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Der verkannte Alleskönner#

Vor 250 Jahren starb der Komponist Georg Philipp Telemann, der von seinen Zeitgenossen sehr viel höher geschätzt wurde als von der weitgehend verständnislosen Nachwelt.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 24. Juni 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Markus Vorzellner


Georg Philipp Telemann
Georg Philipp Telemann (1681-1767).
Foto: © Ullstein Bild/Lebrecht Music&Arts

"Dieser Mann, dessen Musik in allen Ländern Europas von Frankreich bis Russland bewundert wurde (. . .), ist heute vergessen und verschmäht. Man versucht nicht einmal, ihn kennenzulernen." Als der französische Schriftsteller und Polyhistor Romain Rolland diese Sätze über Georg Philipp Telemann im frühen 20. Jahrhundert schrieb, war dessen Stellenwert in der Musikgeschichtsschreibung schon längst auf einen Tiefpunkt gesunken, der in absolutem Gegensatz zur Wertschätzung des Komponisten zu Lebzeiten stand.

Zu sehr war einer auf Originalität bedachten Genieästhetik ein Komponist suspekt, der in nahezu allen Genres tätig gewesen war, der für sämtliche Gattungen innerhalb der Kirchenmusik ebenso angesehene Beiträge lieferte wie für das Musiktheater oder die zu seiner Zeit aufkommenden bürgerlichen Konzertvereinigungen - etwa das von ihm selbst in Leipzig gegründete "Collegium Musicum", das 25 Jahre später von Johann Sebastian Bach geleitet wurde. Die erwähnten musikalischen Betätigungen Telemanns fanden wohlgemerkt jeweils innerhalb ein und desselben Lebensabschnitts statt, ob in Hildesheim, Eisenach, Frankfurt, Leipzig oder Hamburg, seiner bedeutendsten Wirkungsstätte.

Ein Wunderkind#

Der am 14. März 1681 in Magdeburg geborene Georg Philipp erlebte eine Kindheit, die sich nicht grundlegend von der des Wolfgang Amadé Mozart unterscheidet, der zu allen Zeiten vergöttert wurde: In seiner Geburtsstadt erfuhr der Knabe seine ersten musikalischen Unterweisungen und verfasste schon als Kind seine erste Oper mit dem Titel "Sigismundus". Diese Information gibt er uns selbst in der letzten seiner drei zwischen 1718 und 1739 verfassten Autobiographien, die auf Wunsch der Musiktheoretiker Johann Mattheson und Johann Gottfried Walther entstanden sind. Verschiedene Umstände hätten ihn "so kühn" gemacht, "dass ich eine ertappte hamburger Oper, Sigismundus, etwa im zwölften Jahr meines Alters, in die Musik setzte (...) Ich mögte diese Musik wohl itzt sehen, wenn mir der Kopf nicht recht stehet." Selbstkritik lag dem reifen Komponisten durchaus nicht fern.

In einem Punkt dürfte Telemann Mozarts Wunderkindstatus sogar überbieten: Die ersten musikalischen Unterweisungen sollten seine einzigen bleiben. In durchaus drastischer Weise beschreibt Telemann den äußerst kurzen Unterricht bei einem offensichtlich eher uninspiriert unterrichtenden namenlosen Organisten zu Beginn der 1690er Jahre: "In meinem Kopffe spuckten schon muntrere Töngens, als ich hier hörte", um dann fortzusetzen: "Also schied ich, nach einer vierzehntägigen Marter, von ihm; und nach der Zeit habe ich, durch Unterweisung, in der musik nichts mehr gelernet."

Hier wirkte also, anders als im Fall Mozarts, kein musikalisch kompetenter Vater im Hintergrund, der das Talent des Sohnes hätte fördern können. Telemanns Vater Heinrich war bereits 1685 gestorben, wäre aber als evangelischer Pastor zu einer solchen Aufgabe ohnehin kaum berufen gewesen. Die Mutter plante außerdem, dem Knaben die musikalische Betätigung auszutreiben (eine Erziehungsmaßnahme, die auch bei dem vier Jahre jüngeren Georg Friedrich Händel zur Anwendung kam). Somit entwickelte der Autodidakt Telemann ausschließlich durch Fleiß, überaus große musikalische Neugier, ebenso aber durch einen gewissen Grad an Anpassungsfähigkeit jene Vielseitigkeit, die es ihm ermöglichte, innerhalb der verschiedenen sozialen Klassen - Adel, Klerus und Bürgertum - die jeweiligen musikalischen Bedürfnisse zu befriedigen.

Höfisch und städtisch#

Einen relativ kurzen Zeitraum nimmt dabei die höfische Periode ein. Vier Jahre war Telemann am Hof des kunstsinnigen Herzogs Johann Wilhelm von Sachsen-Eisenach tätig, 1712 endete diese letzte Besoldung in adeligen Diensten. Seit seiner Zeit in Frankfurt, wohin er von Eisenach aus übersiedelt war, lebte er, glaubt man der dritten Autobiographie von 1739, gemäß der Maxime "Wer Zeit Lebens fest sitzen wolle, müsse sich in einer Republick niederlassen". Die Bezeichnung der Freien Reichsstädte als "Republicken" mahnt eine differenzierte Sichtweise dieses Begriffes an, der mit jenem der Demokratie zwar Gemeinsamkeiten aufweist, jedoch nicht mit ihm identifiziert werden kann.

Um den Vergleich mit Mozart ein weiteres Mal zu bemühen: Stand dieser von 1781 bis zu seinem Tod 1791 zu einem beträchtlichen Teil in einem lockeren, aber gleichwohl definierten Verhältnis zum Kaiserhof, so wirkte Telemann im politischen Gefüge von Leipzig, sowie der Freien Reichsstädte Frankfurt und Hamburg im Rahmen von Dienstverhältnissen mit dem dortigen lutherischen Klerus, sowie den ansässigen bürgerlichen Konzertinstitutionen. Für die Oper konnte er nur in Leipzig und Hamburg tätig sein, da Frankfurt erst ab 1782 über ein eigenes Opernhaus verfügen konnte.

Telemann ist somit dem bürgerlichen Musikbetrieb in wesentlich konsequenterem Maß ausgesetzt als der 75 Jahre jüngere Mozart in Wien. Speziell unter diesem Aspekt kann Hamburg, wo Telemann ab 1721 fast ein halbes Jahrhundert hindurch wirken sollte, als Spiegel der gesellschaftlichen Neuordnungen und Brüche angesehen werden, welche sich über das gesamte 18. Jahrhundert erstreckten. In Hamburg wurden die Grenzen zwischen der lutheranischen Geistlichkeit und dem Opernbetrieb nicht bis zur letzten Konsequenz gezogen.

Auf der einen Seite bestanden zwischen Lutheranern und den Betreibern des Opernhauses am Gänsemarkt durchaus gewisse Beziehungen, auf der anderen Seite aber verschärfte sich der Gegensatz zwischen der evangelischen und der katholischen Kirche. Der 1329 geweihte Mariendom fungierte noch zu Telemanns Wirkungszeit als Kirche des Hamburger Domkapitels. Der Protestant Telemann sollte nie an diesem Gotteshaus wirken. Nicht ganz vierzig Jahre nach dem Tod des Komponisten wurde der Dom schließlich vom Bremer Erzbistum auf die Stadt Hamburg übertragen, was zur Folge hatte, dass das Gotteshaus 1805 von der überwiegend protestantischen Bevölkerung abgetragen wurde.

Das von Telemann ab 1722 geleitete Hamburger Opernhaus wiederum schloss bereits 1738 seine Pforten, als Telemann von einer achtmonatigen Paris-Reise zurückgekommen war, die ihm großen Ruhm eingebracht hatte. Im vierten Band von Lorenz Christoph Mizlers "Musikalischer Bibliothek" steht zu lesen: "Die Franzosen haben an Herrn Telemann gesehen, daß Deutsche auch selbst im französischen Styl sie übertreffen können, und sie bewundern ihn deßwegen".

Telemanns Tonsprache bewegte sich zwischen den alten Stilen adeliger und klerikaler Musikpraxis und den musikalischen Modeerscheinungen, durch die sich das erwachte Bürgertum der Freien Reichsstädte zu definieren versuchte. In einem seiner programmatischen Werke etwa, einer Ins-trumentalsuite mit dem Titel "Les Nations", in der einzelnen Ländern und Erdteilen je ein eigener Satz zugeteilt wird, präsentiert Telemann Portugal in zwei Teilen: "Les Portugais anciens" und "Les Portugais modernes".

Doch auch fernab solcher Antagonismen verstand es Telemann, mithilfe seines entwickelten Sensoriums die jeweiligen Zeitströmungen zu erfassen und in seinen individuellen Stil zu integrieren. Doch besonders während seiner Hamburger Zeit trachtete Telemann danach, das barocke Stilideal zusehends zu überwinden, in Richtung jenes "galanten Stils", der von der nachfolgenden Generation weiter entwickelt wurde.

In seinem letzten bedeutenden Werk ist diese Intention Telemanns in besonderem Maß zu erkennen: eine Kantate präsentiert die mythologische Ino, Schwester der Semele, die sich mit ihrem Sohn Melikertes die Klippen hinunterstürzt und daraufhin als Meeresgöttin Leukothea ("die weiße Göttin") zu neuem Leben erwacht. Diese apotheotische Erweckung versieht Telemann mit einer Streicher-Begleitung, bei der unterschiedliche Rhythmen aufeinander treffen, um die Unregelmäßigkeiten der Wellenbewegungen zu suggerieren. Auf dieser wogenden Streicherbasis kann Ino / Leukothea die Worte sprechen: "O Wunder, o Wunder! Ich walle im Meere? Mich heben die Wellen empor?" Telemanns Tonsprache scheint speziell in diesem Szenario jenen Moment in Joseph Haydns "Schöpfung" vorwegzunehmen, in welchem sich das Meer "rollend in schäumenden Wellen" und "ungestüm" bewegt.

Das späte 18. Jahrhundert wird bis heute vor allem über die musikalische Ausnahmeerscheinung Mozart definiert; der Blick auf die erste Hälfte des Jahrhunderts wiederum ist seit Felix Mendelssohn-Bartholdys Wiederaufführung der "Matthäuspassion" vor allem auf das Wirken Johann Sebastian Bachs gerichtet (der, nebenbei bemerkt, keine einzige Oper komponiert hat).

Besser als Bach?#

Vergleicht man Bach und Telemann jedoch hinsichtlich ihrer Reputation zu Lebzeiten, so kommt man an dem Umstand nicht vorbei, dass Bach nach Telemann und dem Darmstädter Generalmusikdirektor Christoph Graupner lediglich als dritte Wahl für das Amt des Leipziger Thomaskantors in Frage kam. Auch wenn "die Nachwelt" Telemann "den frechen Sieg hat entgelten lassen, den er zu seinen Lebzeiten über J. S. Bach davontrug" (Romain Rolland), hat gerade Telemann das musikalische Niveau seines langjährigen Freundes erkannt. Er, der auch Taufpate von Bachs Sohn Carl Philipp Emmanuel war, schrieb 1750 zu Bachs Tod berührende Abschiedsverse: "Erblichner Bach, Dir hat allein Dein Orgelschlagen / Das edle Vorzugs-Wort des Großen längst gebracht; / Und was für Kunst Dein Kiel aufs Notenblatt getragen / Das wird von Meistern selbst nicht ohne Neid betracht’t."

Georg Philipp Telemann starb vor 250 Jahren, am 25. Juni 1767, als hochgeachteter Musiker, 86-jährig an einer "Brustkrankheit". Sein Stern versank recht bald in der hybriden Genieästhetik des 19. Jahrhunderts. Er wurde wieder zum Leuchten gebracht von dem Musikologen Max Schneider, der 1908 Telemanns "Ino"-Kantate und andere Werke in den "Denkmälern deutscher Tonkunst" herausbrachte. Doch hatte auch das eingangs zitierte Plädoyer von Romain Rolland an der späten Wiederentdeckung seinen Anteil.

Markus Vorzellner lebt als Pianist, Musikpublizist und Pädagoge in Wien.

Wiener Zeitung, Samstag, 24. Juni 2017