noch zurückgezogener lebten, als dies durch Lage und Ausstattung ohnehin schon bedingt war.

Aus welchem Grund jemand, der aus der Wiener Bourgeoisie stammt, diese kleine Stadt in den Bergen mit heute 350.000 Einwohnern der chaotischen Metropole zu ihren Füßen (sechs Millionen) vorzog, ist gut zu verstehen - besonders dann, wenn man bei gefühlten 45 Grad in diesem Sommer aus Rio de Janeiro nach Petrópolis kommt. Stefan und Lotte Zweig wohnten zunächst auch in Rio, doch wurde es ihnen dort zu heiß. "Freunde haben ihnen vorgeschlagen, nach Petrópoliszu ziehen", sagt Kristina Michahelles.

Buchcover: Das unmögliche Exil
Buchcover: Das unmögliche Exil

Die Stadt hat nicht nur ein kühles Klima, sondern auch deutsches Erbe, bayerische Ordnung - und wienerisches Flair. Es war die Sommerresidenz der kaiserlichen brasilianischen Familie: Dom Pedro II., Sohn von Pedro I. aus dem Hause Bragança und der Habsburgerin Leopoldine von Österreich, hatte den Palast 1843, fast 100 Jahre vor der Ankunft der Zweigs, hier bauen lassen. Das aufstrebende Bürgertum, ursprünglich arme deutsche Einwanderer, ahmte die Architektur des Palastes (heute das meistbesuchte Museum Brasiliens) nach, sodass die Stadt Zweig im Kleinen an Wien erinnerte.

"Das kulturelle Leben, das er von früher kannte, hat es hier nicht gegeben", sagt Tristan Strobl. "Keine Theater, keine Kinos, schon gar keine Bücher auf Deutsch." Stefan und Lotte Zweig hatten auch nur wenig mitgebracht, ein paar Koffer. In einer Vitrine in der Casa Stefan Zweig zu sehen sind eine Seekarte des Fernão de Magalhães, über den Zweig das Buch "Magellan. Der Mann und seine Tat" geschrieben hat, ein Radiergummi, Briefmarken, Zweigs Schachbrett und eine Handvoll Bücher. Insgesamt lebten er und Lotte in dem Bungalow spartanisch. Der Autor hat auch keine anderen Intellektuellen um sich gehabt, mit denen er sich hätte austauschen können. Nach Rio fuhr er nur, wenn er wichtige Dinge zu erledigen hatte. Und er hatte wenige Freunde, die ihn besuchten.

Kristina Michahelles und Israel Beloch haben 2016 das letzte Adressbuch Zweigs, das in seinem brasilianischen Nachlass gefunden wurde, auf Deutsch herausgegeben. Es enthält 158 Namen, aber keinen Kontakt in Deutschland: "Stefan Zweig und sein Freundeskreis. Sein letztes Adressbuch 1940-1942" ist ein Dokument des Exils, ein Zeugnis der Einsamkeit und Isolation. Dies trifft auch auf den Band "Stefan und Lotte Zweigs südamerikanische Briefe 1940- 1942" zu, von Darién J. Davis und Oliver Marshall ediert, heuer in deutscher Übersetzung von Karin Hanta erschienen (beide im Verlag Hentrich & Hentrich, Berlin). "Alles in dem Haus war traurig", sagt Michahelles, "Stefan Zweig litt unter Depressionen, Lotte hatte Asthmaanfälle".

An einem Dienstag im Carnaval von Rio nahmen die beiden Gift. "Das hier ist das Schlafzimmer von Stefan Zweig", sagt Tristan Strobl. Pause. Man kann viel darüber gehört und gelesen haben, aber trotzdem nicht darauf vorbereitet sein.

Im Kopf taucht das Bild der beiden Toten auf. An der Wand hängt Stefan Zweigs Abschiedsbrief, in dem er Brasilien dankt. "Er ist vor dem Krieg geflüchtet, aber der Krieg kam an die Orte, an denen er war", sagt Kristina Michahelles. Die Titelseite der Zeitung mit dem Aufmacher, dass die Nazis ein brasilianisches Schiff versenkt hätten, ist in einem elektronischen Schaukasten der Casa Stefan Zweig zu sehen. Alberto Dines glaubt zu wissen, dass diese Nachricht der Auslöser war, dass Stefan Zweig und Lotte sich das Leben nahmen.

Weitere Bücher zum Thema:#

  • George Prochnik: Das unmögliche Exil. Stefan Zweig am Ende der Welt. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. C.H. Beck, München 2016.
  • Stefan Zweig: "Nur die Lebendigen schaffen die Welt": Politische, kulturelle, soziohistorische Betrachtungen und Essays 1911- 1940. Ed. Roesner, Krems 2016.
Wiener Zeitung, Sonntag, 19. Februar 2017