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Das neue Maschinenzeitalter#

Gespräche zur industriellen Revolution#

von Martin Krusche

Die Idee, „Lebende Bücher“ an verschiedenen Tischen zu versammeln, welche man besuchen kann, betont beides: das Medium als Speicher und die reale soziale Begegnung. Das Literaturcafé der Gleisdorfer Stadtbücherei ist der passende Ort, um nach der Zukunft dieser Gesellschaft zu fragen, die eben ihre Vierte Industrielle Revolution erlebt. Das wäre die ausreichend nüchterne Bezeichnung für ein komplexes Kräftespiel, für welches die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften 2013 den griffigen Ausdruck Industrie 4.0 ausstreuen ließ.

Eine der Maschinen, mit denen Künstler Niki Passath Verhaltensmuster im Verhältnis Mensch-Maschine untersucht. (Foto: Martin Krusche)
Eine der Maschinen, mit denen Künstler Niki Passath Verhaltensmuster im Verhältnis Mensch-Maschine untersucht. (Foto: Martin Krusche)

Wir Menschen sind gefordert, unser Verhältnis zu Maschinen, unsere Koexistenz mit den neuen Werkzeugen in ihrer radikalen Wechselwirkungen, gründlich zu überdenken. Wir haben zu klären, wie wir diesen Prozeß nun gestalten möchten. Keine bloß regionale, sondern eine globale Fragestellung. Das bedeutet sehr wesentlich, die Aufgaben und Rollen müssen zwischen Menschen und Maschinen neu verteilt werden. Ein zweites Maschinenzeitalter hat begonnen.

Dazu waren Florian Brugger (Wirtschaftssoziologe, Karl-Franzens-Universität Graz), Hermann Maurer (Professor Emeritus, Technische Universität Graz), Niki Passath (Künstler) und Heimo Reicher (Vescon Systemtechnik) als Ansprechpersonen geladen. Das ergab eine anregende Mischung von Theorie und Praxis, um sich über das Thema „Digitale Revolution - wie sieht meine Arbeitswelt 2030 aus?“ zu verständigen. Informatiker Hermann Maurer mußte kurzfristig absagen. Für ihn sprang Unternehmer Ewald Ulrich ein, der sich im IT-Bereich profiliert hat.

Ulrich vertritt die radikale Auffassung, daß die Welt in einiger Zukunft ohne uns Menschen, ja ohne biologisches Leben auskommen werde, daß aber Leben weiter Bestand haben würde. Wir, so Ulrich, seien nun damit beschäftigt, jene nichtbiologische Spezies zu entwickeln, die uns innerhalb der Evolution ablösen werde. Eine Spezies, die aus unseren Maschinenwelten hervorgehen werde, um eine völlig andere Art von Leben zu konstituieren.

Brugger hat die konkreten Auswirkungen der zunehmenden Digitalisierung von Arbeitswelten untersucht, so etwa speziell den EDV-gestützten Betrieb unserer Finanzwelten. Ein Anwendungsbereich, mit dessen Wirkungen wir schon geraume Zeit konfrontiert sind. Passath befaßt sich konsequent mit dem Verhalten von Maschinen und mit menschlichen Reaktionen auf derlei Maschinenverhalten, wobei sich diverse Formen von Kunstpraxis als Ereignisse anbieten, in denen diese Beziehungsmomente intensiviert werden können. Ich hab mich zu Heimo Reicher von Vescon Systemtechnik an den Tisch gesetzt und bin da verblieben, weil ich mich nicht gerüstet sehe, bei derlei komplexen Erörterungen kurzfristig zwischen verschiedenen Themenfeldern zu wechseln.

Heimo Reicher von Vescon Systemtechnik. (Foto: Martin Krusche)
Heimo Reicher von Vescon Systemtechnik. (Foto: Martin Krusche)

Reicher macht seinen Betrieb nicht an der gefälligen Formulierung Industrie 4.0 fest. Folgt man seinen Ausführungen, wird deutlich, daß wir keineswegs von einen Tag auf den anderen in ein Science Fiction-Szenario gestolpert sind. Wir erleben eigentlich bloß den aktuellen Abschnitt in diesen rund 200 Jahren, die wir nun eine permanente technische Revolution forcieren. Das alles fällt also nicht vom Himmel, wie schlechtes Wetter. Diese Umbrüche würden wir teilweise schon recht gut bewältigen, wenn wir uns wenigstens etwas an alten Kompetenzen erhalten hätten, mit denen sich unsere Kinder orientieren und bewähren könnten. Das ist aber offenbar nicht gar so gut gelungen.

Damit meine ich die traditionellen Kulturtechniken, ein räumliches Vorstellungsvermögen, das sich mit wenigstens grundlegender Handfertigkeit verbinden kann. Also daß sich jemand geschickt anstellt und neugierig ist, dann aber auch die nötige Ausdauer aufbringt, um ein Problem emotional und intellektuell bis zu seiner Lösung durchzustehen. So betont Reicher, daß er großen Wert darauf lege, daß die handwerklichen Grundlagen von der Lehrlingsausbildung bei Vescon nach wie vor vermittelt werden. Das handelt beispielsweise davon, das Werkstücke gefeilt werden müssen. Die Hände müssen lernen, Stahl zu bewältigen. Die Augen müssen den Weg weisen und es bedarf einer gewissen Präzision, der man nahekommen sollte. „Wir bilden diese Grundlagen noch aus, damit sie nicht verlorengehen.“ Sie werden eben nach wie vor gebraucht, auch wenn Roboter die Menschen in derlei Anwendungen da und dort übertreffen können.

Bei Einstiegsgesprächen mit jungen Menschen legt Reicher ganz gerne einen Zettel hin und bittet: „Zeichne mir einen Würfel, eine Pyramide.“ Räumliches Denken. Vorstellungsgabe. „Das können viele nicht mehr.“ Warum die Aneignung von Grundlagen so wichtig ist? Reicher betont: „Die eigentliche Schule beginnt im Beruf.“ Da ist es vorteilhaft, wenn jemand als Kind schon an seinem Fahrrad herumgeschraubt oder so manches Gerät zerlegt hat, auch wenn es sich danach nicht mehr zusammensetzen ließ. Be-Greifen!

Damit verweist Reicher auf einen wichtigen Aspekt des aktuellen Mensch-Maschinen-Verhältnisses. Mag auch die Maschine etwas Bestimmtes besser, weil präziser als der Mensch können, „die Maschine kann aber eben nur das und genau das“. Am Beispiel der Paßgenauigkeit von Teilen eines Turboladers für Bugatti veranschaulicht Reicher, was gemeint ist. Aufgrund der enorm hohen Paßgenauigkeit beweglicher Teile reagiert diese Kombination aus Turbine und Verdichter allein schon auf die Temperaturunterschiede von Jahreszeiten wie Sommer und Winter. Gerade in der Abstimmung von empfindlichen Komponenten sei der Mensch unverzichtbar, damit dann auch alles klappt. Reicher: „Bei hochfiligranen Bauteilen können erfahrene Menschen mit Gefühl nicht durch Roboter ersetzt werden.“ Das reicht in anderen Aspekten bis hin zu großen Fertigungsanlagen, die in sich einen erstaunlichen Grad der Automatisierung darstellen mögen, die aber außen begleitet und gewartet werden müssen. Hier gehe es, so Reicher, heute darum, „daß die Anlage intelligent wird“. Damit meint er nicht, das System werde schlauer als der Mensch, sondern es würde durch eine qualitativ abgestimmte Koexistenz mit dem Menschen intelligenter werden. Dabei wird zum Beispiel „vorausschauende Wartung“ forciert. Menschen entwickeln Annahmen, wann welche Komponenten der Anlage so weit verschlissen sein werden, daß ihr Ausfall bevorstünde. Daher sollte das richtige Ersatzteil hergestellt und zum entsprechenden Zeitpunkt am richtigen Ort sein. Falls nicht, kommt es zu Stehzeiten der Anlage, „da wird es richtig teuer“. Der richtige Ort, das meint eventuell einen anderen Kontinent oder eine schwer erreichbare Bergeshöhe, vielleicht aber auch eine Betriebsstätte unter Tage.

Wirtschaftssoziologe Florian Brugger. (2. von links, Foto: Martin Krusche)
Wirtschaftssoziologe Florian Brugger. (2. von links, Foto: Martin Krusche)
Künstler Niki Passath. (Foto: Martin Krusche)
Künstler Niki Passath. (Foto: Martin Krusche)
Rechts Techniker Ewald Ulrich, neben Kulturpromotor Oswald Schechter (Foto: Martin Krusche)
Rechts Techniker Ewald Ulrich, neben Kulturpromotor Oswald Schechter (Foto: Martin Krusche)

Bevor wir uns also im wohligen Schauer von Schreckensszenarien des neuen Maschinenzeitalters ergehen, könnte es nützlich sein, den Stand der Dinge etwas genauer zu erkunden. Für technische Laien kann es zum Beispiel erstaunlich sein, was sich heute alles per EDV simulieren läßt, was nicht mehr real gebaut werden muß, um seine Funktionen zu überprüfen. Doch Reicher stellt klar: „Über die Simulation krieg ich nicht alles herein.“ Das heißt, die Industrie braucht gleichermaßen den Umgang mit greifbaren Komponenten in der analogen Welt, um etwa die digitalen Werkzeuge zu verbessern. Das Wechselspiel bleibt demnach aufrecht, virtuelle und aktuelle Welten sind eng verzahnt.

Solche Details bedeuten überdies, daß gut ausgebildete, inspirierte Facharbeiterinnen und Facharbeiter in der Arbeitswelt der nahen Zukunft sehr gute Karten haben. Dagegen gibt es für Leute ohne Ausbildungen und Kompetenzen schon längst keine Jobs mehr. Das hat sich schon auf den Wegen in die Digitale Revolution deutlich herausgestellt, also vor Jahrzehnten, da die sogenannten Blue Collar-Jobs, Arbeiten, die man im Blauzeug verrichtet, rapide weniger wurden. Reicher ist nur einer unter etlichen sachkundigen Personen, die ich in letzter Zeit befragt habe und die bestätigen: „Vieles könnte besser laufen, wenn ich die Anzahl der Fachkräfte bekäme, die ich brauche.“ Ergo, unsere Wirtschaft leidet schon geraume Zeit definitiv an einem Fachkräftemangel.

Das heißt, als Gesellschaft bleiben wir schon eine Weile unter unseren Möglichkeiten bei gleichzeitig boomenden Festivals der Zukunftsängste. Die Profis sagen mir übrigens auch, da müßten schon beizeiten den geeigneten Kindern die Wege ins Handwerk geebnet werden, denn wenn du beispielsweise einen Kellner zum Industriearbeiter umschulst, dann hast du anschließend in den meisten Fällen einen Kellner in der Fabrik, aber keinen Facharbeiter. Das Ebnen dieser Wege, darauf weist auch Reicher hin, beginnt natürlich in den Köpfen der Eltern. Dort müßte sich übrigens einiges tun, um der körperlichen Arbeit ein besseres Sozialprestige zu verschaffen.

Maschinen können Zeichen lesen, verarbeiten und ausgeben. Zeichen verstehen ist freilich eine ganz andere Kategorie. (Foto: Martin Krusche)
Maschinen können Zeichen lesen, verarbeiten und ausgeben. Zeichen verstehen ist freilich eine ganz andere Kategorie. (Foto: Martin Krusche)

Worauf sollten wir nun achten? Die Zweite Industrielle Revolution wurde für Europa eine radikale Erfahrung in Sachen Automatisierung. Das ereignete sich ganz wesentlich zwischen 1910 und 1913, ließ die Stückzahlen explodieren und die Preise der Produkte purzeln. Sie führte auch zur Mechanisierung vieler Lebensbereiche, nicht zuletzt des Großen Krieges zwischen 1914 und 1918. Das zog die umfassende Traumatisierung eines ganzen Kontinents nach sich, so brutal, wie seinerzeit die große Pestkrise oder der Dreißigjährige Krieg. Die Industrialisierung Europas sorgte aber auch essentiell für den Lebensstandard, den wir heute genießen dürfen, welcher nicht aus der alten Landwirtschaft kommen konnte.

Segen und Elend solcher Entwicklungen liegen immer eng beieinander. Die Weberaufstände des 18. und 19. Jahrhunderts, die frühindustriellen Unruhen und dabei vorkommende Maschinenstürmereien, also das Zertrümmern von Anlagen, haben einst weder die technischen Entwicklungen gebremst, noch die sozialen Probleme aus diesen Innovationen gemildert. Wir wissen daher schon, daß wir solchen Umbrüchen anders begegnen müssen, um den sozialen Frieden zu stärken. Wie? Womit? Wenn man Reicher zuhört, wird einmal mehr deutlich: Bildung und Kompetenzgewinn sind äußerst wirksame Mittel, um derlei Probleme abzufangen. Auch das zählt eigentlich zu alten Klarheiten.

Neu ist in all dem sicher, daß heute ganze Gesellschaften keine hinreichenden Adaptionsphasen mehr haben, um sich mit Innovationen ausreichend vertraut zu machen. Gerade durch die inzwischen so weit reichende EDV-Stützung, plus diverse Marktmechanismen und andere Kräfte, unterliegen solche Prozesse längst einem Tempo, das uns gesamtgesellschaftlich überfordert. Reicher: „Wir wissen heute nicht, was wir in einem Jahr machen können.“

Es geht um gelingende Kommunikation, das Erschließen von Informationen und den dadurch möglichen Wissensgewinn, verknüpft mit Handfertigkeit und allerlei Praxis. Solche Art des Kompetenzerwerbs und seiner konkreten Anwendungen macht seit Jahrtausenden die Bedeutung Europas aus. Sollte uns das plötzlich verloren gehen, dann wohl kaum wegen äußerer Einflüsse, sondern eher aus einem inneren Kapitulieren vor den neuen Fragen und Aufgaben, die uns diese Vierte Industrielle Revolution derzeit auftischt. Wo ist das Problem? Vielleicht klären wir vorerst einmal, was in solchen Zeiten eine gute Frage ist…