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Ruhig Blut bewahren#

Blutgruppen-Entdecker Karl Landsteiner wäre 150. An ihn erinnert der Weltblutspendetag.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 14. Juni 2018

Von

Alexandra Grass


Karl-Landsteiner-Grafik
Karl-Landsteiner-Grafik
Foto: © WZ-Illustration: Irma Tulek

"Be there for someone else. Give blood. Share life." - "Sei für jemand anderen da. Spende Blut. Teile Leben." Mit dem diesjährigen Slogan zum World Blood Donor Day am 14. Juni hebt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Blutspende als Akt der Solidarität hervor. Fundamentale menschliche Werte wie Altruismus, Respekt, Empathie und Güte seien die Voraussetzung für ein solch weltweit funktionierendes System.

Um die Motivation der vielen aktiven freiwilligen Spender am Leben zu erhalten und neue, auch junge Menschen zu gewinnen, findet der Aufruf alljährlich statt - nämlich zum Geburtstagtag von Karl Landsteiner, dem Entdecker der Blutgruppen. Mit seinen Forschungsarbeiten hat der Wiener Immunologe die Grundvoraussetzung für Testmethoden geschaffen, um die Verträglichkeit von Spenderblut mit dem Empfänger zu entwickeln. Heuer jährt sich Landsteiners Geburtstag zum 150. Mal.

Das wichtigste Medikament#

Im Notfall ist menschliches Blut eines der wichtigsten Medikamente, das durch nichts zu ersetzen ist. In Österreich wird ungefähr alle 90 Sekunden eine Blutkonserve benötigt - Unfälle, Operationen, schwere Erkrankungen oder Geburten sind der Grund dafür. Pro Jahr werden hierzulande bis zu 350.000 Beutel gebraucht. Doch gerade einmal 3,5 Prozent der Menschen spenden regelmäßig den kostbaren Lebenssaft.

Die ausreichende und zuverlässige Versorgung von Patienten ist nicht nur mit Blick auf die Zahl der Freiwilligen eine Herausforderung. Denn Blutkonserven sind nur maximal 42 Tage lang haltbar und der Bedarf an verschiedenen Blutgruppen schwankt sehr stark. Die Kenntnis über die Blutgruppen ist der entscheidende Faktor, dass praktisch die richtige Medizin beim richtigen Patienten ankommt.

A, B, AB, 0#

Um das Jahr 1900 hatte Landsteiner entdeckt, dass bei Kontakt das Blut zweier Menschen oft verklumpte. Schon ein Jahr später berichtete er über die Annahme, dass es drei verschiedene Blutgruppen geben müsse - nämlich A, B und C. Insgesamt gibt es, wie wir heute wissen, vier Unterteilungen: A, B, AB und 0 (für vormals C). Wobei Menschen mit der Blutgruppe AB Erythrozyten (rote Blutkörperchen) aller anderen Blutgruppen akzeptieren und damit Universalempfänger sind. Erythrozyten der Gruppe 0 können wiederum von allen anderen empfangen werden, was die Betroffenen zu Universalspendern macht.

Laut WHO werden pro Jahr 112,5 Millionen Spenden abgegeben. 47 Prozent davon stammen aus Ländern mit hohem Einkommen. Dort sind es vor allem Patienten im Alter über 60 Jahren, die Transfusionen benötigen. Zumeist geschieht dies infolge von Herzoperationen, Transplantationen oder Blutkrebserkrankungen. In Ländern mit mittlerem oder niedrigem Einkommen wird fremdes Blut häufiger aufgrund von Geburtskomplikationen oder Anämien bei Kindern verabreicht.

Blut spenden darf grundsätzlich jeder, der mindestens 18 Jahre alt ist. Die Liste der Ausschlusskriterien ist allerdings lang und reicht von Auslandsaufenthalten etwa in Tropenländern über Diabetes Typ 1 und Krebsleiden bis hin zu "Männern, die Sex mit Männern hatten", wie es geschrieben steht. Diese Praxis wird zwar von Interessensverbänden Homosexueller, aber auch von wissenschaftlicher Seite als diskriminierend kritisiert, allerdings mit einem signifikant höheren Infektionsrisiko für HIV und dem verbleibenden Restrisiko bei der Diagnostik argumentiert.

Jede Blutspende wird grundsätzlich auf HI-Viren, Hepatitis B, Hepatitis C sowie Syphilis gescreent. Doch nicht in allen Ländern kann man sich auf Qualitätsstandards verlassen. So ist etwa in insgesamt 35 Nationen gar nicht jeder Test möglich und damit die Versorgung nicht ausreichend. Personalmangel und mangelnde Qualitätskriterien in den Labors verschärfen die Situation in einigen Ländern. In Österreich gelten höchste Standards: "Die Möglichkeit, sich auf dem Weg einer Bluttransfusion mit einer Krankheit anzustecken, war noch nie so gering wie heute", heißt es seitens des Österreichischen Roten Kreuzes.

Eine einzige Blutspende kann mehreren Patienten helfen, denn Blut beinhaltet verschiedene Komponenten, die zum Einsatz kommen können. Während in den Anfängen der Transfusionsmedizin den Patienten das Blut als sogenanntes Vollblut übertragen wurde, sind heute unterschiedliche Blutprodukte möglich. Auf diese Art und Weise können dem Betroffenen jene Blutbestandteile verabreicht werden, die dieser speziell benötigt. So etwa rote Blutkörperchen (Erythrozyten-Konzentrate), Blutplättchen (Thrombozyten-Konzentrate) oder Blutplasma. Dadurch wird das Risiko von Nebenwirkungen und Unverträglichkeiten stark gesenkt.

Patient Blood Management#

Zudem soll ein eigenes "Patient Blood Management" - wie es bereits weltweit in vielen Ländern zur Anwendung kommt - dafür Sorge tragen, dass unnötige Transfusionen vermieden werden. Dabei werden Maßnahmen gesetzt, um die körpereigene Blutproduktion zu stärken, Blutverluste zu minimieren sowie Blutarmut, wenn möglich, rechtzeitig zu behandeln. So kann etwa die Blutgerinnung vor, während und nach einer Operation derart beeinflusst werden, dass das Blutungsrisiko minimiert ist. Bei großen Eingriffen kann Wundblut gesammelt und nach gründlicher Aufarbeitung als Eigenblut wieder zugeführt werden. Blutsparende Operationstechniken wie minimal-invasive Eingriffe reduzieren den Blutverlust. Zudem kann auch eine engmaschige Überwachung in der Intensivmedizin nach großen Eingriffen das Transfusionsrisiko reduzieren.

Blutgruppen können auch anderweitig über Leben oder Tod, Gesundheit oder Krankheit entscheiden. So hat ein Forscherteam der Washington School of Medicine herausgefunden, dass Menschen mit Blutgruppe A besonders anfällig für heftigen Reisedurchfall sind. Eine Studie zeigte, dass diese Personen durch bestimmte E.coli-Bakterien schneller und schwerer erkranken. Der Grund sei ein von den Erregern produziertes Protein. Dieses bindet den Forschern zufolge besonders gut an Zuckermoleküle, die nur auf der Oberfläche von Zellen des Typs A vorkommen.

Wiederum hängt auch die Überlebensrate schwer verletzter Patienten von der Blutgruppe ab. Bei 0 liege japanischen Medizinern zufolge das Sterberisiko mehr als doppelt so hoch als bei A, B oder AB. Mögliche Ursache für diesen Zusammenhang sei ein erhöhtes Risiko für Blutungen, weil Blut der Gruppe 0 geringere Mengen eines Proteins enthält, das für die Blutstillung wichtig ist.

All diese Erkenntnisse fußen auf den Entdeckungen Landsteiners, der - als "Gigant der Immunologie" bezeichnet - im Jahr 1930 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet wurde. 1940 landete er seinen letzten großen Coup mit der Entdeckung des Rhesusfaktors. Sein Kollege Alexander Wiener war es dann, der nachweisen konnte, dass der Rhesusfaktor die Ursache für bis dahin nicht verstandene Unverträglichkeiten trotz Übereinstimmung der Blutgruppen war.

Wiener Zeitung, 14. Juni 2018

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